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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Die evaluative Dynamik ist sehr kontextabhängig und somit sehr variabel. Sie hängt insbesondere von der Beziehung zwischen Sprecher und Hörer und dem emotionalen Gehalt der Geschichte für den Erzähler und damit dem Bezug zu dessen Selbstwertgefühl zusammen. Die einzelnen Evaluationsbewegungen im Text müssen auf den globalen Evaluationsprozess bezogen werden; sie können auf spezielle Episoden der Erzählung gerichtet sein oder einen größeren Skopus haben. Insgesamt ergibt sich eine doppelte Rahmung der Erzählung, wobei die Polarität Hörer - Erzähler als äußerer Rahmen fungiert und die zweite Polarität: Komplikation – Resultat als Innenbereich hat. C. Die interaktionale Ebene der Erzähldynamik Das Gespräch konstituiert einen sozialen Prozess, bei dem der sprachliche Austausch eine zentrale Rolle spielt. Das soziale Minisystem "Gesprächsgemeinschaft" muss, um überhaupt funktionieren zu können, das Problem lösen, wie zwei oder mehrere parallele innere Prozesse (der Wahrnehmung und der Äußerung bzw. Rezeption) in einem fast linearen Strang konsekutiver Redebeiträge organisiert werden können. Die Auswirkungen dieses Organisationsproblems auf den Redewechsel und auf die Struktur längerer Beiträge hat SACKS (1972, 1973) erfolgreich untersucht. Ich möchte in diesem Zusammenhang drei Aspekte herausgreifen, welche mit dem Dominanzwechsel zusammenhängen und welche besonders zur Stabilisierung einer Rededominanz im Zusammenhang einer Erzählung notwendig sind. (a) Der Erzählanlass (das "Abstract" bei LABOV und WALETZKY, 1967) soll angedeutet sein und dessen Inhalt, der Nachweis der "tellability" (bei SACKS 1972) bzw. "reportability" (bei LABOV und WALETZKY, 1967) muss erbracht werden, so dass der Hörer das Vorhaben des Erzählers ratifizieren kann. Dieser Strukturzwang verursacht bzw. verstärkt auch die unter (B) behandelte Hörerorientierung zu Beginn der Erzählung. Er antwortet auf die "so what"-Frage des Hörers, auf seine Erwartung eine Pointe, einer Belohnung des Zuhörens. Dies überlagert sich mit dem persönlichen Fazit des Sprechers (vgl. Abschnitt B). (b) Während der Dominanzphase des Erzählers kommt es zu einem "slaving" (Versklavung) im Sinne HAKENs, insofern die Geschichte des Erzählers den Hörer mental okkupiert, einnimmt; zumindest strebt dies ein guter Erzähler an. Dieses "Fesseln" des Zuhörers als temporäre Fremdbestimmung bedarf einer Energie, die im Erzählprozess als Spannungselement, Faszination, Rätsel und dessen Lösung oder mit ähnlichen Mitteln zu erbringen ist. (c) Die lokale Asymmetrie im konversationellen Fluss, welche durch eine Erzählung erzeugt wird, erzwingt zeitweise eine komplementäre Beziehungsstruktur (im Sinne von WATZLAWICK) und ist im Keim auf eine Strukturbildung innerhalb der Erzählgemeinschaft etwa in Form eines Dominanzprofils ausgerichtet. Es ist insofern zu erwarten, dass die Partner entweder diese Asymmetrie durch komplementäre Beiträge, z.B. eigene Erzählungen, ausgleichen oder aber sie auf dem Hintergrund bereits etablierter oder gar institutionalisierter Asymmetrien und Komplementaritäten erdulden. Hier kann eine sozialpsychologische und soziolinguistische Analyse des Erzählprozesses ansetzen. Erzählen und andere längere Formen des Redebeitrages können als Mittel der Herrschaft im Gespräch oder als Indikator außersprachlicher Machtstrukturen interpretiert werden. 3.5.3 Randzonen und Übergänge der prototypischen Erzählform Das Feld der Form "mündliches Erzählen im Alltag" kann einerseits "injunktiv" in Bezug auf zentrale, prototypische Formmerkmale und dynamische Schemata beschrieben werden, 106

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ andererseits "disjunktiv" durch Betrachtung der Ränder des Feldes, der Übergänge zu anderen Formen und Prozessstrukturen. Wir können das Feld der Erzählform grob durch zwei Dimensionen der Berandung charakterisieren. Einmal geht die Erzählung häufig aus dialogischen Sequenzen hervor und bildet eine monologische Insel im dialogischen Fluss, zum anderen kann sie innerhalb der monologischen Organisation zu verschiedenen monologischen Formen übergehen, es kann ein Bericht, eine Beschreibung, eine Argumentation entstehen. Wir nennen diese Achse paradigmatisch, da die aufgezählten Formen Alternativen darstellen, zwischen denen der Sprecher unter geeigneten Randbedingungen die Wahl hat. Die zweite Achse nennen wir prozessual (oder syntagmatisch); sie zeigt links Vor- und Kurzformen des Erzählens, also Beinahe- Realisierungen der Erzählform (z.B. Erzählansätze, die nicht fortgeführt werden, abgebrochene Erzählungen, verweigerte Erzählungen) an; rechts stehen sekundäre Gestaltungen eines Erzählstoffes, z.B. bei wiederholtem Erzählen, bei der Verschriftlichung einer Erzählung (in künstlerischer Absicht). Die beiden Achsen könnte man auch: Dialog versus Monologform und Versuch versus Realisierung versus Elaboration nennen, da beide Prozessuales enthalten; die erste Achse nimmt allerdings stärker auf usuelle Makroformen Bezug, weshalb die Charakterisierung als "paradigmatisch" gerechtfertigt ist. Abb. 3.34 illustriert die beiden Achsen. Abb. 3.34: Erzählform im Interaktionsfeld zweier Kräfte. Generell nehmen wir an, dass die Erzählform, die eine stabile und fundamentale sprachliche Makroform darstellt, für das skizzierte Feld zentral ist. An den Rändern der stabilen Form kommt es zu einer rapiden Abnahme der Systematizität, Rekurrenz und Stabilität des Musters. So kann die Erzählung in eine Frage- Antwortsequenz zerlegt werden, wobei die unterschiedlichsten Formen zu erwarten sind: - kooperatives Erzählen. Wenn beide Gesprächspartner (evtl. in Gegenwart eines Dritten) mit verteilten Beiträgen das Ereignis, das Erlebnis darstellen, - "mäeutisches Erzählen". Ein Sprecher versucht, die Erzählung vom weniger motivierten Partner hervorzulocken, ergänzt Bruchstücke durch Nachfragen oder durch Ausfüllung (die vom Erzähler ratifiziert wird), - "konfliktäres Erzählen". Der Hörer versucht, den Sprecher dazu zu bewegen, etwas selbst zu berichten, was der Hörer schon weiß. Anhörungen vor Gericht und Verhöre bei der Polizei können diese Struktur haben (vgl. Wildgen,1987c), 107

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