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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ 3. SPRACHE UND SELBSTORGANISATION: ANWENDUNGEN DER THEORIE DYNAMISCHER SYSTEME IN DER SPRACHWISSENSCHAFT 3.1 Selbstorganisationsprozesse in der Sprache: Ein Überblick Inwieweit ist die Sprache, zumindest in einigen Bereichen ein selbstorganisiertes System? Wir wollen exemplarische Fälle angeben, in denen Selbstorganisationsprozesse in der Sprache vorliegen. Folgende Bereiche sind offensichtlich eher selbstorganisiert als von außen gesteuert: (a) Evolutionäre Prozesse. Sieht man von der Hypothese einer göttlichen Detailsteuerung ab, so sind nur Selbstorganisationsprozesse vorstellbar. Allerdings sind diese Prozesse schon vom Start weg, also bei der Entstehung des Universums (im Skalenbereich von 10 -40 Sekunden) äußerst sensitiv bezüglich ihrer Randbedingungen (vgl. GUTH und STEINHARDT, 1984). (b) Bei der Reifung des Gehirns spielen sich komplizierte Selbstorganisationsprozesse ab. Es ist keineswegs so, dass das Wachstum direkt durch den genetischen Code gesteuert ist (vgl. CHANGEUX, 1984), vielmehr werden in einer Situation des Ungleichgewichtes Neuronen "im Überschuss" produziert, deren Überleben dann durch lokal sehr unterschiedliche Mechanismen reguliert wird, wodurch eine plastische und funktional adaptierte Struktur entsteht. Das Innervationsfeld bestimmt dabei das Ausmaß des Überlebens von Neuronen (vgl. z.B. THOENEN, 1983: 13 f., sowie ROTH, 1985). Diese selbstorganisierende Struktur des Gehirns erklärt nicht nur die Möglichkeiten weitgehender Kompensation von Schäden beim Kinde, sie ist auch die Basis für eine interaktive, soziale Formung des Denkens und der Sprache in den Prägungsphasen. Die Gehirnstruktur hat einen weitaus höheren Grad als Selbstbezüglichkeit und interner Kooperativität als die primitiven Selbstorganisationsprozesse, die wir anhand des Brüsselators in Kap. 2.6 erläutert haben. ROTH (1985) spricht deshalb von selbstreferentiellen statt selbstorganisierenden Systemen (vgl. Kap. 2.7). (c) In der organo-genetischen Lautproduktion und -rezeption spielen sich komplexe, hochkooperative Prozesse ab. In diesem Bereich können deshalb auch sehr konkrete Formen der Selbstorganisation aufgedeckt werden. Wir werden diese Organisationsebene in Kap. 3.2 detailliert behandeln. (d) Obwohl die strukturalistische Grammatik (und vorher die normative Grammatik) das Bild einer statischen Regelsammlung zeichneten, erweist sich gerade die Grammatik als hochgradig selbstorganisiert. Allerdings ist sie wegen ihrer Komplexität und der Vielfalt kooperierender Ebenen eine harte Herausforderung für eine dynamische Sprachtheorie. In Kap. 3.3 wird versucht, THOMs Theorie dynamischer Morphologien in der Satzsemantik mit anderen Ansätzen zu einer Universalgrammatik in Beziehung zu setzen und somit eine Basis für die Sprachtheorie zu entwickeln. In Kap. 3.4 werden einige Problemfelder, die auch in der traditionellen Behandlung ihre dynamische Grundstruktur deutlich erkennen ließen (Grammatikalisierungsprozesse, Aktualgenese nominaler Komposita, die Syntax der Clause, syntaktische Transformationen) behandelt. Insgesamt entsteht somit das Grundgerüst einer dynamisch fundierten (allgemeinen) Grammatik. (e) Ziemlich deutlich lässt sich der Selbstorganisationscharakter bei sprachlichen Makroformen, so bei der Erzählung und beim Diskurs, nachweisen. Wir entwickeln in Kap. 3.5 ein Modell der Selbstorganisation der mündlichen Erzählung (mit Hinweisen zur Organisation literarischer Erzählungen). 54

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ (f) Die Selbstorganisation gilt in besonderem Maße für die Makroaspekte der Sprache, also im Bereich der arealen, historischen und sozialen Entfaltung von Sprache. In Kap. 3.6 behandeln wir deshalb Aspekte einer dynamischen Soziolinguistik. Obwohl nicht alle wichtigen Problemfelder einer Sprachtheorie beleuchtet wurden, ist der thematisierte Bereich doch so groß, dass wir berechtigt sind, von einer "dynamischen Sprachtheorie" zu sprechen. Die Sprache in ihrer Ontogenese wird in Kap. 4 und 5 von Laurent MOTTRON (in dieser Fassung nicht enthalten) behandelt, so dass insgesamt ein umfassender Neuansatz in der Sprachtheorie mit interdisziplinärer Fundierung und partieller Mathematisierung vorgestellt werden kann. 3.2 Selbstorganisationsprozesse in der Phonologie Die Phonologie wird von uns als eine theoretische Disziplin mit verschiedenen empirischen Basisbereichen aufgefasst. Auf organischer Ebene sind beobachtbar: - auditive Prozesse in der Lautrezeption, - organo-genetische Prozesse der Lautartikulation, - zerebrale Prozesse der Planung, Steuerung und kooperativen Abstimmung von Produktion und Rezeption sowie der Speicherung und Wiedererkennung von Laut-, Wort- und Intonationsmustern. Die Integration dieser verzweigten organischen Prozesse, die zeitlich und räumlich inhomogen sind, zu einer makrostrukturell einfachen, höheren Form verlangt eine selbstreferentielle Organisation, es sei denn, wir wollen einen deus ex machina, "blue-prints", angeborene Ideen und ähnliche metaphysische Steuerungsinstanzen annehmen. 3.2.1 Aspekte der Selbstorganisation im Bereich der Vokalphoneme Die Vokale lassen sich durch die Formanten (Intensitätsmaxima auf der Frequenzskala) F1, F2, F3 und F4 charakterisieren. In Abb. 3.1 sind die wichtigen Formanten F1 und F2 angegeben. Zur Evolution der Sprache siehe Wildgen (M 2004), Bax, Heusden und Wildgen (M 2004), Wildgen (2004f, 2004k, 2004l, 2003a, 2002c) 55

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