Natürliche Heilmittel, ihre Potentiale, ihr Einsatz ... - Gesundheit Online

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Natürliche Heilmittel, ihre Potentiale, ihr Einsatz ... - Gesundheit Online

Natürliche Heilmittel, ihre Potentiale, ihr Einsatz und ihre Entwicklung im medizinischen, präventiven

und touristischen Bereich in Mecklenburg und Vorpommern vom 18. Jahrhundert bis

zur Gegenwart

Einleitung

- Studie (Kurzfassung) -

1. Kurwesen und Fremdenverkehr - Tradition seit 1793 in M-V

Privates und öffentliches Kur- und Bäderwesen, Entwicklung des Fremdenverkehrs,

Wirtschaftsfaktor Tourismus

1.1. Die ersten Ostseebäder in Mecklenburg-Vorpommern

1.2. Sommerfrische und Tourismus in Waren/Müritz

1.3. Die Geschichte des Fremdenverkehrs in Mecklenburg-

Strelitz

1.4. Entwicklung der touristischen Infrastruktur an der Ostseeküste

Badetourismus und Siedlungsentwicklung

1.5. Reisen und Tourismus ab 1800 im westlichen Mecklenburg

2. Heilanstalten (Wasserheilanstalten, Stahlbäder, Brunnen)

- eine historische Rückschau -

2.1. Viel Chic auf dem Lande - Das Gut des Herrn Laffert in Lehsen

2.2. Heißluft für den Wasserdoktor - Erfurths Sanatorium in Feldberg

2.3. Kinderkuren in Bad Sülze - Ein über 100-jähriges Sozialmodell

2.4. Salinisches Eisenwasser am Eldeufer - Parchimer Bade- und

Logierbetrieb

2.5. Ein Geschmack, der zusammenzieht - Doberans zweites Bad

2.6. Zum Seebad durch den Eiertunnel - Kurplatz Bad Kleinen

2.7. Quellsand und geistreiches Wasser - Der Gesundbrunnen zu

Röbel

2.8. Haute volèe unter der Naturdusche - Wasserheilanstalten

in Bad Stuer

3. Entwicklung der mecklenburgischen und vorpommerschen

Ostseebäder und Heilbäder anhand einer Auswahl

3.1. Zur wirtschaftlichen Entwicklung von Bad Doberan und

Heiligendamm - Wechselnde Eigentumsverhältnisse -

3.2. Zur Entwicklung des Bäderwesens zwischen Diedrichshagen,

Warnemünde und Markgrafenheide

Thalasso- und klimatische Bewegungstherapie

3.3. Badekarren - Strandhütten - Strandkörbe

Das Familienbad Boltenhagen

3.4. Heringsdorf: Wilhelm II., von Bülow, von Delbrück

Heringssaison beschert dem Dorf den Namen

3.5. Vom Warmbad zur Badeanstalt

Zur Geschichte des Bäderwesens und Fremdenverkehrs auf Rügen

4. Erschließung und Bedeutung der Heilwas ser- und

Mineralwasserhersteller in der Firmengeschichte

4.1. Zur Geschichte der Glashäger Silicium-Heilquelle

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5. Die Tätigkeit berühmter Persönlichkeiten auf dem Gebiet

des Kur- und Bäderwesens in Mecklenburg und Vorpommern

5.1. Samuel Gottlieb Vogel - Badearzt und Leibarzt des Großherzogs

von Mecklenburg-Schwerin im 18. Jahrhundert

Vater des ersten deutschen Seebades, Heiligendamm

5.2. Carl von Mettenheimer - Leibarzt des Großherzogs von

Mecklenburg-Schwerin im 19. Jahrhundert

Begründer der ersten deutschen Kinderkureinrichtung an der

Ostsee in Graal-Müritz

6. Analyse der örtlichen natürlichen Heilmittel in M-V und ihr Einsatz

im medizinischen, präventiven, rehabilitativen und touristischen Bereich

Aus den natürlichen Heilmitteln resultiere nde Therapieangebote in M-V

6.1. Geschichtsträchtige Saline in Mecklenburg

Seebad-Tradition im Binnenland

Sülzer Gradierwerke - bemerkenswerter Bestandteil der

deutschen Bäderheilkunde

6.2. Die Balneotherapie vom Mittelalter bis zur Neuzeit in

Mecklenburg und anderswo

6.3. Über Bader und Badestuben - Vorläufer des heutigen

Wellness-Angebotes

7. Gesundheitswirtschaft und Gesundheitstourismus in M-V heute

Gesundheitstourismus mit seinen Angebotssegmenten

7.1. Wellness - Von der Fitness-Industrie zum

Gesundheitstourismus

7.2. Gesundheitswirtschaft und Gesundheitstourismus in

Mecklenburg-Vorpommern heute:

Der Stellenwert der Heilbäder und Kurorte in Medizin

und Gesellschaft

8. Anlagen:

1 Anerkannte Kur- und Erholungsorte in Mecklenburg-Vorpommern

2 Mecklenburgische und pommersche Zeitungen und Wochenblätter zum Bäderwesen, vom 19.

Jahrhundert bis zur Gegenwart

3 Technik als Dienstleistung, die mecklenburgischen und vorpommerschen Ostseebäder und

ihre Bedeutung für die Durchsetzung technischer Neuerungen im Lande zwischen 1870 und

1920.

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Einleitung

Das Land Mecklenburg-Vorpommern ist auf dem Weg, eine bedeutende Rolle im Gesundheits- und

Wellness-Tourismus in Deutschland einzunehmen.

Die Nachfrage nach Gesundheitsangeboten in Reha-Einrichtungen, Hotels und Wellness-

Einrichtungen jeglicher Preiskategorien boomt - auch und gerade im Tourismusland Mecklenburg-

Vorpommern.

Auf dem I. Internationalen Wellnesskongress 2003 auf Usedom konnte der Bäderverband Meckle nburg-Vorpommern

eine Zuwachsrate der Gästenachfrage von 20 Prozent im letzten Jahr feststellen

und der Trend zur Nutzung der vor Ort vorhandenen Heilmittel auf qualitativ hohem Niveau geht weiter.

Unbestritten ist die Tourismuswirtschaft ein ökonomischer und gesellschaftlicher Faktor von hohem

Wert. In keiner anderen Branche finden in unserem Land so viele Menschen Arbeit wie in den Kern-

und Randbereichen des Tourismus.

Die folgende Studie zeigt neben aktuellen Fakten und Zahlen zu diesem Thema vor allem die historische

Entwicklung des Gesundheitstourismus in Mecklenburg und Vorpommern.

Die Darstellung erfolgt zwangsläufig und wie allgemein üblich anhand von Fallbeispielen. Das Prinzip

der Vollständigkeit ist auf Grund des Gegenstandes, des geplanten Umfanges und der vorgegebenen

Bearbeitungszeit nicht angestrebt worden bzw. war nicht erreichbar. Die Beispiele sind so gewählt

worden, dass sie für Allgemeingültiges zum Thema stehen und auch für Außenstehende, bzw. Nichtfachleute,

einsichtig und nachvollziehbar sind.

Eine Aufstellung sämtlicher bekannter Bäderjournale von Mecklenburg und Vorpommern vom 18.

Jahrhundert bis 1945 dokumentiert den Inhalt der Studie. Des Weiteren geben wir einen Überblick

über Heilbäder, Erholungsorte und Luftkurorte, über ihre Titel und Organisationsformen. Bekannt ist,

dass Heiligendamm 1793 unter fürstliche Verwaltung von Mecklenburg-Schwerin kam. Aber kaum

jemand weiß, dass 1873 eine Aktiengesellschaft gegründet wurde, Heiligendamm bis 1885 in Privatbesitz

ging und um 1900 die Ostseebad Heiligendamm GmbH entstand. Ähnliche Beispiele lassen sich

auch für andere Orte finden. Die Aufstellung ist jedoch noch nicht vollständig, hier muss weiter geforscht

werden.

1.1. Die ersten Ostseebäder in Mecklenburg und Vorpommern

Das erste deutsche Seebad wurde 1793 in Heiligendamm gegründet.

Der große Erfolg in Heiligendamm führte dazu, dass an der Ostseeküste nach und nach weitere Badeorte

entstanden. Schon im Jahre 1794 entstand in Sagard der erste Badeort auf der Insel Rügen. Da der

Ort aber zu weit von der Küste entfernt lag, konnte er sich nicht lange gegen die schnell aufkommende

Konkurrenz behaupten. Der Fürst zu Putbus gründet 1815 das Bad gleichen Namens und ebenfalls um

diese Zeit entwickelte sich Sassnitz zum führenden Badeort auf der Insel Rügen. Unmittelbar darauf

wurden auf der Insel Usedom zahlreiche Bäder gegründet, so 1825 Heringsdorf, 1851 Zinnowitz und

1852 Ahlbeck. Weitere Gründungen an der gesamten Ostseeküste folgten, so 1857 Kühlungsborn,

1880 Prerow, 1882 Binz und Göhren, 1887 Bansin und Sellin. Um 1900 zählte man an der Ostseeküste

Mecklenburgs und Vorpommerns 25 Badeorte, deren Zahl weiter stieg. Zu den Spitzenreitern der

Besucherstatistiken zählten Warnemünde, Ahlbeck, Heringsdorf und Binz. Besucher wurden

vornehmlich aus Berlin, der Provinz Brandenburg und Sachsen registriert.

Doch nicht nur an der Ostseeküste begann sich der Badeverkehr zu entwickeln, auch im Binnenland

entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits Kur- und Erholungsorte, so 1822 in Bad Sülze,

1845 in Bad Stuer und 1855 in Feldberg.

1.2. Sommerfrische und Tourismus in Waren/Müritz

Der Aufschwung des Fremdenverkehrs und des Bäderwesens in Deutschland im ausgehenden 19.

Jahrhundert war untrennbar mit der Entwicklung von Industrie, Handel und Verkehr verbunden. Erst

um die Jahrhundertwende konnten es sich größere Teile der mittleren und höheren Angestellten leisten,

in den Urlaub zu fahren.

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Die Entwicklung Warens von einer abgelegenen Ackerbürgerstadt in Mecklenburg zum Luftkurort

begann im 19. Jh. mit der Eldekanalisierung, die Waren einen brauchbaren Verkehrsweg und eine

Verbindung nach Hamburg und Berlin brachte. In diese Zeit fällt auch der Beginn des Badebetriebes.

Die ersten Badehäuser wurden bereits 1839 erwähnt, aus ihnen entwickelte sich eine Seebadeanstalt

für Herren und Damen in der Müritz. Im Jahre 1894 entstanden die ersten Hotels.

Als prominenter Gast wurde Theodor Fontane in die Werbung für den Warener Fremdenverkehr einbezogen.

Als er 1896 für mehrere Wochen mit seiner Familie zur Sommerfrische an die Müritz reiste,

war er so begeistert, dass er mit Briefen und Zeitungsbeiträgen in seinem Berliner Bekanntenkreis für

die Stadt zu werben begann.

Nach vielem Auf und Ab durch Kriege und Nachkriegszeiten, wurde Waren bis 1990 vor allem von

FDGB-Urlaubern und Campingfreunden genutzt. Nach der Wende wurde es ruhig in der Stadt, doch

vor einigen Jahren entdeckte man bei Erdbohrungen in Waren eine Thermalsole und beschloss, aus

dem Luftkurort ein Solebad zu entwickeln. Man plant, die Thermalsole durch Rohre in die dortige

Klinik zu befördern. Demnächst soll ein Kurmittelhaus entstehen, in dem Krankheiten wie Ekzeme,

Asthma, Schuppenflechte, Bronchialleiden u.ä. mit Thermalsole behandelt werden. Das Salz der Sole

soll dann auch als regionales Produkt der Kosmetikindustrie erhältlich sein. Auf jeden Fall will man

mit Hilfe dieser Sole Waren/Müritz als Bad für eine Ganzjahresnutzung durch Touristen und Erholungssuchende

noch attraktiver machen.

1.3. Die Geschichte des Fremdenverkehrs in Mecklenburg-Strelitz

Die alten Landstraßen, die das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz sowohl mit den Handelsplätzen an

der Küste als auch mit den Residenzen in Berlin und Schwerin verbanden, bilden die Grundlage für

die Entwicklung des Reisens, das überwiegend Händlern, Handwerkern, begüterten Bürgern und natürlich

den Mitgliedern des Adels vorbehalten war.

Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist bekannt, dass es in den größeren Städten des Landes zahlreiche

Gasthöfe gegeben hat. In Neustrelitz bestanden um diese Zeit bereits elf Wirtshäuser. Sie waren in

Häuser erster oder zweiter Klasse eingestuft. Die der ersten Klasse konnten sich ihre Gäste selbst auswählen,

die anderen mussten jeden Gast aufnehmen. Die Wirtshäuser erhielten im Jahre 1796 durch

die Regierung eine feste Ordnung. Die etwas besseren Häuser durften sich Gasthaus nennen, die einfacheren

hießen weiter Wirtshaus.

Im Jahre 1877 wurde Neustrelitz in das Schienennetz eingebunden.. Mit der Inbetriebnahme der

Bahnverbindung nach Feldberg im Dezember 1910 wurde in Mecklenburg die letzte Postkutschenstrecke

aufgehoben. Mit der Eisenbahn wurde Tourismus nun erst in verstärktem Maße möglich.

Vor allem Familien aus Berlin kamen im Frühjahr nach Neustrelitz und zogen im Herbst wieder zurück

nach Berlin. Neustrelitz verfügte um 1930 über etwa 600 Betten in 15 Hotels und Pensionen,

dazu kamen noch etwa 2.000 Betten in Privatquartieren. In der Stadt gab es um die 50 Lokale und

Kneipen.

Im Jahre 1855 nahm in Feldberg eine Wasserheilanstalt unter der Leitung des Arztes Erfurth ihren

Betrieb auf. Aus allen Teilen Deutschlands kamen Patienten, um sich nach der Kneipp-Methode einer

Wasserbehandlung zu unterziehen. Neben den Kurgästen kamen auch Sommergäste. Bereits zu dieser

Zeit gab es neben den Hotels und Pensionen auch private Unterkünfte, die in der Sommerzeit vermietet

wurden.

In Neubrandenburg entstand eine Sommerfrische, die mehr der Naherholung diente. 1894 gründete

sich eine Aktiengesellschaft Augustabad. Erika Weber beschreibt 1895 das Augustabad folgendermaßen:...

Am 10. Juli 1895 wurde das „Augusta-Bad“, das sich durch wundervolle Lage am See, durch

Eleganz und vornehme Bauart in jeder Beziehung vorteilhaft auszeichnet, eröffnet.... Es enthält 36 mit

allem der Neuzeit entsprechenden Komfort eingerichtete Fremdenzimmer, einen Speisesaal, zwei Restaurationszimmer,...,

Badezimmer für kalte und warme Bäder, viele Balkons und zwei große Veranden.

Schön gepflegte Gartenanlagen, Spielplätze sowie ein Pavillon am See gehören mit zum Hotel. Wech-

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selvoll war die Belegung des Kurhauses in den nachfolgenden Jahren: Im Ersten Weltkrieg waren

Offiziere als Gefangene untergebracht. In den zwanziger Jahren erwarb der Deutsche Handlungsgehilfen-Verband

mit einer angeschlossenen Krankenkasse aus Hamburg das Haus und nutzte es als Erholungsheim.

Im Zweiten Weltkrieg diente das Kurhaus als Lazarett. Seit den fünfziger Jahren diente es

als Lehrlingsausbildungsstätte des Reparaturwerkes Neubrandenburg. Gegenwärtig ist die AOK Neubrandenburg

mit gesundheitsfördernden Abteilungen Hausherr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war dem Tourismus vorübergehend die Basis entzogen. Hotels und Pensionen

waren oft zerstört oder vielerorts für die Unterbringung der Flüchtlinge und Umsiedler genutzt

worden. Der Aufbau des Erholungswesens ging aus diesen Gründen sehr zögernd vonstatten. Mit der

Eröffnung der ersten FDGB-Heime stieg die Zahl der Urlauber jedoch stetig. Bereits 1965 wurden in

den Heimen des FDGB, in Betriebsferienheimen und auf den Campingplätzen in und um Feldberg

über 12.000 Urlauber gezählt. Das Campingwesen entstand in seinen Anfängen um 1952.

Seit 1990 hat sich im Landkreis Mecklenburg-Strelitz eine rasante touristische Entwicklung vollzogen.

Heute bestehen insgesamt 95 moderne Unternehmen des Gastgewerbes, davon 55 Hotels, Pensionen

und Gasthöfe mit einer Kapazität von 5.845 Betten. Die private Vermietung erlebte durch das Wirken

der Fremdenverkehrsvereine und Stadtinformationen einen Aufschwung und umfasst eine Kapazität

von etwa 4.000 Betten. Der im Februar 1991 gegründete Tourismusverband Mecklenburgische Seenplatte

trug durch sein Wirken erheblich zur Steigerung des Bekanntheitsgrades der Region bei. Inzwischen

gibt es eine gut ausgebaute Infrastruktur. Auf 1.200 km beschilderten Wegen kann man wandern

und Rad fahren. Reiterhöfe halten ein vielfältiges Angebot bereit.

1.4. Entwicklung der touristischen Infrastruktur an der Ostseeküste

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts überzeugte Samuel Gottlieb Vogel, Leibarzt von Friedrich Franz I.

und Professor der Rostocker Universität, den Herzog von Mecklenburg-Schwerin vom Bau eines deutschen

Seebades an der Ostseeküste und Heiligendamm wurde gegründet.

Auf Usedom entwickelte sich das damalige Fischerdorf Heringsdorf um 1820 auch unter dem Einfluss

des Preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm bald zu einem Nobelbad. In rascher Folge entstanden

wesentliche Küstenorte Mecklenburgs und Vorpommerns, wie z.B. 1815 Putbus und Swinemünde,

1825 Heringsdorf, 1851 Zinnowitz, 1852 Ahlbeck, 1857 Kühlungsborn, 1882 Binz und Göhren, 1887

Bansin und Sellin. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollten bereits 40 Ostseebäder auf sich

aufmerksam machen. Warnemünde, Ahlbeck und Heringsdorf sowie Binz zählten seit ihrer Entstehungszeit

zu den Spitzenreitern der Besucherstatistiken.

Das mondäne Leben in den so genannten Modebädern mit repräsentativen Unterkünften und Vergnügungsbauten

unterschied sich sehr bald von dem medizinisch geprägten Aufenthalt an den Gewässern

des Binnenlandes. Erste Seebrücken, Parkanlagen komplettierten die Ausstattung entsprechend den

Ansprüchen der finanzkräftigen Klientel und trugen sowohl zur Attraktivitätssteigerung als auch zur

Saisonverlängerung damals wie heute bei.

