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zu taumeln ein Leben lang - Fachbereich Translations-, Sprach- und ...

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Mit professionellem

Mit professionellem Handeln nach heutigen Maßstäben hat das Dolmetschen in Wesire und Konsuln nichts zu tun. D’Avenat und de Rotta bemühen sich nicht darum, sich die Mitteilungsabsichten der Gesprächspartner zu eigen zu machen und zu verwirklichen, wie dies nach heutigen Leistungsstandards gefordert ist (vgl. Pöchhacker 2000:56f.), ebenso wenig erfüllen sie die Forderung der AIIC nach Verzicht auf Vorteilsbeschaffung (vgl. Internetseite AIIC), es erfolgt kein angemessenes rotating side-taking (vgl. Gile 1995:29f.), es gelten keine ethisch fundierten Handlungsmaximen (vgl. Prunč 2005:186), und von einer in Stil und Sache genauen und getreuen Verdolmetschung (vgl. Keiser 1984:207) kann schon gar nicht die Rede sein. Und wenn Keiser darüber hinaus noch anmerkt, dass es für den Ruf des Dolmetschers nichts Schädlicheres gibt als den Vorwurf langweiliger und nicht sinngetreuer Arbeit (vgl. Keiser 1984:207), so kann das Dolmetschen von d’Avenat und Rotta nur als berufsethische Verfehlung angesehen werden. Identität - der Dolmetscher als Metapher Niemand weiß, was es heißt, die eine wie die andere [Welt ] zu lieben und zu hassen, so hin und her zu wanken und zu taumeln ein Leben lang, eine doppelte und doch keine Heimat zu haben, überall zu Hause zu sein und ewig ein Fremder zu bleiben, kurz: zu leben, an das Kreuz genagelt, Opfer und Folterknecht in einer Person. (Andrić 2001:347) Zugehörigkeit zu nur einer Sprache/Kultur und damit feste Verankerung in einer Gesellschaft sind in Wesire und Konsuln ein wesentliches Element für eine intakte Identität. Da die Dolmetscherfiguren diese eine Sprach- und Kulturzugehörigkeit nicht haben, leiden sie unter Identitätsdefiziten. Das mehrsprachige und plurikulturelle Kontaktmilieu, in dem sie leben, führt zu einer Zwitterstellung, die sich zerstörerisch auf ihre sozialen und kulturellen Bindungen, ihre Persönlichkeitsentwicklung und Identität auswirkt. Eine solche Denkweise wurde insbesondere im 19. Jahrhundert vertreten, in dem zwischen Sprache und Nation ein Junktim geschaffen wurde. Andrić lässt seinerseits die Protagonisten nach „Verwurzelung“ streben, nach fester Orientierung. Dies entspricht seiner eigenen Philosophie, wonach sich Identität aus der ganzen Entwicklung heraus bildet. Ist diese Entwicklung nicht „ganz“, geht Identität verloren. Identität hat nach Andrić ihre Wurzeln in der Vergangenheit. D’Avenat und Rotta aber suchen ihre Bedeutung losgelöst von der Vergangenheit, ausschließlich im Jetzt, in das sie sich vollends zu integrieren suchen - und scheitern. Hinter der Wurzel-Metapher steht ein durchaus zweifelhaftes Konzept von Nation, Kultur, Religion und Ethnizität. Dieses kontrastiert erheblich mit neueren kulturwissenschaftlichen Theorien, wie sie beispielsweise von Homi K. Bhabha vertreten werden (vgl. Bhabha 2007). Bhabha hinterfragt vehement den Glauben an eine eindeutige kulturelle Orientiertheit und geht davon aus, dass nur die „Verknotung“ divergierender kultureller Zugehörigkeiten die kulturelle Identität des Individuums ausmacht, dass der Mensch, um sich selbst zu definieren und differenzieren, „aus den herumliegenden kulturellen Versatzstücken auswählt, was er benötigt und was er möchte“ (Internetseite Terkessidis). Der „Ort“ der Kultur wird nicht mehr als einheitlich, geschlossen verstanden, sondern durch Hybridität entsteht ein dritter Raum, in dem sich Identität konstituiert und eine neue Form der Subjektbildung möglich wird. Die Figur des Dolmetschers braucht Ivo Andrić, um an ihr das „Gesetz der Gegensätzlichkeit“ (Andrić 2001:188) veranschaulichen zu können. Wesire und Konsuln handelt von der Gegensätzlichkeit, dem Gegeneinander der Kulturen und der Problematik von Anderssein. Die Dolmetscher d’Avenat und de Rotta sind, so wie Andrić selbst es war, mit Gegensätzlichkeiten konfrontiert, mit dem Leben an und zwischen Grenzen, die trennen. Ivo Andrić will auf dieses Trennende, die Brutalität, die sich hinter dem Trennenden verbirgt und die damit einhergehenden Gefahren für die Identität von Personen und Völkern aufmerksam machen. Die Dolmetscher d’Avenat und de Rotta stehen für Ambivalenz: beide haben den

