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Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

327 Gorgias gilt als der

327 Gorgias gilt als der gewandteste Redner der griech. Antike. Er verband die Funktion der Rede mit ihrer möglichst ‚plastischen‘ Form. Die Hörer sollten „Beschauer der Reden“ werden (Buchheim 1989, XI n. Thukydides). Daher lehnte er Parmenides’ abstraktes „Sein“ ab. Sein soll sinnlich sein. Rede soll wie die Photonen des Lichts in den Körper eindringen (ib. XVIII). So ist auch Wahrheit für ihn das, was direkte individuelle Teilhabe gewährt (ib. XVIIIf). Wahrheit wird demnach gerade für den Getäuschten, der in der Tragödie „mehr als der, der nicht getäuscht wird“, versteht (Fragment 23; ib. XX). Sich täuschen lassen bedarf der Intelligenz. Der Dichter Simonides von Keos (Σιµωνίδης; um 556 – um 467 v. Chr.) soll gesagt haben, er könne die Thessalier nicht täuschen, „weil sie zu dumm sind, um von mir getäuscht zu werden“ (ib. XXI 40 ). Gorgias kann Helenas Verhalten verteidigen, weiß doch niemand, was wirklich vorgefallen war und wie sie selbst die Ereignisse sah (die Perspektive) und verstand (die Interpretation); wir haben nur Berichte, und Berichte können mit Sprache behandelt werden. Solche Rede brachte und bringt Gorgias von den weisen Besserwissern bis heute manchen Tadel ein, zumal die Evokation von Emotionen durch sprachliche Form für ihn wichtiger war als die Ratio der Darstellung (vgl. die Beispiele bei Tapia Zúñiga 1980, LXII-LXXXII). In Gorgias’ philosophischer (?) Abhandlung Περ το µ ντος Περ φσεως („Über das Nichtseiende oder Über die Natur“, um 444/441 v. Chr., n. einem Anonymus und n. Sextus Empiricus [2./3. Jh. n. Chr.]); vgl. Buchheim [1989, XVI 27 ]: Πρς µαθηµατικος [„Gegen die Gelehrten“]) heißt es: τι οδν στιν, […] τι ε κα στιν, 2κατ0ληπτον 2νθρώπωι, τρίτον τι ε κα καταληπτν, 2λλ1 τοί γε 2νέξοιστον κα 2νερµήνευτον τι πέλας. (Diels + Kranz 1996, 2.279, 82, B3 [65]) 244 Gorgias (Buchheim 1989, 55 [67]; s. unten) drückt es deutlich aus: […] denn insofern es gedacht wird als nichtseiend, wird es nicht sein, insofern es aber nichtseiend ist, ist es wiederum. 244 „daß alles nichts ist; selbst wenn etwas ist, ist es nicht erkennbar; selbst wenn es zugleich ist und erkennbar ist, kann man es anderen nicht zeigen[.]“ (Wardy/Jatho 2000, 418). – Statt „erkennbar“ hat Tapia Zúñiga 1980, 1) genauer: „incomprensible para el hombre“ [„dem Menschen unbegreiflich“] und statt „zeigen“: „incomunicable e inexplicable al vecino“ [„dem Nächsten nicht mitteil- und erklärbar“]. Buchheim (1989) bringt zunächst die Fassung eines Anonymus, „da er in der heutigen Forschung meist als der bessre Bericht gilt“ (ib. XXXV); hier übersetzt Buchheim (ib. 41) „verdeutlichen“; ib. (55) nach Sextus Empiricus: „[…] es doch einem Nächsten zumindest nicht mitzuteilen und zu erklären ist.“

328 Verbal mitteilen kann man es anderen nicht; der andere kann nicht sehen, was er hört, und nicht sehen, was gemeint ist. Mit Worten (λγοι) kann man nicht bekommen, was man selbst nicht im Denken hat, denn Zeichen sind nicht der Gegenstand selbst und „Geräusche“ enthalten ihn ebensowenig. Außerdem müßte der λγος, um übertragen werden zu können, beim Sprecher und Hörer derselbe sein; das aber ist nicht der Fall. Der λγος ist nicht wiederholbar, er ist, wenn er ausgesprochen wird, ein einmaliges physisches Phänomen. Gorgias ist moderner als so mancher moderne Wissenschaftler …, wenn wir nur wüßten, ob Gorgias seine Worte ernst meint oder sich über seine Kollegen, hier z. B. Parmenides, lustig macht. (Gorgias n. Wardy/Jatho 2000, 418f.) Noch heute fürchten manche, sein Essay „bedroht die Philosophie real, weil sie, ohne in gefährlicher Weise ihre grundsätzliche Bindung an eine unpersönliche Vernunft zu kompromittieren, nicht angeben kann, ob dieser Text ernst genommen werden muß.“ (Wardy/Jatho 2000, 419). Arme humorlose Philosophie! Es ist diese Philosophie, die Wirklichkeit mit Wahrheit gleichsetzt (ib. 421) und nicht Wahrheit mit (momentan-individueller) Wirklichkeit. Gorgias, so Wardy/Jatho (ib. 420), will Neues. Zwar ist die Neuheit mit der Wahrheit nicht unvereinbar; aber wenn das Prinzip gilt, daß bei der Aussage das Kriterium des Vergnügens entscheidend ist, dann wird damit zweifellos Gorgias’ andere Verpflichtung, nämlich die zur alêtheia [Wahrheit], fragwürdig (nur ein Philosoph könnte die Behauptung wagen, er finde nur an der Wahrheit Gefallen). (ib. 420) Wenn aber Wahrheit miesepetrig sein muß, verzichte ich auf sie. Wie schrieb doch Kaiser Marc Aurel, der wahrhaftig kein Bruder Lustig war? Τ πίκοτον το προσώπου λίαν παρ1 φσιν· ταν πολα´κις ναποθνσκ προσήνεια, τ τελευταον 2πεσβέσθη, στε λος ξαφθναι µ δνασθαι. ατ γε τοτ παρακολουθεν πειρ, τι παρ1 τν λγον· ε γ`αρ κα συναίσθησις το 3µαρτ´ανειν οχήσεται, τίς τι το ζν ατία; Theiler (1974) übersetzt: Das Finstere des Gesichts ist gar sehr wider die Natur; wenn in ihm oft die Freundlichkeit stirbt, verlöscht sie zuletzt, so daß sie überhaupt nicht mehr entzündet werden kann. Eben diesem versuche bewußt zu folgen, daß es wider die Vernunft ist. Denn wenn auch die Mitempfindung für die Verkehrtheit schwinden wird, was bleibt noch für ein Grund zu leben? Miserables Deutsch, miserable Translation. Wittstock (1979) war verständlicher: Ein zorniges Gesicht ist etwas ganz Widernatürliches; wenn die Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt auch die freundliche Miene ganz, so daß sie gar nicht wieder aufgeheitert werden kann. Schon dadurch finde ich es begreif-

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