Die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns ist gerade durch die enge räumliche Beziehung der Küstenorte

untereinander und dem attraktiven Küstenbinnenland für viele Touristen so interessant. Die

schnelle Erreichbarkeit auch zu den größeren kulturträchtigen Städten wie Wismar, Bad Doberan,

Rostock, Ribnitz-Damgarten, Barth, Stralsund, Greifswald, Bergen und Wolgast machen vielfach den

Reiz für Kurzzeittourismus aus. In Westmecklenburg spielt zudem der Ausbau von attraktiven Siedlungsstrukturen

im Bereich alter Guts- und Herrenhäuser, wie z.B. Schloss Bothmer und Gutshaus

Stellshagen, eine attraktivitätssteigernde Rolle. Letztendlich stellen diese Möglichkeiten erhebliche

Potentiale für die Saisonverlängerung der Küstenorte dar. Neben der Entwicklung der Verkehrsinfrastrukturen

und technischen Infrastrukturen spielen Maßnahmen des Küstenschutzes in den drei betroffenen

Regionen Mecklenburg-Vorpommerns eine besondere Rolle. Und intakte Landschaftsräume in

den Küstenregionen Vorpommerns sind ein enormer Imagefaktor für Mecklenburg-Vorpommern wie

z.B. der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der Nationalpark Jasmund, die Schutzzonen

I und II des Biosphärenreservates Südostrügen, 75 Naturschutzgebiete, elf einstweilig gesicherte und

fünf im Rechtsetzungsverfahren befindliche Naturschutzgebiete sowie 25 Landschaftsschutzgebiete.

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Dem Wunsch nach Freizeitbetätigung kommen bereits viele Orte an der Küste mit kleineren hoteleigenen

oder gemeindeeigenen Sport- und Tennisanlagen nach. Zinnowitz auf Usedom strebt den bereits

vorwendlichen Status eines überregional bedeutsamen Tennisstandortes mit Turnierqualitäten an. In

ein bundes- und europaweites Netz fügen sich auch standardmäßige Golfanlagen Mecklenburg-

Vorpommerns ein. Dabei ist die Küstenregion wesentlicher Bestandteil eines gesamtheitlich geplanten

Radverbundnetzes mit Anschluss an die Radfernwege Mecklenburg-Vorpommerns. Allein vier Touren

werden derzeit in den Küstenregionen Mecklenburg-Vorpommerns angeboten. In Vorpommern werden

weitere 1.300 Kilometer Radwege geplant. Die Radwege in den drei Küstenregionen Meckle nburg-Vorpommerns

werden mit anderen touristischen Angeboten vernetzt. So strebt Westmecklenburg

eine Vernetzung der Radwege mit technischen Denkmalen an. Die Region Mittleres Meckle nburg/Rostock

möchte das Radwegnetz behindertengerecht gestalten. Und Vorpommern arbeitet an

einer Verbindung vorpommerscher Kirchen über ein Radwegesystem.

Ähnliche Vernetzungsstrukturen sind auch für den Reittourismus geplant. Nachdem unmittelbar nach

1989/90 die Planung von Reiterhöfen einen Boom erlebte, gilt nunmehr der Gestaltung eines Reitwegeverbundes

stärkeres Augenmerk. Gerade auf Rügen erfordern diverse Überschneidungen von möglichen

Reitwegen mit Straßen und Radwegen ein abgestimmtes Reitwegekonzept. Gegenwärtig werden

Einbeziehungen angrenzender Äcker überprüft. Geplant ist ein Reitwegesystem im Verbund mit Reiterhöfen

und weiteren Sehenswürdigkeiten.

1.5. Reisen und Tourismus ab 1800 im westlichen Mecklenburg

Um Menschen und Waren schnellst- und baldmöglichst zu transportieren, wurden Kanäle gegraben,

Brücken gebaut, aber bis um 1800 nur wenige Kunststraßen errichtet. War man im Ausland mit dem

Chaussebau schon einen großen Schritt vorangekommen, steckte Deutschland mit diesem Projekt noch

in den Anfängen.

Die Reiselust erlebte mit Aufhebung von Torsperre, Wege-, Brücken- und Dammzoll sowie der Verbesserung

technischer Hilfsmittel einen ungeheuren Aufschwung. Geprägt von den Gefühlen der Romantik

unternahmen Schüler und Studenten ausgedehnte Wanderungen durch Mecklenburg. Post- und

Frachtstraßen bildeten zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Grundstock zum Chausseebau in Meckle nburg.

Der Abschnitt der Verkehrsanbindung zwischen Berlin-Hamburg, der durch Mecklenburg führte,

war 1827 zugleich der erste Chausseebau des Landes.

Der Chausseebau Wismar-Schwerin im Jahre 1834 war gleichzeitig die erste künstliche Straße der

Stadt. In den 1930er Jahren sind die Kraftfahrfernstraße Wismar-Schwerin-Ludwigslust-Hamburg-

Berlin und die Fernstraße Wismar-Neubukow-Rostock sowie die Straße Wismar-Gadebusch-Lübeck

als günstige Verkehrsanbindungen benannt, die die flächenmäßige Erschließung in alle Himmelsrichtungen

verdeutlichen.

Die aktive Freizeitgestaltung in der Natur hatte mit zunehmender Industrialisierung und Verstädterung

einen besonderen Stellenwert eingenommen und man begann, mit Vergnügungs- und Erholungsreisen

die Lebensqualität zu verbessern. Die Städter des 19. Jahrhunderts verließen mit Sommerbeginn ihre

Wohnungen, um auf eigenen Landsitzen oder in angemieteten Villen Erholung und Entspannung zu

finden. Vorerst einer elitären Schicht vorbehalten, zogen bald ganze Volksscharen aufs Land oder an

die See. Die Eisenbahn als verhältnismäßig erschwingliches und bequemes Verkehrsmittel beförderte

Tausende Menschen zu den Erholungsorten. Dem bekanntesten mecklenburgischen Badeort nachfolgend,

entstanden im 19. Jahrhundert sowohl volkstümliche als auch mondäne See- und Kurbäder entlang

der Ostseeküste. Erholungssuchende und Kurgäste begannen Mecklenburg saisonal zu bevölkern.

2.1. Viel Chic auf dem Lande - Das Gut des Herrn Laffert in Lehsen

Am 1. Mai 1847 gründete Johann Heinrich Francke in Lehsen eine Wasserheilanstalt. Beim Aufbau

der Anstalt hatte Gutsbesitzer von Laffert tief in die Börse gegriffen. Sechs Logierhäuser, nebst Ställen

und Remisen, luden ein. Es gab zwei elegant eingerichtete Duschen, ein Wellenbad und einen Eiskeller.

Zum gesellschaftlichen Mittelpunkt war das Restaurationsgebäude mit einem Speisesaal für die

Table d´hôte, die gemeinsame Mittagstafel, bestimmt. Andere Räume dienten als Lesekabinett und

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Billardzimmer, und in der Nähe konnte man sich beim Kegeln die nötige Bewegung verschaffen. Mit

einem Satz: in Lehsen war ein ganz typisches kleines Kurbad entstanden.

Francke, der seine Kur bei Frauenleiden, Rheuma, Gicht und Hautkrankheiten, vor allem aber bei nervösen

Erschöpfungszuständen für erfolgreich hielt, wusste, was seine Gäste brauchten: Ruhe, angenehme

Spaziergänge und am Abend ein wenig Unterhaltung. In Lehsen praktizierte Francke ein nicht

nur auf Prießnitz 1 beruhendes System. Er verordnete unterschiedlich temperierte Ganz- und Teilbäder,

wandte Duschen an, auch Tropf- und Regenbäder, Klistiere und Umschläge und nutzte so ein in Jahrhunderten

gewachsenes Arsenal von Kurmitteln.

2.2. Heißluft für den Wasserdoktor - Erfurths Sanatorium in Feldberg

August Friedrich Erfurth (Senior) gründete 1855 im von Seen, Bergen und Wäldern umgebenen Feldberg

eine Wasserheilanstalt. Hauptgrund für die Stabilität der Anstalt war Erfurths Fähigkeit, sich von

dem strengen, einseitigen System des Vinzenc Prießnitz zu lösen und das Kurmittel kaltes Wasser als

eines unter vielen zu nutzen. Um 1880 warb Erfurth mit Bädern aller Art, auch mit einem römischirischen

Bad, dem in Irland neubelebten antiken Heißluftbad. Seinen Patienten verordnete er Massagen,

heilgymnastische Übungen, wenig später auch die gerade modern werdende Elektrotherapie.

Welch ein Schritt von der Kaltwasserheilanstalt alter Prägung zum zeitgemäßen Sanatorium, in dem

vor allem Nerven- und chronisch Kranke behandelt wurden.

Für gut zwei Jahre (1896-1898) übernahm der 1864 in Feldberg geborene August Friedrich Erfurth

(Junior) die von seinem Vater geschaffene Anstalt; dann ging der Facharzt für physikalisch-diätische

Heilverfahren nach Rostock. Neuer Besitzer wurde 1899 der aus Pasewalk stammende praktische Arzt

Karl Kausch. Um die Jahrhundertwende verfügte die Anstalt über 50 Zimmer, war vom 1. Mai bis

zum 1. November geöffnet und zog jährlich etwa 200 Fremde an. Kausch, der das Sanatorium rund

drei Jahrzehnte leitete, erlebte die Entwicklung Feldbergs zur beliebten Sommerfrische und das Ende

der traditionsreichen Wasserkunst.

2.3. Kinderkuren in Bad Sülze - Ein über 100-jähriges Sozialmodell

Im Gegensatz zu anderen Quellen hatten Solquellen lange als medizinisch wertlos gegolten; erst nach

der Gründung von Seebädern, begannen sich Ärzte in mehreren Ländern Europas mit ihnen zu beschäftigen.

Auf Anregung des Schönebecker Salinenarztes Johann Wilhelm Tolberg, der auf die Ähnlichkeit

von Sole und Meerwasser hinwies, entstand 1803 zwischen Schönbeck und dem Dorf Elmen

das erste deutsche Solbad.

Die Idee, der uralten, über Mecklenburg hinaus bekannten, Sülzer Saline ein Solbad anzufügen, wurde

in Doberan geboren. Samuel Gottlieb Vogel verglich im Jahre 1819 die Solquellen mit dem Meerwasser

und empfahl sie als milderen Ersatz für letzteres. Als die Saline aus den Händen von Privatpersonen

in die Verwaltung der großherzoglichen Kammer überging, war der Zeitpunkt für den Aufbau

eines neuen Kurortes gekommen. Großherzog Friedrich Franz I. beauftragte Vogel, den Plan in die Tat

umzusetzen und 1821 begann der Kurbetrieb.

Den Heilsuchenden standen im Badehaus zwölf Badestuben, 18 Logierzimmer, Konversationsräume

und ein großer Saal zur Verfügung. Ein zusätzliches Logierhaus wurde 1828 errichtet. Die ärztliche

Leitung des Badebetriebes übernahm der seit 1811 in Sülze praktizierende und beim Salinenamt beschäftigte

Arzt Johann Plotzius (1775-1843). Vorwiegend nutzte man die Sole für Bäder; die Trinkkur

(wozu die Sole u. a. mit Fleischbrühe gemischt wurde) spielte eine geringere Rolle. Sülze blieb viele

Jahrzehnte ein kleines, vor allem von weniger begüterten Kurgästen besuchtes Bad.

Von großer Bedeutung war die Gründung der Sülzer Kinderpflege im Frühjahr 1876 durch den Ludwigsluster

Pastor Johannes Siegmund Krabbe (1839-1901). Am 15. Juni 1876 trafen die ersten an

Skrofulose leidenden Kinder in Sülze ein; fünf Jahre später, am 20. Mai 1881, konnte ein eigenes

Haus eingeweiht werden. Nach der Stilllegung der Häuser im Zweiten Weltkrieg, wurde in den 1950er

Jahren die Behandlung von Kindern wieder aufgenommen. Seit 1993 gibt es keine Kinderkureinrichtungen

mehr in Bad Sülze.

1 Vinzenc Prießnitz (1799-1851), Naturheiler, entwickelte den Kaltwasserumschlag, den sog. „Prießnitz-

Wickel“, Kneipp baute auf seinen Ideen auf.

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2.4. Salinisches Eisenwasser am Eldeufer - Parchimer Bade - und Logierbetrieb

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann ein allgemeiner Aufschwung des Badewesens. Englische

Ärzte propagierten das natürliche Heilmittel Seewasser, in Paris wurde auf der Seine das erste

Flussbad Europas eingerichtet (1761), und in den Kurorten vollzog sich - wenn auch langsam - der

Übergang zur wissenschaftlichen Balneologie. Auffallend sind dabei die wieder stärkere Besinnung

auf das seit etwa 1700 von der Trinkkur fast völlig verdrängte Baden und die besondere Hinwendung

zu den eisenhaltigen Quellen. Dieser Prozess lässt sich auch in Mecklenburg nachweisen. Eine der

mecklenburgischen Stahlquellen, jene am Rande des Sonnenberges bei Parchim, wurde unter der Bezeichnung

Gesundbrunnen bekannt. Angeblich hatte bereits der Arzt Johann Dietrich Ebeling (1753-

1795) den Brunnen entdeckt; doch erst nach der Eröffnung des Stahlbades in Goldberg (1817) wuchs

das Interesse an der zweieinhalb Kilometer von der Stadt entfernten Quelle. Nach dem Bau der notwendigen

Bade- und Logiereinrichtungen wurde der Brunnen im Jahre 1823 in Betrieb genommen.

Schon nach wenigen Jahrzehnten geriet das Stahlbad jedoch ins Abseits. Folgenlos aber blieb die

Stahlbad-Episode nicht; in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts gewann die Eldestadt einen Ruf

als Sommerfrische und Luftkurort - und wie eh und je zog es die Gäste ins Brunnen-Restaurant.

2.5. Ein Geschmack, der zusammenzieht - Doberans zweites Bad

Als der Doberaner Kaufmann und spätere Badeinspektor Mühlenbruch im Jahre 1821 eine Quelle

fand, die sich bei ihrer Analyse durch Samuel Gottlieb Vogel als eisenhaltig erwies, erinnerte sich

niemand mehr an jenen Gesundbrunnen, dessen Wasser einst sogar ein Herzog getrunken hatte. Fast

gleichzeitig hatten im Mai des Jahres 1679 Johann Bacmeister, Professor an der Universität Rostock,

und der Doberaner Amtmann Christian Rosenow ihren Landesvater von der neuen Heilquelle unterrichtet.

Ganz unbekannt dürfte der Gesundbrunnen zu Doberan nicht geblieben sein, schrieb doch der

von 1697 bis zu seinem Tode im Jahre 1713 regierende Herzog Friedrich Wilhelm am 4. Juli 1704, als

er in Rostock residierte, an die fürstliche Kammer, er wolle das Doberaner Brunnenwasser trinken.

Zunächst mussten sich die Brunnenkurgäste mit vier Bädern in einem provisorischen Gebäude begnügen,

aber bereits nach einem Besuch im Sommer 1822 berichtete der Berliner Arzt und Universitätsgelehrte

Ludwig Formey, gegenwärtig sei ein großes Haus im Bau. Im folgenden Jahr konnte das nach

Plänen von Carl Theodor Severin errichtete eingeschossige Badehaus eröffnet werden. In ihm befanden

sich neben Speisesaal und Aufenthaltsraum zwölf Bade- und zwei Duschzimmer sowie ein Regenbad.

Das im Jahr 1902 aufgestockte klassizistische Gebäude beherbergt heute die Reha-Klinik

Moorbad Bad Doberan.

Die Kuranstalt, deren Quellen Bade- und Trinkkuren dienten, profitierte vom weiteren Ausbau des

großherzoglichen Seebades: Theater, Spielbank, all die Annehmlichkeiten eines Kurortes standen sozusagen

nebenbei zur Verfügung. Am Ende des 19. Jahrhunderts, etwa zur gleichen Zeit, als das Bad

in Privatbesitz überging, gewann neben dem Quellwasser ein zweites natürliches Heilmittel zunehmend

an Bedeutung; das Moor aus der Conventer Niederung. Während Mineralschlammbäder schon

seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert in einigen europäischen Schwefelbädern bereitet wurden,

begannen Moorbäder erst um 1810/20 - vorwiegend im böhmischen Bäderdreieck - eine Rolle zu

spielten. Als man im Sanatorium den 100. Geburtstag feiern konnte, erhielt Doberan (seit 1879 schon

Stadt) den Beinamen Bad.

2.6. Zum Seebad durch den Eiertunnel - Kurplatz Bad Kleinen

Am 16. Mai des Jahres 1862 wandte sich der in Wismar praktizierende Arzt Rudolf Heussi mit dem

Gesuch an Friedrich Franz II., ihm zum Bau einer Wasserheilanstalt einen Teil des großherzoglichen

Forstes beim Bahnhof Kleinen zu überlassen. Schon bevor es zur Ausstellung eines Erbpachtvertrages

kam (16. Januar 1863), muss ihm die landesväterliche Zustimmung signalisiert worden sein, denn

bereits 1862 wurde mit dem Bau eines großen Haupthauses und eines Maschinenhauses mit Wasserturm

für die Warmwasserbereitung begonnen. Schon nach wenigen Jahren fehlten jedoch die

finanziellen Mittel, um die Anstalt weiter zu betreiben. Der Arzt Steyerthal interessierte sich für die

ungenutzte Anstalt, deren Gebäude von 1892 bis 1894 gründlich erneuert wurden. Am 16. Mai 1895

wurde die Wasserheilanstalt in Kleinen unter der Leitung Steyerthals eröffnet.

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Im Erdgeschoss des 100 Kurgästen Platz bietenden Hauses befanden sich nicht nur die nötigen Vorrichtungen

für alle Arten von Bädern, darunter auch Dampf-, Sol- und Moorbäder, sondern auch ein

Saal mit verschiedenen Geräten zur körperlichen Kräftigung und Räume für Massagen und die Anwendung

der Elektrotherapie. Kegelbahn und Billardsaal durften nicht fehlen, und für geistige Erfrischung

sorgte ein Lesezimmer. Um den Patienten den Zugang zum See zu erleichtern, baute man 1896

unter dem Anstalt und See trennenden Eisenbahndamm einen Fußgängertunnel, der, seiner eigenartigen

Form wegen, schnell den Namen Eiertunnel erhielt. Im gleichen Jahre ließ Steyertal im Vorgarten

der Anstalt ein kleines Sonnenbad mit zwei Lufthütten anlegen, dem 1899 ein weit größeres Luft- und

Sonnenbad im Wald und eine Seebadeanstalt folgte. Parallel zur Steyerthalschen Wasserheilanstalt

entwickelte sich Kleinen zur Sommerfrische; wer wollte, konnte sich in eine der Häuslereien einmieten.

Als der Kurbetrieb im Jahre 1920 infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten eingestellt werden musste,

konnte Steyerthal zumindest konstatieren, in 25 Jahren etwa 7.100 Patienten behandelt zu haben.

2.7. Quellsand und geistreiches Wasser - Der Gesundbrunnen zu Röbel

Im Gegensatz zu den meisten der genannten Orte spielte Röbel mehrfach im Laufe eines Jahrhunderts

eine Rolle in der mecklenburgischen Brunnengeschichte. Einer Quelle, die angeblich 1713/14 bei arthritischen

Leiden geholfen hatte, folgten um 1740 der wohl von Zückert beschriebene und um 1770 ein

neuer Gesundbrunnen, dessen Wasser ein Dr. Becker im Jahre 1770 als trüb, faul riechend und

schlecht im Geschmack bezeichnete.

