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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Reiß/Vermeer postulierte Entweder-Oder in ein Sowohl-Als Auch verwandelt, ist, wie sich ja auch in der historisch orientierten deskriptiven Rezeptionsforschung andeutete, der Kompromiß. Der bestmögliche Kompromiß zwischen Autorintention und zielsprachlichen Möglichkeiten lautet in diesem Fall wohl so: „General de Gaulle ist tot. Frankreich ist nun verwitwet" (so auch Paepcke 1974, 82) oder „ist nun Witwe geworden." Das Deutsche erweist sich also als flexibel genug, um eine Übersetzung zu ermöglichen, die der konnotationsreichen Rhetorik des Originals sehr nahe kommt, ohne im Deutschen durch Genuskonflikte, die ohnehin nicht automatisch zum Lachen reizen (,München ist eine Frau, Hamburg ist ein Mann'), zu stören. Daß die Formulierung, Frankreich sei nach de Gaulles Tod verwitwet, auf denjenigen, der die Verschleierungsstrategie durchschaut, dennoch, so hoffe ich, lächerlich wirkt, steht auf einem anderen Blatt, auf demselben übrigens, wo auch „La France est veuve" Zwerchfellreaktionen auslösen kann. Ich persönlich empfinde ,Frankreich ist verwaist' nicht nur als lächerlich, sondern als eine anachronistische Zumutung. Das scheint Pompidou ähnlich empfunden zu haben. 8 ) 8 Was „lächerlich wirkt", kann bei einer Rede mindestens von drei Variablen der Redesituation ausgehen: a) vom Redner, z. B. bei plötzlichem Schluckauf, b) vom Kontext mit Situation, z. B. ein Freudscher Versprecher wie „Frankreich ist endlich Witwe", c) vom Publikum, das beabsichtigtes oder unbeabsichtigtes ,Lächerliches' lustvoll entdeckt, z. B. das Kind, das die Nacktheit des Kaisers ,entdeckt'. Ausschlaggebend ist letzten Endes die ,Wirkung im Publikum', z.B. bei a) betretenes Schweigen oder Gelächter, bei b) Entsetzen, Empörung, Gelächter. Also: Die Interpreten entscheiden. Ein Genuskonflikt im Kontext einer personifizierenden Metapher hat „an sich" absolut nichts Lächerliches. Man versuche zu lachen: „Das Grab ist meine Geliebte. Der Himmel ist meine einzige Freundin. Die Wissenschaft ist mein Vater, meine Mutter, mein Kind. Die Sonne ist mein Bruder. Adenauer ist tot, das junge Europa ist Witwe geworden" usw. ,Funktionale' Umformungen müßten hier entsprechend lauten: „Das junge Europa ist verwaist", „die Sonne ist meine Schwester", „die Wissenschaft ersetzt mir Eltern und Kinder", „der Himmel ist mein einziger Freund", „ich liebe nichts als das Grab" o. ä. Der überängstliche Publikumsbezug produziert notwendigerweise Klischees. Ob die Angst vor dem Genuskonflikt nicht eine bloße Berufskrankheit von Lehrern und Linguisten ist? Ist das Genus eine Zwangsjacke? Ist die Muttersprache ein Tyrann? Na also: Die deutsche Sprache ist ein springlebendiges Kind! 24

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Daß Reiß/Vermeer die Kompromißlösung („verwitwet") überhaupt nicht in Betracht ziehen, läßt sich nur aus dem theoretischen Beweisdruck erklären. Die Skopostheorie, die ja eine Theorie des Entweder-Oder darstellt, erweist sich hier als Selektionsmechanismus, der theorieschädliche Fakten ignoriert. Ich fasse zusammen: Die eindimensionale Ausrichtung der Skopostheorie an den „Bedürfnissen" oder „Wünschen" des Zielpublikums verhindert nicht nur die historisch angemessene Vertiefung in Struktur und Funktion des Ausgangstextes, sie begünstigt auch eine lähmende Bevormundung des Zielpublikums und eine starre Reproduktion zielsprachlicher Klischees. 3. Beispiel: CICERO oder: BILD-Leser im Vorteil (Reiß/Vermeer 1984,62f. = Vermeer 1979, 6f. = 1983, 82-84) Die Übersetzung einer Gerichtsrede Ciceros stellt den Übersetzer, so Vermeer, angeblich gleich vor drei Entweder-Oder-Entscheidungen: 1. ob er wirkungskonstant übersetzen will, „so, daß der jetzige Empfänger wie seine Kollegen damals klatscht: ,Brillant! Der Roscius gehörte freigesprochen!'" 2. ob er die formale „juristische Struktur" der Cicerorede wiedergeben will, „wie sich der Jurist Cicero verhielt, welcher juristischen Mittel er sich bediente", 3. ob er sich darum bemühen will, zu zeigen, „wie sich der Rhetor Cicero (in einem juristischen Fall) verhielt", und zwar a) „ut tunc", also entsprechend Ciceros lateinischer Rhetorik, oder b) „ut nunc", entsprechend dem heutigen Deutsch. Diese vier verschiedenen Funktionen lassen sich „wegen der kulturellen und sprachlichen Differenz zwischen dem damaligen Rom und seinem Latein und dem heutigen Deutsch und seiner Welt nicht vereinen. Die metafunktionalen Entscheidungen bedingen nämlich 25

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