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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Das heutige Deutsch ist lebendig, beweglich und allen Ansprüchen Ciceros gewachsen, von einem inkommensurablen Gegensatz zwischen „ut tunc" und „ut nunc" kann keine Rede sein. Dagegen wäre es ohne jeden Zweifel eine barbarische Verfälschung Ciceroscher Rhetorik, wollte ein Übersetzer Vermeers eindimensionale Perspektive übernehmen, um den heutigen Deutschen einen angeblich maßgeschneiderten Cicero in Sätzen von „maximal 13-16 Wörtern" zu präsentieren, sozusagen in der leichtverdaulichen, da vorgekauten Konsumentenausführung, als ,Cicero-Burger'. Die Satzlänge dieses Cicero könnte gerade noch mit der BILD-Zeitung konkurrieren, aber in BILD sind immerhin 21% der Sätze länger als 16 Wörter (Braun 1979, 38). Lesern der FAZ, der ZEIT, des SPIEGEL (oder der hier besprochenen Seiten 62 und 63 in Reiß/ Vermeers Buch!) müßte Ciceros rednerische Kurzatmigkeit eigenartig und infantil vorkommen (Vgl. Braun ebd.). c) Ist der Kunde König? Bei genauem Hinschauen erweist sich weder das erste (Wirkung/ Form) noch das zweite (damalige/heutige Rhetorik) Entweder-Oder als unüberwindliches Dilemma. Die prospektive Orientierung an – angeblichen - Empfängererwartungen reduziert Cicero auf das Niveau, welches der funktionale Übersetzer für akzeptabel hält. Statistische Angaben über die – angebliche - sprachliche Kapazität des anvisierten Leserkreises werden kurzschlüssig aufgegriffen und mit resignierter Unterwürfigkeit zur zuverlässigen Kompaßnadel des Übersetzers erklärt. Klischee und Sprachstatistik werden, in Verkennung der tatsächlichen Beweglichkeit und Dynamik der Zielsprache, dem Übersetzer als prioritäre Kundenbedürfnisse ans Herz gelegt. Die funktionale Strategie begünstigt nicht nur Verfälschungen des Originals, sondern auch einen vorschnellen Konformismus, der aus prospektiven Vermutungen präskriptive Bevormundungen macht. Als Theorie der literarischen Übersetzung würde die Skopostheorie, so fürchte ich, den Literaturimport zum kundengerechten Angebot werden lassen. Reiß/Wermeers kompromißfeindliches „Niemand kann zwei Herren zugleich dienen" (63) bedeutet ja, marktwirtschaftlich gesehen: ,Der Kunde ist König'. Die funktionale Übersetzungstheorie wäre folglich genau dort das richtige Rezept, wo Literatur als Konsumgut für stabile, homogene Kundenbedürfnisse funktioniert: Die Skopostheorie ist die Theorie der Gebrauchs- und Trivialliteratur. Gegen ihren Expansionsanspruch, sich auch zum Maßstab der Literaturübersetzung schlechthin zu machen, muß im Interesse jener Literatur, die mehr sein will als konformistische Widerspiegelung von ,beherrschten' Kundenwünschen, heftig protestiert werden. 30

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 4. Beispiel: HOMER oder: ,Ilias' im Angebot Die radikale Skepsis, wenn nicht gar agnostische Blindheit, welche die Skopostheorie in ihrem dem Ausgangstext zugewandten linken Auge zeigt, kontrastiert immer wieder auf verblüffende Weise mit dem unverzagten Optimismus, mit welchem das rechte Auge erfolgsgewiß ins zukünftige Lesepublikum zu schauen glaubt. Was erklärt dieses unterschiedliche Sehvermögen der beiden Augen? Sind die Textanweisungen des Originals denn absolut unverständlich? Sind die zielkulturellen Wünsche und Bedürfnisse denn so leicht zu entziffern? „Bei jeder Translation wird auf eine intendierte Rezipientenschaft hin übersetzt/gedolmetscht. Die Rezipienten und ihre Situationen müssen dem Translator dabei nicht bewußt werden, sie brauchen nicht exakt angebbar sein; - sie sind aber ,da'. Beispiel: ,Unbewußt' übersetzt man Thomas Manns Buddenbrooks für ein gebildetes Publikum [...]" (Reiß/Vermeer 1984, 85). In diesem Modell sind die Rezipienten (tauto-)logischerweise natürlich immer ,da', wo der Translator sie vermutet. So sollte der funktionale Übersetzer die ,Buddenbrooks' wohl, wenn auch ,unbewußt', für gebildete Konsumenten zubereiten; der Cicero-Übersetzer andererseits würde sich nach statistischen Recherchen ,bewußt' an die BILD-Leser wenden, der Translator der Pompidou-Rede, bewußt oder unbewußt, an die konservative Landbevölkerung. Über den Textsinn des Originals dagegen läßt sich nur achselzuckend spekulieren: „Wir möchten also noch einmal betonen: ein Text ist kein Text, sondern wird als je der und der Text rezipiert und, z.B. durch einen Translator interpretiert, in je eigener Weise tradiert" (Reiß/Vermeer 1984, 58). Sobald der Blick aber nun wieder dorthin schweift, wo sich die Rezipientenschaft befindet, wo – angeblich - die Funktion der Literatur geschrieben steht, kann der zeitliche Abstand, ob historisch oder futurisch, die eindeutige Objekterfassung nicht vernebeln. Ohne zeitraubende Interpretationsarbeit läßt sich so „die Funktion" der Pompidou-Rede („Intensität der Trauer Frankreichs"), des ,Ulysses' („Travestie der katholischen Theologie") oder des ,Don Quijote' auf einen Blick erfassen: „Cervantes schrieb eine für seine Zeit gedachte Satire auf die Ritternostalgie. Der heutige Leser - und damit auch der heutige Translatrezipient - genießt an 31

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