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Was ist populäre Literatur? Westliche Konzeptionen von „hoher” und ...

Was ist populäre Literatur? Westliche Konzeptionen von „hoher” und ...

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10 e Antwort auf den sich seit der Aufklärung vollziehenden Modernisierungsprozeß der Literatur und als Ausdruck der inneren Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft gesehen. Auch in Rußland hat diese Dichotomisierung stattgefunden. Sie verlief allerdings in vielem anders als in Westeuropa. In den letzten zehn Jahren sind eine Reihe von historischen und -soziologischen Untersuchungen zur Professionalisierung und Institutionalisierung der russischen Literatur und zur Entwicklung der Lesekultur erschienen, aus denen man erkennt, wie tief die Kluft zwischen der literarischen Elite der schöpferischen Intelligenz und den breiten Leserschichten einerseits und der Masse der weitgehend analphabetischen Bevölkerung andererseits in Rußland war. Diese Bedingungen beeinflußten natürlich auch das Verhältnis zwischen Volks- und moderner Massenliteratur und -kultur im 20. Jahrhundert. Was war populäre Literatur im sowjetischen Russland? In der Sowjetzeit war massenhaft produzierte Literatur nicht identisch mit populärer Literatur, weil die Produktion, Publikation und Verbreitung von Literatur ohne Rücksicht auf die Interessen der Leser staatlich geplant und zentral organisiert wurde. Massenliteratur war auch nicht gleichbedeutend mit Bestsellern, da der Buchmarkt nicht in erster Linie nach ökonomischen Prinzipien oder kommerziellen Interessen funktionierte. Aber ebenso wenig kann man das Gegenteil behaupten, wie es nicht selten von westlichen und russischen Intellektuellen getan wird: wirklich populär waren keineswegs nur Autoren, die anspruchsvolle defizitäre Literatur aus einer systemkritischen Grundhaltung heraus schrieben, ganz gleich, ob dies offen oder subversiv geschah, sondern wirklich populär waren auch offiziell anerkannte Autoren der literarischen Nomenklatur. Einer der Gründe für das paradoxe Verhältnis zwischen „hoher“ und „niederer“ Literatur, worin sie sich von westlichen kulturellen Kontexten unterschied, ist wohl darin zu sehen, daß die Dichotomie zwischen hoher und niederer Literatur, zwischen elitärer und Volksliteratur nach der Revolution von 1917 offiziell abgeschafft worden war. Viele Bücher frühsowjetischer Massenliteratur, die eine neue populäre Literatur begründen sollten, waren jedoch Produkte von Angehörigen der literarischen Intelligenz für das Volk, die von den breiten Leserschichten nicht angenommen wurden. Dazu gehörten ebenso Romane proletarischer Schriftsteller wie die Versuche von Angehörigen der Avantgarde, wie M. Šaginian und A. Krucenych, kommunistische Kriminalromane zu schreiben. Das Projekt der sogenannten roten „Pinkertonovšcina“ war zum Scheitern verurteilt. Seit den frühen 30er Jahren mußte jeder sowjetische Autor, wenn er publiziert werden wollte, seine Werke als „narodnyj“

11 im Sinne von „obšcedostupnyj“ und „massenverständlich/ponjatnyj“ legitimieren, sowohl in Bezug auf die Themen als auch auf die Darstellungsweisen und den ideologischen Gehalt. Während der Stalinzeit mußten die Schriftsteller sogar öffentlich Rechenschaft ablegen über ihre Erfolge, ihre laufende Arbeit und über zukünftige Pläne. Die Masse, „der Leser“, wurde zum symbolischen Druckmittel für viele Autoren, und dies bewirkte auf lange Sicht bei vielen eine Ablehnung gegenüber jeglicher populärer, massenwirksamer Literatur. Trotz der propagierten Abschaffung der Kluft zwischen hoher und niederer Literatur blieb die Dichotomie aber immer weiter bestehen, und auf jeder der verschiedenen Ebenen der Hierarchie gab es eigene Favoriten, bildete sich ein eigener Kanon. Wenn man den sozialistischen Realismus als eine normative Poetik versteht, deren System und Darstellungsverfahren im wesentlichen mit den Merkmalen der Trivial- oder Formelliteratur übereinstimmt, so muß man feststellen, daß in der Sowjetunion Trivialliteratur in den - offiziellen - Kanon aufgenommen wurde, während in westlichen Ländern Trivialliteratur gerade als nicht- kanonisierte Literatur definiert wird. Obwohl sich also das Verhältnis zwischen hoher und niederer Literatur in der Sowjetunion in mancher Hinsicht von dem in westlichen Kulturen unterschied, gab es doch auch Parallelen zwischen Ost und West. So läßt sich die These, daß das Populäre immer ein Konfliktfeld widerstreitender Interessen und Machtansprüche und ihrer jeweiligen Träger ist, auch für die sowjetische Literatur belegen. Als Beispiel möchte ich zwei Romane aus der früh- und hochstalinistischen Zeit anführen: N. Ostrovskijs „Kak zakaljalas’ stal’“ und V. Ažaevs „Daleko ot Moskvy“. 13 Die Entstehungsgeschichte beider Werke zeigt, daß ihre Produktion sowohl die Arbeit eines individuellen Autors als auch das Ergebnis kollektiver Modellierung durch zahlreiche Redakteure war. Beide Romane waren ursprünglich autobiographische Texte mit überwiegend dokumentarischem Charakter. Ihre Autoren waren keine professionellen Schriftsteller und stammten nicht aus dem Kreis der literarischen Intelligenz. Entsprechend enthielten die Texte zunächst eine Reihe von Ecken und Kanten, kontroverse Elemente und nonkonformistische Details, die den ideologischen Richtlinien der Literaturpolitik widersprachen. Im Verlauf ihrer Redigierung wurden die Romane zu jenen preisgekrönten Mustertexten, die dann für Jahrzehnte als Modelle für die Prosa des sozialistischen Realismus dienten. Beide Romane waren außerordentlich populär, als sie zum ersten 13 Ich stütze mich besonders auf zwei Untersuchungen: A. Guski: N. Ostrovskijs „Kak zakaljalas’ stal’“ - biographisches Dokument oder sozialistisch-realistisches Romanepos? In: Zeitschrift für slavische Philologie XLII (1981), S. 116-145; Th. Lahusen: How Life Writes the Book. Real Socialism and Socialist Realism in Stalin’s Russia, Ithaka 1997.

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