Auch der Warener Arzt Christian Heinrich Kiesewetter (1742-1803) warnte in vor dem Gebrauch des

Brunnens. Trotzdem wurde das Wasser im Übermaß getrunken und der feuchte Quellsand zu Umschlägen

auf Geschwulsten und ,,offenen Schäden” benutzt. Fünf Jahre lang soll der Brunnen seine

Wunderkraft bewiesen haben und erst versiegt sein, als sich der Besitzer das Wasser bezahlen ließ.

Der Gegenstand der Quelle sollte gar Krebs und alle äußeren Krankheiten heilen. Dr. Bartels untersuchte

die chemische Zusammensetzung des Wassers und fand nur sehr wenig Eisen und ein bisschen

Kalkerde.

2.8. Haute volèe unter der Naturdusche - Wasserheilanstalten in Bad Stuer

Im Frühling des Jahres 1845 entstand, nur 200 Schritte vom Seeufer entfernt, ein Kurhaus., das auf

Initiative des Arztes Francke gegründet wurde. Dabei handelte es sich um einen Fachwerkbau, in dem

sich 18 Logierzimmer, Baderäume, vier Dachkammern und ein Speisesaal befanden.

Die ersten Behandlungen führte Francke ganz im Sinne seines Vorbildes Prießnitz durch: kalte Bäder,

die Benutzung der Naturdusche, deren eiskaltes Wasser aus fast sechs Meter Höhe auf die Patienten

hinunterfiel, dazu eine sehr frugale Diät. Doch ab 1847 wurden die Behandlungen weniger drastisch

durchgeführt und im Frühjahr des Jahres verließ Francke Stuer und zog nach Lehsen bei Wittenburg.

Im November 1852 übernahm der Plauer Arzt Wilhelm Maas die Anstalt.

Zur Blüte brachten die Anstalt in Stuer aber vor allem ihr Pächter und Leiter Gustav Bardey und sein

Sohn, der Arzt Hans Bardey, der seit 1891 an der Spitze der Einrichtung stand. Die Anwendungen

Prießnitz wurden nun nicht mehr praktiziert. Die Gedanken Kneipps hatten sich auch hier durchgesetzt.

Hans Bardey behandelte vor allem Nervenkranke. Zu den Kurmitteln gehörten unterschiedlich

temperierte Bäder, andere Prozeduren der Hydrotherapie, Heilgymnastik, auch Luft- und Sonnenbäder.

Um 1895 verfügte die Heilanstalt in Stuer über 80 Logierzimmer, die auch im Winter gut besucht

waren.

Das Ende kam in den 1920er Jahren, als die Anstalt verkauft wurde und mehrmals den Besitzer wechselte.

Schon vor dem I. Weltkrieg hatte man Stuer den Namen ”Bad Stuer” verliehen, den es auch

heute noch trägt. Dabei handelte es sich aber ”nur” um einen Namen und nicht um einen Titel. Deshalb

trägt der Ort auch heute noch den Namen Bad Stuer, obwohl es hier keinerlei Badebetrieb mehr

gibt.

9


3.1. Zur wirtschaftlichen Entwicklung von Bad Doberan und Heiligendamm

Die Gründung des Ostseebades Heiligendamm war formaljuristisch gesehen ein landesherrlicher Verwaltungsakt,

der in der Anweisung zum Bau des ersten Badehauses bestand. Die Gelder wurden in

erster Linie aus der großherzoglichen Schatulle bereitgestellt. Offensichtliches Ziel des Fürsten war es

aber, das Ostseebad wirtschaftlich selbsttragend zu organisieren. Die Lösung dazu wurde im Betrieb

einer Spielbank gefunden, die im Logierhaus eingerichtet wurde. Aus den Pachteinnahmen der Spielbank

in Höhe von 30.000 Talern wurde ein Teil des Badebetriebes finanziert.

Die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben für das Bad erfolgte durch die Badeintendantur in Doberan,

die zwar de jure bis 1906 bestanden hat, aber seit 1872 de facto schon wirkungslos war. Die

jährliche Zahl der Badegäste stieg von 208 im Jahre 1794 kontinuierlich auf 1.304 im Jahre 1806 und

begann schon durch die Kriegsereignisse in Europa stark zu schwanken. 1813 erreichte sie ihren Tie fpunkt.

1819 wurden 1.819 Gäste gezählt. In den folgenden Jahren nahmen die Einnahmen des Bades

kontinuierlich ab. Im Sommer 1872 war eine Situation erreicht, die den Großherzog ernsthaft an einen

Verkauf des Ostseebades denken ließ.

Die gesamte Anlage, bis auf die drei fürstlichen Cottages, das Gelände für die katholische Kirche und

den Gedenkstein, wurde 1873 für 500.000 Reichstaler an eine Aktiengesellschaft verkauft, der der

Rittmeister a.D. Baron Otto von Kahlden auf Iden als Direktor vorstand. Geschäftlicher Erfolg stellte

sich aber nur zögernd ein. Erst nach drei Jahren waren positive Meldungen vernehmbar. Die Situation

der Aktiengesellschaft blieb aber kritisch. 1885 wurde Kahlden alleiniger Besitzer.

1910 verkaufte der Sohn des Erstbesitzers, Rudolf Kahlden, das Unternehmen an Walter John Marlitt,

der es bereits nach einem halben Jahr in den Konkurs führte. Den Gläubigern blieb keine andere Wahl,

als das Unternehmen zu kaufen und daraufhin die Ostseebad Heiligendamm GmbH, zu gründen.

Man investierte wieder: Der gesamte Platz vor dem Kurhaus wurde neu gestaltet, die Seebrücke um

130 Meter verlängert und damit auch für größere Schiffe als Landungssteg nutzbar. Auf dem Brückenkopf

entstand eine kleine „Restaurationshalle“. Das Kurhaus wurde völlig renoviert und alle Häuser

mit elektrischem Licht versehen. Golf- und Tennisplätze wurden in einen mustergültigen Zustand

gebracht. Die Exklusivität des Bades blieb gewährleistet und fand auch in den „besseren Kreisen“ die

gewünschte Resonanz. Nach der Revolution von 1918 und der Abdankung des Großherzogs durfte die

Familie die fürstlichen Cottages behalten und blieb weiterhin dem Ostseebad treu. Während des Krieges

war die GmbH nach und nach ganz in die Hände des Lübecker Bankhauses Wolff KG übergegangen,

ohne eine positive Bilanz erzielen zu können. Das Unternehmen wurde nur noch künstlich am

Leben erhalten. Gerettet wurde es durch die Übernahme der Aktien durch den Züricher Baron Oskar

von Rosenberg. Genaugenommen übernahmen 1923 drei neue Gesellschafter die GmbH: Baron Oscar

von Rosenberg, Kurt Kramer aus Berlin und Rechtsanwalt Knaack aus Bad Doberan. Gleichzeitig

wurde ein Aufsichtsrat gebildet, dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, der ständig in Doberan

wohnte, vorsaß.

Trotz recht guter Auslastung des Bades während der Saison kam die GmbH aber nicht aus den roten

Zahlen heraus. Die 1920er Jahre brachten auch Heiligendamm eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte.

Doch diese Zeit währte nur kurz, denn die Weltwirtschaftskrise zog das Ostseebad in Mitleidenschaft.

Den erhofften Gewinn mussten die Pächter erwirtschaften, die im Gegensatz zur Besitzerin, dazu

durchaus die Möglichkeit gehabt zu haben scheinen. Sie waren jedoch an bestimmte Auflagen gebunden:

Der Pächter ist jedoch verpflichtet, den Betrieb in der alten vornehmen Form aufrecht zu erhalten und

die Tradition des Ostseebades zu wahren, d.h. er hat die Betriebe so zu führen, daß sie den Charakter

des Ostseebades Heiligendamm als vornehmsten Seebade entsprechen. 2

2 zitiert in: Heiligendamm, erstes deutsches Seebad 1793-1993, Bad Doberan 1993.

10


Die Forderung wurde dadurch begünstigt, dass die großherzogliche Familie weiterhin über drei eigene

Cottages in Heiligendamm verfügte und sich in den Sommermonaten häufig hier aufhielt.

Als Baron Rosenberg 1939 in Wien im Alter von 63 Jahren starb, ging kurz danach, im Jahre 1941,

der gesamte Besitz der Ostseebad Heiligendamm GmbH für 1,7 Millionen Mark an die Reichsmarine

und wurde damit Staatseigentum. Der Badebetrieb kam bereits mit Kriegsbeginn völlig zum Erliegen,

und die Kriegsmarine richtete in Heiligendamm 1943 eine Seekadettenanstalt zur Ausbildung von

Marineoffizieren ein. Die Gebäude der Ostseebad GmbH wurden für Heereszwecke beschlagnahmt

und zum Reservelazarett erklärt und im Jahre 1942 konnte sich Heiligendamm nicht mehr „weiße

Stadt am Meer“ nennen:

Hiermit teile ich mit, dass durch Verordnung des Luftfahrt-Ministeriums hier alle Häuser dunkel angestrichen

werden. Der Marstall und die Autogarage sind schon gemacht. Die ganzen Villen und Privathäuser

werden alle der Reihe nach gestrichen. 3

Zunächst schien der Krieg an Heiligendamm vorüberzuziehen, doch am 26. Juli 1943 fielen auch hier

die ersten Bomben. Im selben Jahr erreichten die ersten Flüchtlinge den Ort.

Im Juni 1947 wurde der Wiederaufbau für die Genesendenfürsorge eingeleitet, wobei das Kurhaus und

die Großherzoglichen Cottages eingeschlossen wurden. Den Möglichkeiten entsprechend war unter

großen Anstrengungen saniert und renoviert worden. Anfang März 1949 richtete ein schwerer Sturm

erneut große Schäden an und vernichtete weitgehend die alte Seebrücke. Trotzdem ging der Ausbau

des Sanatoriums zügig voran. 1954 wurde eine Jahresbelegung von etwa 12.000 erreicht. Der Kurbetrieb

wurde ausgebaut und auch bald auf Heilkuren, besonders im dermatologischen Bereich, erweitert.

Der fortschreitende Verfall in der Grundsubstanz der über 100 Jahre alten Gebäude erforderte

immer sichtbarer wieder generelle Sanierungslösungen und keine Verschönerungskuren.

Seit Ende der 1990er Jahre hat nun die Fundus-Gruppe Grundbesitz und Immobilien in Heiligendamm

erworben und ist dabei, das älteste deutsche Seebad zu sanieren. Mit der Eröffnung des Kempinski

Grand Hotels im Mai 2003 konnte ein erster Bauabschnitt der gesamten Resort-Anlage bereits fertiggestellt

werden.

3.2. Die Entwicklung des Bäderwesens zwischen Dietrichshagen, Warnemünde und .

Markgrafenhe ide

Sauberes Wasser, lange breite Sand- und Steinstrände, Steil- und Flachküsten, Heidelandschaften und

mildes Ostseeklima mit gesunder Luft bei hoher Seewindhäufigkeit und die Waldungen der Rostocker

Heide, dieses „Kapital“ vor Ort, bildete im 19. Jahrhundert die Basis für die Entwicklung Warnemündes

zum viel besuchten Seebad.

Am begehrtesten bei den Badegästen waren die Wohnungen Am Strom. Einige Häuser wurden Goldberg

genannt, weil sie hohe Mieterträge abwarfen. Schon damals bildete sich die Sitte heraus, dass

zahlreiche Familien jedes Jahr dasselbe Haus mieteten. John Brinckmann, bekannter mecklenburgischer

Schriftsteller, wohnte z.B. von 1850 bis 1870 jeden Sommer in einem Haus Am Strom.

Mit der Zeit entwickelten sich auch Unterhaltungsmöglichkeiten für die Badegäste, z.B. Stromfahrten,

Konzerte der Badekapelle, Volksfeste mit Vogelschießen, Bälle und Feuerwerk. Vergnügungsfahrten

zweimal wöchentlich nach Travemünde fanden mit dem Raddampfer statt.

Je mehr Badegäste nach Warnemünde kamen, desto mehr wuchs die Zahl der Leute, die aus dem

Vermieten der Wohnungen ihren Lebensunterhalt bestritten. Als die Einwohnerzahl und das Badeleben

um die Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr wuchsen, war die Frage der Niederlassung von

Kaufleuten, besonders eines Bäckers, Müllers, Schlächters im Orte für Warnemünde immer notwendiger

geworden. 1868 trat Mecklenburg dem deutschen Zollverein bei. Somit war die Gewerbefreiheit

als Grundsatz erklärt und so konnten sich nun Schiffer, Müller, Fleischer und Bäcker in Warnemünde

niederlassen. Ab 1870 zählte man in „guten“ Sommern um die 4.000 Badegäste und Ausflügler, die

aller versorgt werden wollten.

3 MLHA Großherzogliche Vermögensverwaltung 358.

11


Von gravierender Bedeutung für die Entwicklung des Ortes war 1886 der Bau einer Eisenbahnlinie

von Neustrelitz mitten durch Mecklenburg-Schwerin nach Warnemünde.

Der Komfort des Strandaufenthaltes gewann neue Dimensionen, als 1882 der Strand erstmals mit

Sitzkörben bestückt wurde, die zum einen vor Sonne und Wind schützten, die es zum anderen erlaubten,

mehr Kleidungsstücke abzulegen. Wie beliebt diese Strandkörbe waren, bewies ihre starke

Verbreitung. So ist den Akten der Badeverwaltung zu entnehmen, dass es 1918 bereits 1.056 Exemplare

gab.

1904 wurden das Familienbad angelegt, die Seepromenade verlängert und die Parkanlagen weiter ausgedehnt.

1914 begann man mit dem Bau des Kurhauses, das aber wegen des Ausbruchs des Ersten

Weltkrieges erst seit 1928 fertiggestellt werden konnte. Es wurden zu dieser Zeit Sonnen- und Sandbäder,

elektrische und Vierzellenbäder, sowie in Privat-Warmbadeanstalten römisch-irische und russische

Bäder und Massagen angeboten. Die Badekapelle musizierte täglich vormittags von elf bis dreizehn

Uhr in den Parkanlagen und nachmittags im Konzertgarten und in verschiedenen Hotels. 1911

konnte man auf 23.358 Gäste verweisen.

Wie sehr der Großherzog Friedrich Franz IV. den Wert einer Kur am Meer schätzte, beweist ein

Schriftstück aus dem Jahre 1911, in dem er Vertreter zehn europäischer Länder zu einem Internationalen

Kongress für Thalassotherapie nach Kolberg einlud. In dem Schreiben heißt es u.a.: ... In Deutschland

war es zuerst mein erhabener Vorfahr, der Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-

Schwerin, der den Wert der Kur am Gestade des Meeres tatsächlich dadurch erkannte, dass er das

erste deutsche Seebad, Heiligendamm, aus seinen Schatullmitteln begründete. Von dem Großherzog

Friedrich Franz I. wurden in den nächsten drei Jahrzehnten noch drei weitere Seebäder begründet

und zwar zwei, nämlich Warnemünde und Altgarz, im Jahre 1820 und Boltenhagen im Jahre 1830.

Auch später haben meine Vorfahren die See- und Meeresheilkunde tatkräftig gefördert ... Ich erkenne

es mit Genugtuung an, dass die deutschen und österreichischen Interessenten der Wissenschaft und

Praxis sich in den vor zwei Jahrzehnten (um 1890) gegründeten Zentralstelle für Balneologie zusammengefunden

haben, um die gesamte Bäderkunde durch erste Forschung auszustatten... 4

Das exzellente Kurortmilieu, das in der Folgezeit ständig erweitert wurde, begründete das Format und

den Ruf Warnemündes als führendes Seebad Mecklenburgs. Man hatte erkannt, dass Investitionen in

Warnemünde letztlich auch Investitionen für Rostock sind. Die Kurzeit begann am 15. Mai und endete

am 30. September. Besonders wurde auf den lukrativen Wert der Frühjahrs- und Herbstkuren und

insbesondere auf die vorzügliche Heilwirkung der Winterkuren hingewiesen. Die therapeutische Effizienz

bei der Nutzung der ortsgebundenen Heilmittel, Meereswasser und Klimafaktoren der Ostsee,

wurde ab 1930 durch die Heilklimatische Forschungsanstalt Warnemünde von Professor Curschmann

und seinen Mitarbeitern vor allem bei Herzkreislauferkrankungen und Arteriosklerose wissenschaftlich

begründet, indem sie u.a. dosierte kalte Seebäder zur Blutdrucksenkung verordneten. Herzpatie nten,

denen kalte Seebäder nicht gestattet werden konnten, empfahl Curschmann Waldspaziergänge, als

eine Art Terrainkur, so wie sie gegenwärtig mit der Klimatischen Bewegungstherapie auch wieder in

Warnemünde durch den Kurbetrieb praktiziert wird.

Im Januar 2002 fand im Hotel „Neptun“ der erste Europäische Kongress für Thalassotherapie statt.

120 Thalasso-Experten aus Deutschland, Frankreich, Tunesien, der Türkei, Spanien, Island, Estland,

Holland, Großbritannien, Finnland und Polen tauschten Erfahrungen aus.

Ziel des Kongresses war die Verabschiedung internationaler Qualitätskriterien für Thalasso-Zentren.,

die wie folgt lauten:

1. Das Zentrum muss direkt am Meer, im direkten Einfluss des Meeresklimas liegen.

2. Für die Behandlungen muss frisch geschöpftes Meereswasser verwendet werden. Das

Meerwasser darf nicht behandelt werden, so dass die Inhaltsstoffe erhalten bleiben.

3. Jedes Zentrum muss über mindestens ein Schwimmbecken und eine ausreichende Anzahl von

Kabinen verfügen, dass jedem Kurgast täglich drei Einzelbehandlungen möglich sind.

4 Mecklenburgisches Landeshauptarchiv, Großherzogliches Kabinett III, 5.2.1.

12


4. Das Zentrum muss über einen oder mehrere Ärzte verfügen. Ein professionelles Team aus

Masseuren, Hydrotherapeuten und Sportlehrern ist beschäftigt.

5. Permanente Hygienekontrolle, Sicherheit.

6. Es werden gesundheitsbildende Maßnahmen aus den Bereichen Entspannung, Ernährungsumstellung

und körperliche Aktivität begleitend angeboten.

Im Warnemünder Thalasso-Zentrum im Hotel Neptun wird gezeigt, dass zur Original-Thalasso-

Therapie nicht nur Baden in kaltem und erwärmten Meerwasser und die Einwirkungen der Klimafaktoren

des Meeres zu Heilzwecken gehören, sondern auch:

1. die Anwendung von Meerwasser-Sprudelbädern in einer Thalasso-Wanne (35° - 40° C warmes

Meerwasser) unter Zusatz von mikropulverisierten Algen, ätherischen Ölen und mit .

