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der schiefe Turm zu Babel - Fachbereich Translations-, Sprach- und ...

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BA/MA-Studiengänge 2

BA/MA-Studiengänge 2 Symposium Germersheim 2004 Sigrid Kupsch-Losereit bedeckte ein frischer weißer Schleier, kaum mehr als zwei Finger hoch, den Boden.“ 2 Diese Über- setzung ist genial, gibt es doch bei uns keine schönen Novembermorgen und schon gar nicht gegen Ende des Monats. Die Szene, die wir haben, sieht eher nach trüben kalten Regen- und Nebelmorgen aus. Um also den Eindruck aus der Textvorlage zu übermitteln, übersetzte Kroeber ‘klarer spätherbstlicher Morgen’, ergänzt den velo fresco zu ‘frischer weißer Schleier’ und aus den non più alto di tre dita, was logisch gesehen weniger als drei Fingerbreiten sind, wurden in der deutschen scene ‘kaum mehr als zwei Finger hoch’. Dieses Beispiel zeigt, dass der Übersetzer nicht von der Grundbedeutung eines Wortes-an-sich ausgeht – bella oder mattina oder tre – , sondern von prototypischen, repräsentativen Bedeutungsstrukturen. Kognitive Semantik nimmt nicht nur das sprachliche Material als permanenten Ausgangs- und Zielpunkt methodischer Reflexion, sondern bezieht den Sprachbenutzer mit ein 3 ., der die jeweils aktuelle Beziehung zwischen Sprache, konzeptuellem Weltwissen und konkreter Situation herstellt, eben scenes und frames erstellt. Mit einem weiteren Beispiele leite ich über zu Punkt 2. 2. Außersprachliches Kultur und Sachwissen (Dazu gehört das Wissen um Geschichte, Gesellschaft, Politik, Literatur, Alltagshandeln und den angeboteten Sachfächern: Wirtschaft, Recht, Medizin etc.) Es handelt sich um die Übersetzung eines spezifischen Schultyps in Frankreich, dem fr. collège. Je nach ZT-Funktion – Information für Kultusbehörden, Schulleiter oder Zeitungsleser etc. – und Vorwissen des deutschen Lesers kann sie lauten: ‘Sekundarschule’ oder ‘weiterführende Schule’ oderder nach einer fünfjährigen Grundschule von allen französischen Schülern besuchte vierjährige 1. Zyklus einer collège genannten Sekundarschule’. 4 Eine Lösung für die Übersetzung von soziokulturellen Realia bietet hier eine kompensatorische zielsprachliche Vertextung, die als Paraphrase, Kommentierung oder Fußnotenanmerkung möglich ist. In einem Text zu den Mai-Ereignissen 1 Vgl. die beispielhaften Untersuchungen der kognitiv und sprachlich unterschiedlichen Verarbeitung von Farbwahrnehmungen in den verschiedenen Kulturen von Ellis/Young 1991 und Lakoff 1987. 2 Eco, Umberto (1980), Il nome della rosa, Milano, 29. (Deutsche Übersetzung von Kroeber, Burkhart (1982), Der Na- me der Rose, München, 31.) 3 Vgl. dazu die Beispiele zur unterschiedlichen Konzeptualisierung sprachlicher Ausdrücke in Kupsch-Losereit 1997: 216-221. 4 Ein Paradebeispiel für unterschiedliche Konzeptualisierung im Französischen und Deutschen sind die Termini fr. ‘école laïque’ und ‘enseignement laïque’. Mit diesen Termini können die Studierenden begrifflich meist nichts anfangen, kein kulturelles Wissen aktivieren. Dies gelingt erst, wenn das vom Franzosen implizit Mitgedachte, also ein framing durchgeführt wird. Die ‘école laïque’ ist in Frankreich immer eine ‘école publique’. Der ‘école publique’ steht im Französischen antonymisch die ‘école privée’ gegenüber, auch sie wird quasi implizit mitgedacht. Der Gegensatz im Französischen ist aber nicht ‘öffentlich' vs. ‘privat’ wie im Deutschen, sondern ‘laizistisch staatlich’ vs. ‘konfessionell gebunden’. Um Verstehen zu ermöglichen, lautet die Übersetzung von ‘école laïque’ daher ‘staatliche Schule’ und die von ‘école privée’ ‘Konfessionsschule’. Um also hier durch eigenkulturell geprägte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster keine Verständnis- und damit Kommunikationsprobleme entstehen zu lassen, wurden während des Übersetzens Verstehenshilfen formuliert. Das dem AT- und ZT-Leser gemeinsame Vorverständnis ist für eine erfolgreiche Referenz unerlässlich.

