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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

ynam.Paradigma ____ Dynamische Modellkonzepte____________________14 2. DYNAMISCHE MODELLKONZEPTE FÜR DIE SPRACHWISSENSCHAFT 2.1 Was heißt Dynamik? 2.1.1 Die "Dynamik" in der Physik In der Physik wird heute die "allgemeine Mechanik" als Oberbegriff des Dynamischen verwendet und definiert als: "Lehre von der Bewegung materieller Körper und Systeme unter dem Einfluss von Kräften, deren spezielle Herkunft noch unberücksichtigt bleibt" (ABC- Physik, Bd. 2, 958). Die allgemeine Mechanik wird untergliedert in: - Kinematik (Phoronomie, Bewegungslehre). Sie beschäftigt sich ausschließlich mit geometrischen und zeitlichen Aspekten der Bewegung von Körpern und Systemen. - Dynamik. In diesem Theoriebereich frägt man außerdem nach den Ursachen der Bewegungen und findet sie in den Kräften (etymologisch verweist "Dynamik" auf das Wort "Kraft"). Kräfte haben statische und dynamische Wirkungen. Erstere werden in der Statik beschrieben, zweitere in der Dynamik im engeren Sinn. Unter dem Aspekt der Wirkung von Kräften stellt somit die Statik einen Spezialfall der Dynamik dar. Insbesondere sind Starrheit, Elastizität, Deformierbarkeit und Schwingungszustände Themen den "dynamischen Statik". In der heutigen Physik spricht man außerdem von klassischer Mechanik (als Oberbegriff von Kinematik und Dynamik): "Sie gilt für Geschwindigkeiten, die klein gegenüber der Lichtgeschwindigkeit sind, und wenn die auftretenden Wirkungen groß genug gegenüber dem Planckschen Wirkungsquantum sind." (ibidem) Bei beliebiger Geschwindigkeit ist die relativistische Mechanik der geeignetere Hintergrund und die Bewegungsgesetze für Mikroprozesse werden in der Quantenmechanik erfasst (wobei die Vereinigung dieser Teilfelder in einer vereinheitlichten Theorie noch aussteht). Historisch wurde die physikalische Statik in der Antike von ARISTOTELES und ARCHIMEDES begründet, KEPLER begründete die Kinematik. Die Dynamik setzte sich erst mit GALILEI durch und wurde vervollständigt durch die Axiome NEWTONs. Die analytische Behandlung wurde durch LAGRANGE (1736-1813) begründet und von GAUß (1777-1855), HAMILTON (1805-1865) u.a. in ihre klassische Form gebracht. Die relativistische Mechanik wurde aufbauend auf POINCARÉ (1854-1912) und LORENTZ (1853-1928) von EINSTEIN 1905 begründet, die Quantenmechanik begann 1900 mit der Quantenhypothese PLANCKs und wurde 1927 von SCHRÖDINGER, HEISENBERG, BORN und JORDAN in die heute gültige Form gebracht (vgl. ABC-Physik, ibidem). Einen systematischen Versuch, die durch die "Principia philosophiae naturalis" (1696) von NEWTON ausgebaute und mathematisch fundierte Dynamik zu generalisieren und philosophisch zu durchdenken, hat KANT 1786 unternommen in seiner Schrift: "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft". KANT bestimmt die Naturwissenschaft generell als Bewegungslehre: "Die Grundbestimmung eines Etwas, das ein Gegenstand äußerer Sinne sein soll, mußte Bewegung sein; denn dadurch allein können diese Sinne affiziert werden. Auf diese führt auch der Verstand alle übrigen Prädikate der Materie, die zu ihrer Natur gehören, zurück, und so ist die Naturwissenschaft durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre." (KANT, Werke in 10 Bänden, Bd. 8: 22.)