132 Meereswasser- und Luftdüsen zur Unterwassermassage zur Straffung, Entschlackung und

. Entspannung der Haut;

2. die Meerwasser-Druckstrahl-Massage: mit der Jet-Dusche wird ein fester Strahl erwärmtes

Meerwasser an die Haut gespült und der Körper wird gleichzeitig massiert;

3. Ganzkörper-Algen-Packungen und kosmetische Gesichts- und Körperbehandlungen mit

mikropulverisierten Algen;

4. Wassertreten und Güsse in unterschiedlich temperierten Becken;

5. Bewegungstherapie und Wassergymnastik im Meerwasserschwimmbad.

Erklärtes Ziel des Kuramtes und Kurbetriebes war es immer, Warnemünde als Kurort mit einem unverkennbaren

und charakteristischen therapeutischen Profil auch auf der Basis der Optimierung der

Wirksamkeit seiner natürlichen ortsgebundenen Heilmittel zu profilieren. Derartige Überlegungen

führten zu einer Kontaktaufnahme mit dem Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der

Universität München, das vor ca. zehn Jahren eine Klimakur entwickelte, die aus einer Kombination

von Terrainkur und Thermoregulationstherapie besteht. Erstmalig in einem deutschen Seebad wird

diese Klimakur seit 1998 in Warnemünde angeboten.

Das Gesundheitswesen befindet sich heute in einer Umbruchphase. Schwerpunkte liegen stärker in der

Gesundheitsvorsorge, der Prävention. Die Finanzierung dieser Vorsorge liegt dabei immer weniger bei

den Krankenkassen als vielmehr bei den Privatzahlern, wobei für die Zukunft eine steigende Tendenz

zu erwarten sein wird, denn der Gesundheitsmarkt ist ein Megamarkt und knüpft an den Zeitgeist und

Trend des 21. Jahrhunderts an.

3.3. Badekarren – Strandhütten – Strandkörbe

Das Familienbad Boltenhagen

Der große Erfolg in Heiligendamm ließ an der Ostseeküste nach und nach weitere Badeorte entstehen.

Die ersten Badegäste, einzelne begüterte Familien aus der Umgebung, kamen nach Boltenhagen, einem

Dorf mit zehn kleinen Landstellen, die von Büdnern und Fischern bewirtschaftet wurden. Einen

festen Fahrweg gab es nicht in Boltenhagen. Aber der sechs Kilometer lange Strand an der Bucht zwischen

Travemünde und Wismar bot Raum genug für einen Badeort. 1825 stellte ein geschäftstüchtiger

Boltenhäger den ersten öffentlichen Badekarren auf.

Um geschützt und ungestört den Tag am Strand verbringen zu können, bauten findige Hauswirte Hütten,

die so genannten Luftschnapper. In diesen, ursprünglich aus Stroh, später aus Lehmfachwerk mit

Strohdach hergestellten Unterkünften, fand man Schutz vor Sonne, Regen und Wind, hier wurde gegessen

und getrunken. 1862 besaß jede Pension und jedes Hotel z. T. mehrere solcher Hütten für seine

Gäste. Fast alle Strandhütten wurden während der Sturmflut im November 1872 zerstört oder weggeschwemmt.

Danach wurden sie durch den neuen und billigeren Strandkorb ersetzt.

International hat sich der Strandkorb zum Markenzeichen für das deutsche Strandleben an Nord- und

Ostseeküste entwickelt. Die erste Erwähnung eines Strandkorbes findet sich in dem Protokoll der Königlichen

Finanzdirektion zu Hannover im Jahre 1873. Zur Saison 1883 empfahl der Rostocker Hof-

Korbmacher Wilhelm Bartelmann im Allgemeinen Rostocker Anzeiger seine Strandstühle als Schutz

gegen Sonne und Wind den Rostocker und Warnemünder Badegästen. Der Rostocker Strandkorb war

ein von dickem, grauen Markisenstoff vollständig überzogener Einsitzer aus Weiden- und Rohrge-

13


flecht. 1935 standen allein in den mecklenburgischen Ostseestädten ca. 7.500 Strandkörbe. 1953 wurde

in Heringsdorf die volkseigene Strandkorbfabrik gegründet. Aus Mangel an Rohr wurde Plaste

verwendet. In den 1960er bis 1990er Jahren standen in Boltenhagen bis zu 2.000 Strandkörbe am

Strand. Im Jahre 2000 gab es ca. 1.000 Strandkörbe zur Vermietung.

Im Jahre 1830 besuchte der Wismarer Pastor Meyer zum ersten Mal Boltenhagen. Er erkannte die

Vorzüge dieses Ortes und setzte sich in den folgenden fünfzig Jahren beharrlich für den Ausbau zu

einem Badeort ein.

Im Jahre 1838 wurde das erste Gästehaus erbaut. Es erhielt den Namen Hotel Baltique und hatte 19

Zimmer eine Vorhalle, Speise- und Tanzsaal und eine Kegelbahn. Mit der Entstehung des neuen Ortsteils

vollzog sich eine Trennung der Badegäste, in wohlhabende, die in den neu errichteten Fremdenhäusern

wohnten, und in weniger wohlhabende, die in Alt-Boltenhagen bei den Bauern wohnten.

Boltenhagen war kein Luxus- und Modebad, aber ein mit vielen Vorzügen ausgestattetes, gern besuchtes

Familienbad. 1868 erhielt der Ort seine selbständige Gemeindevertretung mit einem Dorfschulzen

an der Spitze. 1890 wurden schon 1.260 Besucher gezählt. Wegen der für Kinder besonders geeigneten

Strände und der Nähe zu Hamburg wurde Boltenhagen um 1900 als ”Hamburger Kinderstube”

bezeichnet. Eine Badeanstalt, wie um diese Zeit sonst üblich, gab es hier nicht. Gebadet wurde immer

noch im Badekarren. Die meisten Gäste kamen mit dem Dampfer aus Wismar. Seit den 1920er Jahren

gab es eine regelmäßige Fährverbindung zwischen Travemünde-Boltenhagen und Wismar-

Boltenhagen. 1924 besuchten ca. 4.000 Badegäste den Ort.

1949 hatte Boltenhagen drei Kinderheilheime und ein Blindenerholungsheim. Insgesamt gab es 803

Betten, wovon 40 durch die Sozialversicherungsanstalt, 16 vom FDGB, 154 durch andere Organisationen

vergeben wurden. Fast 400 Betten waren noch für den Individualreisenden reserviert.

1992 wurde eine neue, 290 Meter lange Seebrücke in Boltenhagen gebaut. 1993 nahm das Motorschiff

Boltenhagen den Verkehr, allerdings nur zu Ausflugs- und Sonderfahrten, wieder auf. Nach 1990

wurden viele Gebäude privatisiert, renoviert oder neu gebaut. Es entstanden viele Geschäfte und Wellness-Angebote.

Boltenhagen zählte 1999 7.750 Gästezimmer und 92.816 Besucher. Im Jahre 2000

besuchten 108.028 Erholungssuchende den Ort.

3.4. Heringsdorf: Wilhelm II. – von Bülow – von Delbrück

Ursprünglich hieß der Ort bei Heringsdorf Neuer Krug. 1819 richtete der Oberforstmeister Bernhard

von Bülow neben dem älteren Neukrug eine kleine Fischerkolonie ein, die neben dem älteren Neukrug

zunächst namenlos blieb.

Im Jahr darauf, 1820, begab sich König Friedrich Wilhelm III. mit seinen Söhnen auf eine Inspektionsreise.

Auf Einladung von Bülows machten sie auf Usedom Station. Die königlichen Besucher kamen

gerade recht, um den Beginn der Heringssaison zu erleben. Als der Oberforstmeister seinen König

darum bat, dieser Ansiedlung einen Namen zu geben, entschied er sich ohne zu zögern, für Heringsdorf.

Um 1823 entstanden die ersten Gesellschafts- und Logierhäuser und seit 1825 ist Heringsdorf ein amtlich

anerkannter Badeort, den Kommerzienrat Dr. Delbrück zu Weltruhm führte. Die Gemeinde Heringsdorf

erwarb 1921 das Bad. Ähnlich wie für andere Bäder an der mecklenburgischen Küste in den

achtziger und neunziger Jahren, so galt auch für Heringsdorf, dass mit dem Badebetrieb in großem Stil

ein Geschäft gemacht werden konnte. Um 1870 gehörte der Badeort dem Grafen von Stolberg – Wernigerode.

1871 wurde in Heringsdorf eine Aktiengesellschaft gegründet, die von Hugo von Delbrück

geleitet wurde. Diese Gesellschaft erwarb 1872 den gesamten Ort. Das wurde zur Initialzündung für

den Ausbau Heringsdorfs zum luxuriösesten und elegantesten Ostseebad seiner Zeit.

1879 wurden Heringsdorf und Neukrug zum Seebad Heringdorf vereinigt. Das Straßennetz, das schon

seit 1858 Schritt für Schritt ausgebaut worden war, wurde bis 1887 noch weiter ausgebaut und verbessert.

Aus dem nahen Wald wurde durch neu angelegte Wege und Promenaden ein ausgedehnter Park.

Zwischen Heringsdorf und den Nachbarorten Ahlbeck und Bansin erstreckte sich bald eine ununterbrochene

Strandpromenade. Zwischen 1891 und 1893 trieb man die 500 Meter lange Kaiser-Wilhelm-

Seebrücke ins Meer hinaus vor. 1894 wurde die Bahnlinie nach Swinemünde eröffnet, wodurch das

14


Ostseebad direkte Verbindung nach Berlin erhielt. Und noch vor dem Ende des Jahrhunderts war ganz

Heringsdorf elektrisch beleuchtet. Nun konnte sich der Ort zu einem Modebad reicher Kaufleute, Industrieller,

Adliger und der Theater- und Filmprominenz entwickeln. Schon seit den 1920er Jahren ist

Heringsdorf nicht nur als exklusives Weltbad bekannt, sondern als anerkanntes Sole- und Heilbad. Bei

dem aus einer Tiefe von 408 Metern geförderten Heilmittel handelt es sich um eine vier prozentige

Jodsole. Spezielle Heilanzeigen der Heringsdorfer Jodsole sind:

1. Erkrankungen der Atemwege – z. B. chronische Formen der Bronchitis, Erkrankungen des Nasen-

Rachen-Raumes, funktionelle Stimmbanderkrankungen

2. Erkrankungen der Haut – besonders bei Neurodermitis und Psoriasis

3. Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates wie z. B. Rheuma, Gelenkerkrankungen,

Nachbehandlung bei Unfällen

4. Gynäkologische Erkrankungen

Um diese Vorteile der Sole auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde hier im

Jahre 1996 das erste Erlebnisbad Mecklenburg-Vorpommerns gegründet, die Ostseetherme Usedom,

ein subtropisches Badeparadies mit modernem Kurmittelhaus und Gesundheitsstudio. Damit verbindet

die Ostseetherme Badespaß, Erholung und Gesundheit auf besondere Art und Weise.

Doch die 3 Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin bieten ihren Besuchern weitaus mehr.

Seit dem ersten Januar 1998 besitzen alle drei Bäder den Status Seeheilbad und sie wurden ausgezeichnet

mit der Blauen Europaflagge 2000 der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung e.V.

Die Reinheit der Luft und das Zusammenspiel zwischen Wald und Meer bieten ideale Voraussetzungen

für Kuren. Der 70 Meter breite, weiße steinfreie Sandstrand lockt jedes Jahr Besucher aus dem In-

und Ausland nach Usedom. In Anlehnung an die alten Traditionen hat man in den letzten Jahren versucht,

mit außergewöhnlichen Angeboten die Attraktivität der Bäder zu erhöhen. Neben der neuen

Seebrücke in Heringsdorf finden sich hier Spielkasinos, Golfplätze, ein Flughafen und Hotels mit modernster

Ausstattung. Internationale Events wie die Vinetafestspiele in Zinnowitz und internationale

Modenschauen wie Heringsdorf goes Fashion vervollständigen das auf hohem Niveau stehende Angebotsprogramm.

So sollen sich mit der Bezeichnung Kaiserbäder wieder alter Glanz mit neuem Luxus

verbinden.

3.5. Zur Geschichte des Badewesens und Fremdenverkehrs auf Rügen

Nicht in Binz, Göhren oder Sellin – die erste Brunnen-, Bade- und Vergnügungsanstalt auf Rügen

wurde im Jahre 1794 in dem kleinen Städtchen Sagard gegründet, das knapp zehn Kilometer von der

Küste entfernt liegt. Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte die dortige Mineralquelle dem Ort

ein paar vereinzelte Kurgäste beschert, doch erst Pastor Heinrich Christoph von Willich brachte den

Ausbau zum Bade- und Kurort in Gang. Zusammen mit seinem Bruder, dem Landarzt Moritz von

Willich gründete er 1794 die Brunnen-, Bade-und Vergnügungsanstalt – die Quelle wurde architektonisch

verpackt, ein Badehaus errichtet und Grünflächen mit Laubengängen angelegt.

Immerhin wurde Sagard Rügens erster Badeort zu einer Zeit als Saßnitz, Binz oder Sellin noch davon

träumten. Man badete allerdings nicht im Meer, sondern begnügte sich mit kalten oder warmen Güssen

und mit Wannenbädern. Schon im ersten Jahr des Kurbetriebs wurde das Bad von annähernd 400

Personen besucht.

Sagards Badeanstalt scheiterte nicht am Engagement seiner Bürger, sondern auch an der übermächtigen

Konkurrenz, die in Putbus entstand. Im Schatten des Putbusser Fürstenglanzes konnte Sagard

nicht mehr gedeihen. Hinzu kam, dass der Trend der Zeit in Richtung Seebad ging. Sagard war aber

eine reine Brunnenanstalt. Dem Seebad Putbus war ebenfalls nur eine kurze Blüte beschieden, denn

der Fremdenverkehr verlagerte sich an die Ostküste Rügens, zunächst nach Sassnitz am Südrand der

Stubnitz.

Die stürmische Entwicklung des Fischerdorfs zum Seebad Nummer eins vollzog sich in den 70er- und

80er Jahren des 19. Jahrhunderts als sich die Zahl der Kur- und Badegäste vervierfachte. Das Sassnitzer

Ferienpublikum rekrutierte sich nicht mehr aus dem Adel, sondern vor allem aus dem Großbürger-

15


tum: Bankiers, Unternehmer und hohe Staatsbeamte reisten in den Sommermonaten mit Familie und

Personal in das aufstrebende Seebad. Im 19. Jahrhundert entstanden neue Verkehrswege auf Rügen.

1883 wurde die Eisenbahnverbindung Altefähr-Bergen eröffnet. Weitere Strecken folgten. Ab 1895

fuhr die erste Kleinbahn, der Rasende Roland von Putbus zu den südöstlichen Seebädern, die nun zum

Zentrum des Badewesens auf Rügen wurden.

Heute ist mit jährlich steigender Anzahl an Feriengästen der Tourismus der Haupterwerbszweig Rügens.

Besonders im Südosten der Insel ist der Tourismus der tragende Wirtschaftszweig und Wachstumsmotor.

Etwa 70 Prozent des Bettenangebotes von Rügen sind in den Seebädern Binz, Sellin, Baabe

und Göhren zu finden. Als größtes Inselbad mit 10.000 Betten nimmt Binz nach wie vor eine herausragende

Stellung ein. Ein wichtiger wirtschaftlicher Bereich ist der Gesundheitstourismus. Während

schon Mitte des 18. Jahrhunderts Rügen mit seinem Klima die ersten Badegäste anlockte, um hier

zu kuren , so gibt es heute eine ganze Reihe von Kur- und Rehakliniken. Insbesondere auch für Kinder

gibt es Kliniken, die u. a. Atemwegserkrankungen und mit dem Sassnitzer Kreideschlamm Gelenk-

und Hautkrankheiten behandeln.

Mit der Jahrhundertwende begann der wirtschaftliche Aufstieg von Binz, Göhren und Sellin. Vor allem

Binz entwickelte sich zum Paradebad der Wilhelminischen Zeit. Nachdem sich 1888 die Aktiengesellschaft

Ostseebad Binz gegründet hatte, witterten viele das einträgliche Geschäft mit dem Fremdenverkehr.

Grundstücksspekulationen blühten und der einsetzende Bauboom bescherte dem ehemaligen

Fischerdorf ein völlig neues Aussehen mit zahlreichen Hotels und Pensionen. Das Herz des Badeortes

war aber der Strand. Auf dem Promenadenweg und auf der Seebrücke spielte sich das gesellschaftliche

Leben ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Binz Zentrum des FDGB-Tourismus und

die Zeit des mondänen Badelebens war vorbei.

Nach 1990 kam es auch in diesem Ort zu weitreichenden Veränderungen, die sich sehr vorteilhaft für

den Ort auswirken sollten. Im Jahre 1997 wurde der Binzer Strand erstmals mit der Blauen Europa-

Flagge für Qualität und Sauberkeit ausgezeichnet, was sich bis zum Jahr 2003 siebenmal wiederholt

hat. Das Klima hier ist ein einmaliger Wirkfaktor. Und das Meerwasser ist eine einmalige Ergänzung

zum Klima. Die jodhaltige Luft hat eine sänftigende Wirkung für Lungen und Bronchien. Somit eignet

sich dieser Standort für Klimakuren. Zahlreiche Hotels, Pensionen und Gästehäuser haben sich auf das

Segment des Gesundheits- und Wellnesstourismus spezialisiert. Angebote wie Wanderungen und

Bootsfahrten runden das Erholungsprogramm ab.

4.1. Zur Geschichte der Glashäger Silicium-Heilquelle

Im Jahre 1906 wurden vom damaligen Besitzer des Gutes Glashagen bei Doberan Bohrungen ausgeführt,

welche eine neue Mineral-Quelle zu Tage förderten. Das Wasser wurde vom Geheimen Regierungsrat

Professor Dr. H. Fresenius – Wiesbaden untersucht. Man verglich das mecklenburgische

Quellwasser in seiner Zusammensetzung mit Quellwasser aus südlicheren Gefilden und befand, dass

es sich in der ”Welt” sehen lassen kann.

Das Wasser der Glashäger Mineralquelle wurde von Glashagen nach Doberan geleitet, wo selbst die

inzwischen gegründete Gesellschaft Mineralquelle Glashagen GmbH zu Doberan eine mit den modernsten

Maschinen eingerichtete Abfüllstation am Bahnhof Doberan errichtete.

Im Jahre 1910 wurde Glashäger vom kaiserlichen Patentamt zum Markenzeichen erhoben, damit war

der Grundstein der Entwicklung zum Markenartikel gelegt. Im Jahre 1939 erwirbt die Firma Gerolsteiner

die Glashäger Mineralquellen, wird jedoch 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet.

Im Jahre 1950 erfolgte eine zweite Enteignung durch die DDR-Regierung. Als Mitglied der

VEB Rostocker Brauerei füllte der Glashäger Mineralbrunnen jedoch weiterhin Mineralwasser ab und

entwickelte sich nach dem Margon Brunnen zum zweitgrößten Brunnenbetrieb der DDR. Im Jahre

1990 kaufte die Firma Gerolsteiner den Glashäger Brunnen wieder zurück. Seit dem Jahr 2003 gehört

der Brunnen zur Brau und Brunnen AG. Dank umfangreicher Investitionen ist Glashäger heute die

bedeutendste Mineralwasser-Marke in Mecklenburg-Vorpommern und mit einem Absatz von 500 000

Hektolitern an Mineralwasser und Erfrischungsgetränken Marktführer in unserm Bundesland.

