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Studien zum Sprachkontakt - Fachbereich 10 - Universität Bremen

Studien zum Sprachkontakt - Fachbereich 10 - Universität Bremen

38 Johannes Bechert

38 Johannes Bechert Sachverhalts eingeht.” (“Perfectivity indicates the view of a situation as a single whole, without distinction of the various separate phases that make up that situation; while the imperfective pays essential attention to the internal structure of the situation.”) Dahl zitiert diese Beschreibung und nennt sie “the totality view of perfectivity”, Perfektivität als Ausdruck der Ganzheit des Sachverhalts (Dahl, a.a.O., p. 74). Er geht dann dazu über, zu zeigen, daß diese Betrachtungsweise nicht allen sprachspezifischen Kategorien, auf die sie angewendet wurde, in gleicher Weise angemessen ist (ebenda). In einigen Sprachen ist, wie er schreibt, “Begrenztheit — oder vielmehr das Erreichen einer Grenze — der entscheidende Faktor für die Wahl des Aspekts” (p . 76: “boundedness — or rather the attainment of a limit — is the crucial factor for aspect choice”), und weil dies für Perfektivität im Russischen und anderen slavischen Sprachen zutrifft, nennt Dahl diese Aspektvarietät “Slavic-style aspect” (p. 84). Man betrachte Dahl’s Testsätze (p. 74): (Questionnaire, sentence No. 9:) Context: A: I went to see my brother yesterday. B: What he DO? (=What activity was he engaged in?) Sentence: He WRITE letters. (Questionnaire, sentence No. 13:) Context: A: What did your brother do after dinner yesterday? Sentence: He WRITE letters. (Questionnaire, sentence No. 14:) Context: A: What did your brother do after dinner yesterday? Sentence: He WRITE a letter. In beiden Aspektvarietäten ist das Prädikat des Satzes 9 typisch imperfektiv, während das Prädikat des Satzes 14 typisch perfektiv ist. Satz 13 liefert den diagnostischen Test für die Unterscheidung der beiden Varietäten: in Sprachen, in denen Perfektivität als Ausdruck der Ganzheit des Sachverhalts verwendet wird (“totality view”), wird das Prädikat des Satzes 13 mit einer perfektiven Form wiedergegeben; dasselbe Prädikat erscheint in Sprachen mit Perfektivität als Ausdruck der Begrenztheit des Sachverhalts (“boundedness view”, “Slavic-style aspect”) in einer imperfektiven Form, z.B. (Dahl, p. 75): Russisch: Satz 9: On pisal pis’ma (ipfv.) Satz 13: On pisal pis’ma (ipfv.) Satz 14: On napisal pis’mo (pfv.)

Konvergenz und Individualität 39 im Gegensatz etwa zum Altgriechischen (meine Beispiele): Altgriechisch: Satz 9: ’´Eγραφɛν ’ɛπιστoλ´ας (ipfv.) Satz 13: ’´Eγραψɛν ’ɛπιστoλ´ας (pfv.) Satz 14: ’´Eγραψɛν ’ɛπιστoλ´ην (pfv.) Es ist nun bemerkenswert, daß die beiden Aspektvarietäten bei Zugrundelegung von Dahls Angaben (p. 70f.) die folgende geographische Distribution zeigen: die Ganzheitsvarietät findet sich in West- und Südeuropa, auf dem Balkan und in Vorderasien, die Begrenztheitsvarietät ist in Osteuropa lokalisiert. Beide Varietäten koexistieren jeweils innerhalb eines komplexen Systems im Georgischen und im Bulgarischen (Dahl, p. 85.87); in diesem Zusammenhang stellt der Ver- fasser selbst geographische Überlegungen an (p. 87). Wir können annehmen, daß das Bulgarische eine mittlere Position zwischen dem östlichen Gebiet und dem Balkan einnimmt, so wie das Territorium des Georgischen Osteuropa und den Nahen Osten miteinander verbindet. In den germanischen Sprachen fehlen beide Varietäten der Aspektopposition (Dahl, p. 167): diese Tatsache kann als Neutralisierungsphänomen in der Übergangszone zwischen West- und Osteuropa interpretiert werden. Dies ist freilich nichts als eine vorläufige Skizze, denn Dahls Daten geben nur eine kleine Stichprobe der Sprachen aus den betreffenden geographischen Gebieten wieder. Die großräumigen Konvergenzen zwischen den Sprachen Europas — und natürlich ebenso Konvergenzerscheinungen in Sprachgebieten außerhalb Europas — gehen auf historische Prozesse zurück, deren Analyse noch zu leisten ist; nicht einmal die Erscheinungen selbst sind vollständig beschrieben. Geographische “Inseln”, wie in unseren Daten das Baskenland und Ungarn, scheinen die traditionelle Sichtweise zu bestätigen, daß genetische Verwandtschaft für die Sprachgeographie ebenso wie für die Sprachgeschichte überhaupt ausschlaggebend sei. Aber man vergleiche das ostseefinnische Gebiet, das in keiner Weise von seiner indoeuropäischen Umgebung isoliert ist, obwohl es mit dieser genetisch nichts zu tun hat. Ich nehme an, daß die kommunikativen Eigenschaften (communicative characteristics) eines Gebietes zu den wichtigsten Ursachen für die spezifische Entwicklung seiner Sprachen gehören. Soweit ich weiß, stammt der Begriff der “communicative characteristics” von Joel Sherzer (An Areal-Typological Study of American Indian Languages North of Mexico, Amsterdam/Oxford 1976, p. 221 ff.). Er schreibt (p. 221): “Following the discussion of each linguistic area will be a discussion of the communicative characteristics of the area, with special emphasis on determining why a particular area actually became a linguistic area. I will try to focus on such questions as type of social organization, residence patterns, intermarriage, trade, bilingualism, density of population, and attitude towards one’s own and others’ languages. Often, it is impossible to obtain sufficient data in these domains. Nevertheless, an attempt will be made to give the general nature of the communicative characteristics of each linguistic area.” — Dieser Ansatz sollte auch auf andere Sprachgebiete übertragbar sein. Aus William Labov’s Untersuchung der

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