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Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik ...

Rainer Kohlmayer:

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 by Englishing him in limp or ludicrous style" (Lindley 1964, 240). Auch Fritz Güttinger hat in einem praxisnahen Buch Interessantes und Wichtiges zum Thema Zielsprache gesagt. Kein Zweifel: Die zielsprachliche Qualität ist, abgesehen von der literarischen Qualität des Autors, die wesentliche Bedingung dafür, daß eine Übersetzung einen wachsenden Leserkreis findet. Die sprachliche „Einbürgerung" (Koppen 1981, 150) ist Bedingung des Markterfolgs - und ohne diesen kann kein Literaturübersetzer überleben. „Jiři Levýs Standpunkt, die ausgewogene Entscheidung für das Verfahren der Einbürgerung, kann heutzutage als der im großen und ganzen gültige angesehen werden - zumindest unter den Praktikern des Übersetzens, die freilich immer eher geneigt waren, die fremder Texte einzubürgern und zu integrieren" (Schneider 1985, 9). Als ,Diener zweier Herren' hätte also der literarische Übersetzer in der Praxis die Aufgabe, so jedenfalls die vorherrschende Meinung, durch seine Übersetzung gleichzeitig der Besonderheit des Originals möglichst gerecht zu werden, andererseits eine sprachlich anspruchsvolle Leserschaft auf einem relativ beweglichen Markt für ,sein' Produkt zu gewinnen. Aus dieser Situation ergibt sich für den Übersetzer also ein doppelter, zu Recht in Buchbesprechungen immer wieder mehr oder weniger präzise formulierter Qualitätsanspruch: Ausschlaggebend ist einmal die Qualität des Verständnisses (Originaltreue), zum andern die Qualität der zielsprachlichen Kompetenz. Über die Sisyphusarbeit der Annäherung an den ausgangssprachlichen Textsinn wurde bereits kurz gesprochen. Was aber der (marktseitige) Begriff der sprachlichen Qualität extensional bedeutet, soll hier etwas genauer dargestellt werden, am besten durch die Beschreibung des sprachlichen ,Rollenpensums' in der Selbstdarstellung eines erfolgreichen Literaturübersetzers: „Im Kopf muß das vorhanden sein, womit der Übersetzer arbeitet: vor allem seine Sprache, die Sprache von Vater und Mutter, seiner Geschwister, die Sprache vieler Menschen und Gesellschaftsklassen seines Landes, seiner engeren Heimat mit ihrem Tonfall, Dialekt, Jargon, Slang. Der Übersetzer muß also im Ohr gespeichert haben, wie ein Spezialarbeiter, ein Hilfsarbeiter, ein Handwerker spricht, ein Bürger der Vorkriegs- und Nachkriegszeit, ein Beamter, [...], wie ein Hochschullehrer, ein Schulmann, wie ein Griechenschwärmer oder ein Atomkraftgegner redet. Er muß die Suada der Medienarbeiter kennen [...]. Er muß aber auch den Tonfall der Toilettenfrau in den Residenzstuben kennen [...]. Der Übersetzer muß neben der gesprochenen Landessprache auch die geschriebene beherrschen - und zwar vom Gesang 6

Rainer Kohlmayer: „Der Literaturübersetzer zwischen Original und Markt. Eine Kritik funktionalistischer Übersetzungstheorien“, in: Die Schnake. Zft. für Sprachkritik, Satire, Literatur 13+14, April 1988, S. 1-45 = Lebende Sprachen 33, 1988, S. 145-156 Walthers von der Vogelweide ,Ist mir mein Leben getraumet, oder ist es wahr?' über Martin Luthers ,Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser ...' zu Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens ,Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall' [...]" (Meyer-Clason 1979). Für diese pantomimische Akrobatik, die vom literarischen Übersetzer als ,Diener zweier Herren' verlangt wird, hat der bedeutende französische Übersetzer Maurice-Edgar Coindreau (Faulkner. Hemingway, Dos Passos, Goyen) den respektlosen Vergleich geprägt: »J'ai toujours comparé le traducteur à un singe: il doit faire les mêmes grimaces« (Coindreau 1974). Respektvoller, doch in der Intention ganz ähnlich, meinte Jiři Levý, daß „der Übersetzung von allen Künsten die Schauspielkunst am nächsten" komme. Er empfiehlt für die Ausbildung literarischer Übersetzer daher auch die Entwicklung „ähnlicher Methoden [...], wie Stanislavsky sie zur Herausbildung von Schauspielern angewendet hat" ( Levý 1969, 66, 46). 4 ) Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der symbolische Interaktionismus (Mead, Goffman), der sich ja vorwiegend mit den Problemen ,Identität' und ,soziale Rolle' befaßt, bereits eine Grundlagenforschung für derartige Rollenspiele geliefert hat, die von der Übersetzungstheorie bisher nicht im geringsten wahrgenommen, geschweige denn fruchtbar gemacht wurde. Zum Abschluß dieses Überblicks, der für die Beibehaltung des traditionellen Modells, den Übersetzer als ,Diener zweier Herren' zu verstehen, plädierte, sei daher aus einem Forschungsbericht 4 Die Metaphorologie der Übersetzung verdiente eine eigene Untersuchung. Während bei Wilss (1977) die Automatenmetapher dominiert, bei Reiß / Vermeer (1984) und Holz-Mänttäri die Warenmetapher, scheint bei den Literaturübersetzern selbst eher die Schauspielmetapher vorzuherrschen, vermutlich schon seit Herder. Ein neuerliches Beispiel: „Übertragen ist ein Verwandlungsvorgang. Entweder man kann sich sprachlich verwandeln, dann kann man übersetzen, auch mehrere Autoren - oder man kann es nicht, dann wird auch der eine Autor, den wir übersetzen, nur wir selbst sein, niemand anderer. Es wurde noch keinem Schauspieler, keinem Darsteller fremder Charaktere zugemutet, sein Leben lang nur eine Rolle zu verkörpern. (Er hätte ja sonst nicht Schauspieler zu werden brauchen.)" (Dedecius 1986, 30). Die unterschiedliche Metaphorik zwischen Theorie und Praxis gibt zu denken. 7

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