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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

sehr darum, den Täter

sehr darum, den Täter zu bestrafen, als ihn wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. Die gacaca-Prozedur folgt der Logik des Palavers. Jean-Godefroy Bidima schreibt über das Palaver: „Das Palaver – als ununterbrochener Dialog – gibt dem Dissens in einem befriedeten sozialen Raum Ausdruck, es zieht eine Grenze zwischen dem, was noch toleriert, und dem, was nicht mehr toleriert werden kann, es erlaubt, das soziale Band zu bewerten und es zu bestärken“ (Bidima 1997:37). Durch den Rückgriff auf eine informelle Form von Justiz soll versucht werden, die Straftäter zumindest vor ihre Verantwortung zu stellen, gleichzeitig aber auch die sozialen Bande wieder herzustellen, die durch die ethnischen Konflikte arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. (Campagna 2007, 156) 152 Eine dritte Variante wird bei Lenkersdorf (2003, 11-13) ausführlich beschrieben. Er stellt ebenfalls eine gegenüber der „weißen“, wie er es nennt, ganz andere Art „Recht-Sprechung“ vor. Der Unterschied zum „ubuntu“ und „gacaca“ liegt darin, daß letztere beide Verfahren angewandt werden können, während das Verhalten der Maya-Tojolabal, wie Lenkersdorf es schildert, die Grundlage des dortigen Rechtsverhaltens überhaupt ist. Dieses ist nach Lenkersdorf zudem die Basis für die oben besprochene Intersubjektivität, wie sie sich seiner Meinung nach in der Sprachstruktur des Tojolabal ausdrückt. Damit komme ich zum Anfang meiner Vorlesungen zurück. Ich suche eine Lösung der oben gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Verhalten und Sprachstruktur und ­gebrauch. Denn dies zu überdenken scheint mir auch für die Translation wesentlich, kann und muß die gesuchte Lösung doch die Art des Translatierens wesentlich neu ausrichten und zugleich die Ethik hinter der möglichen Freiheit verwirklichen, sicherlich aber einer, wenn auch nur angenommenen, Verantwortung für das translatorische Handeln eine Grundlage geben. Ich beschreibe also kurz Lenkersdorfs Darstellung der Behandlung von Vergehen bei den Tojolabal in Südmexiko als ein weiteres bedenkenswertes Beispiel, wie Recht auch gesprochen werden kann. Lenkersdorf geht von der Sprachstruktur des Tojolabal aus und untersucht im Anschluß daran die „Kosmovision“ der Sprecher, die er, wie oben erwähnt, „intersubjektiv“ nennt, da sie keine Objekte im grammatischen und (nach Lenkersdorf) damit auch nicht im praktischen Verhalten, sondern nur Subjekte kenne und zwar im doppelten Sinn des Wortes in der Grammatik und im Leben, hier folgerichtig ohne die im Deutschen mögliche soziale Herabsetzung des „Objekts“. Lenkersdorf besteht auf der Interpretation der Gesellschaft als Gemeinschaft. Dieser Aspekt lenkt das Verhalten der Tojolabal. In der „westlichen“ Gesellschaft wird dagegen das Individuum offiziell gerade im Rechtsverständnis hervorgehoben,

[n]achdem die westliche Kultur die Frage nach überindividueller Schuld als metaphysisches Produkt für überholt, überflüssig, ja unanständig erklärt hat[;] (Koch 1999, 874) 153 doch trifft dies oft genug in der Realität nur als Worthülse, aber kaum de facto zu. Ist es nicht üblich zu sagen „die Türken“, „die al-Qa’ida“ usw.? Überindividualität und Allgemeinheit, d. h. die Makro-Ebene der „Klasse“ statt der Individualität, war ja auch seit vorplatonischer Zeit und besonders verbreitet im abendländischen Mittelalter immer wieder der bevorzugte Ausgangspunkt für theologische, philosophische und soziale Diskussionen. Im Tojolabal heißt es anstelle der im Spanischen und überhaupt in der weltweiten Rechtsauffassung üblichen Ausdrucksweise „Uno de nosotros cometió un delito“ (Einer von uns hat ein Delikt 98 [usw.] begangen) in Lenkersdorfs (2003) ‚wörtlicher‘ Übersetzung aus dem Tojolabal „june ja ke/ntiki jta/tik jmul“. Das ist kaum angemessen in eine europäische Sprache zu übersetzen. Lenkersdorf schreibt: „One of us we committed a crime“ (Lenkersdorf 1997; mir nicht zugänglich). Beide Translate sollen auf die reziproke Verantwortung in der intersubjektiven Philosophie der Tojolabal hinweisen. Ein Pendant wäre z. B. gegeben, wenn man in einer Subjekt-Objekt-Sprache, wie z. B. dem Englischen und Deutschen, statt „Die Offiziere lassen im Irak auf Zivilisten schießen“ sagte, „Die Offiziere – wir lassen im Irak auf Zivilisten schießen“, um damit auf die Mitverantwortung des Volkes, das die Offiziere ja dorthin geschickt hat, hinzuweisen. Nach dem, was oben zur Struktur von Ergativsprachen gesagt wurde, müßten wir wohl ungefähr sagen: „Bei uns geschah ein Delikt“. Mir sind Lenkersdorfs (2003, 11-13) Ausführungen zu dem vorstehenden Satz wichtig. Deshalb führe ich sie im Original an: [U]no se portó de manera tal que se apartaba del grupo del NOSOTROS. Ya no forma parte del grupo de NOSOTROS. El apartamiento puede producirse por un delito o por una cosa extraordinaria, digamos el haber recibido un premio. La lógica misma exige, por decirlo así, que la persona señalada se convierta en sujeto apartado del sujeto NOSÓTRICO […]. Es esta lógica que no señala otra cosa que aquello que llamamos perspectiva. […] En tojolabal […] no se niega la diferencia del comportamiento de la persona señalada, pero los tojolabales no la separan del grupo NOSÓTRICO. Éste sigue identificándose con el delincuente o el premiado. El NOSOTROS sigue siendo el sujeto para todos. […] En el contexto indoeuropeo el OTRO representa al apartado a quien se desprecia, castiga o ensalza, etc. En el con- 98 Der Ausdruck „Straftat“ ist für das Denken der Tojolabal nicht adäquat. Ich übersetze ‚wörtlich‘ Delikt, wohl wissend, daß der Ausdruck mit dem spanischen nicht dekkungsgleich ist.

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