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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ 3.6.2 Ein synergetisches Modell des Sprachwechsels Der Sprachwechsel besteht in einem zeitlich relativ zur Sprachveränderung schnellen Prozess, in dem eine Sprache Domänen, Funktionen und Sprecher an eine konkurrierende Sprache verliert 14 . Wenn die Sprache eine quantitativ ausreichende Basis hat und sozial wie areal differenziert ist, wird der Sprachwechsel nacheinander die verschiedenen sozialen Felder und arealen Bereiche erfassen. Im Kern des Sprachwechsels geht es um eine Wertkonkurrenz. Der gesellschaftliche Wert (fast im Sinne einer sozialen Investition) einer Sprache erleidet zuerst starke Einbußen durch eine "Wanderung" der Bewertung, d.h. ausgehend von bestimmten Zentren setzt eine Umwertung ein; diese verteilt sich dann in Form eines epidemischen Prozesses. Die ersten starken Reaktionen bestehen in situativen Sprachwahlen, indem z.B. die Sprecher in gewissen Situationen (Öffentlichkeit, Ämter, Kirche, Verkehr mit Ortsfremden und Zugewanderten) die höherwertige Sprache bevorzugen. In zweiter Linie wird die sprachliche Sozialisation auf die neue Wertigkeit eingestellt. In unserem Beispiel, der Konkurrenz von Hochdeutsch und Niederdeutsch als gesprochene Umgangssprache in Bremen, kam es seit dem Ende des 19. Jh. zu einer systematischen Sozialisation der Kinder im Elternhaus auf das sozial höherwertige Hochdeutsch hin. Auf der individuellen Ebene verläuft der Sprachwechsel sehr schnell, oft in wenigen Jahren. Kritische Zeiten sind: der Erstspracherwerb, die Einschulung und der Berufseintritt; kritische Situationen sind: der Kontakt mit sozialen Bereichen, in denen das Hochdeutsche als Schrift- und teilweise als gesprochene Sprache dominiert. Wenn wir als Zeitdimension beim Einzelnen 2 bis 10 Jahre ansetzen und als Rhythmus der Übergabe der neuen Bewertung etwa eine Generation, d.h. 30 Jahre, so wird die Schnelligkeit des Sprachwechsels gegenüber dem Sprachwandel deutlich (die beiden konkurrierenden Sprachformen differenzierten sich im frühen Mittelalter). Wegen der sozialen und arealen Distribution verbreitet sich allerdings die Wechselzone nur langsam. In manchen Familien der Oberschicht wurde schon um 1850 in Bremen Hochdeutsch gesprochen. In vielen Familien auf dem Lande im Umkreis der Städte Bremen und Bremerhaven findet der Sprachwechsel gerade in ähnlicher Weise statt wie vor 100 Jahren. In der Distribution über die soziale und areale Skala kann ein Prozess des Sprachwechsels somit je nach Konstanz der Randbedingungen 50-100 Jahre dauern. Im Vergleich dazu dauert der vollständige Sprachverlust beim Emigranten (nach Übersee) meist 3 Generationen, wobei der radikale Sprachwechsel bereits von der ersten in der Emigration geborenen Generation vollzogen wird. Wir wollen den Sachverhalt (vgl. für eine detaillierte Diskussion und für eigene empirische Daten WILDGEN, 1986a) durch zwei Stufen der Modellbildung rekonstruieren. Zuerst geben wir ein qualitatives Modell des Prozesses an, durch den das globale Geschehen rekonstruiert wird; dann schlagen wir ein differenzierteres, synergetisches Modell vor, mit dem dieser und ähnliche Prozesse simuliert werden können. A. Ein qualitativ-dynamisches Modell des Sprachwechsels Die Bewegung, welche die Jahre von 1880-1920 in die Bremische Sprachlandschaft brachten, kann im dynamischen Modell als langsame Dynamik entlang eines Weges in einem bipolaren Feld (niederdeutsche Stadtsprache bzw. ländlicher niederdeutscher Dialekt – versus – überregionale hochdeutsche Standardsprache) beschrieben werden. Dem bipolaren Feld 14 Phänomene eines plötzlichen Sprachwechsels oder gar Sprachtodes findet man häufiger bei Sprachinseln. So berichtete mir Dr. Bruno STRECKER vom Untergang der Sprache der badischen Waldenser (etwa um 1850). Herr Dr. BARTH berichtete mir von dem Sprachwechsel in einer zweisprachigen sorbischen Sprachinsel (bei Bischofswerder); er wurde durch die Wiederverheiratung des Bürgermeisters und größten Bauerns mit einer deutschsprachigen Frau ausgelöst. Für weitere empirische Arbeiten zum Niederduetschen vgl. Wildgen (mit Beiträgen von Ludwigs und Persuhn, M2000) sowie Wildgen (2003d, e, 1989e, 1988d). 116

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ entspricht eine Konfiguration von zwei Attraktoren, d.h. von zwei dynamischen Feldern, in denen sich die Bewegung eines Systems stabilisieren kann (also mögliche stabile Zustände des Systems). In Abb. 3.36 sehen wir eine Folge solcher Attraktorenpaare (Paare von Minima), wobei die Tiefe des Attraktors seine globale Anziehungskraft (bzw. seine relative Dominanz) anzeigt. Die beiden stabilen Zustände sind in unserer Anwendung: N: Benutzung des Niederdeutschen als Umgangssprache H: Benutzung des Hochdeutschen als Umgangssprache Abb. 3.36: Dominanzverschiebung zwischen dem Niederdeutschen und Hochdeutschen. Die Tendenz, die in der Geschichte aufgebaut wurde und die mit einem Prestige-, Macht- Gefälle in der Gesellschaft verknüpft war, ist eine weitere Größe; wir können sie als einen Weg im bipolaren Feld ansehen, der langsam von den Bereichen, in denen N dominiert (siehe (a)), zu jenen Bereichen führt, in denen H dominiert. Zusätzlich wissen wir aus der Geschichte, dass das polare Feld selbst entstanden ist, d.h. dass es auch Situationen ohne Polarität gab (in unserem Falle etwa im 16. Jh., als das Hochdeutsche in Bremen als Umgangssprache praktisch nicht existierte, bzw. keine stabile Existenz in Bremen hatte). Diese qualitativen Beziehungen lassen sich mit einem katastrophentheoretischen Modell abbilden, das wir in Abschnitt 2.2 näher erläutert haben, der Kuspe. Abb. 3.37 zeigt die Fläche der Minima (oben) und die Bifurkationsebene. Die beiden Teilflächen oben sind per definitionem Stabilitätszonen, wir haben sie entsprechend der vorherigen Überlegungen mit den beiden konkurrierenden Sprachformen etikettiert: N (Niederdeutsch) und H (Hochdeutsch). Wir sehen deutlich wie der Weg P, gedacht als langsamer historischer Prozess, in einen Bereich der Konkurrenz führt (es liegen zwei Stabilitätsflächen übereinander) und schließlich zum Wechsel von der Fläche N auf die Fläche H. 117

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