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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

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156 die Sühneleistung

156 die Sühneleistung gegenüber Betroffenen und, falls nötig, zeitweilige oder im Falle eines ergebnislosen Resozialisierungversuchs dauernde Absonderung von der Gesellschaft, also durchaus „Sicherheitsverwahrung“ zum Schutz beider Teile, nicht aus. Das heißt zugleich, daß die Tojolabal durchaus ein (anderen Kulturen ähnliches) grundsätzliches Schuldempfinden haben. Nach Lenkersdorf gehen sie jedoch anders damit um: Schuld führt nicht zur Bestrafung, sondern zur Resozialisierung. Der Unterschied zwischen dem Rechtsverständnis der Tojolabal, wie Lenkersdorf es beschreibt, und dem ‚westlichen‘ (usw.) liegt vor allem darin, daß die Auffassung (Perspektive) der Tojolabal aus der gesellschaftlichen Struktur der Menschen entspringt, während das ‚westliche‘ Recht von den betreffenden Gesellschaften gelöst worden ist und damit keine Grundlage in ihnen und aus ihnen heraus hat und die Gesellschaften trotzdem zwingt, ihm zu gehorchen. Das westliche Rechtsverständnis ist künstlich, willkürlich, das der Tojolabal in Lenkersdorfs Darstellung natürlich und reziprok (‚rückgekoppelt‘) in der gesellschaftlichen Realität verankert. Solange Extremurteile wie „lebenslang trotz schwerer psychischer Störung“ (Frommel 2008, 90 zum sog. Kannibalen-Fall von Rothenburg, BGH-Urteil vom 22-04-2005) möglich sind, bleibt das geltende Strafrecht (nicht nur in Deutschland) strafwürdig. Es fällt auch bei fortschrittlich denkenden Geistern auf, wie ungern radikal neu-gedacht wird. Forensische Psychiatrie, Präventivmaßnahmen (der bestehenden Art) und Resozialisierungsexperimente reichen nicht aus, solange die Strafbarkeit noch immer im wörtlichen Sinn ‚das Wort‘ führt und in Strafkategorien gehandelt wird (z. B. Frommel 2008, bes. 98, wo aber immerhin „negativ spezialpräventive Strafen“ angeprangert werden) und Gefährdete in „Gefängnissen“ (der bestehenden deprimierenden Art!) gebessert werden sollen. Auch im Sammelband von Rode + Kammeier + Leipert (2008) mit dem als Aufruf verstehbaren Titel „Paradigmenwechsel im Strafverfahren!“ (man beachte das Ausrufezeichen) wird nirgends klar und deutlich gegen die Strafjustiz bzw. Strafjustiz geschrieben. Jetzt macht Meffert (2009) mit ihrem Bericht über die norwegische Gefängnisinsel Bastøy im ZEIT Magazin eine seltene Ausnahme. Die Bestrafung eines Delinquenten kann mit Girard/Mainberger-Ruh (2006, 18) als rituelles „Opfer“ einer Gesellschaft gesehen werden, wenn, wie oben gesagt, niemand in der Gesellschaft unschuldig ist. Das Opfer […] tritt an die Stelle aller Miglieder der Gesellschaft und wird zugleich allen Mitgliedern der Gesellschaft von allen ihren Mitgliedern dargebracht. Das Opfer schützt die ganze Gemeinschaft vo[r] ihrer eigenen Gewalt, es lenkt die ganze Gemeinschaft auf andere Opfer außerhalb ihrer selbst. Die Opferung zieht die überall vorhandenen Ansätze zu Zwistigkei-

ten auf das Opfer und zerstreut sie zugleich, indem sie teilweise beschwichtigt. 157 Zum Ritual gehört auch, daß der ‚Clan‘ des Opfers durch bestimmte Maßnahmen von Racheakten abgehalten werden muß (vgl. ib. 25f; vgl. den Ausschluß von Clanmitgliedern von Gerichtsverhandlungen). Einzelne Übereinstimmungen, wie z. B. von der objektlosen Ergativstruktur des Tojolabal und dem Rechtsverständnis und ­verhalten der Tojolabal im Fall von Delikten, können Mißinterpretationen der Sprachstruktur oder Zufall sein oder bestenfalls Einzelphänomene bleiben. Das Baskische hat eine dem Tojolabal ähnliche (ergative) Struktur, aber das Verhalten der Basken und Tojolabal scheint sehr unähnlich zu sein. Die Basken haben sich in die westeuropäische Art, sich zu verhalten, eingefügt. Auf der anderen Seite ist das Verhalten der räumlich immerhin benachbarten Nordafrikaner (Berber) deutlich vom pyrenäischen Typ verschieden. Das Russische als idg. Sprache zeigt die Subjekt-Objekt-Struktur seiner westeuropäischen Nachbarn, aber Russen verhalten sich anders als Westeuropäer (vgl. Löwe 2007; Lebedewa 2008). Die Erwartung, Sprecher einer ergativischen Sprache bzw. einer Sprache ohne Objekte verhielten sich anders als Sprecher einer Subjekt-Objekt- Sprache, ist nicht nachweisbar. Schon Hume ([1772] 1999, 8.8, S. 151) konnte es nicht glauben: Should a traveller, returning from a far country, bring us an account of men, wholly different from any, with whom we were ever acquainted; men, who were entirely divested of avarice, ambition, or revenge; who knew no pleasure but friendship, generosity, and public spirit; we should immediately, from these circumstances, detect the falsehood, and prove him a liar, with the same certainty as if he had stuffed his narration with stories of centaurs and dragons, miracles and prodigies. Einer der eifrigsten Vertreter einer „strukturalen“ Analyse war der vor allem durch Ferdinand de Saussure angeregte Ethnologe Claude Lévi-Strauss (*1908). Auch er wie zahlreiche andere Ethnologen und Linguisten suchte nach Strukturanalogien zwischen Sprache und Kultur. 1952 sagte er in einem auf Englisch gehaltenen Vortrag in Bloomington, Indiana: Zwischen einigen Aspekten und einigen Ebenen sind wahrscheinlich einige Korrelationen erkennbar, und wir müssen herausfinden, welche Aspekte es sind und wo diese Ebenen liegen. (Lévi-Strauss/Naumann 1991, 94) 11. Coda mit Iterationen Insgesamt ist Ergebnis meiner Überlegungen unbefriedigend. Man merkt es an den immer wieder eingeschalteten Iterationen. Wir haben gesehen, wie

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