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Hans J. Vermeer Translationen Grenzen abschreiten - Fachbereich ...

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Wer genau liest,

Wer genau liest, versteht, daß die „Wirklichkeit“, so wie Kade sie verbalisiert, erst nach dem Zeitpunkt der Ratifizierung des Potsdamer Abkommens geschaffen wurde. Tatsächlich wurde von sowjetischer Seite aber bereits früher auf sie hingearbeitet. Wie bei einem unvollkommenen Wörterbuch ist diese Wirklichkeit im vorliegenden Fall also auch nur Käse mit Löchern. Es gibt keine Wahrheit. (Dann müßte dieser Satz falsch sein. Es muß heißen: Es gibt keine absolute Wahrheit. Und diese Behauptung kann der Mensch nicht feststellen.) Wahrheit ist relativ. Sie wird geschaffen. Im Beispiel gibt es zwei ‚Wahrheiten‘ (besser: Fakten, wie ich annehme). Die zweite wurde durch die Sowjetunion militärisch erzwungen und von den sog. Westmächten mehr oder minder leise zähneknirschend geduldet. (Daher die bewußt, wie ich annehme, zweideutige Formulierung der entsprechenden Stelle des Abkommens.) Das war der langsame Prozeß. Kades Argumentation geht von seinem Resultat aus. Ob er den Sachverhalt aus Überzeugung oder politischer Not (Nötigung?) so darstellte, wie oben zu lesen ist, weiß ich nicht. Jedenfalls dürfte (mir) klar sein, daß er seine Entscheidung zur Art der Verbalisierung aus ideologischem Grund treffen mußte. Habe ich nicht schon gesagt, Translation könne tödlich enden? Statt „objektiv“ und „wahr“ wäre „perspektivisch“ am Platze. Kade (ib. 60) begründet seine Entscheidung damit, daß ein Übersetzungsproblem „auf der Ebene des Textes ständig kontext- und situationsgerecht gelöst werden muß“. Leider sind Kontext und Situation im vorliegenden Fall eben nicht eindeutig – oder gerade doch. Zum Schluß redet Kade (ib. 61) dann auch Tacheles: Die Ursache für die unterschiedliche Übersetzung ist in diesem Falle einzig und allein in der Einstellung des Übersetzers zur historischen Wahrheit zu suchen, die von seinem Klassenstandpunkt und seiner politisch-ideologischen Orientierung geprägt ist. Redeten die Politiker nur halb so deutlich! Verbreitet ist, wie erwähnt, die Meinung, nicht die Sprache forme den Menschen, sondern der Mensch die Sprache. Nicht die Sprache entscheidet, was man sagen kann und sagen soll, sie stellt lediglich das nötige Material bereit. (Hönig + Kußmaul 1982, 44; vgl. auch Prunč 2007, 137) Auch diese Wissenschaftler haben recht, auf ihre Weise. Denken Sie als Drittes an die Behauptung der Mikrophysik, daß, wie Saussure in Bezug auf die Sprache sagte, alles rückgekoppelt sei, tout se tient, auch Gedanken und Gedanken mit materiellen oder energetischen Phänomenen. Handlun- 66

gen sind untereinander und mit Gedanken verbunden und Gedanken mit Handlungen. Die Verbindungen brauchen nicht als kausal empfunden und interpretiert zu werden. Nikolaus von Kues (1401-1465) sprach 450 Jahre vor Saussure von omnia in omnibus (vgl. den Konnektionismus). Nikolaus’ Spruch findet sich schon bei Anaxagoras (s. unten). – Denken Sie auch daran, daß die Ausdrucksweise der Wissenschaftler beim Sprechen /Schreiben über Sprache, z. B. der Sprachwissenschaftler und ganz zu schweigen von Psychologen, Neurobiologen usw., auf ihre Weltsicht rückwirkt. – Wenn tout se tient, gibt es keinen absoluten Anfang. Die ‚Tiefenstruktur‘ von Sprachen wurde meines Wissens bisher nicht genügend beachtet. Ich nenne das Inventar der Regeln, die Menschen bei ihrem Verhalten beobachten (sollen), eine „Kultur“. Also werden sich auch Kultur und Sprache gegenseitig beeinflussen (vgl. u. a. Gumbrecht 2004, 28 und 32). Sprache ist Mitträgerin von Kultur und hat damit Teil an ihr. Auch hier gilt das gleiche mutatis mutandis umgekehrt. Ungeklärt bleibt zunächst, inwieweit sich Verhalten, besonders kulturspezifisches Verhalten und Sprachstrukturen, gegenseitig beeinflussen. Wenn das der Fall ist, wird der Fall des lesenden, aber die Hörer ignorierenden Professors nochmals auf andere Weise interessant – und zwar gerade dadurch, daß der reziproke Einfluß von Sprachstrukturen, das Verhalten der individuellen Sprecher und der gesellschaftlichen Kultur unbewußt bleiben, also nicht ohne weiteres kritisch überdacht und gegebenenfalls korrigiert bzw. durch eine andere ‚sozialere‘ Struktur ersetzt werden können. Natürlich besteht Sprache nicht nur aus Form(en), z. B. einer formalen Struktur (wie z. B. die Subjekt-Objekt-Syntax). Sprache ist nicht nur ein formales sondern auch ein emotionales, eben ein hostlistisches Kommunikationsmittel. Wichtig ist zudem, wie Sprache gebraucht wird, und das geschieht für gewöhnlich unbewußt, zumindert aber ungewußt. Gewiß ist es wichtiger, wie etwas gemeint als wie es gesagt/geschrieben wird. Aber auf die Rezeption der Form kommt es auch an. Sie kann durchaus in den Vordergrund treten, denn die Form ist das erste, das ein Rezipient wahrnimmt. Die Individualität einer Rezeption wird durch die idio- und soziokulturellen „Prägungen“ des jeweiligen Rezipienten, sein Wissen und seine Art zu empfinden überformt. Kultur dient nicht nur der gegenseitigen Anpassung innerhalb einer Gesellschaft, sie gibt auch unbewußt ‚Richtlinien‘ für soziales Verhalten und führt die Mitglieder einer Gesellschaft damit in eine von ihr ab einem gegebenen Moment auf einige Zeit ‚bevorzugte‘ Richtung. Dann dürfte es auf ‚Neurobiologisch‘ trotz anderen Anscheins wahrscheinlich nicht heißen „ich/wir bevorzugen“, sondern „die Kultur 67

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