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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Der Übersetzer wird zum Detektiv, der Fakten sammelt, Zeugen befragt, sich mimisch-hermeneutisch in die Rolle des Autors versetzt, der schließlich eine translatorische Hypothese formuliert, deren Annäherungswert bzw. Wahrheitsgehalt den optimalen historischen und individuellen Möglichkeiten einer Problemlösung entsprechen könnte. 3 ) Der literarische Übersetzer muß nun aber noch einem zweiten ,Herren' dienen - dem Leser. Hier zeigt sich zunächst einmal ein grundlegender Unterschied zwischen dem Übersetzer eines Geschäftsbriefs oder sonstigen Fachtextes und dem Literaturübersetzer. Jener hat es tatsächlich mit einem ganz bestimmten Leser oder einem recht homogenen Leserkreis zu tun, dieser hingegen nicht. Jener liefert einem namentlich bekannten Kunden oder einem ziemlich genau bekannten Interessentenkreis die normgerechte Ware, dieser liefert einem prinzipiell unbekannten, schwer berechenbaren Lesepublikum eine Ware, deren Marktwert zum großen Teil in ihrer Originalität besteht, also gerade in der Verletzung kollektiver Normen. Zwar bemühen sich die Verlage mit erheblichem Werbeeinsatz, die Kaufgewohnheiten des Literaturpublikums zu manipulieren und dadurch voraussehbar zu machen, aber dennoch bleibt der Literaturmarkt durchaus für Überraschungen gut - gute wie schlechte: siehe literarische Bestenliste oder Modernes Antiquariat. Dieses Gesamtbild ändert sich nicht dadurch, daß man auf die relativ überschaubaren Märkte der Kinder- und Jugendliteratur, der Krimi- oder Science-Fiction-Leser verweist. Die Konjunkturbewegungen, die Flops und Erfolge am literarischen Markt sind immer erst im Rückblick registrierbar, also auch erst im Rückblick wissenschaftlich (historisch) erklärbar. Kein Verlag wird aber ein wissenschaftliches Gutachten, das ihm sichere Aufschlüsse über die literarischen Lesegewohnheiten des deutschen Lesers der 90er Jahre verheißt, ohne weiteres zur Basis seiner Investitionen machen. Der Literaturübersetzer hat es also, von Ausnahmen abgesehen, immer mit einem relativ diffusen Leserbegriff zu tun. Er kann sich zwar, in Absprache mit dem Verlag, auf ein bestimmtes Leserbild festlegen (lassen) - ,Schullektüre', ,Luxusausgabe', ,Außenseiter' -, sobald er jedoch von derlei Orientierungspunkten 3 Zahlreiche Beispiele und Tips für derartige Detektivarbeiten finden sich in den Veröffentlichungen, Kommentaren, Interviews usw. von Literaturübersetzern. Es gehört zu den – meiner Ansicht nach institutionell bedingten – Absurditäten der ‚Übersetzungswissenschaft‘, daß sie dieses Material ignoriert, um eine Übersetzungstheorie zu konstruieren, deren Folgenlosigkeit für die Praxis sie dann auch noch beklagt. Die historische Entstehung des Konzepts der Originaltreue, das seit Herder mehr oder weniger stark Praxis und Theorie der literarischen Übersetzung beeinflußt, wird von Andreas Poltermann (1987) dargestellt. 4

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 konkrete Hilfen für die Literaturübersetzung erwartet, verliert das Leserbild seine festen Konturen und löst sich pluralisch auf. ,Schullektüre' wird, so weiß er, von den Lehrern ausgesucht. Was wäre also die lehrer- oder schulgerechte Shakespeare- oder Balzac- oder Poe-Übersetzung? Gibt es hier irgendwelche empirisch ermittelte Wunschlisten? Sind sie über Jahre hin gültig, in sich widerspruchslos, repräsentativ? Gibt es ein Modell für ,Schulübersetzungen'? Je redlicher und exakter der kundenbeflissene Übersetzer sich an seinem Zielpublikum orientieren möchte, um so verzagter müßte er notgedrungen werden, weil das Zielpublikum literarischer Werke - und nun kommt der springende Punkt - zum großen, womöglich größten Teil überhaupt erst durch Existenz und Wirkung eines literarischen Textes konstituiert wird. Zwischen Literatur und Leser herrscht also keine statische, statistisch fixierte Beziehung, sondern eine dynamische: Literatur erfüllt nicht nur, sie weckt auch Lesebedürfnisse. Sie reproduziert damit nicht nur vorgegebene, sie produziert auch neue Marktstrukturen. Neuübersetzungen ,produzieren' neue Leser, nicht anders als neue Literatur dies auch bewirkt. Diese grundsätzliche Offenheit und Beeinflußbarkeit des literarischen Marktes hat natürlich für das Leserbild, das dem literarischen Übersetzer vorschwebt, Konsequenzen. Sicher nicht die schlechteste Strategie ist wohl die, sich als Leser nicht einfach einen möglichst kleinen und homogenen Leserkreis vorzustellen („Yuppies", „alleinstehende Mütter" o.a.), sondern eben alle diejenigen, die Deutsch können und sich für Literatur interessieren. Diese ,offene' Leserdefinition scheint die Arbeitsbasis der meisten Literaturübersetzer zu sein. Der Leser schrumpft dem Übersetzer, wenn er seine Zielgruppe nennen soll, auf das inhaltliche Minimum (an literarischer und sprachlicher Qualität interessierte Personen), das ja extensional ein Maximum (alle Literaturleser der Zielkultur) bedeutet. Solche Minimal- bzw. Maximalbestimmungen lesen sich in Übersetzerkommentaren dann meistens so: „Die vorliegende Übersetzung sucht dem griechischen Text möglichst nahe zu bleiben, dabei aber die deutsche Sprache nicht zu vergewaltigen" (Hampe 1979, 420). Jedem Leser von Literaturübersetzungen sind sicher Dutzende solcher Aussagen vor Augen gekommen. Daß der - dem Übersetzer völlig unbekannte - Leser besonders viel Wert auf sprachliche Qualität legt, was nicht mit schlichter grammatischer Korrektheit zu verwechseln ist, scheint überhaupt die häufigste Forderung zu sein, die der - ,Herr' - Leser, neben dem Original das zweite Über-Ich des Translators, laut werden läßt. So schreibt z. B. auch der amerikanische Thomas-Mann-Übersetzer und Verlagslektor Denver Lindley: "No degree of literal fidelity can compensate for the betrayal of a good writer 5

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