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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

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Zu anderen Malen spielt

Zu anderen Malen spielt sich die Sprache deutlicher als Tyrannin auf. „Ich sage“ ist kein vollständiger Satz. Man muß ein zu tyrannisierendes Objekt hinzufügen: „Ich sage es Ihnen“. (Herrscht die Tyrannis in einem Satz wie „Wir kommunizieren miteinander “ gegenseitig?) Der lesende Professor, von dem die Rede war, ist nicht nur von den sprachlich gar nicht vorkommenden Hörern abhängig; er ist es paradoxerweise auch vom Objekt des zitierten Satzes „Der Professor hält eine Vorlesung“. Das Objekt ist obligatorisch. Der Professor macht sich von ihm abhängig. Ohne Vorlesung in der gegenwärtigen Situation kein Professor. Erst die Vorlesung macht den Professor (und die Hörer machen die Vorlesung möglich). Aber in der vorliegenden Konstruktion ist der Professor nicht das Objekt der Vorlesung (es sei denn, in ihr wäre von ihm die Rede, aber davon kann ja keine Rede sein). Der Professor wird erst durch sein Objekt, die Vorlesung, zum Professor und Subjekt/Thema des Satzes – jedenfalls in diesem Fall, indem jemand den Satz denkt, ausspricht oder hinschreibt. (Insofern könnte Bußmann 2002, 661, Recht haben, wenn sie meint, das Subjekt sei dem Prädikat unterworfen.) Machen wir uns ganz klar, welche Folgen diese Wendung in der Interpretation eines grammatisch analysierten Satzes nach sich zieht. Nicht, daß die Dominanz des Subjekts geschmälert würde, sicherlich aber, daß das Subjekt nicht das (allein) dominierende Phänomen im Satz ist. Der Herr wird erst dadurch zum Herrn, daß er einen Diener hat. Wenn sich Professor und Vorlesung gegenseitig bedingen, dann werden sie (fast?) gleichwertig. Es gibt tatsächlich Strukturen, in denen die formale Unterscheidung von Subjekt und Objekt ins Gegenteil verkehrt wird, z. B. im deutschen Passiv („Die Vorlesung wird vom Professor gehalten“). Im Deutschen bekommt der Satz aber einen anderen Sinn als in der aktivischen/agentialen Formulierung. Man denkt z. B. unwillkürlich den Nachsatz hinzu: „(Die Vorlesung wird vom Professor gehalten) … und ausnahmsweise nicht von seiner Assistentin“. Subjekte können selbstbezüglich sein: „Ich ärgere mich“, d. h. sie versklaven sich selbst. Das Gefährliche an der ganzen Sache ist nicht nur, daß wir die verfestigten Sprachgewohnheiten nicht mehr loswerden, sondern daß wir sie normalerweise gar nicht bemerken. Daher hinterfragen wir, was Gewohnheit geworden ist, auch nicht auf seine Folgen und Wirkungen, und selbst wenn wir dies ausnahmsweise tun, können wir die Sachlage nicht ohne weiteres ändern (s. unten zu „Begriff“). Wir, auch der Professor, sind Sklaven ‚höherer‘ Mächte: unserer Gewohnheiten und der gesellschaftlichen („sozialen“) Strukturen. Der Zwingherr ist die „Kultur“, das Regelinventar 24

für gesellschaftlich adäquates 27 emotionales, rationales, verbales und nonverbales Verhalten. Mit einiger Anstrengung können wir uns immerhin der Gewohnheit, die uns beherrscht, bewußt werden. Und da stellen wir eben mit Schreck und Erstaunen fest, was uns zuvor nicht bewußt geworden war: daß die deutsche Sprache und – was schlimmer ist – eine große Zahl von Sprachen und Sprachgruppen auf dieser Erde ganz unbekümmert tyrannisch verfahren und Tag um Tag millionen- und milliardenfach sich selbst, einen Menschen oder ein anderes Phänomen zu Subjekten und Sachen, Lebewesen, andere Menschen und sich selbst zu Objekten und evtl. sogar zu Objekten von Objekten machen, als sei dies das Natürlichste von der Welt. Die Häufigkeit des Zum-Objekt-Werdens selbst der Subjekte bringt einen masochistischen Anflug in die Struktur. Man braucht sich die Sätze, die ich bisher genannt habe, nur noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Das Subjekt, so lautete die These, macht Mitmenschen zu Objekten. Objekte und Subjekte werden im Deutschen (und anderen Sprachen) nicht prozeßhaft aufgefaßt; sie existieren, „sind (da)“, dauerhaft als Subjekte und als Objekte. Und was da ist, kann nicht vernichtet, bestenfalls verändert werden. Existenzen sind mit einem philosophischen Terminus „Dinge“. 28 Die Welt erscheint aus menschlicher Perspektive grundsätzlich dauerhaft. Sie „ist“. Die Ausdrucksweise der Sprache erschafft Onta (ein altes Problem der Philosophie). – Ich sitze, ich schlafe, ich gehe, ich halte eine Vorlesung, ich fürchte Gespenster, ich bin (vgl. Descartes; s. unten). – Die Dinge ‚haben‘ Dauer, wie die Menschen selbst, ihre Häuser, politische Parteien und überhaupt die Welt. Dauerhafte „Dinge“ werden sprachlich als „Substantive“, als seiende Substanzen, benannt (der Schlaf, der Gang, die Einhörner, Gedanken und Ideen). Im Schriftdeutschen werden sie zudem durch Großschreibung nochmals aus der Menge anderer Wörter herausgehoben. In dem Satz „Der Professor hält eine Vorlesung“ tut der Professor als (dominierendes) Subjekt etwas, er „handelt“, er ist der Handelnde, der Täter. Und auch dann, wenn der Professor schläft, „tut“ er gemäß der Struktur des deutschen Satzes und dem üblichen Empfinden etwas. (In Norddeutschland hörte man früher oft Fragen wie „Tust du schon schlafen?“) So will es die deutsche Sprache oder vielmehr die üblich ge- 27 Zu Adäquatheit vgl. Reiß + Vermeer (1984/1991, 124-170). 28 Im mittelalterlichen Latein wurden materielle und nicht-materielle Phänomene gleichermaßen „res“ genannt. Res bedeutet materiells oder nicht-materielles „Ding“ oder „Sache“, ursprünglich anscheinend „angeeignetes Gut, Besitz“ (vgl. Pokorny 1959, 60 und 860). – Es klingt aber befremdend, wenn Bartuschat (1999) Spinozas Deus est res mit „Gott ist ein Ding“ übersetzt. 25

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