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TITELTHEMA > Schamanismus

Das erleuchtete Gehirn

Mit Schamanismus und Neurowissenschaft zu Gesundheit,

Freiheit und Glück finden

22 newsage 4/2011

Illustration: © devam_will · Foto: © a villoldo


Kann die Neurowissenschaft die Versprechen der Religion erfüllen,

die Freiheit von Leiden, Gewalt, Armut und Krankheit?

Kann sie uns ein Leben bescheren, in welchem Gesundheit,

Frieden und Fülle herrschen?

Die Ansprüche der Weltreligionen sind so universell, dass es

scheint, als wäre die Sehnsucht nach Glück, innerem Frieden

und Wohlbefinden in unserem menschlichen Gehirn verankert

und habe sich zu einem sozialen Instinkt entwickelt, der so

mächtig ist, die Fähigkeit zur Co-Schöpfung anzutreiben. Sowohl

die Bibel als auch der Koran und die

buddhistischen und hinduistischen

Schriften lehren uns, wie man einen

paradiesischen Zustand erreichen

kann – entweder nach dem Tod,

am Ende der Zeit, nach vielen Reinkarnationen

oder als Ergebnis von

persönlicher Anstrengung und Verdienst.

Dieser Zustand der Befreiung

wird in den christlichen Traditionen

als „Gnade“ oder „Himmel“

bezeichnet, bei den Muslimen als

„Paradies“, während die östlichen

Traditionen es „Erweckung“ oder

„Erleuchtung“ nennen und hierfür

verschiedene Bezeichnungen haben

wie samadhi, mukti, bodhi, satori

und nirvana.

Aber was wäre, wenn „Gnade“, samadhi

und „Erleuchtung“ in Wirklichkeit

auf biologischer Wissen-

schaft gegründet wären? Was wäre,

wenn sie Zustände der höheren

Ordnung und Vielschichtigkeit sind,

geschaffen von programmierbaren

Schaltkreisen im Gehirn? Was,

wenn diese Schaltkreise es ermöglichen

würden, lebenslanges Glück,

inneren Frieden, Gesundheit und Wohlbefinden zu erreichen –

und zwar jetzt, in dieser physischen Welt und nicht in irgendeiner

fernen Zukunft oder nach dem Tod?

Das Gehirn und die Erleuchtung

Wonach streben wir mit all der Kraft unseres Gehirns? Im Osten

wurde Erleuchtung traditionellerweise mit Qualitäten wie Großzügigkeit,

Mitgefühl oder friedlicher Akzeptanz verbunden sowie

mit der Erfahrung des Einsseins mit der gesamten Schöpfung.

Im angespannten, individualistischen Westen, haben wir von

Erleuchtung eher die vage Vorstellung, die Welt so zu akzeptieren,

wie sie ist, oder herauszufinden, wie wir sie zum Besseren

verändern können. Erleuchtung schließt für uns außerdem das

übliche Verlangen nach Neuem, Entdecken und Kreativität ein,

wie es von den Entdeckern, die ins All fliegen, verkörpert wird.

Wenn wir die östlichen Qualitäten der Erleuchtung aus dem religi-

ösen Kontext herauslösen und sie in Bezug zur biologischen Wissenschaft

setzen, dann stellen wir fest, dass es Eigenschaften

gibt, die mit der Ansteuerung des präfrontalen Cortex verbunden

sind, dem neuesten Teil unseres menschlichen Gehirns.

Bei funktionellen Kernspin-Untersuchungen zeigte es sich, dass

Personen, die regelmäßig meditieren, Gehirne entwickelt haben,

die anders „verdrahtet“ sind als die Gehirne von Personen, die

nicht meditieren. Sie sind besser in der Lage, ruhig zu und stressfrei

zu bleiben, in Frieden zu leben und Mitgefühl zu haben. In-

Dr. Alberto Villoldo ist Anthropologe, Psychologe

und Schamane. Er studierte spirituelle Praktiken im

Amazonasgebiet und in den Anden. In seinen Seminaren

führt er jährlich tausende Mediziner und Laien

in energiemedizinische Techniken ein.

