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Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Das dynamische Paradigma in der Linguistik - Universität Bremen

Dynam.

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Wir können drei Hauptklassen von Bildungen unterscheiden (alle Beispiele stammen aus dem Regensburger Korpus der ad hoc-Komposita): A: Identitätsanalogien Dies ist der Extremfall, in dem (a b) mit veränderter Bedeutung neu gebildet wird, d.h. die Konstituenten sind identisch, die Unterschiede liegen entweder in der semantischen Interpretation (dem "reading") der Konstituenten oder in einer veränderten (verdeckten) syntagmatischen Beziehung. Da diese Doppelbildungen oberflächlich identisch und somit ambig sind, gibt es resultatorientierte Hemmungen (vgl. auch PLANK, 1981: 148 f.), welche die Produktivität bremsen. In manchen Situationen ist diese Ambiguität aber ein gewollter Effekt, so etwa in: Auto-Bahn (= Autoreisezug) (Die Bundesbahn wirbt mit diesem Wort für die Vorteile des Autoreisezuges gegenüber den überfüllten Autobahnen.) Hosen-Träger (= jemand, der Hosen trägt; spaßhafter Bezug zum Kleidungs-Accessoire ‚Hosenträger’). B: Partielle Analogien Die partielle Analogie hält ein Element des Ausgangskompositums fest und variiert das andere, bzw. die syntagmatische Bindung (oder beides gleichzeitig). Wir können unterscheiden: - innere Expansion: Brotgeber Brot-für-die-Weltgeber Nulltarif Null - Benzintarif - Links- bzw. Rechtsvariation: Hochrechnung Flachrechnung Frühaufsteher Früh-Frühstücker Eine wichtige Eigenschaft von Analogieprozessen besteht im sukzessiven Verlust der Prägungskraft durch das Ausgangskompositum, da jede neue Bildung wieder als Startpunkt dienen kann und damit der Analogieprozess ständig neu definiert wird. Eine Zwischenstufe in dieser Vernetzung der Analogieprozesse bilden Reihen. C: Reihenbildung Unter besonders fördernden Randbedingungen, etwa bei wiederkehrender Thematik in den Medien, kommt es zur Ausbildung langer Reihen mit partieller Analogie. Der Ausgangspunkt der Reihen ist für den Sprachbenutzer meist nicht mehr auszumachen, es kommt zur Bildung eines Schemas. Beispiele: Friedens -Apostel Video -Zeitalter " -Apotheose Lärm - " " -Makler Ängste - " " -Messe Plastik - " " -Präsident Wenn die Reihe länger wird oder die Netze lokaler Analogien größer werden, wird die ursprünglich bestimmende paradigmatische Analogie gebleicht (sie verliert sich mit der Länge der Kette, da jedes Glied die Analogie verringert); es bleibt letztlich nur ein Schema der Kombination syntagmatischer Klassen. Häufig ist der Umfang der syntagmatischen Klasse aber durch die Analogieprozesse noch begrenzt, so dass aus einer syntaktischen Perspektive recht zufällige Produktivitätsbeschränkungen vorliegen. Im Extremfall erhalten wir rein syntagmatisch definierbare Wortbildungsmuster. D: Wortbildungsmuster 90

Dynam. Paradigma ______ Linguistische Anwendungen__________________ Man kann vorhersagen, dass eine gewisse Geschichte produktiver lokaler Wortbildungsprozesse selbstorganisiert zur Bleichung paradigmatischer Beziehungen unter Herausbildung von quasisyntaktischen Wortbildungsregeln führt. In einer dynamischen Wortbildungstheorie sind Analogieprozesse autokatalytisch, da die erfolgreiche Bildung die Wahrscheinlichkeit einer Neubildung mit ähnlichen Konstituenten und ähnlicher syntagmatischer Konstellation erhöht. Gleichzeitig hat die lokale Analogie eine nur begrenzte Reichweite, sie "diffundiert" sehr schnell, und als "Skelette" bleiben allgemeine syntagmatische Konstellationen übrig. Diese Skelettierung durch Verlust des Analogiebezuges löst den Prozess aus dem situativ-zeitlichen Kontext heraus und lässt situationsneutrale oder gar universale Organisationsschemata hervortreten. In WILDGEN (1982c, 1985a: 250 - 257, 1985g: 51-63) wird gezeigt, dass die semantischen Archetypen eine gute Annäherung an die allgemeinen relational-dynamischen Muster sind, die wir als Endergebnis von Wortbildungsprozessen in verschiedenen Sprachen vorfinden. 3.4.3 Selbstorganisationsaspekte in der Syntax des einfachen Satzes In der Syntax des einfachen, nicht zusammengesetzten Satzes, der Clause, gibt es mehrere Problemschichten, die jeweils einer dynamischen Modellbildung zugänglich sind. Dass eine solche Dynamizität vorliegt, ist auch in der Grammatiktradition unbestritten, die Frage ist nur, wie sie mit Mitteln der Theorie dynamischer Systeme und eingebettet in eine Theorie der Selbstorganisation adäquat zu erfassen ist. Wir können drei Aspekte der dynamischen Organisation im Satz betrachten auf dem Hintergrund der prozeduralen Syntax von KINDT (1985), der topologischen Satzrahmen in REIS (1980) und der Satzsyntax im Diskurs in RIESER (1985). Ausführlicher behandeln wollen wir jedoch nur den ersten Aspekt. (a) Die Verknüpfungsbeziehungen im Satz. Diese Beziehungen, die man auch Dependenzrelationen nennen kann, bestehen zwischen Verben und ihren nominalen Mitspielern und zwischen Substantiven und ihren Determinatoren. Im Satz werden die Verknüpfungsnetze aus dem Gedächtnis, d.h. über die Wahl lexikalischer Elemente realisiert und es wird eine konkrete Form für die Beziehungsstruktur gewählt. (b) Während die Verknüpfungsstruktur stark durch das Lexikon vorgeprägt ist, gibt es eine speziellere Dynamik für den linearen Aufbau des Satzes. Dabei spielen Produktionsbedingungen und Realisierungsrhythmen eine wesentliche Rolle. Diese Ebene ist außerdem vom Sprachtyp geprägt. Ein Beispiel sind die von Marga REIS "topological frames" genannten Produktionsfelder für einfache Sätze im Deutschen. Der Ort dieses Typs von Selbstorganisation könnte das permanente operative Gedächtnis des Sprechers sein. (c) In der gesprochenen Sprache schließlich zeigen sich deutlich die Interaktionsgebundenheit und die eher lokale, situationsabhängige Norm des Sprachgebrauchs (vgl. RIESER, 1985). Für den Sprecher lautet das Problem also nicht mehr, wie er eine normgerechte Äußerung produzieren kann, sondern wie er mit einer Reihe lokaler Strategien und adaptierbarer Organisationsschemata sein Kommunikationsziel zumindest grob erreichen kann. Im Gegensatz zu (b), wo eine historische Usualierung, Konventionalisierung in Anpassung an die Ökonomie und Struktur des operativen Gedächtnisses erfolgt ist, sind diese In Wildgen(1998c) werden die Mittel der Chaos-Theorie zur Beschreibung der ad hoc-Komposition bei N+N-Komposita herangezogen. 91

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