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Grundinformationen für Journalisten - Frankfurter Presseclub

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LANDESVERBAND LEGASTHENIE und DYSKALKULIE HESSEN e.V.

im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

Grundinformationen zum Thema Legasthenie und Dyskalkulie

Nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sondern nur als Hintergrundinformation für

Journalisten, da dieser kurze Abriss nur als Einstieg in das Thema Lese-

Rechtschreibschwäche gedacht ist. In dieser Kürze ist eine vollständige und

sachgerechte Darstellung nicht möglich

Wer ist Legastheniker oder Dyskalkuliker?

Legastheniker oder Dyskalkuliker sind Personen, die bei normaler Intelligenz besondere

Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen haben.

Unter normaler Intelligenz verstehen wir alle Begabungsstufen, die den Besuch einer

sogenannten „Regelschule“ erlauben. Dies betrifft den schlechten Hauptschüler wie auch

den hochbegabten Abiturienten. Legasthenie und Dyskalkulie setzt keine

überdurchschnittliche Begabung voraus. Die Lese- und Rechtschreibfähigkeit oder

Rechenfähigkeit liegt jedoch deutlich unter der Leistung, die man auf Grund des

Intelligenzwertes erwarten könnte.

Im Gegensatz dazu, sind Personen die in allen Bereichen, nicht nur beim Lesen und

Schreiben oder Rechnen, unterdurchschnittliche Werte erzielen, keine Legastheniker oder

Dyskalkuliker, sondern benötigen eine sonderpädagogische Förderung im Sinne der

Schule für Lernhilfe.

Ursachen für eine Legasthenie

„Den Legastheniker“ gibt es nicht. In jedem Einzelfall gibt es unterschiedliche Ursachen

und Therapieansätze. Auch der Schweregrad ist sehr unterschiedlich und unabhängig von

der Ursache. Bei einer leichten Legasthenie bestehen gute Aussichten, dass ein relativ

großer Wortschatz auch schriftlich erlernt werden kann. Nur selten verwendete Wörter

bereiten dann noch Probleme. Bei einer sehr schweren Legasthenie ist die Erstellung

eines fehlerfreien Einkaufzettels oder das Lesen einer einfachen Bedienungsanleitung

schon ein Erfolg.

Ursachen und wer behandelt sie bzw. was kann man dagegen tun

Störungen in der Sprachentwicklung Logopäde

Störungen im sprachverarbeitenden Hören Ohrenarzt; Hörtraining

Störungen im verbomotorischen Bereich Motopäde

Winkelfehlsichtigkeit Augenarzt; Brille

Blicksteuerung Blicktraining

Serialitätsprobleme Ergotherapeut

Überkreuzkoordination Ergotherapeut

Raumlageprobleme Ergotherapeut

besondere Sehstörungen (Irlen Screening) farbige Lesefolien oder farbige Brillen

Aus dieser Auswahl ist bereits zu erkennen, dass Diagnose und Therapie immer

interdisziplinär erfolgen muss. Spezialisten aus verschiedenen Fachrichtungen müssen

zusammenarbeiten, um eine erfolgreiche Therapie sicherzustellen.


Lesen und Schreiben -

lernt man nur durch das Üben von Lesen und Schreiben.

Die oben angesprochenen Hilfsmaßnahmen sollen die Hindernisse zum Erlernen der

Schriftsprache beseitigen oder zumindest teilweise ausräumen.

Zur erfolgreichen Therapie gehört aber immer ein zeitaufwendiges Schreibtraining, das auf

die speziellen Bedürfnisse dieser Kinder abgestimmt sein muss. Ein wissenschaftlich

fundiertes Programm ist z.B. das „Marburger Rechtschreibtraining (Dr. Schulte-Körne) und

die „Lautgetreue Rechtschreibung“ (nach Reuter-Liehr).

Ursachen für eine Dyskalkulie

Mathematische Grundfertigkeiten, wie Zählen, Schätzen oder Mengen vergleichen (größer

und kleiner, viel oder wenig) sind normalerweise angeboren und werden im Vorschulalter

trainiert und verfeinert. Erst, wenn diese Vorläuferfertigkeiten ausgebildet sind, ist ein Kind

in der Lage dem normalen Mathematikunterricht zu folgen. Bei einem dyskalkulen Kind

fehlen diese Vorläuferfertigkeiten oder sind nur mangelhaft entwickelt. Es bleibt häufig bei

einem „zählenden Rechnen“ stehen. Es entwickelt keine Vorstellungen für den

Zahlenraum.