Schamanismus < TITELTHEMA

teressanterweise ist ihr präfrontaler Cortex die meist aktive Region

ihres Gehirns während der Zustände, die sie als samadhi

oder „Erleuchtung“ bezeichnen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama

beschreibt Erleuchtung als „einen Zustand der Freiheit nicht nur

von kontraproduktiven Emotionen, die den Prozess einer zyklischen

Existenz unterhalten, sondern auch von allen Prädispositionen,

die der Verstand durch diese betrübenden Emotionen

gebildet hat“. Der Dalai Lama zielt darauf ab, dass Erleuchtung

ein Zustand der Freiheit von destruktiven Emotionen ist und

von limitierenden Glaubensgrundsätzen

und sich wiederholendem-

Verhalten, geschaffen durch diese

Emotionen.

Edelmut und Mitgefühl zeigen sich

nur, wenn der präfrontale Cortex

in der Lage ist, die mehr prähistorischen

Regionen des Gehirns zu

drosseln. Damit der präfrontale Cortex

funktionelle Bahnen für Freude

und Friede schaffen kann, muss der

gesamte Körper und das Gehirn gesund

sein, braucht passende Nährstoffe

und eine geschulte innere

Disziplin.

Wir müssen also unsere Körper

und unseren Verstand heilen, um

den präfrontalen Cortex zu stärken

– dieses neue Gehirn, welches

biologisch programmierbar ist für

Glückseligkeit, außergewöhnlich

langes Leben, Frieden und Regeneration.

Für zu lange Zeit wurde

diese Gehirnregion offline gehalten,

ruhiggestellt von denselben

Kräften – Mangel, Gewalt und Trauma

– von welchen sie uns zu erlösen

verspricht.

Wenn diese neue Region des Gehirns einmal online geschaltet

wird, dann ist Gehirn-Synergie möglich. „Synergie“ bedeutet,

dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile. Inge-

nieure sind vertraut damit, wie Synergie funktioniert. Die Festigkeit

von Edelstahl zum Beispiel ist nahezu zehnfach größer als

die Festigkeit von Eisen, obwohl Edelstahl grundsätzlich Eisen

mit einer winzigen Menge Kohlenstoff ist. Kohlenstoff und Eisen

sind beide einzeln betrachtet spröde und blättern leicht ab. Aber

wenn beides kombiniert wird, dann entsteht daraus ein außergewöhnlich

starkes Material.

Gehirn-Synergie bezeichnet einen Neurocomputer, dessen

Schaltkreise alle aktiviert, auf der richtigen Wellenlänge sind

und zusammenarbeiten, jede Region ihre Funktion bedienend –

ungefähr so wie das Herz für die Blutzirkulation sorgt, während

die Lungen sich um die Atmung kümmern –, ein System schaffend,

das nicht über die einzelnen Bestandteile definiert oder

noch nicht einmal beschrieben werden kann.

Neurale Netzwerke sind eine plastische, dynamische Konstruktion,

eine Konstellation von Neuronen, die augenblicklich aufleuchten,

um eine spezielle Aufgabe auszuführen. Immer wenn

du über einem bestimmten Gedanken (gut oder schlecht) grübelst

oder eine bestimmte Aktivität (nützlich oder schädlich)

ausübst, verstärkst du dieses neurale Netzwerk, das mit diesen

Gedanken oder Fähigkeiten in Wechselbeziehung steht. Jedes

mal, wenn dich eine Situation an eine tatsächlich angstvolle

newsage 4/2011 23


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A N Z E I G E

oder gefährliche Erfahrung aus deiner

Vergangenheit erinnert und instinktive

Emotionen hochgebracht werden, wird

dieses spezifische neurale Netzwerk

verstärkt. Wir stärken die „toxischen

Emotionen“ und die neuralen Netzwerke

in unserem limbischen Gehirn und beginnen,

unbewusste Überzeugungen über

das Leben zu erschaffen. Diese Überzeugungen

bestimmen unsere Handlungen

und Reaktionen in allen Erfahrungen, die

wir machen.

PTBS, Stress und Leiden

Wenn wir ein schweres Trauma erleben,

können wir eine Posttraumatische

Belastungsstörung (PTBS) entwickeln.

