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Von der westeuropäischen Erinnerung an Auschwitz zur ...

Von der westeuropäischen Erinnerung an Auschwitz zur ...

© 2013 Egbert Jahn –

© 2013 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 16 27. Januars, der besonders dem Andenken an die europäischen Juden und die anderen Opfer des Nationalsozialismus, und schließlich des 23. Augusts als eines Tages, an dem an die wie auch immer taktisch gemeinte Komplizenschaft zwischen deutschem und sowjetischen Regime zur Auslösung des Zweiten Weltkrieges, zur imperialen Neuaufteilung Europas und zur Unterwerfung vieler Völker unter eine massenmörderische Politik gedacht wird. Der 27. Januar hat den Vorteil, daß Auschwitz als Metapher für eine umfassende, kühl bürokratisch-industriell geplante und organisierte, exterministische Völker- und Massenmordpolitik besonders in Erinnerung bleibt. Der 23. August hat den Vorteil, daß dieser Tag ein Schlüsseldatum für die Ermöglichung des Zweiten Weltkrieges in Europa ist, der auch eine wichtige Voraussetzung für die Ermordung der Juden war, da diese mitten im Frieden weniger wahrscheinlich gewesen wäre. Die Westmächte hatten es versäumt, im September 1938 die Sowjetunion bei der Regelung der Sudetenfrage hinzuziehen. Die Sowjetunion versäumte, das Überschreiten der deutschen Siedlungsgrenzen durch die Okkupation der tschechischen Kerngebiete im März 1939 zu einer gemeinsamen, sowjetisch-westlichen Antwort auf die nationalsozialistische Expansionspolitik zu nutzen. Diese hätte zwar vermutlich den Zweiten Weltkrieg nicht verhindert, aber wesentlich abgekürzt und damit eine Chance geboten, die Verwirklichung des exterministischen Mordes an den Juden zu vereiteln. Es ist unangebracht, den 23. August als Gegen-Gedenktag zum 27. Januar zu denunzieren. An beiden Tagen können unterschiedliche Akzente einer humanen, freiheitlichen und demokratischen Mahnung an die Schrecken von Aggressions-, Eroberungs- und Vernichtungspolitik gesetzt werden. Da die runden Jahrestage beider ausgewählten Ereignisse in verschiedenen Jahren liegen, kann eine gedenkpolitische Übermüdung und Abstumpfung der Bevölkerung durch zu häufige Wiederholungen der Erinnerung an die gleiche Sache leichter vermieden werden. Selbst ein Gedenken (24. April) an den ittihadistischen Völkermord an den Armeniern als erstes umfangreiches Unternehmen der ethnischen Vertreibung und Vernichtung im Zeitalter der national-barbarischen Massenmobilisierung sollte bei einer Einbeziehung der Türkei und des Südkaukasus in das europäische Geschichtsbewußtsein die Europäer nicht überfordern. Die Westeuropäer müssen lernen, die Empfindungen sehr vieler Osteuropäer ernster zu nehmen und viele Osteuropäer müssen noch lernen, die Einzigartigkeit der Ermordung der Juden und der Roma als einen historischen Bruch im Zivilisationsprozeß der Neuzeit zu erfassen. Europäische Gedenkpolitik bedarf keines einheitlichen Geschichtsbildes, wohl aber einer gemeinsamen Aufmerksamkeit für höchst widersprüchliche individuelle und nationale Erfahrungen mit dem Schrecken des massenhaft von Menschen organisierten Todes.

6 Langsame Schritte zu einem europäischen politischen Bewußtsein © 2013 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 17 Die Aussichten auf eine gemeinsame europäische Gedenkpolitik sind nicht allzu schlecht. Allerdings wird es noch viele Jahre bei einer gewissen gedenkpolitischen Spaltung zwischen dem postkommunistischen Europa und dem übrigen Europa bleiben, das nicht unter kommunistischer Herrschaft gelitten hat. Demgegenüber hat ein großer Teil Kontinentaleuropas Erinnerungen an die ihm gemeinsame nationalsozialistische Fremd- und Terrorherrschaft. In Deutschland wird es trotz der kommunistischen Herrschaft in der DDR bei einer Priorität des mehrfachen Gedenkens an die Ermordung der Juden am 27. Januar, am 8. Mai und vielleicht mit abschwächender Kraft am 9. November vor dem Gedenken an die Opfer der kommunistischen Herrschaft bleiben, zumal in der DDR der stalinistische Terror dort nicht annähernd die Ausmaße hatte wie in der Sowjetunion. Mit wachsendem historischen Abstand von beiden Regimen und mit einer zunehmenden Verbreitung des Wissens auch um die Ausmaße und den Charakter der kommunistischen Massenmordpolitik in der Sowjetunion und auch Jugoslawien dürfte der Gedenktag des 23. August eine größere Bedeutung erhalten. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich, daß es zu keiner Renaissance weder des Nationalsozialismus noch des Kommunismus in Europa kommt. Eine solche dürfte aber eher unwahrscheinlich sein, da sich das Wissen um die Massenmorde beider Regime nicht mehr aus dem allgemeinen Bewußtsein löschen läßt. Systematischer, anhaltender Massenmord findet keine Zustimmung in der Mehrheit eines Volkes, allenfalls ein kurzer Pogrom. Zwar ist eine Revitalisierung sozialistischer Bestrebungen nicht auszuschließen, sie hätte jedoch nur eine Chance, wenn sie den Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus glaubwürdig deutlich machen könnte. Eine weitere Voraussetzung für eine gemeinsame Geschichts- und Gedenkpolitik ist, daß die Europäische Union ihre gegenwärtige und auch die zukünftigen Krisen einigermaßen gut übersteht und weiter zusammenwächst, denn eine Spaltung der EU über gegenwärtige Streitfragen würde zweifellos auch eine Neuinterpretation der Geschichte und eine gedenkpolitische Auseinanderentwicklung zwischen den europäischen Staaten hervorrufen, bei der auch die Geschichte des Nationalsozialismus und des Kommunismus in neuer Weise politisch instrumentalisiert würde. Umgekehrt kann jedoch die Entstehung eines gemeinsamen europäischen Bewußtseins von der nationalsozialistischen und kommunistischen Geschichte und ihren Massenmorden eine erhöhte Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Völker- und Massenmordpolitik schaffen, derjenigen in der Vergangenheit im Osmanischen Reich, in post-jugoslawischen Staaten, Kambodscha, Ruanda, Darfur und an vielen anderen Orten ebenso wie bei der mit Sicherheit zu erwartenden in der Zukunft.

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