Aufrufe
vor 4 Jahren

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 spricht von der „Autonomie" des Originals 1 , was besagt, „daß der AS-Text, unabhängig von seinen speziellen Übersetzungsbedingungen [...] als autonomes Objekt betrachtet (und geachtet) und als solches in der ZS wiedergegeben wird" (Koller 1979, 89). Nun verhindert jedoch die Historizität des Originals wie der jeweiligen Verstehenssituation, daß der Sinn eines Textes in naivem Zugriff aus dem, was dasteht, gewissermaßen einfach herausgelöffelt werden kann. „Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen. Wenn sich die besondere Konkretion der Auslegung im Sinne der exakten Textinterpretation gern auf das beruft, was ,dasteht', so ist das, was zunächst ,dasteht', nichts anderes als die selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers, die notwendig in jedem Auslegungsansatz liegt" (Heidegger 1967, 150). Die von Heidegger 1927 thematisierte, von Gadamer 1960 ausformulierte Geschichtlichkeit des Verstehens wurde in den 60er und 70er Jahren zusammen mit Literaturtheorien des russischen Formalismus und tschechischen Strukturalismus in eine literaturwissenschaftliche Rezeptions- und Wirkungsästhetik überführt, die etwa ab 1970 auch in den übersetzungstheoretischen Ansätzen mehr oder weniger starke Spuren hinterließ. Im Gegensatz zu Vermeer (1978) hielten jedoch die meisten Forscher in irgendeiner Form an der 'Autonomie' des Originals fest und bürdeten so dem Übersetzer die Aufgabe auf, aus seinem jeweiligen historischen Verständnis heraus der Intention des Originals möglichst gerecht zu werden. Da der historische 1 Der Begriff der „Autonomie der Kunst" stammt aus Adornos ästhetischer Theorie, wo er in Gegensatz gestellt wird zur „gesellschaftlichen Funktion" der Kunst: „Denn die absolute Freiheit in der Kunst [...] gerät in Widerspruch zum [...] Stande von Unfreiheit im Ganzen." Dennoch müsse „ihre Autonomie irrevokabel" bleiben (Adorno 1970, 9). Adorno spricht von der Autonomie der Kunst im Sinne der Freiheit der Produktion, Koller spricht von der Autonomie des Kunstprodukts gegenüber der Rezeption, allerdings ohne (diese) begriffliche Klärung. Thomas Bernhards ,Weltverbesserer' karikiert das Adornosche Paradox des utopischen Anspruchs der Kunst unter den kommerziellen Bedingungen der ,Kulturindustrie': „Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzte eigenen Wesens hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre. Damit tendieren sie a priori, mögen sie noch so tragisch sich aufführen, zur Affirmation" (Adorno 1970, 10). 2