16


Der Glashäger Quellentempel, errichtet am Ort der Ursprungsquelle, erinnert noch heute an die Anfänge

des Glashäger Brunnens. Stetig steigende Füllmengen machten jedoch die Erschließung neuer

Quellen notwendig, die im Umkreis von drei bis vier Kilometern in 80 Meter Tiefe im Glashäger

Quellental liegen.

5.1. Samuel Gottlieb Vogel

Vogel machte nicht schlechthin die Tatsache bekannt, dass er in einem günstigen Moment Anregung

zur Gründung des ersten deutschen Seebades in Heiligendamm gegeben hatte. Ihm bot sich damit die

Chance, zum Wegbereiter neuer Heilverfahren in Deutschland zu werden bzw. bekannte Heilmethoden

einer Renaissance zuzuführen. Und das ist sein eigentliches Verdienst, diese Chance gesucht und

in beeindruckender Weise genutzt zu haben.

Samuel Gottlieb Vogel wurde am 14. März 1750 in Erfurt geboren. Wenngleich kein „Wunderkind“,

verfügte Samuel Gottlieb doch über allerbeste Voraussetzungen. Bereits mit fünfzehn Jahren ließ er

sich an der Göttinger Universität immatrikulieren. Nach siebeneinhalbjährigem Studium, zum Dr.

med. promoviert, verließ er diese Lehranstalt im Dezember 1771. Als praktischer Arzt sammelte erste

berufliche Erfahrungen. 1776 habilitierte er sich und siedelte nach Ratzeburg über, wo er zunächst

gleichfalls eine Arztpraxis führte.

Durch seine medizinischen Veröffentlichungen zu einiger Bekanntheit gelangt, wurde ihm im Januar

1789 durch Großherzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin eine ordentliche Professur für

Pharmakologie an der Universität Rostock angeboten – verbunden mit dem Hofratstitel.

Unermüdlich war Vogel bestrebt, sein Wissen zu vervollkommnen und weiterzureichen. Er studierte

aufmerksam die Fachpresse, beteiligte sich an wissenschaftlichen Disputen und experimentierte. So ist

es verständlich, dass Küstenbewohner, die seit einigen Jahren geführte Auseinandersetzung um die

Nutzung des Seewassers zu therapeutischen Zwecken sehr beschäftigte. Nachdem er zahlreiche Meinungen

und Argumente dazu verarbeitet hatte, unterbreitete er seinen Standpunkt im Sommer 1793

seinem Landesherren und konnte diesen von der Einrichtung eines Seebades am Heiligen Damm überzeugen.

5.2. Carl von Mettenheimer

Carl von Mettenheimer wurde am 19. Dezember 1824 in Frankfurt am Main geboren.

Mit zwölf Jahren nahm man ihn in die Quarta des Gymnasiums in Frankfurt auf. Am ersten Mai 1843

begann Carl das Medizinstudium an der Universität Göttingen. Nach drei Semestern ging er nach Berlin

und setzte seine Studien hier bis 1847 fort. Er erlangte die akademische Würde eines Doktors der

Medizin und beschloss, praktischer Arzt zu werden.

Am 1. Oktober 1861 trat er seine neue Stelle als Leibarzt des Großherzogs Friedrich Franz II. von

Mecklenburg-Schwerin an. Neben der Betreuung der Mitglieder des großherzoglichen Haushalts, fand

Mettenheimer eine Reihe weiterer Betätigungsfelder. So kümmerte er sich seit 1876 verstärkt um den

Ausbau des Kinderhospitals in Schwerin, dem späteren Anna-Hospital. Neben dem Aufbau eines Kinderkrankenhauses,

setzte sich Mettenheimer außerdem für die Gründung der ersten Kinderkrippe in

Schwerin ein, die am 5. April 1875 gegründet wurde.

Im Laufe der 70er Jahre schien Mettenheimer. den Gedanken gefasst zu haben, die Heilkräfte der Ostsee

vor allem für kranke Kinder auszunutzen. Er ging von dem Gedanken aus, für rekonvaleszente

Kinder aus dem Kinderhospital in Schwerin, die bisher in das Solbad Sülze gesandt wurden, an der

Ostsee eine, wenn zunächst auch nur bescheidene Erholungsstätte zu schaffen.

Am 1. Juli 1880 begann die Arbeit des Kinderhospizes. Anfangs wurden 8 Kinder in 2 Räumen eines

Privathauses untergebracht und behandelt. Dabei handelte es sich um Kinder, die vom Kinderhospital

in Schwerin zur Genesung an die Ostsee geschickt worden waren. Behandelt wurden solche Krankheiten

wie Blutleere, allgemeine Schwäche, Lungenreizungen, Typhus, Diphterie und Knochenvereiterungen.

17


Auf Bitte seines Leibarztes hin, unterstützte der Großherzog das Hospiz durch eine Schenkung von

800 Quadratruten 5 Land. Auf diesem Grundstück wurde ein Neubau des Kindererholungsheimes nach

Plänen des Schweriner Landbaumeisters Voß errichtet.

Am 15. Juni 1884 hielten die ersten Kinder Einzug in das neue Haus und im Jahre 1889 besaß das

Kinderhospiz 2 Wohnhäuser, je eines für Jungen und Mädchen. Insgesamt konnten sich hier 60 bis 80

Kinder pro Saison erholen.

Um seine Kenntnisse der Kinderheilkunde und der Wirksamkeit von Ostseekuren zu erweitern, stand

Mettenheimer in stetigem Briefkontakt mit Badeärzten in ganz Deutschland. Ziel Mettenheimers war

es von Anfang an, das Kinderasyl in Groß-Müritz deutschlandweit bekannt zu machen.

Um vor allem unbemittelte Kinder vom Binnenland an die Ostsee transportieren zu können, wurde

1886 eine Lokale Transport-Kommission des Vereins für Kinderheilstätten an den Deutschen Seeküsten

in Frankfurt am Main gegründet. Die Aufgabe des Vereins, kranke Kinder, vor allem unbemittelte,

aus dem Binnenland an die See zu schicken, übernahm ab dem 9.12.1898 der Frankfurter Zweigverein

für Kinderheilstätten an den Deutschen Seeküsten, der erst durch den Krieg im Jahre 1914 seine Tätigkeit

beenden musste.

Schnell entwickelte sich nun das Kinderhospiz in Graal-Müritz zu einer bekannten Seeheilstätte, was

vor allem dem Wirken Carl von Mettenheimers zu danken war. Bis zu seinem Tod arbeitete er unermüdlich

an der Erweiterung des Heimes und dessen Modernisierung.

Carl von Mettenheimer starb am 18. September 1898 in Schwerin, begraben wurde er in seiner Geburtsstadt

Frankfurt/Main.

6.1. Geschichtsträchtige Saline in Mecklenburg , Seebad-Tradition im Binnenland

1801 machte ein Badearzt aus Pyrmont darauf aufmerksam, dass die Seebäder durch Solbäder im Binnenland

ersetzt werden könnten. Den entscheidenden Schritt aber tat Dr. med Johann Wilhelm Tolberg

(1762 – 1831). Ihm kommt das uneingeschränkte Verdienst zu, das erste deutsche Solbad Salzelmen

bei Schönebeck gegründet zu haben. Tolberg war der erste, der die von Professor Vogel in Heiligendamm

ins Leben gerufene Seebad-Tradition im Binnenland fortsetzte, wenngleich manche bescheidenen

Versuche, Solquellen balneologisch zu nutzen, an anderen Orten vorausgegangen waren. So erfolgten

dem Tolbergschen Vorbild entsprechend auf vielen Salinen Deutschlands die Solbadgründungen,

die von Bad Sülze bis Bad Reichenhall reichten.

Durchaus mit Rang und Namen reiht sich Bad Sülze in die Gruppe der frühen Solbadgründungen. Es

war eigentlich das Solbad des Nordens, das dem Lüneburger (1814 gegründet) besonders wegen der

Freiluftinhalation nicht nachstand. Hier gebührt dem damals Geheimen Amtsrat und Sülzer Bürgermeister

August Ludwig Koch der Ruhm, Wegbereiter für die Gründung dieses sozialen Unternehmens

gewesen zu sein. Auf seiner Reise 1816, die vor allem den Zweck hatte, chemische Fabriken in Mitteldeutschland

zu besichtigen, auch die ersten Solbäder in Schönebeck und Lüneburg kennengelernt

hatte, reifte in ihm der Wunsch, auch die Sülzer Sole zum besten der Stadt zu verwenden.

Die Gründung des Solbades fiel 1822 in die Amtszeit Kochs als Bürgermeister. Wie auch in anderen

Salineorten war der Anfang sehr bescheiden. In Sülze war es ein Gartenhaus, wo in einer kleinen Stube

mit 2 Badekabinetten immerhin Hunderte von Bädern an Leidende aus der Stadt und Umgebung verabreicht

werden konnten. Man setzte große Hoffnungen auf die Kraft dieser Heilquelle 1824 wurde

schließlich das inzwischen restaurierte und veränderte Badehaus vollendet. Die guten Heilerfolge und

Werbungen brachten dem neuen Badehaus in Sülze viel Zulauf., so dass im Jahre 1827 schon 2.900

Bäder verabreicht werden konnten.

Geradezu ein Charakteristikum war für Sülze die 1876 unter Pastor Krabbe eingerichtete Kinderheilstätte.

Etwa 320 Kinder finden dort im Laufe eines Sommers ihre Aufnahme. Bis 1939 gehörte die

Einrichtung zum Stift Bethlehem in Ludwigslust. 1940 wurde die Kinderheilstätte von der Landesver-

5 1 Quadratrute = 21,67863 qm, 1 meckl. Rute = 4,656 m.

18


sicherungsanstalt Mecklenburg übernommen, zwischenzeitlich stillgelegt und in den 50er Jahren wieder

aufgebaut.

Gegenüber anderen Solbädern hatte Sülze später neben der Sole noch das Moor als weiteres heilendes

Medium anzubieten. Die ausgedehnten Moorflächen um Bad Sülze gaben die Gewähr, ständig Frischmoor

stechen zu können. Das war ein Gedanke, der bereits schon 1846 von Koch ausgesprochen wurde,

jedoch sollte über ein halbes Jahrhundert vergehen, bis hier die ersten Moorbäder verabreicht

werden konnten. Die weitere Entwicklung des Solbades Sülze verläuft parallel zu den anderen deutschen

Bädern dieser Kategorie. Oft bestanden Saline und Solbad nebeneinander, bis aus Rentabilitätsgründen

die Saline geschlossen wurde. Das Solbad dagegen existierte weiter und gewann an Ruf. Was

von den alten Salinen übrig blieb, waren die Gradierwerke, die Solefördereinrichtungen und die Maschinen.

Es wäre für die Entwicklung der touristischen und kurmedizinischen Infrastruktur des Orte

wünschenswert, wenn diese historischen Anlagen rekonstruiert werden konnten. Bad Sülze trägt seit

dem 22.12. 2000 die Bezeichnung Ort mit Peloidkurbetrieb.

6.2. Die Balneotherapie vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Mit der Sorge um die Gesundheit und mit der Pflege der Kranken war zu allen Zeiten das Badewesen

verbunden. Nachdem die im Mittelalter so beliebten Badestuben im Verlaufe des 16./ 17. Jahrhunderts

aus verschiedenen Gründen verschwanden und die Bader als Betreiber der Badestuben nahezu ausstarben,

übernahmen deren gesundheitsfürsorgliche Funktion üblicherweise die Barbiere (auch Balbierer

genannt) oder die Chirurgen.

Die Medizinalordnung von 1830 entzog den Badern und Barbieren das Privileg, medizinisch zu behandeln.

Maßgeblichen Einfluss nahmen darauf die bekannten mecklenburgischen Ärzte Hennemann,

Marius, Dornblüth, Josephi und der Badearzt Vogel.

Die Gründung des ersten deutschen Seebades durch Samuel Gottlieb Vogel (1750 - 1837) in Doberan-

Heiligendamm war einer dieser Meilensteine in der naturheilkundlichen Medizin.

Im Gegensatz zu vielen so genannten Wasserärzten in Mecklenburg, von denen es nach 1800 eine

ganze Reihe gab, erklärten Hufeland und Vogel, dass das Seewasser, zumal kaltes, nur für bestimmte

Krankheiten anzuwenden sei. Keinesfalls stellten sie es als Allheilmittel dar. In erster Linie gingen die

fortschrittlichen Mediziner von dem Grundsatz aus, dass das Wasser nicht erst der Heilung, sondern

vor allem auch der Vorbeugung von Krankheiten zu dienen vermag, z. B. durch regelmäßige Kaltwasseranwendungen

als Abhärtung des menschlichen Körpers.

Noch heute werden, wenn auch in einem entschieden komfortablen Umfeld in den modernen Rehabilitationskliniken,

die alten Anwendungsformen praktiziert. Angefangen von ,,Priessnitz-Umschlag”

(einer einfachen feuchten Kompresse) oder anderen Packungen und Wickeln wie feuchten Ganzpackungen

oder Dreiviertelpackungen, auch trockenen Ganzpackungen, Rumpfwickeln und warmen

Umschlägen, Waschungen und Teilwaschungen, verschiedensten Bädern wie Vollbäder, Teilbäder,

Wellenbäder, Bäder mit Zusätzen, warme, kalte, heiße und wechselwarme Bäder, Ganzabreibungen,

Abbürsten, kalte und warme Umschläge, Wassertreten bis hinzu verschiedensten Arten von Duschen

wie Strahl-, Fächer-, Regen-, Vollstrahl-, Staub-, Unterwasserduschen, Unterwasser- und Duschmassagen

oder Güsse wie Rücken-, Arm-, Schenkel-, Knie oder Untergüsse.

Eine weitere Anwendung ist die der Peloide, d. h. der Heilerde wie Schlamm, Ton, Lehm, Kreide,

Moor, Sand u. a.. Auch hierbei werden Bäder oder Packungen angewendet. Es gibt auch die Meeres-,

Sole- und Kochsalzbäder sowie Schwefel-, Kohlensäure- und Sauerstoffbäder.

Wenn auch die alten Gesundbrunnen und Wasserheilanstalten von Mecklenburg und Vorpommern

nicht mehr existieren, so haben doch Unternehmer den Erholungswert dieser Landschaft und ihrer

Naturausstattung erkannt und in modernste Rehabilitations- und Kurkliniken investiert. Das vor zwei

Jahrhunderten in Mecklenburg gegründete erste deutsche Seeheilbad und die vor gut 100 Jahren errichtete

Wasserheilanstalt haben an anderen Orten der Region beispielgebende Wirkung erzielt.

6.3. Über Bader und Badestuben

Das mittelalterliche Baden hatte seine Wurzeln in der Spätantike. In der römischen Antike waren sowohl

das Kalt-, Warm- und Schwitzbad als auch das Baden in warmen Quellen sowie Trinkkuren weit

verbreitet. Sie wurden auch medizinisch angewandt.

19


Die Badeeinrichtungen im Mittelalter waren meist einfache Wannen- oder Schwitzbäder, über die

Klöster, Burgen und reichere Hofhaltungen verfügten.

Das Wasser wurde oft aus einem in der Nähe fließenden Bach, Brunnen oder einer Quelle geholt. Arme

Leute gossen sich nur mit warmem Wasser ab, während betuchte Bürger von dem Bader umsorgt

wurden. Das Wasser wurde mit Badezusatz versehen und der Badende vom Bader massiert. Danach

legte man sich auf die Schwitzbank. Dabei wurden heiße Steine mit Wasser begossen, so dass Dampf

entstand. Nach dem Schwitzen begoss man sich mit kaltem Wasser.

Das Wasserbad wurde selten von der ärmeren Bevölkerung genutzt. Zur Reinigung wendeten sie das

Schwitzbad an. Samstags gingen die Handwerker in die Badestuben, um sich den Schmutz abzuwaschen.

Dafür durften einige Handwerker am Badetag eine Stunde früher Feierabend machen. Bei den

Zimmerleuten und Maurern wurden 1515 und 1523 Badstubengelage erwähnt.

Ende des 16. Jahrhunderts stiegen die Holzpreise durch den Mangel an Brennmaterialien. Das führte

zu einer Erhöhung der Badepreise und damit zur Verminderung der Badebesucher. Die Bader schränkten

in der Folge die Badetage ein und verlegten sich aufs Schröpfen, das für sie gewinnträchtiger war.

Das endgültige Ende für die Badehäuser kam mit der Syphilis. Man gab den Badehäusern die Schuld

an der Verbreitung der Krankheit und warnte vor dem Besuch öffentlicher Häuser.

Die privaten Badestuben bestanden aber weiter. Im 17. Jahrhundert gingen die oberen Stände nicht

mehr in die öffentlichen Badehäuser, sondern badeten zu Hause. Auch die Handwerker gingen nicht

mehr zum Bad. Nur das einfache Volk benutzte die noch vorhandenen Badehäuser. Mitte des 18. Jahrhunderts

ging das Badebedürfnis zurück. Man wusch sich höchstens in der Frühe mit den Fingerspitzen

die Augen, Parfüm ersetzte das Waschen. In den Badeorten setzte ein Wandel ein. Neben der Badekur

wurde jetzt die Trinkkur Mode. Neue Belebung erfuhr das Baden erst im ausgehenden 18. und

beginnenden 19. Jahrhundert mit der Errichtung der Seebäder und der ersten öffentlichen Badeanstalten.

7.1. Wellness - Von der Fitness-Industrie zum Gesundheitstourismus -

Der Begriff ”Wellness” umfasst eine spezielle Auffassung von Gesundheit. Die Wurzeln von ”Wellness”

finden sich laut Oxford English Dictionary bereits in einer Monographie aus dem Jahre

1654(”I...blessed God...for my daughter`s wealnesse.“)

Erklärt wird der Begriff dort als ”Zustand des Wohlbefindens oder der guten Gesundheit”.

Ausgehend von den Begriffsbestimmungen der vergangenen Jahre, fasst Eveline Lanz Kaufmann die

Forschungen zum Thema Wellness wie folgt zusammen:

Wellness ist ein Gesundheitszustand der Harmonie von Körper, Geist und Seele. Wesensbestimmende

Elemente sind Selbstverantwortung, Fitness und Körperpflege, gesunde Ernährung, Entspannung,

geistige Aktivität/Bildung sowie soziale Beziehungen und Umweltsensibilität. 6

Die wichtigsten Elemente von Wellness, auf die auch vor allem die touristischen Angebote ausgerichtet

werden sind Fitness/Körperpflege, gesunde Ernährung, Entspannung und geistige Aktivität/Bildung.

Umfragen und Analysen haben ergeben, dass zwei Drittel der Bevölkerung in den Industriestaaten

bereit sind, mehr Geld für ihre Gesundheit auszugeben. Immer größer werden die mit psychischen

Leiden und Unlust verbundenen Fehlbelastungen durch die heutigen Lebensumstände. Durch die gestiegene

Lebenserwartung und die gleichzeitig gewachsene Kapitalisierung weiter Bevölkerungsschichten

steht immer mehr Geld für die Nachfrage nach ganzheitlicher Gesundheit zur Verfügung.