Legasthenie und Dyskalkulie in der Schule

Legastheniker und Dyskalkuliker haben oder entwickeln oft besondere Lernstrategien um

ihre Schwäche auszugleichen. Sie „strengen sich an“ und benutzen alle ihre sonstigen

Fähigkeiten (das hat nichts mit vertuschen zu tun). So werden Texte in der Grundschule

oft auswendig gelernt, das erspart das mühsame Lesen. Leichte bis mittelschwere Fälle

„mogeln“ sich so oft bis ins 5. Schuljahr einer weiterführenden Schule. Hier müssen sie

jedoch zwangsläufig versagen und der Absturz ist dann umso tiefer. Rechenschwache

Kinder benutzen die Finger zum Zählen, ja sie können oft weitaus besser und in größeren

Zahlenmengen abzählen, als dies normalerweise der Fall ist. Doch auch sie stoßen

irgendwann an Grenzen.

In jedem Einzelfall hängt viel vom Ausbildungsstand der GrundschullehrerInnen ab, um

eine möglichst frühzeitige Feststellung/Diagnose zu gewährleisten.

Bezogen auf Hessen

Die Verordnung zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim

Lesen, Rechtschreiben und Rechnen (VOLRR) in Hessen (Homepage Kultusministerium – Schule –

Schulrecht) sieht eine umfassende Förderung dieser Schüler vor.

Die Feststellung einer Lese- Rechtschreibschwäche oder Rechenschwäche und Fördermaßnahmen

wird von der Klassenkonferenz beschlossen.

Damit wird die Anerkennung schwierig, denn sie ist abhängig vom Ausbildungsstand der einzelnen Lehrer.

Die aktuelle Situation in Hessen ist sehr unterschiedlich. Es gibt Schulen mit speziellem Förderunterricht und

Schulen, die bisher angeblich noch nie etwas von einer Lese- und Rechtschreibschwäche oder

Rechenschwäche gehört haben.

Fortbildung ist zwar in der Verordnung vorgesehen, wird in der Praxis jedoch nicht ausreichend angeboten

und bleibt der Initiative der einzelnen Lehrkraft überlassen.

Immer wieder hören wir von betroffenen Eltern, sie hätten von dem Lehrer ihres Kindes die Auskunft

erhalten,

• dass der Notenschutz nur bis zur Klasse 6 gilt,

• dass der Notenschutz nicht für die Fremdsprachen gilt,

• dass nur solche Schulen Notenschutz gewähren müssen, die auch Förderunterricht anbieten oder

ähnlichen Unsinn.


• Dass Kinder mit einer Dyskalkulie keine Empfehlung für eine Realschule oder das Gymnasium erhalten,

mit der Begründung, da müssten sie ja rechnen können.

Eine bessere Aufklärung und eine Fortbildungspflicht in diesem Bereich für Lehrer, wäre eine große

Erleichterung für die betroffenen Schülerinnen und Schüler.

Glück haben dabei noch die Schüler, die durchsetzungsfähige und gut informierte Eltern haben. Ist dies nicht

der Fall, ist ein Schulversagen nicht auszuschließen.

Außerschulische Förderung

Auf Grund der oft hohen psychischen Belastung, ist eine außerschulische Förderung,

wenigstens für eine gewisse Zeit, notwendig. Als Beispiel: Ein Kind, das sowieso schon

wegen seiner vielen Fehler in der Klasse verspottet wird, kann nicht durch die Klasse

laufen und bei jeder Silbe einen Schritt vorwärts gehen, (Silbenschwingen muss erlernt

werden), während alle anderen Schülern auf ihren Plätzen sitzen und schreiben. Die

Kosten für eine Einzeltherapie betragen ca. 40-60 Euro (teilweise gehen die Kostensätze

noch weit darüber hinaus) pro Stunde. Für viele Eltern, besonders mit mehreren

betroffenen Kindern (Legasthenie kann erblich sein, bei der Dyskalkulie nimmt man dies

ebenfalls an), unerschwinglich.

Nach §35a des Sozialhilfegesetzbuchs haben Kinder, die von einer psychischen

Behinderung bedroht sind, Anspruch auf Eingliederungshilfe. In solchen Fällen werden die

Kosten vom Jugendamt übernommen. Hierfür ist mindestens ein fachärztliches Gutachten

erforderlich. Die Durchsetzung einer solchen Eingliederungshilfe ist jedoch nicht immer

einfach. Die öffentlichen Kassen sind leer.

