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Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

409 „International

409 „International Phonetic Association“). An Hand der Merkmale werden Phoneme in Oppositionen klassifiziert. – Beispiel: Der Laut [b] (Phone werden in eckige Klammern gestellt, Phoneme zwischen zwei Schrägstriche: /b/) wird gebildet, indem die Lippen (und der Nasenraum) geschlossen werden und bei Öffnung des Lippenverschlusses die durch das Schwingen der Stimmbänder im Kehlkopf manipulierte Luft ausströmt. Für das menschliche Gehör entsteht ein „Stimmton“. [b] ist ein durch Lippen- und Nasenverschluß gebildeter sog. „Bilabial“, d. h. mit beiden Lippe gebildeter Laut (vs. [f] als „Labiodental“, d. h. durch Anlegen der oberen Zahnreihe auf die Unterlippe, so daß die Atemluft ‚hinausgequetscht‘ wird; zu Einzelheiten vgl. die API). Wird der Nasenraum nicht geschlossen, so daß die Luft durch die Nase entweichen kann, entsteht im erstgenannten Fall der Laut [m]. Die Öffnung eines Schlusses nennt man „Plosion“. Das Phonem /b/ ist ein „stimmhafter bilabialer Plosiv“ (selten […] „Explosiv“, früher auch […] „Okklusiv“ genannt). In manchen Sprachen gibt es auch einen bilabialen stimmhaften Implosiv [∫], bei dessen Realisierung der Kehlkopf gesenkt wird, so daß im Mundraum ein Unterdruck entsteht und beim Öffnen der Lippen Luft ein- statt austritt (vgl. oben das b in „Tojolabal“). Das Phonem /b/ steht „in Opposition“ zum bilabialen stimmlosen Plosiv /p/ gleicher Bildungsstelle. – Vgl. frz. pot [po]. Der phonetische (!) Unterschied zwischen frz. pot [po] und dt. Pott [p h Ot h ] liegt u. a. darin, daß das dt. /p/ leicht behaucht („aspiriert“) gesprochen wird. In nordindischen Sprachen gibt es eine phonemische, also bedeutungsunterscheidende Opposition zwischen nicht aspiriertem /p/ und aspiriertem /ph/ (vgl. das Altgriech. [π vs. φ]. In süddeutschen Dialekten verschwindet die Opposition zwischen /b/ und /p/; es wird ein stimmhafter „Lenisplosiv“ [b9] mittwegs zwischen [b] und [p] gebildet. Der Lippenverschluß beim /b/ steht u. a. in Opposition zu einem Laut, der die Schließung des Mund- und Nasenraums durch das Anlegen der Zungenspitze an die Oberzähne bildet, z. B. dem stimmhaften dentalen Plosiv [d]. Das Phonem (/d/) wird, u. a. in den romanischen Sprachen, gebildet, indem die Zungenspitze die untere Kante der oberen Schneidezähne berührt und dadurch den Luftstrom hemmt. In den germanischen Sprachen, z. B. dem Dt. und Engl., wird dieser Plosiv als „Alveolar“ erzeugt, indem die Zungenspitze an der Grenze zwischen der Oberkante der Zähne und dem Zahnfleisch, den sog. „Alveolen“, angelegt wird. Das gleiche gilt für die stimmlosen Phoneme, also [t] bzw. [t h ]. Auch hier kennen nordindische Sprachen eine phonematische Opposition zwischen [t] und [t°h], [d] und [d°h] sowie den „Retroflexen“ [ˇ] und [ˇ°h] sowie [Î] und [ΰÓ]. Retroflexe werden mit zum Gaumendach

410 zurückgebogener Zunge artikuliert. Graphisch werden Retroflexe bei Gebrauch des lat. Alphabets häufig mit untergesetztem Punkt bezeichnet: /t/ usw. Genau genommen kann man Plosive nicht hören. Bei einem [b] hört man den Lippenverschluß, also das ‚eigentliche‘ [b] nicht. Man hört die plötzliche Öffnung. Dabei entsteht ein flüchtiger Vokal (meist [ ə ]). Das Ausströmen der Luft klingt aber deutlich anders als das Ausströmen bei anderen Plosiven, z. B. dem „verlaren“ [g]. – Die Beispiele zeigen, daß die Grenze zwischen Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit sozusagen räumlichhorizontal innerhalb der Artikulation liegt. – Ähnliches gilt für die lat. Buchstabenschrift. Man kann die Buchstaben (Graphen bzw. Grapheme), z. B. des lateinischen Alphabets, nach Merkmalen wie Strichen, Kreisen, Bögen und ihren räumlichen Relationen zueinander analysieren (vgl. die Komplexität des Buchstabens g; vgl. in dieser Hinsicht auch die chinesischen Schriftzeichen und die ägyptischen Hieroglyphen). – Die Grenze zwischen packe und backe liegt ‚vertikal‘ in der unterschiedlichen Höhe der Anfangsstriche des ersten Buchstabens der beiden Wörter ( | | ). Auf diese Weise kann ein ganzer Satz durch Änderung der Strichhöhe eine andere Bedeutung bekommen. Bei aktueller Aussprache spielen weitere Unterschiede eine Rolle. So sorgen hier, ähnlich wie bei der Handschrift, emotionale, situationelle usw. Unterschiede für weitere Abgrenzungen (vgl. Robinson 1991, 4f; vgl. auch die Satzzeichen). – In norddeutscher Aussprache gibt es im Gegensatz zur Verschriftung keine vokalisch anlautenden Wörter! Solche Wörter lauten mit einem sog. „Knacklaut“ an, einem Glottisverschluß, meist als [’] oder [/] dargestellt. Dieser Laut wird in der Verschriftung nicht ausgedrückt, weshalb die meisten Sprecher (auch Phonetiker!) ihn gar nicht bemerken. Er wird nicht geschrieben, weil die Griechen (und später die Römer) diesen Laut nicht kannten. Das Symbol für ihn in der Schreibung semitischer Sprachen war ursprünglich ein Ochenkopf Weil das Wort hierfür mit diesem Knacklaut begann, erhielt das Schriftsymbol seinen Namen Alpha. Die Griechen verwandten das Zeichen zur Bezeichnung des [a]-Lauts. Im Laufe der Zeit wurde das Zeichen um etwas mehr als 45° gedreht. Die vorstehenden Aussagen zeigen schon auf der Grundebene der Laute und Buchstaben, daß Mündlichkeit und Schriftlichkeit wesentlich unterschieden sind und zu unterschiedlichen Textemen führen. Der Verschriftung fehlt weithin der Ausdruck von Emotionen (doch vgl. die unsicheren oder ‚wütenden‘ Schriftzüge der Handschrift; vgl. auch die Satzzeichen; natürlich auch explizite sprachliche Niederschrift, z. B. von Flüchen).

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