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Teil 3 Von und Zeichen-im-Gebrauch Saussure und Peirce

Teil 3 Von und Zeichen-im-Gebrauch Saussure und Peirce

37.

37. Zeichen und 510 Die folgenden Gedankenspiele wurden durch die Lektüre von Luhmann (1985) und Scheibmayr (2004) angeregt. Scheibmayr (2004) vergleicht in seiner Dissertation Luhmanns Theorie sozialer Systeme mit PeirceZeichentheorie und möchte sie zu einer neuen Zeichen-System-Theorie fortführen. Ich werfe auch einen Blick auf Saussure. Wieder wird es im folgenden Wiederholung dessen geben, was ich in Vermeer (2006a) und mehrfach in Teil 2 dieser Vorlesung angemerkt habe. Saussure und Peirce stellten eine linguistische Zeichentheorie auf. Ihre Theorien waren verständlicherweise zeitbedingt ‚ein-seitig‘. Ich untersuche nicht, inwieweit sie auf nonverbale Phänomene angewandt werden können. Coseriu (1975, 11ff) wollte Sprache als Dreiheit aus System, Norm und Rede verstehen. Insgesamt möchte ich eine allgemeinere Theorie skizzieren. 38. Zeichen* sind eine Crux der Linguistik und der Philosophie. Die traditionelle Zeichen-Linguistik geht im wesentlichen auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913; vgl. als Überblick Sebeok 1966, 2.87-110) zurück. Für sie gilt ein ontologischer, statischer Begriff. Ich verwende dafür manchmal den von Saussure gebrauchten frz. Terminus signe. (Zu älteren Ansichten zum vgl. Vermeer 1986a, 101-177.) Man unterscheidet verbale und nonverbale Zeichen (z. B. paralinguale Phänomene, z. B. Gesten usw.). Diese Unterscheidung betont den Vorrang der Sprache im engen Sinn des langage vor anderen Kommunikationsmedien des Menschen. Für die Linguistik stehen die verbalen Zeichen natürlich im Vordergrund; nonverbale Gesten usw. werden selten mitbedacht. Im folgenden werde „Zeichen“ genannt, was etwas aufzeigt, auf etwas hinweist (vgl. außer sprachlichen Phänomenen, z. B. Wörter und Texte, Verkehrsschilder; vgl. „jemandem ein Zeichen geben“). Ich nehme diese Hinweisfunktion als Grundlage für mein Zeichenverständnis. Jedes Phänomen kann Zeichen werden; es muß nur wahrnehmbar sein und als Hinweis (s. oben Husserls Anzeichen usw.) aufgefaßt werden können (vgl. „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“). Zeichen als Hinweisphänomene kommen stricto sensu nur in einem aktuellen Moment vor, wenn ein Hinweis gegeben werden soll oder etwas als Hinweis interpretiert wird (vgl. Text vs. Textem). – Ein Verkehrschild kann jahrzehntelang an einer

511 Stelle stehen und die Stadtgrenze markieren. Zum Zeichen, daß hier die Stadt anfängt, dient das Schild in dem Augenblick für jemanden, der es sieht und interpretiert, im wesentlichen also der, der es aufstellt bzw. aufstellen läßt (das kann auch ein Vertreter einer Behörde sein), oder jemand, der daran vorbeikommt und es als zur Stadtgrenzenanzeige oder auch nur zu anderer Funktion daran denkt (gleich, wo er sich gerade befindet). Unter Umständen entstehen verschiedene Zeichen, je nachdem, welche Funktion dem Schild zugedacht wird. Eine Funktionszuerkennung kann als „falsch“ erkannt werden; das Schild bleibt ein Zeichen, in diesem Fall ein irrtümliches. Wer der Blechtafel keine Funktion zuerkennt bzw. zuerkennen kann, nimmt sie nicht als Zeichen wahr. Da es keine 1:1- Relation von Form und Funktion gibt, dürfte es oft vorkommen, daß einer Form nach Meinung jemandes eine unpassende Funktion zugedacht wird, aber nie, daß ihr keine Funktion zugeschrieben wird, denn dann wäre das Schild (im obigen Beispiel) kein Schild und könnte überhaupt nicht als ein Phänomen wahrgenommen werden. 357 – In Finnland sah ich auf einer Autoreise mehrfach ein solches Schild mit der Beschriftung „Keskusta“ am Wegrand. Ich dachte, so heiße die nächste größere Stadt. Erst als ich fast halb Finnland durchfahren hatte und die Stadt noch immer nicht in Sicht kam, klärte man mich auf, „Keskusta“ heiße „Stadtzentrum“. Ich hatte es und die dazu gehörige Stadt verpaßt. – Ein Zeichen ist also ein Phänomen, das als (Hinweis) für (Jemanden) auf/zu etwas intendiert bzw. als Hinweis (u. U. als intendiert) interpretiert und so(mit) wahrgenommen und perzipiert wird. Insoweit werden Sprachphänomene, z. B. Laut- oder Buchstabenketten, die als Sinn machend geäußert bzw. gehört oder gelesen werden (weil wir es so gelernt haben), in eben diesem Moment Zeichen. Ansonsten sind derartige Phänomene „leer“. – Wenn jemand das Wort „love“ als Graffito an eine Wand schmiert, will der Autor damit etwas ‚zeigen‘ (z. B., die Wand zu verschandeln). Analoges gilt für den, der den Schriftzug „love“ an der Wand erkennt. Er interpretiert ihn (auf seine Weise). – Intendieren und interpretieren sind zielgerichtete Handlungen. Alles kann Zeichen werden, ist es aber nicht von sich aus. Insofern sind Zeichen quasimomentan einmalig und trotz soziokultureller Überformung grundsätzlich individuell. (Ich vergesse nicht, daß ein Individuum als {Individuum} holistisch betrachtet werden muß.) 357 „Form“ (forme) bedeutet bei Saussure oft die Einheit von signifiant und signifié. Ich möchte Form auf Wahrnehmbares beschränken, damit nicht der Eindruck entsteht, als ‚habe‘ eine Form ipso facto „Inhalt“ bzw. „Bedeutung“.

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