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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Abb. 3.15: Übergang vom einfachen (linearen) Transfer zum vermittelten Transfer (Botenarchetyp). Was wir anhand einfacher Überlegungen an abstrakten Konfliktstrukturen vorgestellt haben, lässt sich auch durch eine systematische Modellbildung konstruieren (vgl. WILDGEN, 1982a und ausführlicher in WILDGEN, 1985a). Wir werden im Anschluss ein Beispiel für die Ableitung des in Abb. 3.15 kurz skizzierten Archetyps des Boten geben. Zuerst wollen wir jedoch eine kritische Frage stellen: Welchen Status haben diese abstrakten Prozessbilder für die Propositionalsemantik? In THOMs Theorie sind die semantischen Archetypen zweierlei: (a) Sie sind dann, wenn die Entitäten in konkreter oder abstrakter Weise auf die raumzeitliche Wahrnehmung von Prozessen, Ereignissen, Handlungen bezogen sind, Bildinvarianten dieser Prozesse und somit ein Alphabet kognitiver Szenarios. (b) Sie bilden als niedrigdimensionale Schemata eine Zwischenebene zwischen der hochdimensionalen mentalen Anregung und der eindimensionalen Kette des realisierten Satzes. Insofern sind sie eine Ultratiefenstruktur. Die traditionelle Tiefenstruktur ist ja lediglich eine Konstruktion, die durch Vergleich von semantisch ähnlichen Sätzen postuliert wird, methodisch also nahe an der Oberfläche liegt. Mit der Ultratiefenstruktur wird der von FILLMORE und den Lokalisten bereits betretene Theoriebereich kognitiver Vorstrukturen systematisch und mit problemadäquaten Methoden erforscht. Vorerst ist THOMs Archetypensemantik jedoch nur eine Hypothese, welche durch linguistische und psycho- und neurolinguistische Analysen vertieft und geprüft werden muss. Die Bereiche einer Erfolg versprechenden Vertiefung sind in WILDGEN (1982a: 93-104) beschrieben worden; einzelne Bereiche sind in WILDGEN (1981e, 1982a, c; 1983b, d; 1985a, 1986a, b) behandelt worden. Eine kurze Skizze der dynamischen Inferenz als zentrale Innovation dieses Ansatzes wird durch das Beispiel im folgenden Abschnitt gegeben. 3.3.3 Eine exemplarische Skizze der Archetypensemantik mit Bezug zur "dynamischen Inferenz" Wir geben zuerst ein sehr einfaches Beispiel anhand der einfachsten Katastrophe: der Falte (A3). Die Falte: V = x 3 hat in ihrer Entfaltung (Vu = x 3 + ux) nur eine Kontrollvariable u. Entsprechend ist die Bifurkationsmenge ein Punkt auf der Geraden u, die Menge kritischer Punkte (Minima, Maxima) ist eine Parabel mit dem Bifurkationspunkt am Scheitel (gradV = 3x 2 + u = 0). Die Falte und deren Bifurkationsmenge wurden bereits in Abschnitt 2.2 dargestellt. Die Parabel der kritischen Punkte wurde in Abb. 2.5 wiedergegeben. In Abschnitt 2.2 hatten wir auch die beiden grundlegenden Prozesstypen: "Geburt" und "Tod" aus der Falte abgeleitet. Wir können für die weiteren Ableitungen eine Suspension der Falte betrachten, d.h. eine nichtentfaltende und somit reduzierbare Variable p hinzufügen. Dadurch wird die Parabel zur paraboloïden Fläche und der Bifurkationspunkt zur Linie "gedehnt". Die beiden Prozesstypen "Geburt" und "Tod" sind jetzt anschaulich auf Raumbereiche beziehbar. Aufbauend auf die primäre lokalistische Interpretation erhalten wir eine Hierarchie semantischer Prototoypen für elementare dynamische Ereignisse. Wir legen dabei die Hierarchie zugrunde, die wir im Abschnitt 3.2.1 kurz skizziert haben. 74

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Abb. 3.16: Lokalistische Interpretation des Geburt/Tod-Archetyps. Wir geben kurz eine Liste der ableitbaren semantischen Archetypen an (illustriert durch deutsche Beispielsätze): (a) Lokalistische Interpretation (räumlich) x betritt/verlässt einen Bereich A. (b) Qualitative Attribution x erhält/verliert eine Eigenschaft A. (c) Phaseninterpretation x verlässt eine stabile Phase/tritt in eine stabile Phase A. (d) Handlungsinterpretation (possessiv) x findet/verliert eine Entität A. Implizit verweisen die Beispielsätze auf einen Hintergrund oder auf weitere Aktanten; dieser implizite Verweis wird durch die dynamischen Inferenzbeziehungen zu Archetypen aus höheren Katastrophen abgedeckt (vgl. WILDGEN, 1985a: 229-233). Insbesondere ist der Archetyp des bipolaren Wechsels, der aus der nächsthöheren Entfaltung, der Kuspe, ableitbar ist, implizit präsent. Die attributive Anreicherung auf den hierarchisch geordneten Ebenen der fundamentalen Attribution elaboriert und modifiziert nicht nur die dynamische Komponente, auch die statische Komponente wird angereichert. Ist A bei der allgemeinsten Existenzattribution noch beliebig (A muss nur Stabilitätseigenschaften haben) so ist in (a) ein bewegungsfähiges Wesen implizit, in (b) ist das Individuum durch einen Komplex von Eigenschaften charakterisierbar, in (c) ist es in ein System stabiler Phasen eingebettet, in (d) schließlich handelt es. Die Falte ist die einfachste Katastrophe. Ihre mathematischen Eigenschaften und die daraus ableitbaren semantischen Archetypen sind relativ leicht verständlich und darstellbar. Wirklich interessante Anwendungen der Katastrophentheorie erhalten wir jedoch erst ab der nächsthöheren Katastrophe, der Kuspe (Keim V = x 4 ). Aus Wegen durch deren Bifurkationsmenge sind die auch für THOM zentralen Archetypen des Fangens (Affizierens), der Emission (Effizierens) und des bipolaren Wechsels ableitbar. Da wir in diesem Abschnitt eine sehr geraffte Darstellung intendieren, wollen wir als Ausblick eine Skizze des Gesamtsystems der Archetypen und dessen hierarchischen Aufbaus geben. Für eine ausführlichere Darstellung siehe WILDGEN (1979; modifiziert in der Druckfassung 1985a) sowie Kurzfassungen (WILDGEN, 1981a, b und 1982a). 75

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