Studien zeigen, dass die meisten Menschen

mindestens eine lebensbedrohliche

oder gefährliche Situation im Laufe

ihres Lebens erfahren. Die Studien

lassen erkennen, dass selbst wenn eine

Person sich von der PTBS erholt, er oder

sie doch möglicherweise weiterhin milde

Symptome zeigen können. Aufgrund der

PTBS werden viele lebenstypische Situationen

unangebrachterweise durch das

limbische Gehirn geleitet, wo wir, zumindest

aus der emotionalen Perspektive,

diese herzzerreißenden Traumata oder

Ereignisse nochmals durchleben, die oft

viele Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen

können. Der Bezug zu PTBS ist deshalb

hergestellt, weil das limbische Gehirn, ursprünglich

wie es ist, keine Zeit benennen

kann und deshalb auch nicht unterscheiden

kann zwischen einem schmerzvollen

Ereignis, das vor 20 Jahren geschah, und

der bloßen Erinnerung an dieses Ereignis,

die durch eine ähnliche, heutige Situation

wieder aufgerufen wurde. Beispielsweise

war es weitverbreitet bei Soldaten, die

aus den Kriegen im Irak und Afghanistan

zurückkehrten, Angst oder Stress zu empfinden,

wenn sie Feuerwerk oder andere

plötzliche laute Geräusche hörten, da ihr

limbisches Gehirn nicht verstand, dass

es sich nicht länger auf dem Kriegsschauplatz

befand. Ähnliches kann sich auch

bei Paaren zeigen, die durch eine bittere

Scheidung gingen, dass sie selbst nach

vielen Jahren noch geschockt reagieren,

wenn sie die Stimme des anderen hören.

Aber du musst nicht einmal PTBS-Patient

sein, um intensive emotionale Reak-

tionen, die durch eine scheinbar harmlose

Situation ausgelöst wurden, zu erfahren.

Diese Verstärkung kann ohne unser Wissen

erfolgen, wenn wir ein emotionales

Trauma einsetzen, um Mitleid zu bekommen,

sei es von uns selbst oder von anderen.

Wir mögen zum Beispiel sagen:

„Ich muss mich nicht reif verhalten, denn

ich hatte ja schließlich eine furchtbare

Kindheit.“ Wenn wir eine solche Begründung

erschaffen und wiederholen, dann

stärken wir neurale Netzwerke und emotionale

Gewohnheiten, die so ausgeprägt

sind wie Haltungsfehler nach einem alten

Schleudertrauma, welches die Wirbel und

die Muskeln der Wirbelsäule betroffen

hatte. Diese Netzwerke führen zu Emotionen

und dann zu Überzeugungen, die

uns vergangenen Schmerz begünstigen

lassen, ebenso wie Verhaltensweisen,

die ständig das Trauma verstärken und

auch das Mitleid, das wir so erfolgreich

damit auszulösen gelernt haben.

Während solch ein sich wiederholendes,

kreisendes Muster einst dazu diente,

unser Überleben zu sichern, wurde es

nun „giftig“ und hat Trugschlüsse über

Bekanntschaften, Freunde und sogar die

Familie entstehen lassen. Weil Überzeugungen

unbewusst sein können, kann

es sein, dass sie sich in Gewohnheiten

zeigen, die uns überraschen. Wir mögen

eine innige Beziehung eingehen, die dann

auseinanderbricht, wenn wir entdecken,

dass die Person nicht wirklich diejenige

ist, für die wir sie gehalten haben. Aber

die Situation mag in Wirklichkeit das Produkt

unserer eigenen unbewussten Überzeugung

sein, nämlich dass wir nie einen

Partner finden werden. Oder ähnlich mögen

wir eine unglaubliche Karrierechance

haben, die jedoch zusammenbricht, weil

wir tief in uns die Überzeugung haben,

dass wir wertlos sind.

Sonderbarerweise kannst du sogar diese

toxischen Netzwerke, die durch Traumata

begründet wurden, allein schon durch

eine furchtvolle Reaktion auf eine vermeintliche

Bedrohung vertärken. Wann

immer eine Situation auftritt, die nur

entfernt einem schmerzhaften Ereignis

in deiner Vergangenheit ähnelt, geht eine

rote Fahne in deinem Säugetiergehirn

hoch und du empfindest diese Situation

als mögliche Bedrohung. Das geschieht

deshalb, weil das Trauma nicht das ist,

was tatsächlich geschah, sondern wie

du es in deinem Verstand abgespeichert

hast. Man kann sagen, dass du feststeckst

durch das, was du glaubst, was

passiert sei. Und diese Geschichte wird

unterhalb der Schwelle deines Bewusstseins

lebendig erhalten, ohne dass du dir

dessen bewusst bist oder daran denkst.

David Perlmutter, Alberto Villoldo

Weitere Informationen unter:

www.thefourwinds.com

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