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Abstand - wenn wir einmal rein sprachliche, kulturelle und individuelle Barrieren ausblenden - die totale Symmetrie zwischen Input und Output auf jeden Fall verhindert, wird die Literaturübersetzung notwendigerweise zu einer ewigen Sisyphusarbeit, zu einem in jeder Generation aufs neue zu leistenden Annäherungsprozeß, bei dem es durchaus qualitative Unterschiede im Ergebnis, niemals jedoch die endgültig richtige Wiedergabe des Originals geben kann. 2 Diese Verpflichtung des Übersetzers dem Original gegenüber wird, wie gesagt, auch heute noch von fast allen betont, die sich mit Literaturübersetzung befassen. So resümiert Fritz Nies die Vorschläge der ,Sektion Erzählprosa' im Rahmen des Kolloquiums ,französische Literatur in deutscher Sprache' mit folgenden Worten: „Da sich im Prinzip jede Epoche ältere Texte auf die ihr eigene Art neu erschließen muß, scheint es in vielen Fällen dringlich, nicht einfach [...] alte Übersetzungen nachzudrucken, sondern Neuübersetzungen anzufertigen. Unabhängig von Qualitätsfragen im Einzelfall gibt es dafür einen doppelten imperativen Grund: Zum einen gilt das bis ins frühe 19. Jahrhundert reichende Leitbild der von ungenierten Kürzungen, Hinzufügungen, Glättungen geprägten ,belle infidèle' längst nicht mehr als akzeptables Übertragungsziel. Zum andern altert deutsche Übersetzungssprache unverkennbar weit schneller als die des französischen Ausgangstextes" (Kortländer/Nies 1986,17f.). So frustrierend die Verpflichtung zur Originaltreue auch sein mag, da sie ja aus apriorischen Gründen nie ,ideal' zu erfüllen ist, so ergibt sich aus der Bindung ans Original doch auch eine gewisse Orientierungshilfe und ständige Kontrollmöglichkeit für den Übersetzer. Er kann hin und her blicken, ausprobieren, sein Verständnis erweitern, Kenner befragen, verbessern. Um zu unserer Leitmetapher zurückzukommen: Der eine ,Herr', das Original also, ist relativ bekannt, seine Ansprüche, Marotten, Bewußtsein, Unterbewußtsein haben sich in einem konkreten Text niedergeschlagen und fordern gebieterisch nach Entzifferung und Interpretation. 2 Zu den Begriffen ,Invarianz' und ,Äquivalenz', die zur -approximativen!- Messung bzw. Planung der Annäherung verwendet werden können, vgl. die Definitionen bei Albrecht (1987, 13ff.). Da es in diesem Aufsatz um eine Theorie der Übersetzungspraxis geht, nicht um eine Theorie der Übersetzbarkeit oder Übersetzungskritik, ist der offene, dynamische Begriff der ,Annäherung' vorzuziehen. Wo Begrifflichkeit zur Zwangsjacke der Praxis wird, verkennt sie ihre Aufgabe und wird zu Recht ignoriert. Ich folge hier Ladmiral, der den Verzicht auf den Äquivalenzbegriff so begründet: „Un tel concept d'équivalence apparaît bien problématique: il désigne la difficulté beaucoup plus qu'il ne contribue à la résoudre. Dans la pratique, on pourra lui substituer l'idée d'approximation, plus explicitement investie par la subjectivité du traducteur [...]" (Ladmiral 1981, 393). 3

Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...
Die Kritik in der englischen Literatur des 17. und 18 ... - Scholars Portal
Trivialliteratur als Forschungsproblem1: Zur Kritik des deutschen ...
Trivialliteratur als Forschungsproblem1: Zur Kritik des deutschen ...
Zur Kritik des deutschen Trivialromans seit der Aufklärung
Zur Kritik des deutschen Trivialromans seit der Aufklärung
Sujet 2005, Séries ES et S, LV1 Literatur und Kritik ... - Allemand
Erwiderung auf die Kritiken zum Lehrbuch der ... - Systemagazin
Akademie, Kritik und Geschmack Zur Spracharbeit der ...
Feuerwehrkostensatzung original MW - Markt Wiesau
Kritik am Aushilfegesetz - Sudetenpost
Beschreibung und Kritik ausgewählter Lehrwerke für Deutsch als ...
Spracherwerbstheorien Behaviorismus Kritik am ... - UK-Online
Solidaritätsbekundungen erwünscht – Kritik verboten! - DIE NOVUM
Kritik der Wachstumskritik - Rainer Land Online Texte
6. Kritik und Ausblick, oder: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten ...
Literatur, Essay, Kritik – kein Thema? - Alte Schmiede
Joachim Helfer antwortet auf die Kritik von Samir ... - Navid Kermani
Ein deutsches Ur-Muhen - Materialien zur Aufklärung und Kritik
Download - juridikum, zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft
Wissen und materiale Kultur. Eine Kritik - Fehler/Fehler
Jan Gerber Staat, Markt, Gesellschaft. Kurze ... - materialien-kritik
Wasa Sandwich Apostels Original Zaziki Dietz Grill ... - BONUS-Markt