Es gibt in Hessen Landkreise, die auch bei einer gutachterlich festgestellten Notwendigkeit

einer Eingliederungshilfe, alle Anträge ablehnen. Hier sind die Eltern gezwungen das

Recht ihres Kindes vor dem Verwaltungsgericht zu erkämpfen (hierzu gibt es mittlererweile

eine klare Aussage des Verwaltungsgerichtshofs). Eine weitere Belastung für betroffene

Eltern und Kinder, neben dem täglichen Kampf gegen Kopfschmerzen und Schulunlust,

Aggressivität oder Depressionen, Hausaufgaben, Noten und der Aufklärung der Lehrer.

Psychische Belastung bei einer Legasthenie oder Dyskalkulie

In den meisten Fällen ist die psychische Belastung bei einer Legasthenie oder Dyskalkulie

weitaus schlimmer als die eigentliche Lese- und Rechtschreibschwäche oder

Rechenschwäche vermuten lässt. Oft haben diese Kinder jahrelang hören müssen, sie

seien faul, dumm oder uninteressiert. Ist dann endlich eine Diagnose gestellt, versuchen

sie trotzdem die schlechten Lese- und Rechtschreibleistungen oder Rechenleistungen mit

besonderen Leistungen auf anderen Gebieten wettzumachen. Sie setzen sich selbst unter

einen enormen Leistungsdruck. Es muss die Note 1 bei einer Buchbesprechung sein und

die Note 2 ist bereits eine weitere Niederlage. Oder sie haben bereits vollkommen

abgeschaltet und Schule ist nur noch ein einziger Albtraum.

Hinzu kommt bei allen schriftlichen Arbeiten, auch in den Nebenfächern, dass sie ja schon

die Aufgabenstellung erst mühsam und mit einem wesentlich höheren Zeitaufwand erlesen

müssen. Dies wirkt sich bei LRS Schülern sogar im Fach Mathematik aus (gerade in den

höheren Klassen, wenn vermehrt Textaufgaben behandelt werden).

Noch problematischer ist die Situation in den Fremdsprachen. Hier stellt sich immer die

Frage, handelt es sich um einen Schreibfehler oder ist es ein Grammatikfehler? Bei einer

Klassenarbeit müssen z.B. Verben in verschiedenen Zeitformen in vorgegebene Sätze

eingefügt werden. Sind diese Verben in Blockform vorgegeben, benötigt der Legastheniker

wesentlich mehr Zeit um ein passendes Verb auszuwählen. Die Klassenarbeit ist für ihn


viel schwieriger als für andere Kinder, obwohl seine grammatikalischen Kenntnisse

genauso gut sind, wie die seiner Klassenkameraden.

Rechenschwache Kinder haben nicht nur in Mathematik Schwierigkeiten, sondern immer

dort, wo sie mit Zahlen, Mengen oder Größen arbeiten müssen. Dies kann in den Fächern,

Physik, Chemie, Geschichte und Erdkunde häufig der Fall sein.

All dies führt zu einer starken psychischen Belastung der betroffenen Schüler, die ihre

eingeschränkte Leistungsfähigkeit immer wieder als „Versagen“ erleben.

Die Reaktionen können unterschiedlich sein. Einige Schüler zeigen eine gesteigerte

Aggressivität, andere ziehen sich zurück und kapseln sich ab. Diese Auswirkungen sind

nicht nur im schulischen Bereich sondern auch bei privaten Kontakten zu beobachten. Die

Persönlichkeitsentwicklung wird stark beeinträchtigt. Kopfschmerzen, Schlafstörungen und

Magenschmerzen sind häufig beobachtete Phänomene. In Extremfällen führen diese

Probleme bis hin zur totalen Schulverweigerung und machen sogar eine Einweisung in die

Psychiatrie notwendig. In dieser sogenannten Sekundärsymptomatik liegt die Gefahr der

„drohenden seelischen Behinderung“. Oftmals ist eine Teilhabe am Leben in der

Gesellschaft stark beeinträchtigt oder kaum noch möglich.

Entscheidend für die Entwicklung des Kindes, sind immer das Verständnis und die

Hilfestellung von Lehrern und Eltern.

Wünschen Sie nähere und ausführlichere Informationen zum Thema Legasthenie und

Dyskalkulie, so stehen wir Ihnen als Verband jederzeit gerne zur Verfügung.

www.lvl-hessen.de

www.bvl-legasthenie.de

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