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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Die Modellvorstellungen von LEYTON (1986) schlagen eine erste Brücke zwischen den im vorherigen Abschnitt skizzierten Vektorfeldern für einfache Satzstrukturen und einer ausgearbeiteten Syntax des komplexen Satzes. Insgesamt scheinen die folgenden Ebenen für eine Syntax des komplexen Satzes konstitutiv zu sein. 1. Ebene: Die katastrophentheoretische Semantik kann das erforderliche Inventar als Hintergrund bereitstellen (vgl. Kap. 3.3). Die interne Ordnung der semantischen Archetypen erlaubt bereits die folgenden Feststellungen: (a) Es können prozessuale Asymmetrien festgestellt werden, welche das spätere Stabilitätsniveau (vgl. die vorherigen Ausführungen) vorprägen. (b) Die Hierarchie der semantischen Archetypen legt inferentielle Beziehungen zwischen Prozessgestalten (vgl. die attributive Ausfüllung) fest. 2. Ebene: Die einzelsprachlichen Grundmuster der Clause, das einzelsprachliche Lexikon der einzelsprachlichen Verben und das einzelsprachliche Kasussystem. Mit diesen Komponenten wird ein spezifisches positionelles und kasuelles Bezugssystem geschaffen und es werden spezifische lexikalisierte Differenzierungen eingeführt. Im Prinzip wird Ebene 1 durch Ebene 2 elaboriert und spezifiziert. Für komplexere Bereiche der Ebene 1 kann die Ebene 2 auch selektiv sein, d.h. bestimmte Strukturen in Ebene 1 können evtl. unrealisiert bleiben. 3. Ebene: Im konkreten Sprachgebrauch werden die abstrakt verfestigten Stabilitätsniveaus und Feldstrukturen psychisch und sozial (im Diskurs) realisiert, wobei die Ebene 2 das langfristige Produkt dieser Aktivitäten ist. Diese, in ähnlicher Weise bei GIVON vorfindliche Einschätzung der Syntax charakterisiert sie als eine komplexe Interferenzzone zwischen verschiedenen (kognitiven, sozialen und historischen) Prozessen. Wie die Arbeit von LEYTON zeigt, können die bisherigen Arbeiten der theoretischen Syntax in einem, um eine Stabilitätstheorie ergänzten algebraischen Rahmen formuliert und fruchtbar weitergeführt werden. Während die 1. Ebene eher in der Biolinguistik fundiert ist, verlangt die 2. Ebene eine umfassende typologische und funktionale Analyse vorkommender Sprachen. Die 3. Ebene schließlich kann über text- und diskursanalytische (letztlich über soziolinguistische) Einzelforschungen aufgeschlüsselt werden. Die dynamischen Organisationsprinzipien, die in der Syntax wegen des Zusammenwirkens biolinguistischer Grundmuster und soziohistorischer Konventionalisierungen verdeckter sind, können im Bereich der spontanen Organisation von Erzählungen besser herausgearbeitet werden. 3.5 Zur Selbstorganisation in Erzählungen 3.5.1 Der systematische Ort der Erzähldynamik innerhalb der Sprachdynamik Wenn wir die Selbstorganisation lebender Systeme und ihrer Teile untersuchen, müssen wir davon ausgehen, dass es eine komplizierte Struktur voneinander abhängiger, sich gegenseitig als Umgebung akzeptierender Selbstorganisationsprozesse gibt. Man kann die verschiedenen Ebenen der Selbstorganisation auf einer Skala, die von Mikrosystemen zu Makrosystemen reicht, einordnen. Prinzipiell können wir die Skala in die Bereiche Mikrodynamik, Mesodynamik und Makrodynamik unterteilen. a) Mikrodynamik - Die aktualen Prozesse bei der Produktion und der Rezeption von Äußerungen, 100

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ - die Mikroprozesse des Gedächtnisses und des Sprachlernens. Die Zeitskala geht von Mikrosekunden zu Sekunden, ein Bewusstseinszugang ist nicht generell gegeben. Typische Einheiten sind Teile des Individuums. b) Mesodynamik In einer Situation der Sprachverwendung werden größere Strukturen geplant und wahrgenommen, aus verschiedenen Realisationsmöglichkeiten und Interpretationsalternativen wird ausgewählt; es werden Wirkungen intendiert und globale Reaktionen hervorgebracht. Der Hörer wird vom Sprecher in Rechnung gestellt, der Hörer kann die Aktivität des Sprechers als mögliche eigene Aktivität "verstehen". Die Aktivität liegt zeitlich im Bereich von Sekunden bis Stunden. Die räumliche Konstellation besteht aus der direkten Umgebung und den Gesprächspartnern. Die hervorstechende Einheit ist das Individuum. c) Makrodynamik Sprachmuster und -techniken werden transindividuell tradiert, vom Sprecher als vorgegeben akzeptiert und nur unwesentlich verändert (in der Verwendung werden allerdings die Toleranzräume dieser Muster ausgenützt). Die raumzeitliche Bühne dieser Prozesse und Muster liegt jenseits der einzelnen Verwendungssituationen und kann historische Dimensionen erreichen (etwa als Reichweite kultureller Überlieferungen, eine möglicherweise jenseits der Makrodynamik liegende phylogenetische Dynamik wird in dieser Aufstellung nicht berücksichtigt.) Die Sprache ist auf allen drei Ebenen selbstorganisiert. Die größeren Sprachformen, etwa die Erzählform, sind allerdings nur recht indirekt durch Mikroprozesse (z.B. im Bereich der Gedächtnisoperationen) bestimmt. Es gibt einerseits eine spontane Selbstorganisation im Gespräch, wobei sowohl erlernte Muster indexikalisiert, variiert, als auch Muster neu gestaltet, erfunden werden können. Andererseits gibt es längerfristige Entwicklungen, bei denen Erzählformen von Generation zu Generation tradiert werden. Die Dynamik dieser Tradierung kann sehr konservativ sein, als Hintergrund vielfältiger Variationen dienen oder sogar zu Innovationen herausfordern, entgegengesetzte Muster provozieren usw. Diese längerfristige, auf die Tradierungsdynamik aufbauende Bewegung ist besonders bei schriftlichen Formen bedeutsam und findet ihre Realisierung u.a. in der Entwicklung literarischer Formen. 3.5.2 Selbstorganisationsprozesse in der mündlichen Erzählung Wir wollen im Folgenden die spontane Erzählung persönlicher Erlebnisse als Prototyp analysieren. Andere Formen mündlichen Erzählens sind spezifische Anpassungen dieser selbstorganisierten Form an Kontexte, die in spezieller Weise kontrolliert sind (etwa ritualisierte Erzählsituationen oder institutionalisierte und professionelle Erzählkontexte). In einem ersten Zugriff können wir drei Ebenen unterscheiden, auf denen die Erzählung spontan organisiert wird. Dabei nehmen wir das Sprachsystem, das nur geringfügig, wenn überhaupt, verändert wird, als Hintergrund an, wodurch es als Untersuchungsgegenstand ausgeblendet wird. Die Erzählung vereinigt verschiedene Bereiche sprachlicher Aktivitäten in einer noch relativ durchsichtigen Weise: Siehe Wildgen (M2004) für eine Behandlung der Phylogenese; der morphodynamische Aspekt bleibt allerdings im Hintergrund. 101

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