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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Cervantes dagegen die ,Information' über eine Satire auf vergangene Ritternostalgie" (Reiß/Vermeer 1984, 57). Offensichtlich wird hier Literatur mit Gebrauchsliteratur verwechselt. Die Aporie dieser Funktionsverwirrung käme dann zutage, wenn Reiß/Vermeer erklären müßten, was dem heutigen Leser die unglaublich zeitaufwendige Informationsbeschaffung über eine Satire auf spätmittelalterliche Ritternostalgie zur genußvollen Lektüre machen kann. Oder wenn sie erklären müßten, weshalb Gebrauchsliteratur für spätere Leser schlicht uninteressant ist, während ,ernste' Literatur Jahrhunderte später noch neue Leser findet. Wenn sie, um die Perspektive zu erweitern, angeben müßten, wie der a-funktionale Umgang mit Kunstwerken der Vergangenheit, z.B. Denkmalschutz, kostspielige Rekonstruktionen, der absurde Marktwert der Originale zu erklären sind. Offensichtlich haben Kunstwerke, also auch Literatur, einen Wert für die Gesellschaft, der nicht mit irgendwelchen (eventuellen) Nebenfunktionen verwechselt werden darf, sondern der gerade darin besteht, daß das jeweilige gesellschaftliche System in der Kunst die Prämissen oder Grenzen des jeweiligen Systems erfahren kann. Raymond Williams, der als angeblicher Kronzeuge für die Aufhebung der „Dichotomie zwischen translatorischem Handeln im Bereich ,künstlerischer' und ,alltäglicher' Botschaftsträgerfunktion" (Holz-Mänttäri 1984, 87) trotz seitenlanger Zitate von der Autorin gründlich mißverstanden wird, schrieb über die Bewahrung und Erhaltung von Kunstwerken: "We must remember [...] that our increasing consciousness of the importance of art has led us to a complicated process of recording and preserving, which has in fact changed its status. By recording and preserving, in our many techniques, we gain control over some of the inherent problems of communication, in particular that of unevenness. Communication is no longer, in most cases, a single act. The transmission is recorded and stored, and we value certain communication-systems precisely because they are capable of this kind of permanence. The offering of experience is preserved, for long consideration, and communication can take place over a gap of a hundred generations. Because of the complexity of growth, it is obviously wise to keep alive as many offerings as possible, for we can never be sure in advance what may eventually be taken up, and this habit of storing experience has been central in man's whole organization. However, we only use such stores, as we use new art, by the active process already described. Like new ways of seeing, old ways must be actively learned" (Williams 1965, 53). Williams sieht es als selbstverständlich an, daß Kunstwerke möglichst unverfälscht aufbewahrt und an kommende Generationen weitergegeben werden. Nur 32

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 unter dieser Bedingung kann ja die im Kunstwerk latent vorhandene Erfahrung von immer neuen Generationen aktiviert werden. 10 Williams hat zwar kein Wort über das Problem des Kunstexports oder der Literaturübersetzung geschrieben. Aber Holz-Mänttäri hat ihn ganz sicher mißverstanden, falls sie meint, Williams' Ausführungen über die Wichtigkeit von „recording and preserving" bezögen sich nur auf das jeweilige Territorium, beim Verlassen des kulturellen Hoheitsgebiets hätte der Kunstagent oder Übersetzer das Recht, der Mona Lisa blonde Haare zu malen oder zensierend und adaptierend in literarische Werke einzugreifen. Holz-Mänttäri liefert, unter falscher Berufung auf Williams, jedem zensurfreudigen Innenministerium der Welt die funktionsgerechte Definition dessen, was Literaturübersetzung soll bzw. darf: „ein durch translatorisches Handeln produzierter Text, soll er funktionsgerecht sein, (kann) nur prospektiv zweckgerichtet auf ein kulturelles Gefüge hin produziert werden" (Holz-Mänttäri 1984, 91). Daß diese Bedingungen bei der Produktion inländischer Literatur respektiert werden („zweckgerecht auf ein kulturelles Gefüge hin"), wird offensichtlich vorausgesetzt. Die Leichtigkeit, mit der die Vertreter der funktionalen Übersetzungstheorie ohne jeden Rekonstruktionsversuch sowohl retro-, als auch prospektiv die jeweilige Funktion eines literarischen Werkes zu erkennen wähnen, rührt daher, daß sie immer von demselben trivialen Literaturverständnis ausgehen, wie sich am folgenden und letzten Beispiel unserer Gegen-Analysen in entwaffnender Hilflosigkeit zeigt: „Homers Ilias war der Fernsehersatz seiner Zeit; man konnte sich mit den ,tapferen Helden' identifizieren. Welcher Erwachsene tut das heute noch? Und übersetzt man möglichst formgetreu, verliert die Spannung durch die ungewohnten Hexameter allemal" (Reiß / Vermeer 1984, 104). 10 Holz-Mänttäri zitiert Williams nach der erst 1977 ins Deutsche übersetzten Ausgabe von ,The Long Revolution', das bereits 1961 in England erschienen war. Der modische deutsche Titel, Innovationen', über den Prozeßcharakter von Literatur und Kultur, hat bei der Autorin anscheinend den Eindruck erweckt, es handle sich hier um etwas völlig Neues. Dabei zeigt sich bei Williams eine inzwischen - durch die Rezeptionstheorie - ,naiv' gewordene Zuversicht in die jederzeitige Reaktivierbarkeit früherer Kunstwerke im Sinne der „artist's experience" (The Long Revolution, 46). Williams betont ansonsten, wohl zu Recht, Kunst müsse „actively re-created - not ,contemplated', not ,examined'" (ebd. 51) werden. Als wissenschaftliche Basis für eine Übersetzungstheorie scheint mir Williams' Buch wohl kaum geeignet zu sein. 33

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