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Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

© 2012 Egbert Jahn –

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 8 fremdenfeindlichen privaten Mordaktionen, die sofort von staatlichen Organen bekämpft werden und die auch fast nie als Völkermord bezeichnet werden wie die erwähnten fremdenfeindlichen Morde in Solingen. Völkermord ist demnach ein länger anhaltender, staatlich organisierter oder geduldeter Fremdenmord. Sumgait und vielleicht auch Xocalı wären demnach Pogrome, aber keine Völkermorde, während Srebrenica ein längerfristig organisierter und durchgeführter Völkermord war. Auch im Falle der Ermordung von rund 400 Juden in den Tagen um den 9. November 1938 und von weiteren Hunderten danach spricht man von der „Reichspogromnacht“, nicht von einem ersten größeren nationalsozialistischen Völkermord. Auch die in unmittelbaren Zusammenhang mit kriegerischen Aktionen stehende Ermordung von zahlreichen Zivilisten gilt in der Regel nicht als Völkermord. In früheren Zeiten wurden oftmals eroberte Städte und Landstriche für ein bis drei Tage den siegreichen Truppen von ihren Militärkommandeuren zur Plünderung, zum Vergewaltigen und Ermorden freigegeben, ehe man danach trachtete, die militärische Disziplin und rechtliche Ordnung wiederherzustellen. Solche frontnahen Massaker an Zivilisten und Kriegsgefangenen fanden auch im Ersten Weltkrieg sowohl auf osmanischer wie auf rußländischer Seite unter Beteiligung von Armeniern in großem Umfang statt. Mit dem mehrmaligen Vorrücken und Rückzug der Truppen steigerte sich das wechselseitige Rachebedürfnis. Nachdem beispielsweise die osmanischen Truppen mit deutscher Unterstützung im September 1918 Baku erobert hatten, wurde es den osmanischen Truppen drei Tage lang freigestellt, die örtlichen Armenier zu berauben, zu vergewaltigen und zu ermorden, wobei 30.000 Menschen umgekommen sein sollen. Diejenigen osmanischen Soldaten, die ihre Greueltaten auch noch am vierten Tag fortsetzten, ließ das Militärkommando an einigen zentralen Straßenkreuzungen aufhängen. Nicht bestreiten läßt sich, daß auch rußländische Truppen, unter denen sich 150.000 Armenier befanden, und mit ihnen verbündete armenische Kampfeinheiten mit wenigen tausend Freiwilligen, die sowohl aus rußländischen als auch osmanischen Staatsangehörigen bestanden, die Unsitte der frontnahen Zivilistenmorde gepflegt hatten, solange sie in der Lage waren, osmanische Dörfer und Städte zu erobern. In wenigen Städten und Landstrichen wie um Van waren Armenier in der Lage, einen bewaffneten Aufstand auszuführen, wobei sie nach armenischer Lesart auf die Deportationsbeschlüsse der osmanischen Regierung und die ersten Greuel an Armeniern reagierten, während sie nach türkischer Lesart mit Rußland, Großbritannien und Frankreich kollaborierten, um die Separation der östlichen Provinzen des osmanischen Reiches zu erzwingen. Bei diesen Aufständen wurden auch zahlreiche muslimische Zivilisten umgebracht. Ausschreitungen gegen

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 9 die Armenier in den Folgemonaten werden von türkischen Autoren wiederum mit armenischen Massakern an Muslimen (wohl meist Kurden, seltener Türken) erklärt oder gar gerechtfertigt. Guenter Lewy betont einen weiteren Faktor im tödlichen Geschehen seit dem Deportationsbeschluß der osmanischen Regierung vom Mai 1915. Zu diesem Zeitpunkt waren die Deportation und die Greueltaten schon einige Wochen im Gange. Die Alliierten kündigten deshalb öffentlich eine Bestrafung der dafür Verantwortlichen nach dem Krieg an. Erst daraufhin veranlaßten die drei hauptverantwortlichen Minister den offiziellen Deportationsbeschluß des gesamten Kabinetts, um es in die Mitverantwortung einzubeziehen. Nach Lewy gibt es keine Dokumente (mehr), die die Vernichtungsabsicht der Zentralregierung belegen. Er hält es für plausibel, daß viele armenische Opfer nicht auf Vernichtungsabsichten zentralstaatlicher oder provinzialer Behörden zurückzuführen sind, sondern schlicht auf die durch den Krieg geförderte chaotische Desorganisation des Reiches, das nicht in der Lage war, eine Deportation einigermaßen geordnet und unter Beachtung humanitärer Mindeststandards zu veranstalten. Als Indiz hierfür wird angeführt, daß auch ganze osmanische Truppenverbände dem Tod durch Verdursten, Verhungern oder Seuchen ausgeliefert blieben. Nach der Desorganisationsthese waren staatliche Behörden auch nicht in der Lage, die Kolonnen der Deportierten, die zu Fuß, zu Pferde oder in vom Vieh gezogenen Wagen unterwegs waren, vor privaten kriminellen, vor allem kurdischen Banden zu schützen, die die wehrlosen Armenier beraubten, quälten, vergewaltigten und nicht selten äußerst grausam ermordeten, ihnen auch Frauen und Kinder wegnahmen, um sie zu verkaufen oder in die eigenen Familien aufzunehmen, zu kurdisieren oder zu türkisieren. Letzteres fällt laut VN-Konvention auch unter den Tatbestand des Völkermords. Es gibt auch Berichte von Muslimen, die aus Mitleid armenische Kinder retteten und in ihre Familien aufnahmen. Lewy lehnt den Ausdruck Völkermord für die osmanischen Massaker ab, da er einen äußerst engen Völkermordbegriff benutzt, der an dem Muster des deutschen Judenmordes orientiert ist und darunter die von einer Zentralregierung beabsichtigte Vernichtung eines ganzen Volkes versteht. Für eine solche Absicht gibt es in der Tat keine Belege; es liegen im Gegenteil sogar zahlreiche Indizien gegen die Absicht vor, alle Armenier vollständig ausrotten zu wollen. Gelegentlich wurde das Ziel genannt, den Armenieranteil an der Bevölkerung überall auf fünf Prozent zu reduzieren. Zwischen dem Judenmord und dem Armeniermord gibt es zweifellos sehr wichtige Unterschiede. Völkermord liegt aber auch dann vor, wenn Teile eines Volkes vernichtet werden und werden sollen, außerdem auch dann, wenn untergeordnete

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