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Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

379 und gehen bei Di

379 und gehen bei Di Meola 2003; vgl. Wittgenstein 1994, 195 § 5 zu „Schmerz“). Von Leonardo da Vinci wird überliefert, einmal sei ein „nibbio“ (bei Leonardo „nibio“) auf ihn zugeflogen, als er als kleines Kind in der Wiege lag. Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio destino, perche nella mia prima ricordatione della mia infantia e mi parea che essendo io in culla, che un nibio venissi a me e mi aprissi la bocca colla sua coda e molte volte mi percuotesse con tal coda dentro alle labbra. (zit. n. Freud Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci [1910] 1999, Bd. 8, 150 1 ) 274 Es geht um die Bestimmung des Greifvogels, den Leonardo „nibio“ (heute „nibbio“) nennt. Freud (ib. 150) übersetzt „Geier“. Er „hatte deutsche Übersetzungen von Leonardos Notizbüchern benutzt, in denen nibbio fälschlich mit ‚Geier‘ wiedergegeben wird statt mit ‚Milan‘. […] Aber obwohl es im höchsten Grade wahrscheinlich ist, daß Freud auf die Fehlübersetzung ‚Geier‘ statt ‚Milan‘ aufmerksam gemacht wurde, korrigierte er sie nie.“ (Gay/Frank 1999, 310f) Bei Übersetzern von Freuds Werken ins Französische entstand ein Streit darüber, welcher Vogel tatsächlich gemeint gewesen sein könnte, denn in anderen Gesellschaften mit anderen volkstümlichen Benennungen und damit Klassenbildungen konnte ein Miß- oder Unverständnis entstehen, weil Freud die Geschichte und darin den Vogel psychoanalytisch ausdeutete (vgl. auch Arrojo 1993, 35-50). Hierauf will ich nicht näher eingehen. Mir geht es um die Vagheit der Nomenklatur. Freud übersetzte „nibbio“ in seiner Abhandlung über da Vinci also mit „Geier“. Auf die Vorhaltung hin, das sei falsch, merkte er in einer Fußnote (ib. 151 1 ) an, „Der große Vogel brauchte ja gerade kein Geier gewesen zu sein. Ich will dies gerne zugestehen […].“ Freud war Laie auf dem Gebiet der Vogelkunde. Jedenfalls beschreibt er den Fall, als habe es sich um einen Greifvogel der Familie Aquilinae („Geier“) und nicht der Familie Circus („Weihe“) oder Milvus („Milan“) gehandelt. Gay/Frank (1999, 307) begründet Freuds Entscheidung: Freud verwendete ein gut Teil Gelehrsamkeit auf den Vogel […]. Im alten Ägypten war, was Leonardo gewußt haben könnte, der Geier eine Hieroglyphe für „Mutter“. Mehr noch, der christlichen Legende nach, die ihm eben- 274 „Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.“ (Freud Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 1999, Bd. 8, 150)

falls zugänglich war, ist der Geier ein Vogel, der nur als Weibchen vorkommt, als poetisches Symbol für die jungfräuliche Geburt wird er vom Wind befruchtet. 380 (Vgl. auch Freud Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 1999, Bd. 8, 158-160.) – Bei Gardiner (1964, 467-469) wird die Hieroglyphe G1 A als “Egyptian vulture (Neophron percnopterus)” und “[o]ften indistinguishable from” G4 A “the long-legged buzzard (Buteo ferox)” angeführt. Ähnlich sieht die Hieroglyphe G5 M “falcon (exact species not determined)” aus. Eine weitere deutlich abweichende Hieroglyphe wird als “vulture (Gyps fulvus)” unter G14 angeführt, die deutlich als „Aasgeier“ identifizierbar ist. An diese makabre Spezies denkt ein Deutschsprachiger zumeist, wenn von Geiern die Rede ist. Wörterbücher sind unheilbar unzuverlässig. Sacerdote (1905) gibt „nebbio“ mit „Hühnergeier“ wieder; im deutsch-italienischen Teil taucht das Lemma nicht auf; „nibbio“ findet sich unter „Weih“ [sic]. Im DUW kommt „Hühnergeier“ nicht vor, wohl aber „Hühnerhabicht“. Bei „Weihe“ wird als Merkmal der lange Schwanz angeführt. Rigutini + Bulle (1896) übersetzen „nibbio“ in einem längeren Abschnitt mit „Hühnergeier (Astur polumbarius)“; „nibbio reale“ als „Gabelweihe, roter Milan, Furkligeier (Milvus regalis)“ usw. Im deutsch-italienischen Teil von Bulle + Rigutini (1900) wird bei „Hühneraar“ auf „Hühnergeier“ verwiesen: „nibbio (Astur polumbarius)“; zudem kommt „Hühnerhabicht“ als „nibbio nero (Milvus ater)“ vor. Zu „Weihe“ (nibbio; Milvus) wird auch auf „Gabelweihe“ und „Kornweihe“ verwiesen. Giovannelli + Frenzel (1972) kennen für „nibbio“ Hühnergeier und Gabelweihe, und bei Frenzel + Frenzel + Macchi (1982) liest man unter „Geier“ avvoltoio, „Geierfalke“ girifalco; „Hühnergeier“ kommt nicht vor, „Hühnerhabicht“ heißt dort astore. Sansoni kennt für „nibbio“ nur „Gabelweihe“. Arrojo (1993) übersetzt „Geier“ in ihr portugiesisches „abutre“, d. h. volkstümlich „Aasgeier“, lat. vultur, vulturius. Als Tagvögel gehören alle genannten Tiere zu den Accipitres. – Es wird wohl einsichtig, daß Freud den wirklich gemeinten Vogel nur hätte herausfinden können, wenn er Leonardo da Vinci persönlich befragt hätte; aber der hätte ihm mit Sicherheit auch keine stichfeste Auskunft geben können. Selbst ein heutiger Ornithologe hätte gezweifelt, wenn er den verschwommenen Traum gesehen hätte – aber vielleicht war da gar kein Traum, nur da Vincis vermeintliche Erinnerung. Die Frage, was man denn tue, wenn man spricht, scheint naiv zu sein. Die übliche Antwort wird wahrscheinlich lauten, „sprechen“ heiße, etwas, das andere hören und evtl. verstehen sollen, in einer gegebenen Sprache, z. B. auf Deutsch, zu äußern. Analog kann von schreiben gesprochen werden. –

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