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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ - "erratisches Erzählen". Jeder Partner einer größeren Runde bringt schlaglichtartig Erzählmomente ein (vgl. WILDGEN, 1978c). Das ganze läuft wie ein Spiel ab, bei dem jeder Beteiligte in einen relativ ungeordneten "Thementopf" narrative Beiträge einbringt. Einige Aspekte der prozessualen Achse wurden in WILDGEN, (1978b) anhand von Erzählungen ausländischer Arbeiter behandelt; die literarischen Ausgestaltungen und Veränderungen der Erzählform werden im folgenden Abschnitt kurz angesprochen. Besonders interessant erscheint auf der paradigmatischen Achse die Argumentation zu sein, da sie einen neuen Typ der Formgebung, die argumentative Kette, ins Spiel bringt 12 . Die Argumentation ist dynamisch sowohl an das Schema der evaluativen Dynamik als auch an das Schema der referentiellen Dynamik gekoppelt, wobei das Argumentationsziel, die Argumentationsrichtung eher evaluative Momente aufweist; die Kausalstruktur und Logik der argumentativen Kette steht dagegen im Zusammenhang mit Handlungsketten und deren temporaler und motivationaler Kohärenz im Rahmen der referentiellen Dynamik. Wie die Theorie natürlichen Schließens zeigt, liegt mit der argumentativen Form eine zwar verwandte, aber ebenso fundamentale sprachliche Makroform vor, wie das Erzählen. Man könnte in Bezug auf die "reinen" Formen des Feldes demnach die paradigmatische Achse wie folgt unterteilen: 1. Frage und Antwort, 2. Erzählung (parallel dazu Bericht, Beschreibung), 3. Argumentation. Die übrigen genannten Randformen, ebenso wie weitere vielfältige Formen wären nur instabile oder metastabile Zwischenformen mit geringerer Formkonstanz und Wirkung. In ähnlicher Weise kann man die prozessuale Achse durch die Angabe prototypischer Formen systematisieren: 1. Einzelne Sätze: - die Erzählung vorbereitend (Abstract), - die Erzählung einleitend (Orientierung), - das Resultat zusammenfassend (Coda) (ohne Erzählkern). 2. Erzählung: mindestens ein Satz mit Wechsel und impliziter Vor- und Nachphase; meistens ein narratives Skelett + evaluative Sätze. 3. Kunstformen des Erzählens, die je nach kulturellem Kontext z.B. sein können: - Märchen oder Heldensagen, - Novellen/Short Storys, - Kunstmärchen u.a. Typisch für die Kunstformen sind Kriterien der "schönen Gestalt" wie Symmetrie, rhythmische Struktur (z.B. Wiederholungen mit Variation im Märchen), zusätzliche Kohärenzeigenschaften neben der temporal-kausalen Kohärenz der Erzählung. Die aufgezählten und knapp skizzierten Formeigenschaften der mündlichen Erzählung und ihres Strukturumfeldes weisen deutlich auf eine Selbstorganisation hin. Wir werden, allerdings sehr vorläufig, in Kap. 3.5.5 einen Gesamtrahmen der Selbstorganisation angeben, in den der Erzählprozess eingebettet ist. 12 Die Dynamik argumentativer Züge in Erzählzusammenhängen wird als Teilaspekt im DFG-Projekt "Narrationsdynamik" untersucht.Vgl.auch G.FRIXEN (1987). Vgl. neuere Arbeiten des Autors: Wildgen (erscheint 2005a, 2004g, 1998b, 1996c,1993a,b, 1992a, 1990c, 1989d). 108

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ 3.5.4 Einige Bemerkungen zur Selbstorganisation literarischer Erzählformen (im Gegensatz zur mündlichen Alltagserzählung) Die literarische Erzählform bleibt zwar im Rahmen der Sprache und ihrer Möglichkeiten, sie schöpft diese Möglichkeiten jedoch intensiver und systematischer aus als die Alltagssprache. In der Form einer auf literarischen Traditionen aufbauenden, zu dieser in Kontinuität, Konkurrenz oder gar Kontrast stehenden literarischen Gestaltung hat die literarische Formgebung allerdings eine andere Zeitdimension (die oft Jahrhunderte zurückreicht). Durch den internationalen Literaturmarkt und die rege Übersetzungstätigkeit ebenso wie durch die wissenschaftliche Aufarbeitung von Literatur erhält diese außerdem eine räumliche Verbreiterung und eine selbstreferentielle Vertiefung, die spezifisch für diese Sprachform ist. Wir wollen zwei Aspekte spezieller behandeln: - Unterschiede in der Organisation mündlicher und literarischer Erzählungen, - die Selbstorganisation kollektiver Symbole und Bilder. A. Unterschiede in der Organisation mündlicher und literarischer Erzählungen Dem literarischen Erzählen fehlen einige Organisationsaspekte des mündlichen Erzählens im Diskurs, die in geeigneter Weise kompensiert werden müssen, damit die Stabilität des Verständigungsprozesses gesichert wird. Das literarische Erzählen verfügt jedoch vermittelt durch die schriftlich-kulturelle Tradition über zusätzliche Strukturquellen: tradierte Erzählmuster, literarische Konstruktionsverfahren und kulturelle Symbole. Wir wollen uns zuerst mit den Möglichkeiten der Kompensation des "Mangels" der schriftlich-literarischen Erzählform beschäftigen. Dazu stehen drei Arten von Ressourcen zur Verfügung: (a) Als Ersatz für das individuell bezeugte Erlebnis können Kohärenzstrukturen des Erzählten angeboten werden; d.h. die Glaubwürdigkeit des Geschehens wird durch die Gestalt, die überzeugende Form ersatzweise erreicht. In diesem Bemühen können hoch ritualisierte Erzählkonfigurationen und Ereignisfelder (vgl. die Aktanten von GREIMAS und die Mythenstrukturen bei LEVI-STRAUSS) entstehen. Diese Strukturen sind von der Erlebniswelt der Erzähler und Zuhörer weitgehend losgelöst. Die Glaubwürdigkeit beruht in diesen Fällen letztlich nur auf der schönen Form und der Traditionskontinuität der Stoffe. (b) Die pragmatische Verpflichtung des Erzählers im Diskurs wird stilisiert zu Typen der Erzähltechnik. Allerdings kann der Schriftsteller die Geschichte auch von einer Figur der Rahmenhandlung erzählen lassen und so die Erzählsituation fiktiv rekonstruieren. (c) In der literarischen Erzählung muss die Hörerevaluation, gerade weil sie nicht diskursiv in der Situation präsent ist, vom Autor besonders sorgfältig in Rechnung gestellt werden und kann z.B. sekundär über die eigene Rezeption literarischer Werke abgesichert werden. Die Makrodynamik historisch tradierter oder auch synchron wirksamer Erzählvorbilder hat verschiedene Wirkungen, von denen ich einige anführen möchte: (a) Werden Prototypen der Erzählform in einer Kultur entwickelt und erhalten sie Gewicht, so kann eine ganze Tradition an dieser Norm orientiert werden. Es entstehen quasi-formale Erzählmuster, wie sie etwa PROPP in den russischen Zaubermärchen oder LEVI-STRAUSS bei Mythen vorfanden. (b) Tradierte Organisationsmuster (dynamisch) und thematische Netze (feldartig) können vielfach variiert, kompliziert, mit anderen Traditionen angereichert bzw. vermischt werden. Dabei kann auch eine Rückbesinnung auf einfachere "Urformen" erfolgen (wie etwa in der Romantik). 109

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