ynam.Paradigma ____ Dynamische Modellkonzepte____________________15 Die Grundlagen dieser allgemeinen Naturwissenschaft gliedert KANT in vier, nach aufsteigender Komplexität geordnete "Hauptstücke": - Phoronomie: "Die Bewegung als reines Quantum, nach seiner Zusammensetzung ohne alle Qualität des Beweglichen betrachtet." (ibidem) - Dynamik: welche die Bewegung "als zur Qualität der Materie gehörig, unter dem Namen einer ursprünglich bewegenden Kraft, in Erwägung zieht" (ibidem). - Mechanik: welche "die Materie mit dieser Qualität durch ihre eigene Bewegung gegeneinander in Relation betrachtet" (ibidem). - Phänomenologie: welche (bezogen auf die Materie) "ihre Bewegung oder Ruhe bloß in Beziehung auf die Vorstellungsart, oder Modalität, mithin als Erscheinung äußerer Sinne, bestimmt" (ibidem). Wie die inhaltlichen Ausführungen KANTs zeigen, ist die Trennung zwischen Dynamik und Mechanik in etwa kongruent mit der zwischen dynamischer Statik und Dynamik im engeren Sinn. In der Dynamik befasst sich KANT vornehmlich mit dem Problem der Raumerfüllung, also der Starrheit, Elastizität von Körpern im Gegensatz zur Leere, und mit den beiden Grundkräften der Bewegung (welche erst die Statik ermöglichen): der "Anziehungskraft" und der "Zurückstoßungskraft" (ibidem: 49). Letztere wird auch expansive Kraft oder Elastizität genannt. In der Mechanik werden die wesentlichen Aussagen der NEWTONschen Mechanik wieder aufgenommen und es werden die Grundbegriffe der Masse, der Geschwindigkeit und der Beschleunigung erörtert. KANT fundiert die dynamischen Interaktionen von Materie (also die Mechanik) strikt in den beiden Grundkräften, die in der Dynamik beschrieben werden. Die für unsere Konzeption wichtige Erweiterung liegt eigentlich im vierten Hauptstück: der Phänomenologie. KANT formuliert das Grundprinzip der Phänomenologie in einer Erklärung: "Erklärung Materie ist das Bewegliche, sofern es, als ein solches, ein Gegenstand der Erfahrung sein kann." (ibidem: 122) KANT erläutert: "Bewegung ist, so wie alles, was durch Sinne vorgestellt wird, nur als Erscheinung gegeben. Damit ihre Vorstellung Erfahrung werde, dazu wird noch erfordert, dass etwas durch den Verstand gedacht werde, nämlich zu der Art, wie die Vorstellung dem Subjekt inhäriert, noch die Bestimmung eines Objektes durch dieselbe. Also wird das Bewegliche, als ein solches, ein Gegenstand der Erfahrung, wenn ein gewisses Objekt (hier also ein materielles Ding) in Ansehung des Prädikats der Bewegung als bestimmt gedacht wird." (ibidem) Unser Verstand und damit das begriffliche (und auch das sprachliche) Denken werden unmittelbar an die physikalische Mechanik als Schlussstein angesetzt, und letztlich bilden sie das Fundament, denn die anderen "Hauptstücke" sind ja durch Reduktion abgetrennt worden. Dieser unmittelbare und in der Ganzheitlichkeit des Erkenntnisprozesses, der nur methodisch aber nicht de facto reduzierbar ist, begründete Zusammenhang von Physik und Denken (Sprache) ist der zentrale Punkt, an dem unsere Theoriebildung wieder anknüpft (an dem auch HUMBOLDT und spätere angeknüpft haben). Ging KANT vom damaligen Stand der Physik (den späteren Ausgaben der Principia) aus, so tun wir historisch Paralleles, indem wir von der theoretischen Dynamik ausgehen, wie sie empirisch in der modernen Mechanik und der Thermodynamik vorliegt, und formal an die Theorie dynamischer Systeme anknüpfen. Wir führen zuerst die Grundbegriffe der Theorie dynamischer Systeme ein, so dass wir in Kapitel 3 exemplarisch deren Modellbildungsmöglichkeiten angeben können.

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