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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 grundlegend verschiedene und oft inkommensurable Strategien für den Translator." Durch den Quantor „oft" wird die Inkommensurabilität etwas eingeschränkt, und in der Tat werden dann auch nur zwei Entscheidungen als absolut notwendig bezeichnet: a) die zwischen dem Transfer der „Wirkung aus den damaligen Umständen in die heutigen" einerseits (=1.) und der Wiedergabe der formalen Redestruktur andererseits (=2. und 3.): „man versuche nicht, beide Strategien auf einmal zu verfolgen; das Ergebnis sind die weithin ungenießbaren Übersetzungen lateinischer Klassiker auf dem heutigen Buchmarkt"; b) die zwischen der Wiedergabe der Rhetorik Ciceros einerseits(= 3a) und der Anpassung an das heutige Deutsch andererseits (= 3b): „Das heutige Deutsch zählt maximal 13-16 Wörter pro Satz (Eggers 1973, 33); Cicero dürfte etwa 30 Wörter pro Satz zählen; traditionelle Übersetzungen, denen nichts heiliger ist als der Punkt, die also Satz für Satz übersetzen, zählen bis zu 39 Wörter pro Satz im deutschen Translat! Das ist eine Verfälschung gegenüber dem Latein - und erst recht gegenüber dem heutigen Deutsch." a) Gott sprach: „Es werde Licht!" Und es ward Licht Das Dilemma zwischen Wiedergabe der realen historischen Wirkung (in die Hände klatschen, lauthals für den Freispruch des Roscius plädieren!) und der Übersetzung der formalen Redestruktur ist eine unsinnige Alternative, vor die sich kein Übersetzer gestellt sehen kann. Ein Übersetzer kann die „Wirkung" eines Textes nur insofern bestimmen, als er das sprachliche Wirkungspotential, die Appellstruktur des Textes beeinflußt, niemals kann er die reale Wirkung im voraus produzieren. Das erste steht in seiner Macht, das zweite – Gottseidank - nicht. Man denke etwa an Goebbels' Sportpalastrede. Die reale Wirkung ist also eine Folgeerscheinung des Textes, sie kann nicht Bestandteil des Textes selbst sein. Der Übersetzer beeinflußt die Wirkung, aber er ,beherrscht' sie nicht, sie gehört nicht zu seiner ,Kompetenz'. Zur Wirkung eines Textes gehört ein kooperatives Publikum. Schauspieler wissen ein Lied davon zu singen, daß ,das' Publikum jeden Abend anders reagiert, obwohl Text und Darbietung konstant gehalten werden. Vermeers Entweder-Oder ist also wohl so zu verstehen, daß der Übersetzer 26

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 zwischen der Beibehaltung des im Text tradierten Wirkungspotentials und der Beibehaltung der juristisch-rhetorischen Struktur zu wählen habe. Interessanterweise greift Vermeer hier die Fragestellung auf, die laut Fränzel (1914, 120) bereits im 18. Jahrhundert anläßlich einer Cicero-Übersetzung gestellt wurde. In einer Rezension geht Heyne von dem Gedanken aus, es gelte „die Redesituation, in der der Originaltext und sein Publikum stehen, zu übersetzen. Was den Römern beispielsweise an CICERO sprachlich gewohnt war, muß auch dem deutschen Leser gewohnt sein. Nur dort, wo CICERO auch seinem Publikum fremd, ungewohnt, ja ,flegelhaft und unanständig' vorkam, ist es Pflicht des Übersetzers, diesen Eindruck auch beim deutschen Publikum zu erwecken" (Poltermann 1987, 34). Heyne bezweifelt also nicht die Möglichkeit der Rekonstruktion und der adäquaten Wiedergabe des Wirkungspotentials der Reden Ciceros. Voraussetzung sei allerdings die Kenntnis bzw. Beherrschung der damaligen und heutigen Normen, da sich ,Unanständiges' ja nur als Normverletzung - „wo CICERO [...] seinem Publikum [...] ungewohnt [...] vorkam" - erkennen und übersetzen lasse. Obwohl der Altphilologe Heyne die Möglichkeit wirkungsadäquater Übersetzung genau beschrieben hat, stellt er anschließend zur Debatte, „ob man CICERO so flegelhaft und unanständig übersetzen sollte, wie er war oder vielmehr uns erscheint" (Ebd.). Es handelt sich bei Heyne also um ein - typisch aufklärerisches - didaktisches Problem: Soll man aus moralischen, spracherzieherischen Gründen ,normalisieren' oder nicht. Wie man weiß, hat man im 17. und 18. Jahrhundert aus spracherzieherischen Gründen ja auch die heimische Literatur zensiert (Haas 1980). Für die Literaturübersetzung gilt diese konformistische ,Strategie' der Selbst- und Fremdzensur jedoch seit Herder als überwunden. 9 ) Wer also etwa Goebbels' Sportpalastrede ins Englische oder Hebräische zu übersetzen hätte, sähe sich vor die Aufgabe gestellt,das Wirkungspotential der Rede so zu rekonstruieren, daß der zielsprachliche Hörer etwa sagen müßte: „Hör dir das an! Das Schwein beherrscht(e) wirklich alle Tricks der Volksverdummung!" Dasselbe gilt natürlich für Ciceros Gerichtsrede. Niemand könnte erwarten, daß der Hörer oder Leser in die Hände klatscht und auf Freispruch plädiert - der so reagierende Zeitgenosse braucht dringend einen Psychiater; der kompetente Übersetzer darf aber erwarten, daß der Leser sagt: „Brillant! Kein Wunder, daß 9 Vgl. Poltermanns differenzierte Darstellung (1987, 52). 27

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