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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 „dem deutschen Leser die gewünschte Information, u. a. auch über das im Original verwendete, die Intensität und Intimität der Trauer Frankreichs ausdrückende Bild." Der deutsche Leser aber, der nicht wisse, „daß La France [...] femininum ist und daher mit einer weiblichen Person verglichen werden kann [...], empfindet den Vergleich eines Neutrums (Frankreich) mit einer weiblichen Person als unangemessen, wenn nicht gar lächerlich; die künstlerische Wirkung ist zerstört." Die der Funktion des Zieltextes angemessene, also die funktional und kommunikativ adäquate Übersetzung laute daher: „General de Gaulle ist tot. Frankreich ist verwaist." „Hier ,stimmt' das Bild wieder. Ein Inhaltselement ist durch ein anderes ersetzt worden. Die Funktion des Textelements aber, die Intensität der Trauer Frankreichs, das nun ohne ,Vater' ist, bleibt erhalten, und diese Funktion wird dem deutschen Leser unmittelbar, wenngleich mit einem anderen Bild, vermittelt". Der hier propagierte Primat des Skopos, die funktionale Orientierung an den prospektiven Kommunikationsgewohnheiten der deutschen Leser, führt jedoch, so meine These, zu einer substantiellen Verfälschung des Originals und somit zu einer schlechten Übersetzung. a) Übersetzerstrategie schlägt Autorstrategie Pompidous Metapher vermeidet gerade jene autoritären Konnotationen, die in der vorgeschlagenen Übersetzungslösung („verwaist") hergestellt werden. Schließlich sagt(e) man im Deutschen, ,der Thron ist verwaist', ,das Land ist verwaist', wenn der König oder Herrscher gestorben war. Offensichtlich wollte aber Pompidou - zwei Jahre nach 68, als bekanntlich de Gaulles Autorität Schiffbruch erlitt - genau derartige Töne vermeiden, indem er de Gaulles Verhältnis zu Frankreich als das eines, wie „veuve" in diesem Kontext konnotiert, ,liebenden Ehemannes' suggerierte. Pompidous originelle Metapher verrät eine geschickt entpolitisierende Wirkungsabsicht, kann und soll harmonisierend wirken. Die Strategie der Konfliktvermeidung zeigt sich ja auch sonst in der Rede, wie Fritz Paepcke in einer längeren Analyse eben dieser Rede feststellte: 22

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 „Die innen- und außenpolitischen Auseinandersetzungen in der Fünften Republik unter de Gaulle werden verschwiegen [...]. Vor allem läßt sich nicht übersehen, daß die Mai-Ereignisse von 1968 in dem Kommentar überhaupt nicht genannt werden" (Paepcke 1974, 89). Der Übersetzungsvorschlag „Frankreich ist verwaist" muß dagegen genau jene klischeehaften und konfliktträchtigen ,Landesvater'-Konnotationen wecken, die Pompidou durch seine Metaphernwahl neutralisiert hatte. Mit einem Wort: Die Strategie des Übersetzers siegt über die Strategie des Autors. b) Gewünschte Information Daß man dem deutschen Leser ein patriarchalisch-autoritäres Klischee als „gewünschte Information" liefert, ist pikant. Derartige prospektive Wunsch- Vorstellungen machen den Übersetzer, denkt man konsequent pragmatisch, zum Funktionär des Wünschenden, wobei das Subjekt des Wunsches natürlich nicht der Autor ist, sondern sich irgendwo aus dem Dunkel des zielsprachlichen Horizonts heraus gebieterisch zu Wort meldet. Der Übersetzer, der diese Wünsche vorausahnt (prospektiv), übernimmt dem Autor gegenüber die Rolle eines vorsorglichen Zensors (präskriptiv): Er reicht also nur „gewünschte" Information weiter. Er reproduziert und perpetuiert zwangsläufig systemkonforme Informationen bzw. das, was er dafür hält. Er wirkt als Sieb, das dem Publikum nur die Informationen durchsickern läßt, die es ,wünscht'. Daß dies in der Praxis wohl oft so war oder womöglich noch ist, kann nicht geleugnet werden; wohl aber, daß es so sein muß. Denn erstens ist keine Zielsprache und Zielkultur so homogen, daß man ernsthaft vom singularischen ,Wunsch' des Lesepublikums ausgehen könnte. Der Übersetzer, der die Intention des Autors ignoriert und dem angeblich vernommenen ,Leserwunsch' unterordnet oder anpaßt, bevormundet jenen Teil des Publikums, dem am Kennenlernen der Intention des Autors mehr liegt als daran, ein zensiertes, dem Zielsystem konformes Informationsangebot über das Original zu erhalten. Zweitens ist keine Zielsprache und Zielkultur so statisch und lernunfähig, daß der Übersetzer gezwungen wäre, all das, was aus historischen Gründen in Zielsprache und -kultur unbekannt ist, in Altbekanntes zu verwandeln. Der kompetente literarische Übersetzer wird sich nicht damit begnügen, den absoluten Primat des Klischees anzuerkennen, sondern sich bemühen, auch historisch Niedagewesenes auszudrücken. c) Die Praxis ist immer ein Sowohl-Als Auch Das Wundermittel, mit dem der praktizierende Übersetzer das von 23

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