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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 "Indeed, it can be claimed that any translation is, to some extent, a 'non-text', i. e. a text which finds itself, initially at least, in a non-systemic position (Toury 1980). However, in one way or another it will come to form part of the target System" (Lambert 1985, 150). Die post-festum-Perspektive scheint also, falls sie tatsächlich durch die Ergebnisse der deskriptiven Basis unterstützt wird, zu zeigen, wie wenig beeinflußbar die marktseitige Dynamik des Literatursystems dem einzelnen Übersetzer gegenübersteht. "It is not unusual for a given translation to play totally different roles according to the period, the genre, or the literary, social, religious or any other context" (Ebd.). Andererseits scheint diese vorsichtige Formulierung („not unusual") aber auch nicht auszuschließen, daß das Gegenteil vorkommt oder möglich ist - daß also eine Übersetzung über lange Zeit hin und in allen möglichen Subsystemen als vorbildlich akzeptiert wird, sich also einen ständig wachsenden Leserkreis erobert (hat), vielleicht gerade aufgrund dessen, was oben von mir als „Qualität" bezeichnet wurde. Mit anderen Worten: Für das Dilemma des einzelnen Übersetzers zwischen Original und Markt will und kann die Rezeptionsforschung keine Lösung anbieten, vertreten durch den Göttinger Sonderforschungsbereich ,Die Literarische Übersetzung', klammert das ,System-Konzept' ausdrücklich aus und versteht sich auch nicht als grundsätzlich „target-oriented" (Vgl. Frank 1987, IXff.). Durch den Verzicht auf den Systemgedanken schüttet sie aber das Kind mit dem Bade aus. ,Fallstudien', die nicht auf die Gesamtliteratur bezogen werden, müssen notgedrungen im Individuell-Anekdotischen steckenbleiben. So wird die exakte Analyse sieben verschiedener Übersetzungen von Poes Gedicht ,The Raven' zu einer Aneinanderreihung individueller Fehlleistungen, so als hätten alle diese Übersetzer sich in einem literarischen Vakuum Poes Text gegenüber befunden, um ihre absolut unerklärlichen Varianten zu produzieren. Das klingt dann immer wieder so: „Verstechnisch entscheidet Frau JACOBSEN sich für ein Mindestmaß an Orchestrierung [...]" oder „Frau LACHMANN hat aus den Nöten ihrer Vorgänger einige ganz rigorose Konsequenzen gezogen" usw. (Frank/Hulpke 1987, 96ff.). Die Systemperspektive läßt den Übersetzer zur Nullstufe schrumpfen, die Fallstudienperspektive dämonisiert ihn zur launenhaften Omnipotenz. Es ist evident, daß eine vernünftige deskriptive Forschung nur möglich ist, wenn beide Perspektiven zusammengeführt werden. 12

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 weil sie die Wertfrage, was im einzelnen Fall die „bessere" Lösung wäre, gar nicht stellt. Nach Tourys Meinung haben normative Theorien mit ihren apriorischen Qualitätsannahmen die Herausbildung einer wirklichen „science of translation" immer nur behindert. Zunächst müsse durch die Rezeptionsforschung die empirische Basis gesichert werden, danach, darauf aufbauend, eine Übersetzungstheorie konstruiert werden. Wie man allerdings einmal von einer deskriptiven Basis aus den Sprung in die Praxis schaffen will, so daß man dem ,hilfesuchenden' Übersetzer Qualitätskriterien nennen könnte, was ,besser' oder ,schlechter' wäre, diesen qualitativen Sprung überläßt Toury der Zukunft: "The prescriptive element may (!) eventually find its place in the applied extensions of the discipline" (Toury 1985, 34f.) Diese Gleichgültigkeit gegenüber Qualitätsfragen bzw. diese prinzipielle Abneigung gegen normative Ratschläge und Rezepte dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, daß bei empirischen Untersuchungen nicht nur ein breites Spektrum der unterschiedlichsten Übersetzungsstrategien zu erkennen ist, sondern daß auch die einzelnen Texte selbst niemals in sich selbst homogen sind: Sie stellen immer Kompromisse dar. "From an empirical point of view it can safely be assumed that no translated text will be entirely coherent with regard to the 'adequate' versus 'acceptable' dilemma" (Lambert 1985, 44). 'Adequacy' und 'Acceptability' (Toury 1980, 140ff.), Originalnähe und Lesernähe stellen also offensichtlich schon immer die beiden Qualitätskriterien dar, zwischen denen der literarische Übersetzer ,seinen' Kompromiß sucht, was natürlich bedeutet, daß er sich bei der praktischen Übersetzerarbeit immer als ,Diener zweier Herren' fühlt. Daß seine Rolle im historischen Rückblick auf die eines Funktionärs der Zielgruppe reduziert werden kann, ist nur durch die Forscherperspektive zu erklären. "It is only reasonable to assume, of course, that in practice the decision made will generally be some combination of (or compromise between) these two extremes [...]. In my opinion, this is one of the best interpretations of the common argument that translation, especially literary translation, always involves an encounter, if not a confrontation, between two sets of norms, for it opens the door to exact scrutiny and description of this encounter or confrontation [...]. Nevertheless, for reasons of clarity and of theoretical and methodological convenience, it seems wiser to retain this polar opposition and to treat the essentially different positions as distinct" (Toury 1980, 55). 13

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