Auf den Spuren des Gewürztraminer

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Auf den Spuren des Gewürztraminer

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Auf den Spuren des

Gewürztraminer

Über 8.000 verschiedene Reben soll es geben.

Rund ein Viertel davon eignet sich für den Weinbau. Für das soeben erschienene Buch «Wine

Grapes» haben die Autoren Jancis Robinson, Julia Harding und José Vouillamoz historische

Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse von 1.368 Rebsorten zusammengetragen.

Besonders spannend sind die Beiträge über alte Sorten wie die Traminer-Reben.

Abgesehen von Muscat ergibt keine andere Rebsorte so intensiv duftende

Weine wie Gewürztraminer. Rosen, Litschi und Erdbeeren sind von einer Opulenz,

dass man den Wein am liebsten als Parfüm hinter die Ohren tupfen würde.

Dieser Duftist charakteristisch für diese Rebsorte in allen Anbaugebieten.

Rund um den Globus werden trockene, liebliche und süsse Gewürztraminer

gekeltert. Und immer duften sie nach Rosen. Dazu kommen pfeffrige Noten

– bei reifen Weinen oft Lebkuchengewürze – und im Gaumen hinterlassen

sie salzig mineralische Töne. Das erklärt den ersten Teil des Namens,

die Gewürze.

Die Herkunft von Traminer, dem zweiten Namensteil, ist nicht

ganz so einfach zu erklären. Aus den zahlreichen Synonymen (siehe

Kasten) zuschliessen,ist Traminer eine sehralteRebsorte. Um

solche alten Sorten ranken sich zahlreiche Legenden. Beginnen

wir also mit einer Geschichte: Rund um das Südtiroler Dorf

Traminsollseit altershereinbesonderskräftigerWeingekeltert

worden sein. Händler brachten erst den Wein und später

auch Reben aus Tramin ins deutschsprachige Elsass,

wo er seiner Würzigkeit wegen den Namen Gewürztraminer

erhielt. Gestützt wurde diese Legende durch

den deutschen Botaniker HieronymusBock. Im Jahr

1539 schrieb er in sein «Kreutterbuch»: «darnach

Traminner drauben/deren wachsen vil inn der

Etsch/als zu Tramyn und Elsass». Forscher geben

sich mit Legenden nicht zufrieden. Auf

der Suche nach der Herkunft von Rebsorten

durchforsten sie Archive und suchen in alten

Schriften.Den Namen Gewürztraminer

fanden sie weder im Südtirol noch

im Elsass, sondern in Deutschland.

In einem auf das Jahr 1827 datierten

Dokument nennt Johann Metzger

erstmals die Rebsorte Gewürztraminer:

«Rother Traminer.

Rother Rissling bei Oppenheim,

Traminer kleiner, Gewürztraminer

im Rhein-

weiter

gau, aber äusserst

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Text: Gabriel Tinguely

Fotos: Hans-Peter Siffert, weinweltfoto.ch

Tramin im Südtirol ist mit 560 Hektar Gewürztraminer nach dem Elsass (2.900 Hektar)

das zweitwichtigste Anbaugebiet für die aromatische Rebsorte.


Wine Grapes

Verlag: Allen Lane, Oktober 2012

Autoren: Jancis Robinson, Julia

Harding, José Vouillamoz

ISBN: 978-1-84614-446-2

Preis: CHF 214.80 bei

www.staempfliverlag.ch

Sprache: Englisch

Woher stammen Weinreben? Wie

sind einzelne Sorten entstanden?

Welche Verwandtschaften gibt

es? Wo werden sie angebaut?

Die englische Weinbuchautorin

und Master of Wine, Jancis

Robinson, hat in Zusammenarbeit

mit der Linguistin und ebenfalls

Master of Wine, Juli Harding,

und dem Schweizer Botaniker

und Rebsortenforscher, José

Vouillamoz, historische Daten von

1.368 Rebsorten zusammengetragen.

Mittels DNA-Analysen

konnten Stammbäume rekonstruiert

werden. Das monumentale

Werk ist mit Zeichnungen der

hundertjährigen Ampelographie

von Viala und Vermorel illustriert.

www.winegrapes.org

selten und nur aneinigen Orten gekannt.»

Im Elsass tauchte Gewürztraminer ein

erstes Mal 1886 in Oberlin als «Gewürztraminer,

roter aus der Pfalz» auf. Welche

Rebsorte hatte Hieronymus Bock demnach

beschrieben?

