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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Analysierenden festgelegt wird, erhalten wir eine ganze Kaskade von semantischsyntaktischen Systemen geordnet nach der Feinheit des Rasters. Die universale Grammatik sollte so definiert sein, dass sie einerseits strukturärmer als die Einzelgrammatik ist, da sie deren Spezialisierungen vernachlässigt, andererseits über die verdeckten Kategorien und Strukturen, welche die vergleichende Analyse benötigt, auch reicher ist, und somit Gemeinsamkeiten für Sprachen angibt, die an der Oberfläche nicht sichtbar sind. Anstelle der Homomorphismen Ki können wir eine zweistufige Abbildung annehmen, welche die beiden Bedingungen erfüllt: (a) In jeder Sprache Li gibt es eine semantische Analyseebene Y, welche auf ein System M projizierbar ist (unter Erhaltung wesentlicher Strukturen und bei eventueller Verarmung). (b) Das System M selbst, also die universale semantische Struktur, soll auf die Syntaxen der Einzelsprachen projizierbar sein, wobei einerseits semantische Strukturen verdeckt werden, also an der Oberfläche nicht durch Formdifferenzen markiert sind, andererseits zusätzliche Formdifferenzierungen rein syntaktischer Art hinzukommen. Dieses Programm unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht von traditionellen Konzepten: (a) Im Gegensatz zu den wahrheitswertigen (holistischen) Semantiken wird auch die Semantik selbst als kultur- und sprachabhängig angenommen. Die Konstruktion des Systems M aus den Semantiken der Einzelsprachen ist somit eine empirische Aufgabe. (b) Im Gegensatz etwa zu MONTAGUES "Universal Grammar" ist die Semantik mehr als eine desambiguisierte und von reinen Oberflächendifferenzierungen befreite Syntax. Sie kann und wird wohl kategorial reicher sein als die Syntax der Einzelsprache. Praktisch kann man das Programm realisieren, indem man entweder wie HARRIS (1957) induktiv die vorkommenden Sätze auf Kernsätze reduziert (vermittels innerer Transformationen zur Einbettung von Teilsätzen) und diese "skelettiert" durch Abtrennung freier Angaben und Adjunkte (vgl. als Anwendung, WILDGEN, 1977a: 64-112) oder indem man vom abstrakten Konzept der Proposition ausgeht und untersucht, welche allgemeinen Strukturen (Kasusschemata, "frames", "scenes", "conceptual depencies") sinnvoll anzunehmen sind. Das Spektrum entsprechender Vorschläge von PANINI bis SCHANK wird in WILDGEN (1985a: 64-112) knapp dargestellt. Besonders die lokalistischen und frame-Ansätze zeigen, dass die einfachen Propositionen in einer allerdings einzelsprachlich spezifischen Weise fundamentale raumzeitliche Beziehungen und Aktantenkonfigurationen quasi-ikonisch darstellen. Gleichzeitig wird aber auch die Hilflosigkeit der Linguisten deutlich, mit dieser Kongruenz sprachlicher und außersprachlicher Strukturen begrifflich fertig zu werden. Letztlich bleiben die Analysen doch immer sprachimmanent und sind insofern für die Konstruktion einer universalen Grammatik inadäquat. THOMs Vorschlag einer topologisch fundierten Propositionalsemantik bringt in dieser Situation eine revolutionäre Neuerung. Die Anschauungs- und Erkenntnisuniversalien hinter den Gemeinsamkeiten von Sprachen auf der propositionalen Beschreibungsebene werden direkt geometrisch fundiert, indem geometrische Invarianten von Prozessstrukturen als Basis genommen werden. Wir haben in Abschnitt 2.2 das katastrophentheoretische Instrumentarium, das THOM anwendet, grob skizziert und werden anschließend ein Beispiel für diese Modellierung geben. Vorerst soll aber die Argumentation, mit der THOM seine "semantischen Archetypen" herleitet, kritisch erörtert werden. Man betrachte das Problem der Interaktion zwischen Entitäten als Hauptgegenstand einer dynamischen Semantik zuerst ganz abstrakt. Es muss dann: 70

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ (a) Entitäten geben, zwischen denen die Interaktion stattfindet; diese sind entweder über den ganzen Interaktionsraum stabil existent, d.h. sie bleiben mit sich selbst identisch, oder sie verlieren diese Identität. Diese Entitäten nennt THOM in Anklang an TESNIÈREs Dependenzgrammatik Aktanten. Die Identität dieser Entitäten kann sehr primitiv reguliert sein. Man stelle sich etwa die folgende Skala von Entitäten vor, die nach der Komplexität der Selbstregulation geordnet sind: - Ort- und Zeitbereiche: sie müssen nur feste Grenzen haben, - Objekte, welche durch ihre Raum- und Zeit-Koordinaten definiert sind, also ihre Form in der Zeit behalten, - Artefakte, welche ein externes Formungsprinzip entfalten, - Lebewesen, die ihre Form selbstbezüglich regulieren, (Pflanzen, Tiere, Menschen), - Repräsentationseinheiten, etwa als Bereiche eines Qualitätsraumes zu verstehen. Diese Skala ist natürlich zu verfeinern, die wichtigsten Regulationstypen sind jedoch vertreten. 3.3.2 Skizze des Lösungsweges Der gemeinsame Nenner, die Regulation der Identität, wird im Modell durch den mathematischen Begriff der strukturellen Stabilität wiedergegeben. Die Grundidee dieses Begriffes wird durch das Potentialfeld V dargestellt, wie wir dies in Abb. 3.14 anhand der Funktion V = x 2 verdeutlichen (vgl. auch Abschnitt 2.2). Abb. 3.14: Potentialfeld V. In einem physikalischen Potentialfeld, etwa einer Mulde, in der eine Murmel liegt, ist die Bewegungsstabilität, z.B. durch die Dämpfung geringer Störungen der Kugel, im Minimum des Potentialkraters darzustellen. Mehrere Entitäten einer Ebene (siehe oben) können nun in Konflikt geraten. Wir können zwei Konfliktebenen und mehrere Komplexitätsstufen unterscheiden: A. Lineare Konflikte (a) Eine Entität M löst sich auf, verliert ihre Identität bzw. entsteht: Eine gestufte Ontologie wurde in Wildgen (M1994: Kapitel 5) und in Wildgen (2001c) entwickelt. Die analytische Philosophie hatte ontologische Fragen für obsolet betrachtet, inzwischen sind gerade in der Computerlinguistik solche Fragen wieder ins Zentrum des Interesses gerückt. 71

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