Experten glauben, dass sich anhaltendes Wachstum eines qualifizierten Wellnessmarktes, staatlich

nicht reguliert, manifestieren wird.

Wellness gehört im eigentlichen Sinn zu den Aufgaben des Gesundheitswesens. Es handelt sich um

eine Gesundheitsstrategie, die sowohl von der Weltgesundheitsorganisation als auch vom Bundesgesundheitsministerium

verfolgt wird. In anderen Ländern der Welt gehören Wellness-Programme zu

anerkannten Bausteinen des Gesundheitswesens. In Deutschland war die Beteiligung der Wellness-

Szene an diesem Wirtschaftssegment bisher höchstens marginal.

6 Lanz Kaufmann, Eveline: Wellness-Tourismus,...a.a.O., S.22.

20


Das hat sich jedoch in den letzten Jahren entscheidend verändert. Vor allem in Mecklenburg-

Vorpommern wurden seit Mitte der 1990er Jahre gezielt Projekte des Gesundheitstourismus gefördert,

denn Mecklenburg-Vorpommern ist für Wellness und insbesondere für Ökowellness prädestiniert.

Hier befindet sich die größte ökologische Anbaufläche Deutschlands und die Wälder, Seen und Flüsse

sind noch weitgehend ursprüngliche Naturlandschaften.

Viele Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft (speziell aus dem Gastgewerbe) haben große Summen

in den Freizeit- und Wellnessbereich investiert und wurden hierbei durch Fördermittel unterstützt.

So wird heute von einem Hotel, das als seriöses Wellness-Hotel gelten will , erwartet, dass es die Qualitätskriterien

für Wellness-Hotels, die vom Deutschen Wellness Verband (DWV) formuliert wurden,

erfüllt. Das Qualitätsniveau der Wellness-Hotels Deutschland wird laufend geprüft und ständig weiterentwickelt.

Von den 41 qualitätsgeprüften deutschen Wellness-Hotels wurden sechs Wellness-Hotels

aus Mecklenburg-Vorpommern mit dem Gütesiegel ausgezeichnet.

Es wurden jedoch nicht nur Hotels auf Wellness umgestellt, sondern zeitgleich entstanden Erlebnisbäder

und Thermen, so 1996 das erste Erlebnisbad Mecklenburg-Vorpommerns in Heringsdorf, die ganz

bewusst nicht nur auf Erlebnis und Spaß, sondern auch auf ein ganzheitliches Angebot von Erlebnis,

Freizeit, Sport, Gesundheit und Wellness setzen. Durch die intensive Unterstützung seitens der Landesregierung

konnten so in den letzten sieben Jahren eine Reihe von Freizeit- und Erlebnisbädern entstehen.

Die Begriffsbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbandes bilden die Grundlagen für gesicherte

Qualität und stehen hinter den Angeboten für Wellness im Kurort. Dabei stehen Medizin und Therapie,

Natur und Kultur, Bewegung und Entspannung sowie Kommunikation und Erleben gleichwertig

nebeneinander. Sie bilden die Basis des ganzheitlichen Prinzips und knüpfen an die Geschichte der

Bäderkultur in unserem Bundesland an, die schon immer das individuelle Wohlbefinden des Gastes in

den Mittelpunkt aller Bemühungen im Kurort gestellt hat. Fest jedoch steht, dass aus dem Projekt,

Menschen vor allem im Kurzurlaub systematisch an Wellness heranzuführen, eine Branche entstanden

ist, die durch Wachstum charakterisiert ist.

7.2. Der Stellenwert der Heilbäder und Kurorte in Medizin und Gesellschaft

Die Anwendung der natürlichen Heilmittel und der entsprechenden Therapieangebote beruhen im

Bereich der Medizin auf alten Erfahrungen über erfolgbringende Wirkungen bei zahlreichen Krankheiten.

Diese in der langen Tradition der Heilbäder beobachteten Wirkungen lassen sich heute nach

Fortschritten in der Grundlagenforschung der modernen Medizin einschließlich der Balneologie und

Kurforschung weitgehend objektiv messen und auch wissenschaftlich und medizintheoretisch fundiert

begründen. Die Kurbehandlung sowie auch der Kurort als ökologischer und gesellschaftlicher Raum

zur Stabilisierung von für die Gesundheit notwendigen Gleichgewichten auf der körperlichen, seelischen

und sozialen Ebene haben gerade in der Gegenwart wieder eine große Bedeutung im Gesundheitswesen

gewonnen. In neuesten wissenschaftlichen Forschungen hat man erst jüngst wieder stärker

erkannt, wie sehr der Mensch die natürlichen Reize von Licht, Luft, Kälte, Wärme, Ruhe, Bewegung

und ein ausgewogenes Gesundheitsverhalten gerade in der technischen Zivilisation unserer Zeit

braucht, um gesund zu bleiben bzw. wieder zu werden.

Kuren sind als gesundheitsorientierte Medizin nicht nur individuell und gesellschaftspolitischgünstige

Investitionen zur Erhaltung und Förderung der Arbeits- und Lebenskräfte, sondern sie erbringen auch

unter gesundheitsökonomischer Betrachtung erhebliche Vorteile.

Die Rahmenbedingungen für die verschiedenen Formen und Schwerpunkte der Kurbehandlung werden

durch die Begriffsbestimmungen als Qualitätsstandard für die Strukturqualität des Angebotes der

Heilbäder und Kurorte definiert und festgelegt nach:

• der Art der Heilmittel bzw. des Therapiekonzepts (Kneipp),

• den strukturellen Voraussetzungen für die verschiedenen Kurmethoden,

• der Infrastruktur der Kureinrichtungen,

• dem Kurortcharakter als einem gesundheitsdienlichen Milieu und

• der Umweltsituation der ”ökologischen Nische” Kurort einschließlich des Klimas

21


Die Heilbäder und Kurorte erfüllen mit ihren spezifischen Strukturen vor allem zwei Aufgaben in der

Gesellschaft: Zum einen sind sie Orte der Krankenbehandlung mit bestimmten Mitteln und Methoden,

zum anderen sind sie Gesundheits-, Erholungs- und Sportzentren in Bereichen von Freizeit und Urlaub,

auch weitgehend außerhalb des Aufgabenspektrums der Krankenbehandlung und damit auch

außerhalb der Leistungspflicht von Sozialleistungsträgern.

Die Kur als Begriff umschreibt den besonderen therapeutischen Prozess einer Heilbehandlung mit

besonderen Mitteln, Methoden und Aufgaben in Heilbädern und Kurorten mit charakteristischen

Strukturmerkmalen.

In Folge dieser Entwicklungsfaktoren hat sich in Zusammenarbeit mit den Kranken- und Rentenkassen,

die auch in die Strukturverantwortung für die Kur eingebunden sind, aus der ”klassischen Kur”

ein differenziertes gegliedertes Kursystem entwickelt, in dem die verschiedenen Träger der gesetzlichen

Sozialversicherung vielfach Kurformen für ihre jeweils spezifischen Aufgabenstellungen ausgeprägt

haben.

Mecklenburg-Vorpommern verfügt über 66 Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen mit etwa

10.900 Betten. Damit hat unser Land die höchste Bettenzahl aller Bundesländer je Einwohner. Nach

1990 gab es einen enormen Aufschwung bei der stationären Rehabilitation. Im Jahre 1991 wurden in

Mecklenburg-Vorpommern fünf Rehakliniken für Erwachsene (Heiligendamm, Graal-Müritz, Bad

Doberan, Bad Sülze, Schwaan-Waldeck) und 12 Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen für Kinder

verzeichnet. Diese Einrichtungen sind umfassend modernisiert und erweitert worden. Außerdem

kam es zu einer Vielzahl von Neugründungen.

Die Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen für Erwachsene, Kinder und Mutterkind befinden sich

überwiegend in privater Trägerschaft, während die Suchteinrichtungen und die Einrichtungen des

Müttergenesungswerkes im wesentlichen von frei-gemeinnützigen Verbänden oder Vereinen betrieben

werden.

In die 66 Standorte der Vorsorge- und Reha-Kliniken wurden rund 1,5 Mrd. Euro privates Kapital

investiert.

Seit 1991 hat sich die Zahl der Betten in Vorsorge-/Reha-Einrichtungen vervierfacht, 76 Prozent der

Betten in Rehabilitationseinrichtungen konzentrieren sich auf die Kreise Bad Doberan, Nordvorpommern,

Nordwestmecklenburg, Ostvorpommern und Rügen. 7

Bezogen auf 10.000 Einwohner hat Mecklenburg-Vorpommern die meisten Betten in Vorsorge/-

Rehabilitationseinrichtungen.

Seit 1991 ist in den Vorsorge- und Reha-Einrichtungen ein deutlicher Anstieg der Beschäftigten zu

registrieren, wobei dieser in den Beschäftigungsgruppen Ärzte, Pflegedienst und medizinischtechnischer

Dienst überdurchschnittlich hoch ist.

Während es im Zeitraum 1998/99 in vielen Einrichtungen zu Personalreduzierungen kam, war seit

2000 wieder ein Anstieg zu registrieren. Kamen 1997 noch 415 Vollkräfte auf 1.000 Betten, waren es

1998 378 und 1999 nur noch 368, im Jahr 2000 stieg die Zahl wieder auf 398 und 2001 auf 419 Vollkräfte

je 1.000 Betten. 8

Der Trend der Zunahme der Beschäftigten in Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, der bis

1996 auch in den alten Bundesländern zu verzeichnen war, ist in den neuen Bundesländern aufgrund

des enormen Investitionsgeschehens in diesem Sektor wesentlich ausgeprägter.

Die staatlich anerkannten Kur- und Erholungsorte bieten aufgrund ihrer natürlichen Gegebenheiten -

den Heilmitteln des Bodens, des Meeres und des Klimas sowie einer bevorzugten landschaftlichen

Lage - vielfältige Möglichkeiten für Erholungsaufenthalte sowie für die medizinische Rehabilitation

und gesundheitliche Vorsorge.

Die Anerkennung als Kur- und Erholungsort unterliegt strengen gesetzlichen Regelungen, die im Kurortgesetz

verankert worden sind.

7 siehe Gesundheitsreport 2003, a.a.O.

8 Ebenda.

22


Anlage 1:

Anerkannte Kur- und Erholungsorte in Mecklenburg-Vorpommern

Lfd.Nr. Ort Prädikat Prädikat Prädikat Org.form Org.form

bis 1939 nach Kurortver- nach Kurort- bis 1939 seit 1990

ordn. 1967 gesetz 1993

1 Ahlbeck Seebad Erholungsort Seeheilbad Badeverwaltung Zweckverband

bzw. Ortsbehörde

2 Ahrenshoop Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

bzw. Ortsbehörde Gemeinde

3 Baabe Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

4 Bad Doberan Stahlbad (Moorbad) 1 Moor-Heilbad nachgeordnete Einrichtung

der Gemeinde

5 Bad Doberan/ Seebad Seeheilbad Seeheilbad 1793 fürstl. Verwaltung nachgeordnete Einrichtung

OT Heiligendamm 1873 Aktiengesellschaft der Gemeinde

1885 Privatbesitz

1900 Ostseebad Heiligendamm

6 Bad Sülze Sol-und Moorbad (Moor- und Solebad) 2 Ort mit Eingetragener Verein

Peloidkurbetrieb

7 Bansin Seebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung bzw. Zweckverband

Ortsbehörde

1 Bad Doberan hatte keine Anerkennung nach der Verordnung, wurde aber dennoch als Moorbad geführt

2 Bad Sülze hatte keine Anerkennung nach der Verordnung, wurde aber dennoch als Moor-und Solebad geführt

181


8 Binz Ostseekurbad Erholungsort Seebad 1888 AG, Eigenbetrieb der .

Badeverwaltung Gemeinde

9 Boltenhagen Ostseebad Erholungsort Seeheilbad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

bzw. Ortsbehörde Gemeinde

10 Born Ostseebad Erholungsort GmbH

11 Breege Ostseebad Seebad Badeverein Behörde

12 Dierhagen Ostseebad Erholungsort Seebad Eigenbetrieb der

Gemeinde

13 Dranske Erholungsort Behörde

14 Feldberg Erholungsort Erholungsort Erholungsort Gemeinnütziger Verein Eigenbetrieb der

für Fremdenverkehr Gemeinde

15 Gager/Groß Zicker Sommerfrische Erholungsort Eigenbetrieb der .

Gemeinde

16 Glowe Ostseebad Erholungsort Badeverwaltung Behörde

bzw.Ortsbehörde

17 Göhren Ostseebad Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

18 Graal-Müritz Seebad Seeheilbad Seeheilbad Behörde GmbH

19 Heringsdorf Seebad Erholungsort Seeheilbad AG Heringsdorf, Privat, Zweckverband

Badedirektion

20 Insel Hiddensee Seebad Badeverein Kloster-Grieben Eigenbetrieb der

Gemeinde

182


21 Insel Poel Ostseebad Erholungsort Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

22 Karlshagen Ostseebad Erholungsort Badegesellschaft Eigenbetrieb der

Carlshagen E.G.m.b.H. Gemeinde

23 Klink Erholungsort Erholungsort Privatunternehmen

24 Koserow Ostseebad Seebad Badedirektion Eigenbetrieb der

Gemeinde

25 Krakow am See (Kurort) 3 Luftkurort Behörde

26 Kühlungsborn Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung GmbH

bzw. Ortsbehörde

27 Lancken-Granitz Erholungsort Behörde

28 Loddin Ostseebad Seebad Eigenbetrieb der

Gemeinde

29 Lubmin Ostseebad Seebad Badeverwaltung Behörde

30 Middelhagen Erholungsort Eigenbetrieb der

Gemeinde

31 Mönkebude Erholungsort eingetragener Verein

32 Nienhagen Ostseebad Erholungsort Seebad Behörde

33 Plau am See Erholungsort Luftkurort GmbH

3 Krakow am See galt auch als Kurort, führte diesen Titel aber nur auf Grundlage eines Kreistagsbeschlusses von 1956

183


34 Prerow Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

bzw. Ortsbehörde Gemeinde

35 Putbus Erholungsort Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Putbus Gemeinde

36 Putgarden Erholungsort Tourismusgesellschaft

mbH

37 Rerik Ostseebad Erholungsort Seebad Kurverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

38 Röbel Erholungsort Erholungsort Behörde

39 Sassnitz Ostseebad Erholungsort Betriebsgesellschaft mbH GmbH

Saßnitz, Badeverwaltung

und Ortsbehörde

40 Sellin Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

41 Sternberg Erholungsort Behörde

42 Thiessow Ostseebad Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb der

Gemeinde

43 Trassenheide Ostseebad Seebad Eigenbetrieb der

Gemeinde

44 Ueckermünde Erholungsort eingetragener Verein

45 Ückeritz Ostseebad Erholungsort Seebad Behörde

46 Waren Luftkurort Luftkurort städtisches Verkehrsamt GmbH

184


47 Warnemünde Ostseebad Erholungsort Seebad Badedirektion Eigenbetrieb der

Hansestadt Rostock

48 Wesenberg Erholungsort Behörde

49 Wieck Ostseebad Seebad GmbH

50 Wiek Erholungsort GmbH

51 Wustrow Ostseebad Erholungsort Seebad Gemeinnütziger Verein Eigenbetrieb der

Gemeinde

52 Zempin Ostseebad Seebad Eigenbetrieb der

Gemeinde

53 Zingst Ostseebad Erholungsort Seeheilbad GmbH

54 Zinnowitz Ostseebad Erholungsort Seebad Badeverwaltung Eigenbetrieb

bzw. Badebehörde

Alt Schwerin Erholungsort 4

Börgerende-Rethwisch Erholungsort

Klein Labenz Erholungsort

4 Dieser Ort gehört nicht zu den 54 staatlich anerkannten Kur- und Erholungsorten, hatte aber laut Kurortverordnung der DDR vom 3. August 1967 ein Prädikat, deshalb wird er

gemeinsam mit den folgenden 2 Orten der Vollständigkeit halber in dieser Liste aufgeführt

185


Anlage 2:

Mecklenburgische und pommersche Zeitungen und Wochenblätter

zum Bäderwesen

vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Universitätsbibliothek

Rubowstraße 4

17487 Greifswald

Anzeigeblatt für Fremde. Eisenbahnzeitung und Bäderanzeiger

Stralsund, (1903 - 1909 erm.)

Anzeiger für die Stadt Bergen und die Insel Rügen.

Bergen, (1. 1881 - 39. 1919 erm.)

s. a. Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund und Vorpommersches Landesarchiv Greifswald

Badeanzeiger Ahlbeck. Ahlbecker Badeanzeiger.

Ahlbeck, Wollin, (1913 - 1929 erm.)

1913, 1-6 (L). 1915 - 1922. 1924 - 1929

Badeanzeiger Bansin. Fremdenliste und Anzeiger für das Seebad Bansin.

Swinemünde, (18. 1916 - 3334. 1932 erm.)

1916 - 1921. 1926 - 1929. 1931. 1932

Badeanzeiger Berg-Dievenow. Amtliche Badezeitung und Fremdenliste für die Sol- und Ostseebäder Berg- und Ost-

Dievenow, Ostseebäder Klein-Dievenow, Heidebrink und das Solbad Cammin.

Cammin, (1908 / 1909 erm.)

1908/09 (L)

Badeanzeiger Binz. Amtliche Kurliste und offizielles Fremdenverzeichnis des Ostseekurbades Binz.

Binz, Putbus, (50. 1930 - 55 1935 erm.)

1930 - 1932

s. a. Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund

Badeanzeiger Carlshagen. Amtlicher Badeanzeiger für die Ostseebäder Carlshagen, Kölpinsee, Trassenheide,

Ückeritz und Zempin.


Zinnowitz, (1915 - 1935 erm.)

1915 - 1920. 1925 - 1932. 1935

Babeanzeiger Darß. Darßer Badeanzeiger für die Ostseebäder Zingst, Prerow, Ahrenshoop, Born, Wieck (ab 1924:)

Amtliche Kurliste der Ostseebäder Zingst und Prerow.

Barth (=Beil. zu:) Barther Tageblatt), (1924 - 1925 erm.)

Badeanzeiger Dievenow. Dievenower Badeliste.

Dievenow, (1889 erm.)

Badeanzeiger Groß-Möllen. Badeanzeiger für die Badeorte Groß- Möllen, Nest, Bauernhufen, Sorenbohm,

Henkenhagen, Deep, Laase.

Köslin, (1. 1900 - 15. 1914 erm.)

s. a. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz -

Badeanzeiger Groß-Möllen. Allgemeiner Badeanzeiger und Nachrichtenblatt des Ostpommerschen Bäderverbandes

für die Badeorte...

Köslin, (1. 1924 - 11. 1934 erm.)

1924 - 1932. 1934

s. a. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz -

Badeanzeiger Kolberg. Badeanzeiger des Sol- und Seebades Kolberg.

Kolberg, (11. 1870 - 13. 1872 erm.)

1870. 1872

Badeanzeiger Kolberg. Badeanzeiger. Unterhaltungs- und Anzeigenblatt, gleichzeitig Kur- und Fremdenliste für das

Sol- und Seebad Kolberg.

Kolberg, (6. 1888 - 18. 1900 erm.)

