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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

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110 Vor dem Hintergrund

110 Vor dem Hintergrund der obigen Diskussion um Willensfreiheit geht es im vorliegenden Kapitel um die Bedingungen für Entscheidungen, vor die jemand als Handelnder (z. B. als Täter oder Richter) aus einer momentan eingenommenen Perspektive heraus gestellt wird, wobei die Perspektive weit mehr auf Grund der herrschenden situationellen Umstände mitsamt der (meist unbewußten) Emotionen des Betreffenden (vgl. Smith [1759] 1976, 67ff) als aus individueller Entscheidung gewählt wird und die zu treffende bzw. getroffene Entscheidung im Hinblick auf ihre Wirkungen und Folgen daher nur sehr bedingt begründet werden kann. Trotzdem wäre versuchsweise zu untersuchen, wie Entscheidungen begründet werden, woher die Begründungen genommen werden und wie sich die Gesellschaft den Entscheidungen und Entscheidungsträgern gegenüber verhält. [I]n unserer Kultur gibt es ein Dogma, das – grob gesprochen – festhält, dass alle Menschenleben gleich viel wert sind. Dabei verletzen wir dieses Dogma geradezu routinemäßig. Der klarste Verstoß ist eine Kriegserklärung, bei der wir als Gesellschaft offiziell in eine andere kollektive Seinsweise schlüpfen, von der aus der Wert des Lebens einer beträchtlichen Untergruppe der Menschheit mit einem Schlag auf Null reduziert wird. […] Eine weitere klare Verletzung dieses Dogmas ist die Todesstrafe, bei der die Gesellschat sich kollektiv entschließt, ein menschliches Leben zu beenden. Eigentlich hat die Gesellschaft damit das Urteil gefällt, dass eine bestimmte Seele [81] nicht den mindesten Respekt verdient. In die Nähe der Todesstrafe gehört die Gefängnisstrafe, wobei die Gesellschaft die Menschen in verschiedenem Ausmaß ihrer Würde beraubt. […] Denken Sie schließlich an die unglaublichen Unterschiede im Umfang ärztlicher Maßnahmen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Ein Staatsoberhaupt (oder der Chef irgendeiner großen Firma), der einen Herzinfarkt hat, wird eine wesentlich bessere Versorgung erhalten als ein durchschnittlicher Bürger, von illegalen Einwanderern ganz zu schweigen. (Hofstadter/Held 2008, 437) Objektive Entscheidungen gibt es auch für den gewissenhaftesten Richter nicht. Emotionen (im weiten Sinne des Terminus, wie ich ihn in dieser Vorlesung gebrauche) überwiegen unbewußt, führen zur unbewußten Parteinahme; objektive rationale Erwägungen stehen nur vermeintlich im Vordergrund (vgl. Wright 2008) bzw. überhaupt zur Verfügung. Die Ratio sucht eine Begründung für Begründungen (vgl. Korsgaard 2008). Die große Mehrheit der Menschheit hält Strafe seit eh und je bis heute hin für angebracht. Dabei wird nicht hinreichend genau beschrieben, was als „Strafe“ gelten soll (vgl. Wandlungen der Extension von ). 81 Hofstadter/Held gebraucht „Seele“ metaphorisch im Sinne von „Wert eines Phäno- mens“.

1968 wurde in einer Grundschule in Paris, die Schule hieß Vitruve, ein Experiment durchgeführt: Die Lehrer hatten sich vorgenommen, drei Klassen in einer großen Gruppe zusammenzulegen und die Kinder antiautoritär (frei nach dem Motto: es ist verboten zu verbieten, es ist also auch verboten zu bestrafen) zu erziehen. 40 Jahre später sind die ehemaligen Schüler zu Wort gekommen. Viele waren der Meinung, dass die Verantwortung, die ihnen durch die Lehrer aufgebürdet (! – also selbst wieder ein Zwang) worden war, durch die Aufforderung, stets selbst Entscheidungen zu treffen, für sie und ihr späteres Leben negative Folgen gehabt habe, und dass sie oft weniger aktive Klassenkameraden lautstark kritisiert und ‚bestraft‘ hätten. (arte.tv/de/suche/1383954,templateId=noncache.html?doSearch=true&keyword=Vitruve) 82 111 Heute wird Strafe offiziell von Rache geschieden. (Der Neurobiologe Gerhard Roth nennt heutige Strafverfahren eine moderne Form der Rache.) Allerdings werden oft verschiedene Perspektiven, unter denen Strafe betrachtet werden kann, miteinander vermischt. Durch die kriminelle Handlung wird das System der gegenseitigen Anerkennung der Individuen als Freie und Gleiche gestört. Wo die Integrität dieses Systems ohne Bestrafung bewahrt oder wieder hergestellt werden kann, sollte die Bestrafung unterbleiben. Dem schon begangenen sollte somit womöglich kein neues Übel hinzugefügt werden, sondern der angerichtete – materielle, physische, psychische, soziale – Schaden sollte, so weit wie möglich, beglichen werden. (Campagna 2007, 13) Drei Seiten vor diesem Zitat hatte Campagna (ib. 10) gefragt, ob ein Mensch überhaupt frei sei, eine Straftat zu begehen oder nicht zu begehen. Im vorstehenden Zitat bekommt Strafe eine funktionale, auf die Zukunft gerichtete Bedeutung. Dann kann sie Sinn machen. Es stellt sich also die Frage nach der Funktion einer Strafe: Wozu soll Strafe dienen? Zur Vergeltung einer vergangenen Tat (die Rache) oder/und zu zukünftiger Besserung? Wie soll/kann funktionsgerecht gestraft werden, um Besserung zu erzielen? Die Historie kennt körperliche Strafen bis hin zum Tod, Ausschluß aus einer Gesellschaft, psych(olog)ische Strafen, z. B. Demütigung, usw. und zwischen den genannten Möglichkeiten jede Menge anderer Verfahren. (Vgl. den Themenkatalog bei Campagna 2007, 9.) Strafe wird an einem Körper (der als solcher keine Straftat begehen kann) vollzogen. (Es braucht keine „körperliche Strafe“ im Sinn des StGB zu sein.) Ein neurophysischer Apparat (ein Gehirn als möglicher Verursacher einer Straftat) kann als solcher nicht zu einer Strafe verurteilt werden. Das Gehirn leidet nicht. Der Körper leidet, evtl. für ein vom Gehirn begangenes Verbrechen. Natürlich gehören Gehirn und Körper zusammen. Das Gehirn bildet einen 82 Mitteilung v. Ruth Katharina Kopp.

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