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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Dieser ungewollte Doppelsinn, dessen Komik durchaus Joycesche Dimensionen hat, hätte wohl jeden Leser eine Schrecksekunde lang stutzen lassen, hätte auch ohne Zweifel durch den zusätzlichen Schmunzeleffekt parodiefördernd wirken können; aber da Goyert weder an Parodiedämpfung noch -verstärkung gelegen war, sondern an möglichst unverfälschter Wiedergabe des Textsinns, hat er lieber umgestellt. Daß das Deutsche, im Gegensatz zum Englischen, derartige Umstellungen, oft auch ohne nennenswerte Änderung der Satzbedeutung, vornehmen kann, ist ja bekannt: „Kurz, die Umstellung ist im Deutschen so häufig, wie sie im Englischen selten ist. Offenbar ist die Wortstellung im Deutschen freier als im Englischen; es gibt kaum einen Satzteil, der nicht den Anfang bilden könnte. Unser Ohr ist deshalb an ständige Abwechslung in der Wortfolge gewöhnt und empfindet den regelmäßigen Bau des englischen Satzes als eintönig" (Güttinger 1963, 204). Wollschläger, der - das sei hier aus Gründen der Gerechtigkeit wenigstens gesagt, wenn es hier auch nicht bewiesen wird - generell originalnäher übersetzt, ohne schlechteres Deutsch zu schreiben als sein Vorgänger Goyert, Wollschläger also behält lieber die Joycesche Wortstellung bei, vermeidet aber den irritierenden Pronominalbezug, indem er „morning air" (schlicht und richtig) mit „Morgenluft" übersetzt, also einem Femininum. b) Die Pointe macht den Witz zum Witz Die Goyertsche Satzumstellung läßt sich also in ihrer Genese kaum als bewußte Strategie der Parodieverstärkung erklären. Nun ist der Strategiebegriff der Skopostheorie aber so weit und vage, daß er auch unbewußte Strategien zuläßt: „,Unbewußt' übersetzt man Thomas Manns Buddenbrooks für ein gebildetes Publikum" (Reiß/Vermeer 1984, 85). Läßt sich also der funktionale Bezug vielleicht dadurch retten, daß man argumentiert, Goyert habe durch die Umstellung des Satzes bewußt in Kauf genommen oder wenigstens unbewußt beabsichtigt, daß durch die Endposition eines wichtigen Parodie-Requisits (Schlafrock als Meßgewand) die parodistische Wirkung auf den Leser verstärkt wurde? Oder, um den noch umfassenderen Funktionsbegriff der oben beschriebenen deskriptiven Rezeptionsforschung einzusetzen: Begünstigt die Goyertsche Version irgendwie die Möglichkeit, daß dieser Übersetzung - unabhängig von jeder bewußten oder unbewußten Strategie des Übersetzers - im Rahmen des zielkulturellen Polysystems eher die Funktion ,Parodie' zugesprochen werden kann 18

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 als der Wollschlägerschen Version? Meiner Meinung nach kann die Antwort nur ein eindeutiges ,Nein' sein, und zwar aus folgendem Grund. Daß die Romanfigur (!) Buck Mulligan hier den Beginn der katholischen Messe parodieren will, geht dem Leser ja erst auf, wo Buck „Introibo ad altare Dei" singt. Erst von dieser Pointe her erhalten die vorhergehenden Sätze ihren – überraschenden - Sinn, werden die aufgezählten Elemente als „Requisiten" verstehbar. Die Parodie kann also nicht verstärkt werden, wo sie noch gar nicht als solche erkennbar ist. Man möge die Gegenprobe machen. Hätte Buck ein anderes Lied angestimmt, so wäre eine völlig andere oder auch gar keine Parodie entstanden. Man nehme: „God shave our gracious King/Queen" „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" „Ich bin das Faktotum" „Happy birthday to you". Ganz zu schweigen von möglichen Anspielungen auf Abel oder Aida, Papst oder Parzival. Sobald Buck jedoch „Introibo ad altare Dei" anstimmt, wird (für normale Leser) ein parodistischer Bezug zum Messebeginn hergestellt. Wollte man auf ein bigottes Publikum, das auch in der Literatur Bigotterie erwartet, Rücksicht nehmen, so müßte man den Roman mit Bucks „Introibo..." abbrechen lassen. Der Leser könnte dann immerhin glauben, daß der dicke Ire ein besonders frommer Mensch ist, der vor dem Rasieren betet. Diese Translationsstrategie wäre an Funktionalität kaum zu übertreffen und würde gleichzeitig den Joyceschen Wortlaut respektieren. c) Odyssee des Nach-Denkens Die Tatsache, daß der Leser immer erst im Rückblick den Sinn eines Textes (Wortes, Satzes) mehr oder weniger vollständig entschlüsseln kann, wird in der Literatur bekanntlich dazu benutzt, den Leser auf ungewöhnliche Denk- und Gefühlswege zu schicken. Vorausdeutungen werden bestätigt oder widerlegt, Erwartungen erfüllt oder enttäuscht, Unschuld erweist sich als Teufelei, Ehrlichkeit als Selbstbetrug. Gerade die Joycesche Erzählweise, die dem Leser die Orientierungshilfe einer deutlich präsenten Erzählerperspektive verweigert, verlangt dem Leser eine gewaltige Arbeit retrospektiver Interpretation ab. Es wäre also ein verheerender Kurzschluß, wollte da ein Übersetzer beim Übersetzen von Einzelsätzen oder Einzelpassagen ständig über den Text hinweg auf den prospektiven Publikumsbezug oder den vermutlichen Zweck - was immer er darunter verstehen mag - einer Textstelle schielen. Das kann gerade an den ersten Sätzen des ,Ulysses' gezeigt werden. 19

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