BA/MA-Studiengänge 3 Symposium Germersheim 2004 Sigrid Kupsch-Losereit von 1968 spricht Sartre von ‘les matraques de la rue Gay-Lussac’ 5 . Während der französische Leser diesen Text versteht, muss dem deutschen Leser die Integration des neuen in sein vorhandenes Wis- sen zu einem sinnvollen Ganzen erst ermöglicht werden. Die ersten Vorschläge ‘Die Schläge mit den Knüppeln in der Rue Gay-Lussac’ schienen den Studierenden zu Recht unverständlich. Im Übersetzungsprozess wurden dann für die Studierenden zwei Ebenen relevant: die sprachliche und die kognitive d.i. hier die Vervollständigung des Wissens durch Inferenzen, durch Einbeziehen au- ßersprachlichen Wissens. Daraus ergaben sich folgende Formulierungen: (1) ‘Die Knüppelei in der Rue Gay-Lussac’ (2) ‘Das harte Zuschlagen der kasernierten Polizei/Sondereinheiten der Polizei am 10. Mai 68 im Quartier Latin’ 6 Ein weiteres Problem stellt das Interaktionswissen dar, das Wissen um soziales Verhalten in bestimmten Situationen. 7 3. Kommunikativ-prozedurales Wissen Das kommunikativ-prozedurale Wissen umfasst die Kenntnisse, die der Translator von den spezifischen gesellschaftlichen Normen, Konventionen, Traditionen, sozialen Rollen, Erfahrungen, Wertvorstellungen sowie den Umgangsformen hat. Es umfasst auch die für die Kommunikation relevanten unterschiedlichen Sprachkonventionen bei vergleichbarer Situation des Alltaglebens: Höflichkeitsformeln 8 , Gesprächsführung, Arzt-, Bibliotheks-, Geschäftsbesuch, Telefongespräche, etc., also das Interaktionswissen. Dieses Interaktionswissen umfasst die Verhaltens- und Kommunikationskonstellationen von Part- nern und Situationen und die entsprechenden Sprachhandlungsmuster. Sprechakte wie: bitten, for- dern, befehlen, entschuldigen, Erklärungen abgeben, empfehlen, abraten, grüßen, argumentieren oder verhandeln sind konventional üblich und an soziale Subjekte und Voraussetzungen gebunden. 9 Es ist daher wichtig, kulturspezifische Kontraste einzelner diskurspragmatischer Aspekte, z.B. An- redeverhalten, Sprecherwechsel, Gesprächsführung, Verhandlungsstil, Begrüßungs- und Abschieds- 5 Le Nouvel Observateur 4. November 1968. 6 Ein letztes, besonders amüsantes Beispiel findet sich in einem Zeitungstext zur Geschichte Elsaß-Lothringens. Dort heißt es: „L’Alsace fut d’abord celtique comme il était le reste de la ‘Gaule chevelue’ au temps des Gaulois indépendants“ (L’Express 13. Juli 1995). Keiner der Studierenden konnte mit seinem historischen Wissen oder aufgrund des Kontextes den Ausdruck ‘la Gaule chevelue’ im Deutschen benennen. Die z.T. grotesken Übersetzungen wie ‘das restliche langhaarige Gallien’ oder ‘das übrige behaarte Gallien’ konnten durch die strategische Rekonstruktion eines mentalen Modells, das auf bottom-up und top-down Prozessen beruht, langsam korrigiert werden. Wohlgemerkt: Diese Rekonstruktion besteht nicht in einer Folge festgelegter Schritte, sondern darin, daß Inferenzen hergestellt und Integrations-Techniken bewußt gemacht werden 6 . Eine Klärung der Bedeutung von ‘Gaulois indépendants’: ‘Gallier vor der römischen Invasion’ führte dann zu Vorschlägen wie: (1) ‘Das Elsaß war zunächst wie das gesamte Gallien vor der römischen Invasion keltisch’ (2) ‘Das Elsaß war vor der römischen Invasion keltisch wie das gesamte Gallien, dessen Bewohner langes Haar trugen’. 7 Zu Beispielen aus dem Alltagsleben vgl. Elisabeth Markstein 1992. 8 vgl. Raible 1987: 145, oder auch Restaurantszenarien. 9 Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Anrede mit „Du“ ist im Sp. üblicher als im De.

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