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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

Gefühle

Gefühle („Emotionen“) beeinflussen das Verhalten und werden von der Sprache mitgelenkt. – Die Ausdrücke „Freiheitskämpfer“, „Taliban“ und „Terrorist“ wirken unterschiedlich auf Gefühle ein. Doch dahinter steht möglicherweise ein und derselbe Afghane. Ungenauigkeiten im Sprechen (und Schreiben) sind alltäglich; ohne sie könnte keine Sprache funktionieren. Es kommt darauf an, unter welchen indefiniten Bedingungen man ungenau sein darf, und das variiert von Kultur zu Kultur. Das sind die gefährlichen Verschiebungen des Sinnes „ich höre die Musik“, „ich höre das Klavier“, „ich höre ihn klavierspielen“. (Wittgenstein s. a., 2.93 § 8; vgl. auch ib. 95 §§ 1-7) 19 Die uralte Suche nach dem „richtigen“ Ausdruck, d. h. der vollkommenen, ganz und gar eindeutigen Sprache, bleibt erfolglos, muß es bleiben, denn abgesehen davon, daß Sprache menschengemacht und damit unweigerlich unvollkommen und wie alles menschliche Verhalten perspektivisch ist, ist sie auch ein stetiger Prozeß, eine „Energeia“, wie Wilhelm v. Humboldt sagte und gäbe es die „reine Sprache“, die Walter Benjamin erhoffte, müßte alle Kommunikation aufhören, denn wäre jedes Wort absolut genau, müßte der Mensch schon alles wissen, ehe er sprechen oder zuhören könnte. 20 – In einer Welt der Prozesse müßte die vollkommene Sprache einen Baum, von dem die Rede sein soll, in jedem Moment anders benennen oder die Welt stände still (s. unten). Zurück zu dem obigen Satz vom Vorlesung haltenden Professor. Fällt daran nicht etwas auf, zumal, wenn die Situation, über die der Satz etwas aussagen soll, näher in den Blick genommen wird, wenn also eine situationelle Analyse vorgenommen wird? Kein Satz ohne örtliches („lokales“, „topisches“) und zeitliches („temporales“, „chronisches“) Umfeld (manchmal auch „Umwelt“, „Situation“ oder „Kontext“ genannt; s. unten), d. h. die außersprachliche Umgebung eines Phänomens, z. B. eines Texts bzw. Textems; s. unten). Auch der Satz in einem Buch, das jemand liest, steht in 19 Die Quellenangabe Wittgenstein s. a. bezieht sich auf Aphorismen und Bemerkungen, die zwischen 1929 und 1932 geschrieben wurden. 20 Ein marokkanischer Student (Abdelhafid Mhamdi Alaoui) erzählte mir, wie er mit einem Kommilitonen von Deutschland nach Marokko reiste. Am Flughafen von Marrakesch angekommen, wurden die beiden von der Polizei gefragt, ob sie „Taliban“ seien. Auf Arabisch-Persisch heißt das „zwei Studenten“. Aber die unselige Bedeutung „Terrorist(en)“ hat sich auch im arabischsprachigen Gebiet eingeschlichen. Der Student konnte nicht wissen, was die Frage des Polizisten besagen sollte. So antwortete er diplomatisch: „Nein, wir beide sind keine Taliban [Studenten, Terroristen], aber wir studieren in Deutschland“. 16

einem, genauer sogar: in zwei Umfeldern: [1] im Buch, z. B. einem Roman oder einer wissenschaftlichen Abhandlung, und [2] im Umfeld des Lesers zur Zeit seiner Lektüre. Die Umwelt steuert die Rezeption, das emotionale und rationale Verstehen, eines Texts wesentlich mit. Sie ist zum Verstehen des Texts unentbehrlich. – Das gilt auch für jede Translation und jedes Translat, nur daß es da noch mehr Umfelder gibt: das des Ausgangstexts, des Produzenten, der den Text produziert, des Ausgangstextems, aus dem der Translator seinen zu dolmetschenden bzw. übersetzenden Text rezipiert, des Translators selbst, des fertiggestellten Translats, das von einem Zielrezipienten rezipiert wird, des Zielrezipienten …, und all diese Umfelder wandeln sich stetig oder werden stetig verändert. Nun besagt der Satz vom Vorlesung haltenden Professor, daß der sich syntaktisch zum Subjekt des Satzes erhoben hatte bzw. dazu erhoben wurde, indem er eingeladen wurde, eine Vorlesung zu halten, und die Vorlesung wurde zum Objekt des Subjekts, des (vor)lesenden Professors. 21 In der Grammatik heißt es, das Objekt werde (vom Subjekt) „regiert“. Das klingt wahr-haftig, als dominiere das Subjekt, als führe es die Regie. – Die Vorlesung wird zum Werkzeug oder (Hilfs­)Mittel des Professors, in etwas altmodischer Terminologie: zur Dienerin, Magd oder gar Sklavin. (Daß der Professor hier als ein Wort masculini generis und die Magd als ein Wort feminini generis auftritt, mag an dieser Stelle Zufall der Formulierung des Satzes sein. Auch eine Professorin hält Vorlesungen und schlägt die Hörer in Bann.) Bis in die neueste Zeit gab (und gibt) es religiöse, juristische, überhaupt kulturelle Unterschiede (ich spreche nicht von biologischen Unterschieden) zwischen den Geschlechtern (vgl. Gibbon 1957, 4.406-418, zu den krassen Zuständen im Römischen Reich). An dieser Stelle kann zudem angemerkt werden, daß die Subjekt-Objekt-Struktur außerhalb und innerhalb der Sprache Eigentums- und Besitzrechte u. U. anders regelt als 21 Der Terminus „Subjekt“ wurde aus dem Lateinischen sub-iectum entlehnt. Letzteres ist die Übersetzung des griechischen πο-κείµενον (wörtlich: das Darunterliegende, die Grundlage). Gemeint ist das dem Prädikat zugrunde Liegende (DUW 1989, 1495). Das Subjekt als Basis (vgl. das Thema) eines Satzes wird zum dominierenden Teil. Bußmann (2002, 661) interpretiert umgekehrt, das Subjekt sei das dem Prädikat (!) „Unterworfene“. Wir nennen das grammatische Subjekt im Deutschen „Satzgegenstand“. Hier hat anscheinend eine merkwürdige Verschiebung stattgefunden. „Gegen-Stand“ wäre eigentlich die ungefähre Übersetzung des Terminus „Objekt“ aus lat. ob-iectum, das (feindlich?) Dagegenstehende, eine Übersetzung des griech. 2ντι-κείµενον. – In einigen Sprachen bedeutet „Subjekt“ auch „der/das Unterworfene, Diener“ (vgl. portugiesisch sujeito; vgl. Lello 1986), im Deutschen auch: verwerflicher Mensch (vgl. „kriminelles Subjekt“). 17

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