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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ (c) Wenn ein großer Vorrat tradierter Muster und Organisationsschemata vorliegt, können diese ironisch, verfremdend benützt werden; es können konträre Formen entwickelt und mit ersteren in Beziehung gesetzt werden. Insofern die Stabilität der Erzähl- und der Rezeptionsprozesse letztlich auf den naturwüchsig selbstorganisierten Formen im Alltagsdiskurs beruht, darf die literarische Erzählung sich von dieser Basis nicht zu weit entfernen. Die Makrodynamik tradierter Formen stellt spezielle Anforderungen an den Leser und motiviert diesen, seinen normalen Erfahrungs- und Lebensraum zu überschreiten. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass die soziale Basis der literarischen Kommunikationsform verengt oder gar ganz verloren wird. In dieser Situation kann die literarische Kommunikation bereits von relativ geringen Fluktuationen in der Lesergesellschaft bedroht werden. Durch gesellschaftliche Institutionen und literarisierte Subgesellschaften wird ein weitgehender Schutz der literarischen Kommunikationsform geleistet. Das literarische Erzählen befindet sich somit in einem Spannungsfeld von: Alltagserzählung institutionalisiertere (als Normalitätshintergrund) mediale Kommunikationsform Die fiktive Mündlichkeit kann als ein Kompromissversuch gesehen werden, das Dilemma von alltäglicher Variabilität und Unverbindlichkeit versus institutioneller Verfestigung und Konventionalisierung zu lösen. B. Zur Selbstorganisation kollektiver Symbole und Bilder Die Sprache ist ein allgemeines gesellschaftliches Gut, das über den Spracherwerb in normalen Gesellschaften (wenn man von Pidginsituationen und Arbeitsimmigranten absieht) frei verfügbar ist und gesellschaftlich kaum reguliert, beschränkt, verwaltet wird. Neben diesem Instrument gesellschaftlicher Interaktion gibt es innerhalb der Sprache und des Denkens jedoch auch Symbole und Bilder, in denen sich gesellschaftliche Prozesse und dominante, prägnante Eigentümlichkeiten einer Zeit besonders klar zeigen und somit auch markant darstellen lassen. Diese zentralen Begriffe, Bilder, Metaphern wollen wir in Anlehnung an LINK (1982) "kollektives Symbol" nennen: Man könnte auch in einer PEIRCEschen Redeweise von sprachlichen Symbolen sprechen, welche sekundär eine indexikalische Qualität in Bezug auf globale Muster der Zeit, der Gesellschaft gewinnen. Diese kollektiven Symbole stehen in ihrer Selbsterzeugung (Autopoiese) in enger Beziehung zur gesellschaftlichen Praxis und können deshalb auch ziemlich direkt repräsentieren. Das Sprachsystem dient den kollektiven Symbolen als Nährboden, d.h. die Kandidaten für kollektive Symbole entstehen aus allgemeinen Prozessen des Sprachwandels und der Sprachinnovation. Das Sprachsystem wird aber vom Prozess der Bildung kollektiver Symbole kaum berührt und funktioniert somit wie ein Katalysator in der Autokatalyse (vgl. Kap. 2.6). Der Selbstorganisationsprozess könnte grob die in Abb. 3.35 angegebene Kreisstruktur haben. 110

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Abb. 3.35: Autopoesis-Zyklus zur Organisation kollektiver Symbole. Solche kollektiven Symbole sind z.B. technische Symbole wie: Dampfmaschine, Ballon, Atombombe oder: Baum, Pflanze im Rahmen der Öko-Bewegung, Personen z.B. Faust in der Literatur usw. In der literarischen Erzählung gewinnen diese sekundären Symbolisierungen mit starkem kollektivem Gehalt an Bedeutung, da diese Erzählform im Gegensatz zur Alltagserzählung stärker auf das Allgemeine, Raum und Zeit Überschreitende abzielt. Hinter konkreten Handelnden können somit anstelle der in der Alltagserzählung bekannten oder konkretisierbaren Personen, ihrer Attribute und Handlungen stärker kollektive Symbole als Charaktere, Handlungsmuster und Umstände auftreten. Damit erhält die literarische Erzählung eine Kollektivitätsdimension, die sie von Alltagserzählungen abhebt und die ihrem Medium, der Raum und Zeit überschreitenden Schriftsprache, adäquat ist. 3.5.5 Zur Integration von Erzähldynamik und Sprachdynamik Die drei in diesem Kapitel angegebenen Organisationsebenen der Erzähldynamik müssen vom Sprecher und ebenso vom Hörer in die allgemeine Dynamik der Sprachproduktion und Sprachrezeption integriert werden. Dazu wollen wir einige vorläufige Überlegungen vornstellen. Als gemeinsamen Begriff schlagen wir den des Rhythmus vor. In JAFFE u.a. (1979: 403) werden mehrere Ebenen der rhythmischen Organisation beim Sprechen vorgeschlagen. Als unterste Ebene erscheint die rhythmische Abfolge von: betonter Vokal – transsilbisches Ereignis – betonter Vokal Auf der nächsthöheren Ebene kommt es zu einer Sequenz von: Phrase – Pause – Phrase ‚Phrasen’ sind dabei phonologische Makroelemente, die durch Akzent und Satzmelodie gekennzeichnet sind. In Wildgen (2003b) wird die semiotische und linguistische Relevanz der „Philosphie symbolischer Formen“ Enst CASSIRERs besprochen und ihr Verhältnis zu Vorschlägen von Niklas LUHMANN skizziert. 111

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