„Okzident“ verlassen, um sich von ihrer Herkunft zu lösen, beide leben im „Orient“ und sind doch ihrem eigentlichen Ursprung verhaftet geblieben, beide streben nach Macht und fühlen sich doch durch ihre untergeordnete Tätigkeit ohnmächtig. Sie verkörpern Spaltung und gleichzeitig deren Überwindung. Sie sind somit Personen dazwischen, die mit „Grenzsituationen“ konfrontiert werden, die zwischen zwei Welten stehen, zwischen denen sie zu vermitteln haben. Diese Position zerrt an ihnen und zerreißt sie schließlich, so wie sie die Völker zerreißt, die als Spielball von Machtinteressen durch ständiges Hin und Her, wie die Dolmetscher, schließlich Gefahr laufen, ihre Identität zu verlieren. Es ist nicht das Dolmetschen, das Ivo Andrić beschäftigt. Er braucht den Dolmetscher als Metapher für Grenzgängertum, als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und als Brücke zwischen den Kulturen. Der Dolmetscher ist in seinem Roman Diener „zweier Herren“, zur Überbrückung von Gegensätzlichkeit bestimmt, und wird von dieser selbst zerstört. Literaturverzeichnis Andrić, Ivo. 2001. Wesire und Konsuln. München: Carl Hanser. Bhabha, Homi, K. 2007. Die Verortung der Kultur. Übersetzt aus dem Englischen von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Tübingen: Stauffenburg. Gile, Daniel. 1995. Basic Concepts and Models for Interpreter and Translator Training. Amsterdam/Philadelphia: Benjamins. Glässer, Edgar. 1956. Dolmetschen im Mittelalter, in: Beiträge zur Geschichte des Dolmetschens. Schriften des Auslands- und Dolmetscherinstituts der Johannes Gutenberg- Universität Mainz in Germersheim. München: Isar. 61-79. Hamadani-Dabagh, Roswitha. 1978. Motive und Motivation im literarischen Werk von Ivo Andrić - Versuch einer Analyse. [Unveröff. Dissertation der Universität Graz]. Hammer, Joseph von. 1822. Constantinopolis und der Bosporos. Erster Band. Pest: Hartleben. Jähnichen, Manfred. 1995. “O zakonu protivnosti” oder: Ivo Andrić’ Appell zur Toleranz im Roman Travnička hronika, in: Thiergen, P. (Hrsg.). Vorträge und Abhandlungen zur Slawistik – Ivo Andrić 1892-1992. Beiträge des Zentenarsymposiums an der Otto-Friedrich- Universität Bamberg. München: Otto Sagner. 41-52. Keiser, Walter. 1984. Der Beruf des Konferenzdolmetschers, in: Kapp, Volker (Hrsg.). Übersetzer und Dolmetscher. Theoretische Grundlagen, Ausbildung, Berufspraxis. Dritte Auflage. München: Francke. 196-209. Kraft, Ekkehard. 2000. Ivo Andrić – ein gesitiger Brandstifter? In der Inquisition treffen sich Nationalisten aller Lager, in: Neue Züricher Zeitung. 1.4., 65. Pöchhacker, Franz. 2000. Dolmetschen. Konzeptuelle Grundlagen und deskriptive Untersuchungen. Tübingen: Stauffenburg. Prunč, Erich (2005): Translationsethik, in: Peter Sandrini (Hrsg.). Fluctuat Nec Mergitur. Festschrift für Annemarie Schmid zum 75.Geburtstag. Peter Lang: Frankfurt/M., 165-194. Vermeer, Hans J. 1992. Skizzen zu einer Geschichte der Translation. Bd.1. Frankfurt/Main: Verlag für Interkulturelle Kommunikation. Internetseite AIIC. Berufsethik der AIIC http://www.aiic.net/ViewPage.cfm/article24.htm?plg=6&slg=1 (8.3.2005) Terkessidis, Mark: Globale Kultur in Deutschland oder: Wie unterdrückte Frauen und Kriminelle die Hybridität retten. http://parapluie.de/archiv/generation/hybrid (27.08.2007)

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