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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Die Messeparodie ist ja nur ein Aspekt dieser Anfangssätze. Genauer: Aus der Perspektive, die später als die Stephens erkennbar wird, registriert der Leser, wie eine Romanfigur den Anfang der katholischen Messe parodiert, wodurch zunächst einmal diese Figur charakterisiert wird. Hönig/Kußmauls Berufung auf die historische Rezeption wiederholt also genau den Fehler jener kurzschlüssigen Rezeption. Denn schließlich läßt sich weder der Romananfang noch der ganze Roman unter die Funktionsbestimmung „Travestie der katholischen Theologie" (116) subsumieren. Auf einer übergeordneten Ebene beginnt ja mit diesem parodistischen Gag eine moderne Odyssee, wie schon der Titel des Romans besagt. Bei Homer ruft der Dichter zu Beginn die Muse an, hier ruft ein zynischer Medizinstudent blasphemisch ,Gott' an. Der parodistische Gegen-Gesang (Par-odie) und Gegensatz zwischen griechischem Mythos - die ersten neun Wörter des Romans lassen sich im Englischen als Hexameter lesen (Senn 1983, 281) - und mythenloser, gottverlassener Gegenwart will und muß erkannt werden, gehört zum Textsinn. Auf dieser zweiten Ebene, so muß man sagen, weiß weder Buck noch Stephen, was hier ,in Wirklichkeit', in der Wirklichkeit des Romans, geschieht. Der Leser, der hier kurzfristig auf ,Messeparodie' erkennt, sieht nicht nur weniger als die Hälfte: Er liest ein literarisches Kunstwerk wie eine Gebrauchsanweisung, so, als könnte man zwischen fiktionaler und realer Welt Schritt für Schritt funktionale Beziehungen herstellen. Es lassen sich noch weitere, ,höhere' Perspektiven bedenken, z. B. die des Autors, der unter ironischer Absage an alle Götter mit diesem Anfang sein gigantisches Kunst-Universum beginnt, als Demiurg menschlicher Illusionen, als Sinnproduzent. Jeder Leser möge sich selbst auf die Odyssee der Lektüre begeben. Hirnabenteuer für seßhafte Nomaden. Der Übersetzer ist am besten beraten, wenn er die Textanweisungen des Autors möglichst bis auf Komma und Punkt beachtet und sich davor hütet, den prospektiven Lesern durch seine funktionale Bevormundung das Verständnis zu erschweren. Zum Glück hat Wollschläger sich an Joyce gehalten und nicht an irgendeinen fragwürdigen ,Skopos'. Er hat fabelhaft übersetzt. Ich fasse zusammen: Die ,Ulysses'-Analyse bei Hönig/Kußmaul gerät deswegen in die Sackgasse, weil sie sich nicht eindringlich genug an der sprachlichen und literarischen Struktur des tatsächlich vorliegenden Textes orientiert, um den Textsinn zu rekonstruieren, sondern weil sie kurzschlüssig nach der prospektiven Funktion einzelner Passagen fragt, als habe ein literarischer Text einen ebenso unmittelbaren kommunikativen Leserbezug wie ein Gebrauchstext. 7 ) 7 Daß die Skopostheorie nicht einmal für die Übersetzung von Trivialliteratur zuverlässige Aussagen machen kann, zeigt sich an einem entsprechenden Analyseversuch bei Hönig / Kußmaul. Sie operieren ständig mit einem „Leser" oder „Adressatenkreis", als wüßten sie, von wem sie sprechen. Per Textanalyse (!) läßt 20

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Ich möchte hier schon die These aufstellen, daß die Skopostheorie, wenn sie auf literarische Texte angewandt wird, geradezu zwangsläufig solche Kurzschlüsse produziert. Die prinzipielle Adressatenlastigkeit der Skopostheorie verkürzt das Verstehensinteresse und dadurch auch die Verstehensleistung. Für den Literaturübersetzer sollte dagegen gelten: Nicht irgendein Verstehensinteresse ist maßgebend, sondern der Verstehensanspruch des Originals. 2. Beispiel: POMPIDOU oder: Die Beherrschung der gewünschten Information (Reiß/Vermeer 1984, 215 f.) Die Übersetzung einer Passage aus der „künstlerisch durchorganisierten Totenrede", die Staatspräsident Pompidou am 10. November 1970 im französischen Fernsehen hielt, muß, so argumentieren Reiß/ Vermeer, den Übersetzer vor die Entweder-Oder-Entscheidung stellen, ob er dem Original oder dem deutschen Leser/Hörer der Übersetzung gerecht werden will. Ein Kompromiß, der beiden (,Herren') gerecht würde, sei schlechterdings unmöglich. Pompidou hatte formuliert: „Le général de Gaulle est mort. La France est veuve." Die - angeblich „philologische" - Übersetzung „General de Gaulle ist tot. Frankreich ist Witwe" biete zwar sich angeblich „nachweisen, daß der ZS-Text für einen wesentlich ,bedürfnisloseren' Adressatenkreis verfaßt wurde, der lediglich an der Abfolge der Handlungselemente interessiert zu sein scheint" (131). Diese angebliche Funktionsveränderung führt nun zu dem rätselhaften Befund: „Der Trivialroman wird nicht mehr als solcher rezipiert" (132). Kurz darauf heißt es jedoch wieder: „Der Text bleibt ein Trivialroman, aber er ist jetzt zu einem schlechten Trivialroman geworden" (Ebd.). Daß ausgerechnet beim Trivialroman auf jeden Versuch empirischer Überprüfung des Adressatenbezugs verzichtet wird (Anfragen beim Verlag, beim Übersetzer, Ermittlung der Verkaufszahlen, der Leserreaktionen, der Besprechungen usw.), daß ausgerechnet beim Trivialroman ästhetische Kriterien („schlecht") der Beurteilung angelegt werden, ist bezeichnend für den konfusen Literaturbegriff dieser Theorie, die z. B. den Leserbezug im Text, also eine literarische Kategorie, mit der Funktion des Textes für die realen Leser (= Adressaten) durcheinanderwirft. Daraus ergibt sich z.B. folgende Aporie: Wenn der Adressatenkreis tatsächlich ,bedürfnisloser' ist, dann wäre der ,schlechtere' Trivialroman der ,bessere', da offensichtlich ,funktionaler'. Legt man dagegen literarische Maßstäbe an (Aufbau, Effekte, Andeutungen, Spannung), dann wäre jener Trivialroman der bessere, der seine ,Funktion' verleugnet, der also einen ,offenen' Adressatenkreis anspricht. 21

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