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Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

425 Ganz tief unten

425 Ganz tief unten herrscht die Sensitivität (s. oben), eine energetische Kraft, die bei höheren Organismen zu einem (physisch-neuronalen) Trieb („drive“) oder, falls man dieses Wort, weil bereits andersweitig gebraucht, hier nicht anwenden möchte, zu einem Drang, einem Bedürfnis, evtl. der libido in C. G. Jungs Sinn, bis zu einer „Motivation“ 299 zu einer Handlung werden kann. – Hunger treibt den Menschen zu dem unbewußten und schließlich bewußten Wunsch, seinen Hunger zu stillen; der Wunsch kann, übermächtig geworden, in Gewalt ausarten; er drängt zur Erfüllung, führt zu einer Funktion, die weitere Handlungen in Gang setzt, z. B. die Intention, einkaufen zu gehen. Daraus erfolgt u. U. eine Handlung: der Gang zum Laden usw. – Die zahlreichen, hier erwähnten Ausdrücke zeigen die Komplexität der Entwicklung von einer Situation, die als ‚Bedarf‘ empfunden wird, 300 bis zur Handlung, ihn zu stillen oder ihm entgegenzuarbeiten (vgl. Verzicht usw.). Zwischen jedem Schritt steht eine Interpretation, also Translation, des vorhergehenden Phänomens (… – Trieb – Wunsch – …). – Auch Funktionen haben ihre Funktionen. Funktionen zeigen sich oft indirekt oder in einem vermeintlich gegenteiligen Verhalten (vgl. Märtyrer, Fakire, Sadhus usw.) [I]f we want to understand why a peasant family buys a second yoke of oxen after the harvest, on the grounds that they will be needed for trading out the grain of an allegedly plentiful crop, only to sell the oxen before the autumn ploughing when they would technically be most useful, we have to appreciate that the purchase of the oxen is a way of augmenting the family’s symbolic capital in the late summer when marriages are negotiated. (Thompson 1992, 15, nach Bourdieu) Durch die kulturelle Überformung des Beobachters und seiner Beobachtung werden Form, Funktion und die Relation Form – Funktion an gesellschaftliche Gewohnheiten angepaßt. Seit langem wird versucht, „Bedeutung“ 301 (allmählich) durch Funktion zu ersetzen (vgl. schon in gewissem Sinn Martinet 1962; Nida + Taber 299 Zu Trieb, Instinkt usw. bei Freud und Nietzsche vgl. Assoun (1980, 83-112); zu bewußt vs. unbewußt ib. (170-186). 300 Argyle (1994, 1) will “at least seven different drives” erkennen. Unter “drive” versteht er “a persistent tendency to seek certain goals” in einem Individuum, wobei jeder “drive” weiter unterteilt werden kann. Sechs von diesen “drives” sind auch bei Tieren festgestellt worden, z. B. der Trieb zum Aufbau von Beziehungen (vgl. den Herdentrieb, die Nachbarschaftshilfe, das Dominanz- oder Überlegenheitsstreben, auch die vielfältig ‚begründbare‘ Aggression usw.; vgl. ib. 3-21). Es kommen weitere soziale Triebe hinzu, die beim Menschen als sozio-kulturelle Motivationen in Erscheinung treten. 301 Vermeer (2006b, 34-57) muß revidiert werden.

426 1969 sprachen von „dynamic equivalence“, das zumindest teilweise funktional gedeutet werden kann). Es gibt indefinit viele Funktionen, auch für einen (Text-)Fall. Es gibt informative, appellative, operative, phatische, …, rationale, emotionale, evaluative, assoziative, …, sach-, fach- und belletristische, …, realistische und fiktive usw. Funktionen. Sie können auf verschiedene Weisen unterteilt und benannt werdem (vgl. das Beispiel „Es regnet“). Es gibt textimmanente und ­externe, situationelle, dispositionelle, idio-, dia- und parakulturelle, … Einschränkungen. Ein Text, Satz oder Wort usw., allgemein: jede Handlung, z. B. die Hand ausstrecken, um auf etwas zu zeigen, oder einen Satz äußern, um jemandem etwas mitzuteilen, besteht in gegebener Situation aus einer u. U. sehr komplexen Form und einer oder mehreren Funktionen. Funktion bedeutet, ein Phänomen für jemanden einem Ziel so zuführen zu wollen, [1] wie der Produzent es intendiert und der Rezipient es nach Meinung des Produzenten verstehen kann, oder [2] wie der Rezipient es für richtig hält. (Die Unterscheidung entspricht dem Unterschied von retrospektiver Äquivalenz- und prospektiver funktionaler Translatin.) Die Holistik der Aufforderung kann nicht weitergegeben werden; sie bleibt individuell die des Produzenten bzw. Rezipienten. Die Kluft zwischen den beiden Betroffenen bleibt unüberbrückbar. (Vgl. aber die kulturelle Überformung allen Verhaltens, die Annäherung ermöglichen kann.) Eine Unterlassung ist ein negatives Tun, ein Nicht-Tun. Die Funktion eines Verhaltens (Tuns, Handelns) wird oft nicht ausdrücklich angekündigt. Es gibt keine Möglichkeit, die Selbigkeit einer intendierten und einer rezipienten Funktion nachzuweisen. Wenn jemand sich in einer bestimmten Weise verhalten, etwas Bestimmtes tun und auf eine bestimmte Weise handeln will, nimmt er sich bewußt oder unbewußt einen Zweck und ein Ziel („Skopos“), kurz: eine „Funktion“ vor, eine „causa finalis“, wie es im Anschluß an Aristoteles in der mittelalterlichen Philosophie hieß. Wer etwas mündlich oder schriftlich äußert, äußert seinen „Text“ im Hinblick auf dessen intendierte Funktion hin. (Auch eine Lüge hat eine Funktion.) Im Laufe einer komplexen Handlung können Funktionen geändert werden. Ein Produzent intendiert mit seinem Textem (genauer: mit der Rezeption eines Texts durch einen Rezipienten) eine Funktion oder deren mehrere. Analog ergeht es dem Rezipienten: Er vermutet hinter einem Textem eine intendierte Funktion (oder deren mehrere) und versucht (möglicherweise) dieser Funktion durch eine Rezeption des für ihn aus dem Textem entstehenden Texts auf die Spur zu kommen. Er kann seinem Text aber auch von vornherein oder im Laufe der Rezeption eine andere Funktion, evtl. zu anderem Gebrauch, zuerkennen.

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