Der gute Wein aus Tramin

Zur Zeit von Hieronymus Bock konnten

Rebsorten nur anhand von Beschreibungen

und Zeichnungen, die entsprechend

der Betrachtungsweise und Interpretation

nicht immer präzise waren,

bestimmt werden. Dennoch, die eingangs

erwähnte Legende hat nicht unrecht,«guter

Wein aus Tramin» wurde in einem auf

den 17. September 1242 datierten Dokument

in Bozen gefunden. Auf dem Konzil

von Konstanz im Jahr 1414 wurde

Wein aus Tramin ausgeschenkt und 1450

tauchte er erstmals inStrassburg auf.

Als der Rebenforscher Johann Philipp

Bronner 1857 das Südtirol besuchte, war

er überrascht, dass er nicht einen einzigen

Traminer-Rebstock vorfand. Weder

Traminer noch Savagnin oder Synonyme

davon wurden in, vor dem 19. Jahrhundert

datierten ampelografischen Schriften

in Italien gefunden. Parallelen zu

anderen Rebsorten zeigen, dass in der Ursprungsregion

kaum je eine Sorte nach

dieser benannt wurde. (Fendant, die ihren

Ursprung am Genfersee hat, wurde

im Burgund Lausannois genannt. Entsprechend

dem Dorf, in dem sie dort angebaut

wurde, gelangte sie als Chasselas

nach Fontainelebeau, in den Sortengarten

des französischen Königs.) Deshalb

ist der Name Traminer für eine aus dem

Dorf Tramin stammende Rebsorte unwahrscheinlich.

Seit dem Mittelalter als

Traminer bezeichnete Weine wurden aus

verschiedenen Sorten wie Muskateller

oder Weisser Lagrein gekeltert.

Heute hat sich die Rebsorte Gewürztraminer

im Südtirol etabliert, und die

Weine erfreuen sich in ganz Norditalien

grosser Beliebtheit. Winzer rund um Tramin

produzieren dichte, kräftige und oft

auch süsse Weine, während die aus den Alpentälern

rund um Brixen stammenden

schlanker und filigraner ausfallen. Damit

ist die Herkunftnoch nicht geklärt.

Vaterschaftstest für die

Traminer-Rebe

Seit einiger Zeit sind Forscher mit

DNA-Analysen dem Erbgut der Re-

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ben auf der Spur. Einer der bekanntestenist

derSchweizer Rebsortenforscher

José Vouillamoz. Der Spezialist in Sachen

DNA-Analysen hat bei hunderten

von Rebsorten das Erbgut entschlüsselt,

Verwandtschaften herausgefunden

und mit Stammbäumen die Entwicklung

dokumentiert. Auf Grund der Ergebnisse

seiner Forschungsarbeit müssen

zahlreiche Weinbücher umgeschrieben

werden. So hat José Vouillamoz herausgefunden,

dass die drei Rebsorten Savagnin

Blanc, auf deutsch Traminer und

im Wallis Heida oder Païen genannt, Savagnin

Rose und Savagnin Rose aromatique,

auf deutsch Gewürztraminer,

identisch sind. Alle drei Variationen haben

den gleichen Fingerabdruck und es

kann somit nicht von einer Traminer-

Familie gesprochen werden. Doch Traminer-Gene

haben sich über die Jahrhunderte

mit Genen anderer Rebsorten

vermischt. Durch natürliche Kreuzungen

sind neue Sorten entstanden und

wie in guten Familien ist der Stammbaum

weit verzweigt: Savagnin x Gouais

Blanc ergab in der Champagne die Sorte

Petit Meslier. Aus der Kreuzung mit unbekannten

und vermutlich ausgestorbenen

Rebsorten entstanden Sauvignon

Blanc und Chenin Blanc, die heute in der

Loire stark verbreitet sind. Zudem ist Savagnin

ein Elternteil von Petit Manseng

im Südwesten Frankreichs, Grüner Veltliner,

Silvaner und Rotgipfler in Österreich

sowie Verdelho in Portugal und auf

Madeira.Savagnin ist ein Grosselternteil

von Cabernet Sauvignon, Neuburger und

Frühroter Veltliner.