Badeanzeiger Kolberg. Amtliche Kurliste des See- und Solbades Kolberg.

Kolberg, (30. 1888 erm.)

Badeanzeiger Kolberg. Kolberger Badeblatt. Amtliches Organ der Badedirektion Kolberg.

Kolberg, (8. 1906 - 1939, Ersch. eingest.)

1906 (L). 1907 (L). 1916. 1921 - 1932. 1938. 1939

Badeanzeiger Koserow. Badeanzeiger für die Ostseebäder Koserow, Karlshagen, Kolpinsee, Ückeritz und Zempin.


Wolgast, (1909 - 1917, 1919 erm., 1918 nicht ersch.)

Badeanzeiger Leba. Kurliste des Ostseebades Leba (1931 - 1933). Amtliche Kurliste des Ostseebades Leba.

Lauenburger Grenzzeitung. (1934).

Lauenburg, Leba, (1931 - 1934 erm.)

1931 (L). 1932 (L). 1934 (L)

Badeanzeiger Lubmin.Amtliche Badeliste für das Ostseebad Lubmin.

Greifswald, (1907 - 1917 erm.)

Badeanzeiger Misdroy. Misdroyer Badecourier.

Wollin, (27. 1888 - 29. 1890 erm.)

Badeanzeiger Misdroy. Misdroyer Kur-Anzeiger (ab 1910). Misdroyer Badeanzeiger:

Amtliche Kur- und Fremdenliste.

Wollin, Misdroy, (1859 - 35. 1930 erm.)

1901. 1912. 1915 - 1920. 1925. 1928. 1930

Badeanzeiger Neuwarp. Amtliche Fremdenliste für die Kurorte Neuwarp, Altwarp, Ziegenort, Rieth und Mützelburg.

Neuwarp, (1. 1911 - 3. 1913 erm.)

Badeanzeiger Osternothafen. Badeliste für Osternothafen.

Osternothafen, Swinemünde, (1903 - 1914 erm.)

Badeanzeiger Polzin. Amtliche Polziner Badezeitung.

Polzin, (37. 1909 - 60. 1932/33 erm.)

Badeanzeiger Prerow.Badeanzeiger für das Ostseebad Prerow auf dem Darß.

Prerow, (1929 - 1932 erm.)

Badeanzeiger Putbus. Putbuser Bade- und Fremdenliste.

Putbus, (1875 - 1887 erm.)

1887

s. a. Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund

Badeanzeiger Rewahl. Amtliche Badeliste und Anzeiger für die Ostseebäder Rewahl, Horst, Deep, Putschow und

Scheffin.


Greifenberg, (1907 - 1914 erm.)

Badeanzeiger Rügen. Rügensche Bäder- und Hotelzeitung. (bis 1908 u. d. T.: Rügensche Bade- und Hotelzeitung).

Putbus, Bergen, (18. 1907 - 40. 1930 erm.)

1907 - 1918. 1928 - 1930

Badeanzeiger Rügen. Rügensche Kurzzeitung (40. 1920 - 52. 1932). Fremdenliste Rügenscher Bäder (13. 1888 - 39.

1914).

Putbus, (13. 1888 - 52. 1932 erm., 1915 - 1919 nicht ersch.)

1888 - 1891. 1896. 1897. 1906, 6-9. 1920. 1921.1922. 1923 - 1925. 1927 - 1932

s. a. Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund

Badeanzeiger Rügen. Rügensches Fremdenblatt. Amtliches Organ der Badeverwaltungen

Binz, Sellin, Baabe, Göhren und Thiessow.

Binz, (1. 1919 erm.)

Badeanzeiger Rügenwaldermünde. Badeliste für das Ostseebad Rügenwaldermünde.

Rügenwalde, (1913 - 1914 erm.)

Badeanzeiger Swinemünde. Swinemünder Badeanzeiger.

Swinemünde, (1910 - 1932 erm.)

1910. 1915 - 1929. 1932

Badeanzeiger Zingst. Fremdenführer und Anzeiger für die Ostseebäder Zingst, Prerow und Ahrenshoop. Amtliche

Fremdenliste der Badeverwaltung in Zingst und Prerow. Badeanzeiger für das Ostseebad Zingst mit amtlicher

Fremdenliste (1932 - 1934). Fremdenliste für das Ostseebad Zingst auf Zingst (1935).

Zingst, Prerow, (5. 1914 - 25. 1935 erm.)

Zingst: 1914. 1915. 1932, 4, 8. 1935, 2, 4.

Prerow: 1914

Badeanzeiger Zingst. Amtliche Fremdenliste der Ostseebäder Zingst und Prerow.

Barth, (1925 erm. = Beil. in: Barther Zeitung)

Badeanzeiger Zinnowitz. Bade- und Hotelzeitung für das Ostseebad Zinnowitz (ab 1890). Amtliche Badeliste für das

Ostseebad Zinnowitz (bis 1889).


Wollin, (1889 - 1931 erm.)

1889 - 1892. 1908 - 1920. 1924 - 1926. 1929 - 1931

Universität Rostock

Universitätsbibliothek

Universitätsplatz 5

18051 Rostock

Anzeiger für das Ostseebad Kühlungsborn und Umgebung.

Kühlungsborn, (30. 1938 - 45. 1944 erm.)

1938, 17. 6. - 12. 1939 - 1944

s. a. Mecklenburgische Landesbibliothek Schwerin

Anzeiger für die Ostseebäder Warnemünde, Heiligendamm, Groß-Müritz, Wustrow.

Rostock, (1885 erm.)

1885, Nr. 10 - 40

Badeanzeiger Boltenhagen. Kurzzeitung des Ostseebades Boltenhagen.

Schwerin, (52. 1938 - 53. 1939 erm.)

1938. 1939

Badeanzeiger Kühlungsborn. Unsere Gäste: Kuranzeiger des Ostseebades Kühlungsborn.

Kühlungsborn, (4. 1938 - 6. 1940 erm.)

1938 - 1940

Badeanzeiger Warnemünde. Warnemünder Bade-Anzeiger für Fremdenverkehr und Heimatpflege.

Rostock, (1. 1884 - 56. 1939 erm., jeweils Juni - September)

1938. 1939

s. a. Mecklenburgische Landesbibliothek Schwerin und Archiv der Hansestadt Rostock

Archiv der Hansestadt Rostock

Hinter dem Rathaus 5


18055 Rostock

Badeanzeiger Warnemünde. Warnemünder Bade-Anzeiger für fremdenverkehr und Heimatpflege.

Rostock, (1. 1884 - 56. 1939 erm., jeweils Juni - September)

1894. 1895. 1897 - 1900. 1903 - 1906. 1908 - 1911. 1913 - 1915. 1918 - 1921. 1923.

s. a. Universitätsbibliothek Rostock und Mecklenburgische Landesbibliothek Schwerin

Mecklenburgische Landesbibliothek

Am Dom 2

19055 Schwerin

Anzeiger für das Ostseebad Kühlungsborn und Umgebung.

Kühlungsborn, (30. 1938 - 45. 1944 erm.)

1938, 3 - 12. 1939, 1

s. a. Universitätsbibliothek Rostock

Arendseer Zeitung: Amtliches Fremdenblatt für das Ostseebad Arendsee i. M.

Brunshaupten, (1927 - 1928 erm.)

Badeanzeiger Warnemünde. Warnemünder Bade-Anzeiger für Fremdenverkehr und Heimatpflege.

Rostock, (1. 1884 - 56. 1939 erm., jeweils Juni - September)

1938 (L). 1939 (L)

s. a. Universitätsbibliothek Rostock und Archiv der Hansestadt Rostock

Mecklenburgisches Hauptarchiv Schwerin

Graf-Schack-Allee 2

19053 Schwerin

Badeanzeiger Doberan. Verzeichnis der im Sommer... zu Doberan angekommener Kur-Gäste und Fremden.

Doberan, (1838 - 1840 erm.)

1838. 1839 (E). 1840 (E)

Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund

Archivbibliothek


Badenstraße 13

18439 Stralsund

Anzeiger für di e Stadt Bergen und die Insel Rügen.

Bergen, (1. 1881 - 39. 1919 erm.)

1881 - 1885. 1887 - 1902. 1904. 1906 - 1913. 1915 - 1917

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald und Vorpommersches Landesarchiv Greifswald

Badeanzeiger Binz. Amtliche Kurliste und offizielles Fremdenverzeichnis des ostseekurbades Binz.

Binz, Putbus, (50.1930 - 55. 1935 erm.)

1930. 1935

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald

Badeanzeiger Putbus. Putbuser Bade- und Fremdenliste.

Putbus, (1875 - 1887 erm.)

1875. 1876. 1883 - 1887

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald

Badeanzeiger Rügen. Rügensche Kurzzeitung (40. 1920 - 52. 1932). Fremdenliste Rügenscher Bäder (13. 1888 - 39.

1914).

Putbus, (13. 18888 - 52.1932 erm., 1915 - 1919 nicht ersch.)

1888 - 1914. 1920 - 1932

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald

Badeanzeiger Sassnitz. Bade-Courier für Sassnitz und Crampas (1. 1876 - 3. 1878). Bade-Courier für das Ostseebad

Sassnitz (4. 1879 - 13.1888).

Putbus, (1.1876 - 13. 1888 erm., fortges. u. d. T. Rügensche Kurzzeitung)

Vorpommersches Landesarchiv Greifswald

Martin-Andersen-Nexö-Platz 1


17489 Greifswald

Anzeiger für die Stadt Bergen und die Insel Rügen.

Bergen, (1. 1881 - 39. 1919 erm.)

1900, 1 (L)

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald und Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund

Badeanzeiger Putbus. Liste der Badegäste und Fremden zu Putbus.

Putbus, (1833 - 1874 erm.)

1833 - 1838. 1844 - 1852. 1864 - 1874

Staatsbibliothek zu Berlin

- Preußischer Kulturbesitz -

(Haus 1)

Unter den Linden 8

10102 Berlin

Badeanzeiger Groß-Möllen. Badeanzeiger für die badeorte Groß-Möllen, Nest, Bauernhufen, Sorenbohm,

Henkenhagen, Deep, Laase.

Köslin, (1.1900 - 15. 1914 erm.)

1904 - 1914

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald

Badeanzeiger Groß-Möllen. Allgemeiner Badeanzeiger und Nachrichtenblatt des Ostpommerschen Bäderverbandes

für die Badeorte...

Köslin, (1.1924 - 11. 1934 erm.)

1925

s. a. Universitätsbibliothek Greifswald


Anlage 3

Doberan – Heiligendamm Marktflecken im Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin, Kreis

Mecklenburg, berühmter Seebadeort und zeitweise Sommerresidenz des Großherzogs ... Die

eigentliche Seebadeanstalt befindet sich 6 km von Doberan, etwa 50 Schritte vom Meer, auf dem

sogen. Heiligen Damm ... Das elegante Kurhaus, das etwa 20 große Zimmer mit allen erforderlichen

Bequemlichkeiten und auch Vorrichtungen zu warmen Seebädern wie zu Schwefeldampfbädern

enthält, das Logirhaus sowie die zahlreichen längst des Strandes liegenden eleganten Wohnhäuser

standen bisher unter der Verwaltung einer großherzoglichen Badedirektion; seit 1873 ist jedoch

die ganze Badeanstalt des Heiligen Dammes in den Besitz einer Aktiengesellschaft übergegangen,

deren Bestreben es ist, durch großartige Neubauten und sonstige Ausdehnungen der Anlagen den

in letzter Zeit etwas zurückgegangenen Badeort einer neuen Blüte zuzuführen. ... Der Glanz der

Neuzeit beginnt mit 1793, wo das Seebad, das älteste in Deutschland, angelegt wurde und der Hof

oft in Doberan den Sommer über verweilte.

Technik als Dienstleistung

Meyers Konservations-Lexikon. Fünfter Band, Leipzig 1875

Die mecklenburgischen und vorpommerschen Ostseebäder und ihre Bedeutung für die

Durchsetzung technischer Neuerungen im Lande

zwischen 1870 und 1920 (von Dr. Ingo Sens)

Auf den nachfolgenden Seiten soll anhand ausgewählter Beispiele versucht werden, den Beitrag der

Ostseebäder in Mecklenburg und Vorpommern zur Entwicklung einer modernen Infrastruktur

(Versorgungswirtschaft und Verkehr) im Lande in einer knappen Skizze zu beleuchten. In vielen Fällen

gingen sie der Entwicklung voran, leisteten Schrittmacherdienste bzw. gaben wichtige Impulse für die

Modernisierung der Verhältnisse. 1

Auftakt Ein Badeurlaub an der Ostseeküste unseres Bundeslandes war in den Jahren um 1900 –

trotz einiger weniger Angebote für den schmaleren (nicht den schmalen) Geldbeutel – alles andere als

volkstümlich. Man musste sich einen Solchen leisten können. Das Publikum – es kam zumeist aus großen

Städten, den Zentren von Politik, Wirtschaft und Kultur, allen voran Berlin – rekrutierte sich über viele

Jahre vor allem aus den europäischen und deutschen Oberschichten (Adel, Großbürgertum,

Spitzenbeamte). Hinzu kamen noch einige Akademiker, Bildungsbürger und Künstler, die jedoch, wie

Gerhard Hauptmann, teilweise und aus unterschiedlichen Gründen in weniger erschlossene Landstriche –

z. B. Hiddensee oder Ahrenshoop – auswichen. 2 Auch preiswertere und weniger elegante Badeorte wie

Graal, Müritz oder Prerow wandten sich an bürgerliche (Mittel-)Schichten. 3

Die Anfänge in den meisten mecklenburgischen und vorpommerschen Ostseebädern waren hingegen nicht

immer besonders glanzvoll, allerdings mögen die Ansprüche der ersten Gäste auch noch bescheiden

gewesen sein. Sieht man von beiden Fürstenbädern Heiligendamm (gegr. 1793/Mecklenburg) und Putbus

(seit 1816/Vorpommern) sowie ausdrücklichen Seebad-Gründungen, wie Bansin (gegr. 1897), ab, dann

waren die Badeorte über Jahre einfache, kleine Fischerdörfer – zwar durch die Natur begünstigt, aber

ohne jeglichen Komfort, Eleganz oder gar Luxus. Der Service vor Ort beschränkte sich auf die

Beherbergung und die Versorgung mit dem Notwendigsten. Reiseführer aus der Mitte des 19.

Jahrhunderts werteten diesen Sachverha lt auf jeden Fall negativ. 4 Das ursprüngliche Potential in den

frühen Badeorten erschöpfte sich moralisch recht schnell. Die Neugierde ließ nach. Es mussten


“Nachbesserungen” durch Fortschritte in der kommunalen und kulturellen Infrastruktur erfolgen, wollte

man die steigenden Erwartungen der großstädtischen Gäste erfüllen und eine Abwanderung dieser

wohlhabenden Urlauber verhindern. Dem Besucher musste “Etwas” geboten werden. Gleichzeitig konnten

so neue, betuchte Besuchergruppen gewonnen werden.

Graal-Müritz “Buchenhof hieß die Pension früher. Und so wird das Haus nach

der Sanierung auch wieder genannt. ... Die Überraschung – unter dem Dach fanden sich

zwei große Stahlbehälter. Seewasserspeicher ... Der Buchenhof ... hatte ein Warmbad.

Auch Rohrleitungen fand man. ... Haus Buchenhof gilt als um 1905 gebaut. Hauptgebäude,

Anbau mit Kegeldach, dazu Erker, Gauben, Ziergiebel, Balkone. Aus dem Jahre 1910 liegt

in der Heimatstube der erste Prospekt vor, der für den Buchenhof als Pension wirbt.

Heinrich Klingenberg lockte seine Gäste mit 16 praktisch und gediegen eingerichteten

Zimmern (meist heizbar), mit Wasserleitung, Wasserspülklosett in den Etagen und einem

Warmbad. Klingenberg bot Seebäder, künstliche Moorbäder – ganz nach Vorschrift des

Arztes. Und er verkündete: Sämtliche Badezellen sind mit Zentralheizung versehen.” 5

Der Feriengast entwickelte für gewöhnlich bestimmte Vorstellungen von Komfort und Service, die bedient

sein wollten. Die Bürger der Jahre nach 1871 waren in ihrer Mehrzahl geradezu besessen vom

Fortschrittsgedanken, der seinerseits allerdings im wesentlichen auf die Technik resp. technische

Veränderungen reduziert wurde. Noch galt nicht ein puristisches “Zurück-zur-Natur”, trotz einiger

nachlebender romantischer Vorstellungen aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, von der heute

weitverbreiteten Technikfeindlichkeit keine Spur.

Ferner brachten die Urlauber kommunizierbares Wissen über die Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer

Forderungen mit. Neben einem zahlreichen Personal war Technik ein wesentliches Mittel zu diesen

Zwecken. Allein schon deshalb musste man in den Ostseebädern der Technik gegenüber sehr

aufgeschlossen sein. Es wurden daher reichlich Impulse aus den großen Städten aufgenommen.

Reiseführer wussten dies zu würdigen. Ahlbeck z. B. soll um 1900 keine Wünsche offen gelassen haben.

Neben der großen Anzahl verschiedenster Quartiere, mehreren Restaurants, einer Apotheke und einem

Badearzt war es vor allem das Vorhandensein von Post, Telegraf und Telefon am Ort sowie eines

Elektrizitäts- und Wasserwerkes, die für dieses Lob sorgten.

Haustechnik Eine moderne Beleuchtung und Heizung, Versorgung mit Trink- und Brauchwasser

(letzteres auch warm) sowie Kommunikation (Telefon und Telegraf) waren wesentliche technische Mittel,

um die Ansprüche der Fremden befriedigen zu können. So existierten lange Jahre modern ausgestattete

Herbergen neben einfachen Unterkünften der Einheimischen.

Bereits 1873 wusste die zeitgenössische mecklenburgische Presse von dem gerade errichteten Grand

Hotel in Heiligendamm voller Bewunderung zu berichten, dass es über einen außergewöhnlichen Luxus –

Wasserleitung und Bäder, bald auch Telegrafenanschluss – verfügte. Am Rande vermerkt, ein örtliches

Telegrafenamt gab es auch. Dieses befand sich ebenfalls im Gebäudeensemble – in der Orangerie (1878).

Einige Jahre später (1895 ff.) annoncierten Warnemünder Hotels, Pensionen und Restaurants – der Ort

war mittlerweile in die erste Reihe der deutschen Ostseebäder aufgerückt und ein besuchtes, gut

eingerichtetes Seebad – ausdrücklich, dass sie fließend Warm- und Kaltwasser, Telefonanschluss sowie

elektrisches Licht (darüber wird noch gesondert zu berichten sein) besitzen würden 6 – alles Einrichtungen,

die selbst in besseren, städtischen Haushalten längst noch nicht normal waren (man vergleiche die

Angebote des damaligen Wohnungsmarktes). In den Ferien konnte man freilich diese Segnungen des

Fortschritts genießen.

