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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

ΘΕΑΙ.

ΘΕΑΙ. Παντ0πασι µν ον. 91 126 Selbst wenn der Richter selbst vom Raub betroffen wäre (was ihn veranlassen müßte, den Fall einem Kollegen zur Behandlung zu überlassen), könnte er nicht neutraler und objektiver als jeder andere Beteiligte urteilen (vgl. das Spiegelbild als Nicht-Ich); das Gegenteil wäre sogar der Fall. Doch in beiden Fällen, dem selbsterlebten und dem aus zweiter (dritter?) Hand erfahrenen, muß geurteilt werden. Auch im Alltagsleben. Und urteilen heißt evaluieren. Jede Beobachtung (jedes Erlebnis, jede Erfahrung) wird evaluiert. Man kann nicht nicht-evaluieren (vgl. den Prüfer). Man kann aber nicht neutral evaluieren. Patt, double bind. So ist der Jurist allemal in einer prekären Situation: Er kann nicht direkt evaluieren. Sein Verstehen ist, weil indirekt, doppelt bedingt. Der Richter urteilt nach dem, was er gehört hat. Das heißt, ein Zeuge verbalisiert (übersetzt), wovon er als seine Erinnerung (Evozierung) an seine Perzeption (neuronale Übersetzung des Hergangs der Tat) überzeugt ist. Verbalisierung ändert (übersetzt) die scene bedingt durch die Wortwahl und Sprachstruktur (vgl. Vergehen vs. Verbrechen). Der Richter vernimmt (übersetzt) die Verbalisierung und bildet (übersetzt) daraus sein Verständnis des in Frage stehenden Sachverhalts und äußert (übersetzt) sie im/als Urteilsspruch. Eine nochmals doppelt und dreifach bedingte Prozeßfolge. – Beim Urteilen nach Hörensagen hängt alles „von der Beschaffenheit derer ab, von denen man das Gesagte hört, sowie von der Methode, mit der man dessen Wahrheitsgehalt überprüfen kann“ (Brunschwig/Sedlaczek 2000, 104). Ich würde hinzufügen, das es auch darauf ankommt, unter welchen Bedingungen wie / mit welchen Methoden der Richter Zeugen usw. verhört. – In dem japanischen Film „Rashomon“ („Das Tor zur Hölle“) geschieht ein Mord. Ein zufällig anwesender Augenzeuge sowie die Gattin 91 „SOC. The profession of those who are greatest in wisdom, who are called orators and lawyers; for they persuade men by the art which they possess, not teaching them, but making them have whatever opinion they like. Or do you think there are any teachers so clever as to be able, in the short time allowed by the water-clock, satisfactorily to teach the judges the truth about what happened to people who have been robbed of their money or have suffered other acts of violence, when there were no eyewitnesses? – THEAET. I Certainly do not think so; but I think they can persuade them. – SOC. And persuading them is making them have an opinion, is it not? – THEAET. Of course. – SOC. Then when judges are justly persuaded about matters which one can know only by having seen them and in no other way, in such a case, judging of them from hearsay, having acquired a true opinion of them, they have judged without knowledge, though they are rightly persuaded, if the judgement they have passed is correct, have they not? – THEAET. Certainly.“ (trl. by Fowler 1987, 221)

127 des Ermordeten, die den Mord miterlebt hat, der Täter und der Ermordete werden vor Gericht geladen. Alle vier erzählen den Hergang. Am Ende kann der Richter kein Urteil fällen, weil er nicht hat erkennen können, was tatsächlich vorgefallen ist. (Zum Vorstehenden vgl. unten Levinas 92 und die Verantwortung; vgl. Ciaramelli 1995.) Der Richter weiß, daß er urteilen muß. Das führt ihn in eine Zwangslage. Er wird allein durch dieses Wissen befangen, de-objektiviert. Der „Fall“ ist somit stets eine vom voraussichtlichen Urteil her aufbereitete, normativ geprägte Darstellung der Wirklichkeit. Er ist kein blosses Faktum, sondern eine interpretierende Geschichte über Fakten. (Mastronardi 2004, 43). Mehr noch: Ein Richter muß um seine, soeben skizzierte doppelte ‚Befangenheit‘ (mangelnde Objektivität/Neutralität) wissen, und dieses Wissen ist zudem unvermeidlich emotional aufgeladen. Der Richter muß außerdem erkennen (und nicht nur erkennen können), was an der „Geschichte“ für das Urteil wichtig ist. Das kann er aber erst wissen, wenn er weiß, „welches Urteil zu fällen ist“ (ib. 43), d. h. aus welchem Grund wozu, für welchen Skopos mit welchen Folgen und Wirkungen das Urteil gefällt werden soll/muß. 93 Der Richter müßte also „Vorurteile, welche sich [ihm] unbewußt oder halbbewusst aufdrängen“, hinterfragen und korrigieren können (ib. 44). Wie aber kann jemand etwas hinterfragen und sogar noch korrigieren, daß ihm unbewußt bleibt bzw. jedenfalls nicht hinreichend bewußt wird? Das Wissen um das Ziel des Urteils bringt ethische Verantwortung mit sich (vgl. hierzu Critchley 1992, bes. 8f und 16-18, zu Levinas und Derridas Dekonstruktivismus). – Sobald jemand etwas wahrnimmt, beobachtet und perzipiert, beurteilt (evaluiert) er unweigerlich das Beobachtete (genauer: das, was er beobachtet zu haben glaubt) und oft erst seine Erinnerung daran. Der erste (emotionale) unbewußte Eindruck wirkt wie eine Prägung (vgl. die Liebe [oder den Haß] auf den ersten Blick). Man kommt schwer davon los. Vorangehende Prägung beeinflußt die weitere rationale Überprüfung des Beobachteten. Dies gilt für einen Richter wie für jeden Menschen (vgl. den Prüfer). Schließlich kann sich kein Richter dem Einfluß seiner (!) Umwelt seines Gerichtsverfahrens entziehen (vgl. die negativ oder positiv beurteilbare Erscheinung des mutmaßlichen Straftäters, die Anwesenheit von Zuhörern, evtl. anderer Juristen, im Gerichtssaal). Mastronardi (2006, 55-62) unterscheidet einen „Teilnehmerstandpunkt“ von einem „Beobachterstandpunkt“ gemäß dem Unterschied von „Erken- 92 Der Name wird sowohl ohne wie (frz.) mit Akzent auf dem e (é) geschrieben. 93 Die nur allzu oft unerkannte Grundregel aller Translation!

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