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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

‚hat‘. Daß sich

‚hat‘. Daß sich jeder Hörer dabei mit seinem individuellen Verhalten räumlich, zeitlich und vor allem emotional holistisch in seinerm eigenen Umfeld und darin in seiner eigenen Situation befindet, scheint auch in der Wissenschaft oft noch nicht selbstverständlich berücksichtigt zu werden. Man macht sich die Holistik selten bewußt. Alle Welt ist gewöhnt, von „der“ Situation im Hörsaal zu sprechen. Natürlich soll man sparsam formulieren, sich „ökonomisch“ ausdrücken, und der Sprecher braucht nur soviel zu sagen oder der Schreiber zu schreiben, wie er meint, für seine(n) Hörer bzw. Leser hinreichend deutlich gemacht zu haben, was er sagen/schreiben wollte. Solche Ökonomie gilt für alle Sprachen. (Ein Kollege bezeichnete die moderne Sag- und Schreibwut einmal als Verborrhagie, Sprachdurchfall.) In Worte gefaßt wird, was zum erhofften Verständnis als hinreichend angesehen wird. Im wissenschaftlich sein wollenden Jargon darf aber nicht unbedacht von ‚der‘ Situation der Hörer im Hörsaal gesprochen werden, weil man nicht gelernt hat, auf ‚Kleinigkeiten‘ oder ‚Nebensächlichkeiten‘, wie z. B. das individuelle Empfinden (die „Disposition“) und ihre Folgen, zu achten (ein unheilvolles Beispiel unzureichender Differenzierung ist Habermas 1988). Auch unzulässige Verallgemeinerung ist eine Verachtung. Wer hingegen mehr als nötig sagt, will etwas betonen oder ist ein Schwätzer. Wittgenstein (s. a., 1.49 § 7) fragt: Ist nicht der einzige Ausweg hier anzunehmen daß ein Ausdruck „das Quadrat ist rot“ noch kein Satz ist wenn nicht gesagt ist daß die übrige Ebene (oder der übrige Raum) irgend eine Farbe hat. Das heißt es müßte der übrige Raum als scheinbare Variable in den Satz eintreten. Gewohnheit läßt als selbstverständlich annehmen, daß der Raum außerhalb des Quadrats eine andere Farbe als das Quadrat hat, weil dieses sich sonst nicht von seiner Umwelt abhöbe. Könnte Wittgenstein den Satz vom roten Quadrat auch äußern, wenn die Umwelt ebenfalls rot wäre? Man würde wohl voraussetzen, daß es andere Phänomene gibt, wodurch sich das Quadrat abhebt, z. B. eine andere Rottönung. Wittgenstein erwähnt die Grenzziehung, die durch eine andere Farbe sichtbar gemacht wird (vgl. ib. 53 § 1). Grenzen werden nach Bedarf, oft scheinbar willkürlich gezogen, und die Sprache entscheidet mit, wie und wo dies geschehen soll. Schweigen ist eine Grenzziehung. Die Trennung des Leiters frontal zum überfüllten Hörsaal vereitelt den Sinn des Seminars. Also existiert ein Phänomen durch eine Grenzziehung bzw. durch seine Grenze. – Wenn ausschließlich von einer Hälfte eines Quadrats die Rede ist, muß der Rezipient annehmen, daß es entweder ein ganzes Quadrat oder gar keins gibt (vgl. ib. 50 § 2). – Wir ergänzen stillschweigend, was aktuell 22

nötig erscheint, falls wir gelernt haben, hierauf zu achten (vgl. oben die pluralistischen Situationen); doch die Aufmeerksamkeit fehlt uns oft, auch im wissenschaftlichen Denken und Sagen. Was nötig zu sein scheint ist kultur- und situationsspezifisch unterschiedlich. – Gewiß sind wir nicht in der UNO. Viaggio (2004/2006) erzählt aus der Zeit seiner Dolmetschtätigkeit, daß die Redner in UNO-Versammlungen ihre Reden auch dann noch am späten Abend programmgemäß vor-tragen müssen, wenn selbst kein Zuhörer mehr im Saal sitzt. Das Protokoll verlangt die Verlesung, den Vortrag, und die Dolmetscher müssen ebenfalls noch ins Leere dolmetschen. Vielleicht stecken die Hörer des Professors ja in einer Vorsilbe (einem „Präverb“): Vorlesen kann er nur vor Hörern, lesen ansonsten allemal. Doch eine bloße Vorsilbe wird der Wichtigkeit (dem Wert) einer Hörerschaft nicht gerecht. Es wäre ungehörig, die Hörer als Präverb beiseite zu schieben. Unsere Sprech- und Sprachgewohnheiten – hier die der deutschen Sprache – sind also (ich übertreibe ein wenig) schlicht und einfach asozial. Da ist ein Gefälle vom lesenden Professor zu den zuhören sollenden, aber nicht gebührlich be- und geachteten Hörern. Im Gegensatz zu dem vor den Hörern stehenden einen Professor sind letztere allein schon numerisch in der Überzahl. (Doch Status sagt zu wenig aus.) Auch Religionen machen die Subjekt-Objekt-Hierarchie mit und verstärken sie rituell. Hier ist die Rede von jemandem, der sich hin- oder ergibt oder in Gottes Hand gibt; der Islam spricht von Übergabe. Manchmal gibt es einen Perspektivenwechsel, aber er scheint das Subjekt- Objekt-Gefälle noch zu verstärken. Ein Student berichtet von einem Gespräch mit seinem Professor: „Ich soll sein Buch lesen“. In der Kurzfassung des professoralen Wunsches (oder Befehls) wird das Subjekt des dahinter steckenden Satzes („Er will, daß ich sein Buch lese“; deutlicher: „Er will mich zum Lesen verdonnern“) im Sollens-Ausdruck so versteckt, daß es formal gar nicht mehr auftritt. Im formalen Subjektsatz mit dem „Ich“ des Studenten versteckt sich ein Objekt-als-Subjekt des Hilfsverbs. Funktional herrscht der Mächtigere im Hintergrund. Macht muß nicht zur offenen Unterdrückung führen. Aber ihr ist nicht zu entkommen. Hobbes ([1651] 1999, 53) sagte es deutlich: The Passions that most of all cause the differences of Wit, are principally, the more or lesse Desire of Power, of Riches, of Knowledge, and of Honour. All which may be reduced to the first, that is Desire of Power. For Riches, Knowledge and Honour are but severall sorts of Power. 23

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