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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Roscius freigesprochen wurde!" Ist nun die Nachbildung der Wirkung tatsächlich inkommensurabel mit der Nachbildung der formalen Struktur der Rede? Oder ist es nicht genau umgekehrt: Ohne Nachbildung von Ciceros juristischer Argumentation und rhetorischer Dynamik ist das Wirkungspotential der Rede verloren? Auch dieses Entweder-Oder scheint doch wohl unsinnig zu sein. Juristische, rhetorische und Wirkungsfunktion (z.B. der ,Wert' von Schimpfwörtern etwa) sind lediglich theoretisch, auf textlinguistischer Ebene auseinanderzudividieren, auf objektsprachlicher Ebene jedoch, auf Textebene also, sind sie untrennbar miteinander verbunden. Ihre - möglichst vollständige - Wiedergabe ist somit Aufgabe des Text- Übersetzers. Daß nun auf dem Buchmarkt, wie Vermeer vermutlich zu Recht bemängelt, nur jene „weithin ungenießbaren Übersetzungen lateinischer Klassiker" zu finden seien, liegt also sicher nicht am Funktionendilemma, daß also die Übersetzer gleichzeitig Wirkung und Redestruktur wiederzugeben versuchen, sondern schlicht daran, daß diese Marktnische für Verlage und gute Übersetzer nicht attraktiv genug ist. Vielleicht sollte jemand Walter Jens dazu überreden, Ciceros Plädoyer für Roscius zu übersetzen. b) Wie man heutiges Deutsch verfälscht Wie steht es nun mit dem zweiten „Funktionskonflikt", ob also der Übersetzer die Rhetorik „ut tunc" oder aber „ut nunc" gestalten soll? Im Grunde genommen zeigen Vermeers Ausführungen zu diesem angeblichen Entweder-Oder, daß die Skopostheorie hier widerstrebende Fakten in applaudierende Zeugen transformiert. Daß das heutige Deutsch laut Eggers maximal 13-16 Wörter pro Satz zähle, ist ein groteskes Mißverständnis dessen, was tatsächlich bei Eggers steht. Eggers zählte Satzlängen in einem Corpus von 50 000 Sätzen wissenschaftlicher Prosa (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie) und verglich damit die Satzlänge der FAZ und einiger älterer Autoren (bei wesentlich geringerem Corpus). Eggers meint zwar, seit rund 200 Jahren eine Tendenz zur Satzverkürzung diagnostizieren zu können, ist aber vorsichtig mit generalisierenden Aussagen über „das heutige Deutsch". Vor allem hütet er sich davor, eine „maximale" Länge des Satzes überhaupt anzunehmen: Bei 100 Wörtern pro Satz hört er jeweils auf zu zählen! Er macht nicht einmal eine Aussage über ,den' Durchschnittssatz in seinem Corpus, was ja auch eine recht irrelevante Aussage wäre. Die Basis für Vermeers Mißverständnis ist folgende Stelle: „Unter den 50 000 rde-Sätzen ist z.B. der Satz mit 16 Wörtern mit 3,53% Anteil am Gesamtbestand der häufigste, dicht gefolgt vom Satz mit 15 28

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Wörtern, der 3,48% Anteil erreicht" (Eggers 1973, 32). Es handelt sich also nicht um Maximallängen, auch nicht um mittlere Längen, sondern lediglich darum, daß in wissenschaftlicher Prosa - also nicht im heutigen Deutsch überhaupt - die Sätze mit 15 und 16 Wörtern insgesamt 3 500mal in einem Corpus von 50 000 Sätzen vorkommen, daß sie also 7,01% (!) des Corpus ausmachen. Laut Eggers' Tabelle (33f.) kommen in demselben Corpus die Sätze mit 29-100 Wörter immerhin auf ein Drittel (31,44%), die Sätze mit 21-100 Wörter auf über die Hälfte (54,1%) der gesamten Satzmenge! Kehren wir zurück zum angeblichen „ut tunc" - „ut nunc": Ciceros (von Vermeer geschätzte) mittlere Satzlänge von etwa 30 Wörter pro Satz würde nicht einmal dann aus dem Rahmen des heutigen Deutsch fallen, wenn man dieses mit den Gepflogenheiten wissenschaftlicher Sachprosa identifizieren dürfte, was Vermeer durch den Hinweis auf Eggers' Statistiken ja impliziert. Dieses ,heutige Deutsch' wäre, wenn wir ein derartiges Theoriekonstrukt einmal als Subjekt rhetorischer Leistungen akzeptieren, flexibel genug, Cicerosche Perioden und Tiraden jeder Länge nachzubauen, ohne sich selbst zu verfälschen. Wenn wir nun Cicero die Ehre antun, ihn nicht am rhetorischen Standard eines statistischen Phantoms zu messen, sondern ihn mit Schriftstellerkollegen des 20. Jahrhunderts zu vergleichen, so kommen ihm Redakteure der FAZ und ZEIT mit mittleren Längenwerten von 24 Wörtern pro Satz doch recht nahe (Braun 1979, 38). Zieht man gar Musil, Broch, Thomas Mann, Böll, Martin Walser, Grass, die „eine Vorliebe für das Stilmittel des langen Satzes" haben, hinzu, so muß Cicero vor Neid erblassen. Brochs ,Tod des Vergil' hat „eine mittlere Satzlänge von nicht weniger als 92,4 Wörtern" (Braun 1979, 40). Wie klar und rhetorisch glanzvoll lange Sätze im heutigen Deutsch klingen können, läßt sich etwa bei Walter Jens lernen. Ich zitiere einen fast zufällig herausgegriffenen 99-Wort-Satz aus einer Buchbesprechung und fordere die Leser auf, laut zu lesen: „Wenn Sigmund Freud seinem Kollegen Breuer vorwirft, er habe zu früh innegehalten und das Geheimnis mit seinen Schrecken und seinen verborgenen Erkenntnissen nicht gelöst, weil er den Schlüssel fallen ließ, der die Tür zum Reich der Mütter geöffnet hätte, dann steht Schnitzler nicht auf der Seite des zaghaften, von scheinbar unübertretbaren Tabus geängstigten Breuer, sondern operiert, kühn, ja rücksichtslos, wie zur gleichen Zeit Sigmund Freud, hält nicht inne, läßt sich von Dämonen nicht schrecken, sondern lüftet den Schleier und macht offenkundig, wie nah Sittsamkeit und Laszivität, Korrektheit und Sehnsucht nach Ausschweifung, der keusche Tempel und das Freudenhaus beieinander sind" (FAZ 8.12.87). 29

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