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Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

Teil 2 Grenzen ausloten Terminologische Skizzen

441 tes Phänomen als

441 tes Phänomen als einem ersten ähnlich wahrgenommen wird, es auch gleich benannt wird. Oben habe ich physikalische Schwingungen als energetisch (funktional) ‚aufgeladene‘ Phänomene erwähnt. Menschliche Erkenntnis geht von Formen aus. Ein Element einer Sprache existiert zunächst als Form. Erkenntnisfähigkeit ist angeboren und im visuellen Bereich besonders gut ausgebildet. Im Gebrauch wird einer Form eine Funktion zuerkannt. Die Zuerkennung einer möglichen Funktion zu einer Form muß erlernt werden. – Mit „Baum“ werden Holzgewächse mit Stamm und Blättern oder Nadeln benannt (vgl. DUW). 312 Denn jedes einzelne [quasimomentane] Sein des Bewußtseins hat eben nur dadurch seine Bestimmtheit, daß in ihm zugleich das [überindividuell-allgemeine] Bewußtseinsganze in irgendeiner Form mitgesetzt und repräsentiert wird. (Cassirer [1932] 2001, 31) Das Bewußtseinselement verhält sich zum Bewußtseinsganzen nicht wie ein extensiver Teil zur Summe der Teile, sondern wie ein Differential zu seinem Integral. (ib. 39) Der Translator, der „Pferd“ und „horse“ für äquivalent hält, übersetzt den für die intendierten Rezipienten ≥ 1 angeblich zutreffenden kleinsten gemeinsamen Teiler. Der Translator, der funktional zu übersetzen versucht, versucht mit einer Translation den kulturspezifisch höchsterreichbaren gemeinsamen Teiler zu treffen. – Der mittelalterliche Realist hatte mit seiner Äquivalenztheorie soweit recht, wie sie reichte (im doppelten Sinn des Er- und Ausreichens). Der Nominalist hatte mit seiner funktionalen (vgl. das ens intentionale) Theorie auf seine Weise ebenfalls recht und hätte behaupten können, sie reiche weiter und besser aus. Was beide nicht erreichten, war die (transzendentale?) „Idee“ eines Phänomens. Der Mensch gelangte nur bis zu einem sprachspezifischen) „Begriff“. Deshalb suchten die Mystiker die Metapher (vgl. Köbele 1993) oder das Schweigen. Eine Theorie kann erst wieder durch eine Theorie in eine Praxis umgesetzt werden (ib. 32). Ein Begriff entsteht durch Gleichsetzung des Nicht- Gleichen. (Vgl. Nietzsche Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1873] 1999, Bd. 1, 879f.) Der Gebrauch eines Phänomens, z. B. eines Worts, als Benennung für einen Begriff schafft im selben Moment 312 Das DUW definiert „Holzgewächs mit festem Stamm, aus dem Äste wachsen, die sich in laub- od. nadeltragende Zweige teilen“. Dann würden Palmen wie im mittelalterlichen Südindien keine Bäume sein (vgl. Vermeer 1996d, 314).

442 den Begriff eines Begriffs usw. ad infinitum. – In „Doctor Dolittle’s Circus“ und anderen Büchern von Hugh Lofting tritt ein ein „Pushmi- Pullyu“ („Stoßmich-Ziehdich“) auf. Schon ist ein Begriff benannt und dadurch entstanden. Sammelausdrücke bilden eine Sprache. „Sprache“ (im allgemeinen Sinn von Saussures langage „Sprachfähigkeit“) und (Einzel-)Sprache (Saussures langue) sind selbst Begriffe. Auch „Kultur“ als Bezeichnung einer Regelmenge für gesellschaftliches (soziales) Verhalten, d. h. als Regulativ für das Verhalten von Individuen ist ein Begriff (Klassenname). – Cassirer ([1932) 2001, 15) spricht von Begriffen als „Scheinbilder[n]“, „denen in den sinnlichen Daten selbst unmmittelbar nichts entspricht“, und postuliert deswegen, die Wissenschaft müsse sich von den „sinnlichen Eindrücken“ abwenden. – Eine „Zahl“, z. B. 4, bezieht sich als Zahl auf die Klasse und nicht auf das hier geschriebene Individuum „4“. Wird eine Zahl als ‚Gegenstand‘ gemeint, sagt man „Ziffer“. Zahlen treten als Begriffe auf und werden durch Ziffern repräsentiert. Man sagt nicht: Diese Ziffer 4 (die ich hier als Individuum hingeschrieben habe) ergibt mit zwei multipliziert acht. Man kann keine Ziffern multiplizieren. Zahlen lassen sich nicht auf andere Systeme hin verallgemeinern, wie z. B. Frege und Wittgenstein es versuchten (vgl. aber Hofstadter 1979). Ziffern können in verschiedenen Systemen gebraucht werden. (Man spricht trotzdem von „Zahlzeichen“.) Der Irrtum, das Allgemeine an die erste und höchste Stelle zu setzen, ist alt. Er findet sich bereits bei Heraklit (~ 544 – 484 v. Chr.), wenn er begründet, warum man dem Gemeinsamen (τι κοινι) folgen müsse: το λγου δ ντος ξυνο ζώουσιν ο πολλο ς δίαν χοντες φρνησιν. Aber obschon der Sinn gemeinsam ist, leben die Vielen, als hätten sie eine eigene Einsicht. (Diels + Kranz 1996.1, 151, B.2 [92]; vgl. auch Stemich Huber 1996, 82) Nicht erst seit Platon und Aristoteles sucht die Philosophie das Allgemein- Eine. In der christlichen Philosophie wurde das Allgemeine als ‚näher‘ zu Gott, dem Einen, verstanden. William of Ockham (Occam; 1270-1347; s. Nominalismus) sprach sich gegen diese Entwicklung aus. Für ihn gibt es real nur Individua; Generalia sind Gedankenphänomene. Das Mittelalter versträrkte die Meinung, das Allgemeine sei (im wahren Wort) ‚vor-rangig‘ vor dem Einzelnen; es gehe vom Intellekt (νος) aus (vgl. z. B. Dietrich von Freiberg um 1300; vgl. Flasch 2007). Die aus dem Allgemeinen emergierten bzw. zu Generalia sublimierten Ideen galten „als [selbst unwandelbare und ewige] Modelle und in gewisser Weise als Ursa-

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