Historische und genetische Daten lassen

somit vermuten, dass Savagnin ihren

Ursprung zwischen Baden-Württemberg

und Rheinland-Pfalz im Südwesten

Deutschlands und den Regionen Franche-

Comté, Champagne-Ardenne, Lothringen

und Elsass im Nordwesten Frankreichs

hat. Dazugibt es drei Thesen:

× Savagnin ist eine natürliche Kreuzung

zwischen Pinot und einer nicht bekannten

Sorte.

× Sie ist eine Kreuzung von zwei unbekannten

und vermutlich ausgestorbenen

Sorten.

× Savagnin stammt von Wildreben ab.

Das würde den Namen Savagnin als Ableitung

vom französischen «sauvage»,

wild, erklären, nicht aber Traminer als

deutsche Bezeichnung.

Länderübergreifende

Spurensuche

«Underm weg itel gut gesund Frennsch

und Traminer stoeck und ob dem weg die

zweiteil Frennsch und Traminer stoeck

und das driteil Aelbinen», so beschreibt

ein Dokument vom 4. August 1483 die

Rebberge des Klosters Bebenhausen

bei Stuttgart und nennt erstmals Traminer

als Rebsorte. Während Frennsch

und Weiss Frennschen in Baden-Württemberg

als Synonym für Savagnin

Blanc bekannt waren, nehmen Wissenschaftler

an, dass Traminer der Sorte Savagnin

Rose entspricht. Hier spannt die

Wissenschaft einen Bogen zur Legende

und stellt Vermutungen an. Wein aus

Tramin – wir erinnern uns, aus Muskateller

und Weisser Lagrein gekeltert –

zählte zu jener Zeit zu den beliebtesten

Weinen in Baden-Württemberg. Muskateller

war in beiden Anbaugebieten

bekannt. Die neue, pinkfarbene Rebe

brauchte einen Namen. 1650 beschreibt

der Schweizer Botaniker Johannes Bauhin

Muskateller und Traminer als die

meist angebauten Rebsorten im Rheintal.

Der französische Ampelograph

Pierre Galet fasste 1990 zusammen, dass

Traminer als Bezeichnung für den weissen

und rosafarbenen Savagnin rechtens

ist und sich unter Rother Traminer

sowohl Savagnin Rose als auch Gewürztraminer

klassieren.

Wein und Küche

Bei all diesen Wirren halten wir uns an

das Dekret des Parlaments von Besançon.

Dieses nennt im Jahr 1763 Savagnin

Blanc, geschrieben als Sauvagnin,

eine besonders empfehlenswerte Rebsorte,

und geniessen eine Vielfalt ganz

besonders spannender Weine: Filigrane,

fruchtige Traminer vom Vully oder dem

Eisacktal harmonieren mit würzig salzigen

Speisen wie Terrinen. Kräftige vollmundige

Gewürztraminer aus dem Südtirol

und dem Elsass passen zu Gänseleber

oder Sushi. Der Vin Jaune aus der Region

Arbois im französischen Jura ist ein idealer

Begleiter zu Kalbfleisch, Geflügel und

Pilzen. Heida oder Païen aus dem Wallis

ergänzt sich mit Käse. Und die zahlreichen

Gewürztraminer-Süssweine aus

Europa und der neuen Welt harmonieren

mit salzigen Speisen und fruchtigen Desserts.

X

Synonyme

SAvAGNIN BlANc

Edler Weiss oder Weissedler

(Elsass), Formenteau oder

Fourmentaeau oder Fourmentans,

Gentil Blanc (Franche-Comté),

Fränkisch (Rheinland-Pfalz),

Frennschen oder Weiss Frenschen

(Baden-Württemberg), Heida

(Oberwallis), Malvoisie (Tirol),

Naturé oder Naturel, Sauvagnin,

Savagnin Jaune, Savagnin Vert

(Arbois im Jura), Païen (Unterwallis),

Traminer oder Weisser

Traminer (Deutschland)

SAvAGNIN RoSE

Klevener de Heiligenstein

(Elsass), Fromentau Rouge

(Doubs/Franche-Comté),

Clevener oder Clevner, Rotfrenschen

(Baden-Württemberg),

Traminer, Traminer Rot oder

Roter Traminer (Deutschland),

Heidarot (Oberwallis)

GEwüRZTRAmINER

Gentil Aromatique, Gentil Rose

Aromatique (Franche-Comté),

Rother Muskattraminer, Traminer

Rot, Traminer Rother (Deutschland),

Traminer Aromatico

(Südtirol)

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