Über die herausragende Rolle einer modernen Hausbeleuchtung für das Beherbergungsgewerbe in den

Jahren um 1900 gibt folgende Eingabe eines Brunshauptener Quartierwirtes an das zuständige


Großherzogliche Amt aus dem Jahre 1910 Auskunft: Ich bin Besitzer der zu Brunshaupten an der

Strandstraße belegenen Häuslerei Nr. 103, worauf ich eine Fremdenpension für Badegäste betreibe. Da

der größte Teil der mir benachbarten Logierhäuser im vorigen Jahre mit elektrischer Lichtanlage versehen

ist, so hatte auch ich mich entschlossen, elektrisches Licht bei mir anzulegen, um mit meinen Nachbarn

konkurrieren und gleich ihnen meinen Gästen eine bequeme und angenehme Beleuchtung bieten zu können.

Da gerade in dem Teile des Badeviertels, in welchem mein Grundstück liegt, alle Logierhäuser mit

elektrischer Lichtanlage versehen sind, so würde mir, wenn mir solche wiederum ve rsagt würde, während

der kommenden Saison ein großer Schaden erwachsen. Denn es lehrt doch die Erfahrung, dass in einem

Orte mit großen Fremdenverkehr zuerst und am häufigsten diejenigen Logierhäuser aufgesucht werden,

die soviel wie möglich der Neuzeit entsprechend eingerichtet sind, wozu nicht zuletzt elektrisches Licht

gehört. 7

So entwickelten sich moderne Einrichtungen im Haus obendrein zu wirksamen Werbemitteln, mit deren

Hilfe man fernerhin neue Gäste zu gewinnen (und alte halten) wollte. Der verme hrte Auftritt einer solchen

Werbung seit den 1890er Jahren und die steigenden Urlauberzahlen in den Ostseebädern belegen, dass hier

ein – wenn vielleicht auch nur ein schwacher – Zusammenhang existiert hat.

Es ist u. a. allein schon diese voranschreitende Mitwirkung bei der Einführung einer neuzeitlichen

häuslichen Infrastruktur hierzulande, die dem Badebetrieb einen bleibenden Platz in der regionalen

Technikgeschichte sichert.

Kommunale Infrastruktur I: Energieversorgung Nach einigen privaten Anläufen – die bis zur

Gründung von sich selbst versorgenden Elektrizitätsgenossenschaften (z. B. in Brunshaupten 1909) führte

– leisteten die Badeorte sowohl in Mecklenburg als auch im preußischen (Vor)Pommern in den Jahren um

1900 ihren wohl wichtigsten Beitrag in Hinblick auf unseren Gegenstand indes bei der Durchsetzung einer

modernen öffentlichen Energieversorgung. Die Frage der Energieversorgung war in der damaligen Zeit in

strukturschwachen Regionen vor allem die sogenannte “Lichtfrage” – d. h. die Beleuchtung öffentlicher

Straßen und Plätze, aber auch privater, gewerblicher und öffentlicher Räume. 8

Zwar gab es bereits seit den 1880er Jahren eine breitere Diskussion in den Städten hierzulande anstelle der

traditionellen Beleuchtung (meist Öllampen sowohl im Haushalt und Gewerbe als auch für die

Straßenbeleuchtung) elektrisches Licht einzuführen und einige private elektrische Beleuchtungsanlagen

wiesen auch schon frühzeitig den Weg, doch es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis die

Elektrifizierung sowohl Mecklenburgs als auch Vorpommerns einsetzte. Den Anfang machte dabei ein

Seebad: der zu Rostock gehörende Badeort Warnemünde, in dem ein Privatunternehmer, nachdem er von

der Rostocker Stadtverwaltung die Konzession zum Betrieb eines öffentlichen Elektrizitätswerkes mit

Ortsnetz erhalten hatte, im August 1895 die erste elektrische Centrale Mecklenburgs eröffnete. 9 Dies war

ein Meilenstein in der mecklenburgischen Wirtschafts- und Technikgeschichte! Die größeren Städte in

Mecklenburg und Vorpommern und die beiden mecklenburgischen Residenzen folgten diesem Beispiel erst

einige Jahre später:

Rostock(-Stadt) und Stralsund 1900

Greifswald 1903

Schwerin und Wismar 1904

Neubrandenburg 1910

Friedland 1909/10

Güstrow 1912

Parchim 1922

Neustrelitz 1924 (Altstrelitz bereits 1912)


Auch in Vorpommern gingen Seebäder in der Elektrifizierung beispielgebend voran. So nahmen die E-

Werke in Sassnitz (gegr. 1896) und Binz (gegr. 1899) noch vor der Jahrhundertwende ihren Betrieb auf.

Die Elektrifizierung verschiedener Seebäder

in Mecklenburg und Vorpommern

Warnemünde 16. August 1895

Sassnitz (mit Crampas) 15. Juli 1896

Heringsdorf 1. Juni 1899

Binz Frühjahr 1903

Ahlbeck 11. September 1903

Sellin Frühjahr 1905

Göhren 1908

Arendsee, Brunshaupten, Fulgen1911 (Anschluss an die Überlandzentrale Rostock)

Heiligendamm 1911 (Anschluss an die Überlandzentrale Rostock)

Putbus vor 1913

Garz 1912/13 (Anschluss an die Überlandzentrale Stral-

sund)

Zweck dieser Bädercentralen war vor allem die Lieferung von Lichtstrom für die Straßenbeleuchtung und

die besseren Hotels, Pensionen und Restaurants – die teilweise sogar schon eigene elektrische

Lichtanlagen errichtet hatten – weniger für die Einheimischen und andere Abnehmer. 10 Die

Inbetriebnahme der Anlagen war durchaus ein Medienspektakel. Während in den meisten Städten die

Inbetriebnahme des elektrischen Stadtnetzes in den dunklen Monaten erfolgte – das erste Brennen der

elektrischen Straßenlaternen z. B. war sehr effektvoll – vollzog man in den Bädern dies vorwiegend – sehr

zur Freude der anwesenden Urlauber – in der Saison.

Warnemünde, 16. Aug. (1895) [Elektrische Beleuchtung.] Nachdem am 15. d. Mts. Die festgesetzte

Zeit zur Eröffnung der elektrischen Centrale abgelaufen war, fand bereits gestern von 4 Uhr

Nachmittags bis gegen 8 Uhr Abends eine Probebeleuchtung statt, um die Capacität der

Accumulatoren auszuprobiren. Von heute Abend an erfolgt die Straßen-Beleuchtung

Warnemünde’s durch elektrisches Licht. Auf der Bismarckpromenade und in der Bismarckstraße,

am Strom und auf dem Kirchenplatze, sowie auf dem Bahnhofe werfen Bogenlampen, welche an

hohen eisernen Kandelabern angebracht sind, weithin ihr Licht, während die anderen Straßen

durch Glühlampen beleuchtet sind. Beim Schweizerhause in den Anlagen brannten schon seit

einigen Abenden die dort angebrachten Bogen- und Glühlampen und es zeigte sich auch hier die

effectvolle Wirkung des elektrischen Lichtes. Der Scholz’sche Concertgarten, Hübner’s Hotel und

Hotel Strahlendorff, sowie mehrere Privathäuser sind bereits an die Centrale angeschlossen und

werden von heute Abend an elektrisches Licht erhalten. 11

Die Bedeutung der Bädercentralen für die weitere technische und wirtschaftlic he Entwicklung kann

kaum hoch genug eingeschätzt werden. Das Warnemünder Werk z. B. machte Schule, nicht nur dass es

den Bau eines städtischen E-Werkes in Rostock beförderte, auch war seine Entwicklung selbst – d. h. die


des Stromverbrauchs im Ostseebad – dermaßen positiv, dass sich die Stadt Rostock einige Jahre später

dazu entschloss, ein modernes Kraftwerk – die Überlandzentrale Rostock – zu errichten, sollte der Badeort

doch nach Ablauf des 15jährigen Konzessionsvertrages durch die Stadt versorgt werden. Als dann bekannt

wurde, dass in Rostock eine Überlandzentrale geplant sei, meldeten die in der Umgebung liegenden

Badeorte – vor allem Arendsee, Brunshaupten und Fulgen – ihr vitales Anschlussinteresse an. Damit

sicherten sie die Wirtschaftlichkeit eines solchen Kraftwerkes und halfen mit, diese Projekt zu realisieren.

Liest man die Kriegsgeschäftsberichte der Überlandzentrale Stralsund aus den Tagen des Ersten

Weltkrieges, dann lässt sich der Einfluss der Ostseebäder auf die energiewirtschaftliche Entwicklung in

Mecklenburg und Vorpommern einigermaßen einschätzen.

Kommunale Infrastruktur II: Wasserversorgung Natürlich ist es bequem, rund um die Uhr fließend

Warm- und Kaltwasser “aus der Wand” zu haben, allerdings berührt die Wasser- im Gegensatz zur

Lichtfrage, bei der es in unserem Untersuchungsraum vor allem um Bequemlichkeiten ging, Existenzielles.

Verheerende Stadtbrände und Seuchen hatten spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwingend die

Notwendigkeit einer ausreichenden Brauch- und einwandfreien Trinkwasserversorgung vor Augen

geführt. Mit Ausnahme einiger größerer Städte wie Güstrow, Rostock, Stralsund oder Wismar, die sich seit

dem Mittelalter mittels so genannter Wasserkünste versorgten, waren der Brunnen und Gewässer die

üblichen Wasserspender in den Städten und auf dem flachen Land.

Häufig genug war die Qualität des Trinkwassers, das Brunnen entnommen werden musste, ungenügend.

Für die Gastgeber in verschiedenen Ostseebädern entwickelte sich dies zu einem unhaltbaren Zustand.

Aufgrund der Tatsache, dass die Brunnen – jedes Haus besaß einen eigenen – sowohl in Graal als auch in

Müritz schlechtes Wasser lieferten, entschied man sich, ein Wasserwerk für die zentrale öffentliche

Trinkwasserversorgung in beiden Ortschaften zu errichten. 1913 ging das Werk mit seinem weithin

sichtbaren Wasserturm in Betrieb. Zehn Jahre zuvor hatten bereits Ahlbeck (Bau eines Wasserwerkes im

Zusammenhang mit dem Elektrizitätswerk 1902/03) und Warnemünde (Anschluss an das Wasserwerk

Rostock) – hier wurde das Wasser bis dahin sogar mit dem Schiff von Rostock geliefert – ihre Probleme

gelöst. Die Ostseebäder Arendsee, Brunshaupten und Fulgen versorgten sich resp. ihre Gäste seit 1909

aus einem eigenen Wasserwerk.

Mit dem Bau eines eigenen Wasserwerkes waren die Badeorte vielen Städten in Mecklenburg und

Vorpommern teilweise weit voraus.

Städtische Wasserwerke in Mecklenburg und Vorpommern

nach 1900 Auswahl

Neustrelitz 1902

Dömitz und Malchin 1903

Parchim 1906

Neubrandenburg 1907

Hagenow 1908

Altstrelitz, Grevesmühlen, Röbel, Woldegk 1912

Lübz 1913

Bützow und Gnoien 1914/15

Laage und Pasewalk 1926

Bad Doberan, Plau, Teterow (neues Wasserwerk) 1927

Neustadt-Glewe 1928

Torgelow 1939

Malchow 1942


Schwaan 1955

Zarrentin 1983

Verkehr Ein wichtiger Aspekt für das Gedeihen eines Urlaubsortes ist eine günstige und bequeme

Anreise. Heute nutzt man an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns dazu das Auto, die Angebote

verschiedener Bahnunternehmen, moderne Schnellfähren oder gar das Flugzeug. Früher war das

naturgemäß komplizierter. Kam man bis in die größeren Orte noch mit der Eisenbahn, musste man von

dort weiter zum eigentlichen Ziel andere Verkehrsmittel nutzen. So erreichte der Badegast aus Richtung

Berlin Rostock relativ unproblematisch mit der Eisenbahn. Vom Bahnhof ging es bis zum Bahnanschluss

des Badeortes, 1886 sehr wahrscheinlich mit der Droschke zum Hafen und von dort weiter mit dem

Dampfer (seit 1834) nach Warnemünde. Weitaus aufwendiger war die Anreise zu den meisten anderen

Ostseebädern. Überhaupt erreichte der Erholungssuchende seinen Zielort über viele Jahre am ehesten mit

dem Schiff. Eine Fahrt mit diesem war indessen zeitaufwendig aber wohl schon Teil der Ferien.

Vor allem Zeit musste man also besitzen, um solche Anreisen bewältigen zu können, man vergleiche nur

die immer noch langwierige, wenn auch reizvolle Anreise von Stralsund mit dem Boot nach Hiddensee.

War die Schiffsverbindung von nach Graal-Müritz oder nach Warnemünde noch verhältnismäßig

komfortabel, gestaltete sich die Fahrt mit der Kutsche unabhängig vom Zustand der Straßen schon weitaus

beschwerlicher. Deshalb versuchte man bereits 1865 zwischen Doberan und Heiligendamm eine

Dampfkalesche einzusetzen. Das Unternehmen scheiterte an widrigen Umständen. Rund zwanzig Jahre

später verband dann die Schmarlspurbahn Molli Doberan mit dem Seebad. Eine bequemere Anreise war

nun möglich.

Vergleicht man die rasant steigenden Gästezahlen nach 1900 mit dem Anschluss des jeweiligen

Ostseebades an ein Eisenbahnnetz, dann muss es zwischen beiden eine Korrelation gegeben haben:

Ahlbeck 1894 1910: mehr als 20.000 Gäste (1885: 3.000),

Binz 1895 1910: ca. 22.000 Gäste (1890: 3.300),

Göhren 1895 1905: 124 Häuser (1885: 44),

Sellin 1896 1913: ca. 15.000 Gäste (1900: 4.000).

Mit dem Ausbau der Bahn Putsbus -Binz-Göhren 1895 erhielt diese Region über Stralsund Anschluss nach

Berlin. Im Jahr zuvor waren bereits die meisten Badeorte auf Usedom mit Swinemünde verbunden

worden.

Wurden diese Bahnstrecken ganz normal mit Dampflokomotiven bedient, gab es bereits um 1900 erste

Projekte bestimmte Strecken zu elektrifizieren bzw. von vornherein elektrisch zu betreiben. So planten die

Doberaner Stadtväter 1900 den Bau einer elektrischen Bahn von Heiligendamm über Brunshaupten

und Arendsee nach Neubukow ... Geplant war im Sommer von Heiligendamm über Brunshaupten

nach Arendsee vier Personenzüge im Winter dagegen zwei Personenzüge jedesmal hin und zurück

verkehren zu lassen, während zwischen Doberan und Heiligendamm im Sommer halbstündiger, im

Winter zweimal täglicher Betrieb erfolgen soll. Da die Züge Morgens Anschluß nach Wismar und

Rostock erhalten sollten war beabsichtigt, die letzten Züge in Brunshaupten übernachten zu lassen

... 12 Das Projekt wurde nicht realisiert. 1910 erweiterte man den dampfgetriebenen Molli bis Arendsee-

Brunshaupten. Auch der Bahnanschluss von Graal und Müritz sollte ursprünglich (Projekt aus dem Jahr

1900) mit einer elektrischen Eisenbahn erfolgen. Auch in diesem Falle scheiterte man. Die Verbindung

konnte erst 1925 eröffnet werden.

Eine andere elektrische Bahn dagegen wurde realisiert. Nachdem am Ende des 19. Jahrhunderts das

Badeleben in Warnemünde erwacht war, entstand auch bald der Wunsch, den Erholungssuchenden

die auf dem östlichen Warnowufer gelegene Rostocker Heide zu erschließen. Um die fünf Kilometer


von der Fähranlegestelle bis nach Markgrafenheide, dem Tor zur Heide, zu überbrücken, stand

kein Verkehrsmittel zur Verfügung 13 1910 nahm die so genannte Strandbahn von Warnemünde Hohe

Düne nach Markgrafenheide ihren Betrieb auf. Viele Jahre fuhr sie nur in der Badesaison. Sie war im

Besitz der Stadt Rostock (Städtische Gas- und Wasserwerke) und als elektrische Kleinbahn konzessioniert

worden. Ihr Wagenpark bestand aus Straßenbahnfahrzeugen und ihr Betrieb glich einer traditionellen

Straßenbahn. 14

Fazit Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen. Auch in den Jahren nach 1920 gab es immer

wieder wichtige Impulse von der Ostseeküste für die technische Entwicklung. Hier seien nur die

verschiedenen Seefliegertreffen genannt. Aber auch der weltbekannte Binzer Bauingenieur Ulrich Müther

mit seiner Hyperschalenkonstruktion ist dazu zu zählen.

Um so unverständlicher erscheint in der Gegenwart der anhaltende Widerstand aus einigen Badeorten

gegen die Modernisierung. Da wird z. B. ein Widerspruch zwischen modernsten, umweltfreundlichen Off-

Shore-Windkraftanlagen und dem Tourismus konstruiert. Man droht mit Einbruch der Besucherzahlen,

sollten solche errichtet werden und begreift nicht das Potential. Im benachbarten Dänemark ist man in

dieser Hinsicht weiter. Große Windparks sollen sich zu echten Attraktionen entwickeln und ein zahlreiches

Publikum anlocken. 15

Überhaupt sollte das Mittel der modernen Technik für die Werbung neuer Urlaubergruppen aktiver genutzt

werden. Neben einer umweltfreundlichen Energiegewinnung zählen dazu der jederzeit mögliche Zugang

zum Internet, abgasfreie Verkehrsmittel und modernste Müllentsorgung u. a. m. Der heutige, auf sanften

Tourismus orientierte Besucher wird solche Neuerungen dankend annehmen.

Anmerkungen

1 Unberücksichtigt werden dabei freilich die Entwicklungen in der auf Usedom liegenden, heute zu Polen gehörenden

Stadt Swinemünde, das KdF-Bad Prora mit seinen gigantischen Bauten und die Bäderarchitektur bleiben,

wohlwissend, dass letztere einen eigenständigen und bleibenden Beitrag zur deutschen Architektur- und

Baugeschichte leistete. – Interessanterweise widmete sich die einschlägige Literatur bisher nur sehr zurückhaltend

unserer Thematik, weshalb diese Ausführungen auch als Aufforderung zur weiteren Forschung verstanden werden

sollen. Vgl. u. a. den vom Tourismusverband MV herausgegebenen Konferenzband “Internationale Tagung zur

Bäderarchitektur 2000. Band 1”, Rostock 2001 – hier stehen vor allem architektonisch-ästhetische und wirtschaftliche

Aspekte der Bäderarchitektur im Mittelpunkt.

2 Dass der Fabrikarbeiter geschweige denn der Bauer oder der Landarbeiter für den Tourismus noch nicht “entdeckt”

waren, lag in deren Lebensumständen (fehlende Geldmittel, kaum oder kein Urlaub, mangelnde Bildung etc.)

begründet. Das sollte sich im Zuge der Arbeiterbewegung sich zumindestens für die besser verdienenden Arbeiter

langsam ändern. Zu einem ersten Durchbruch kam es aber beginnend mit den KdF-Reisen in den Jahren von 1933 bis

1939.

3 Vgl. dazu u. a.: Ernst Boll, Die Insel Rügen. Reise-Erinnerungen, Schwerin o. J. oder: Warnemünde. Ein

unentbehrlicher Rathgeber besonders für Badegäste, Rostock 1867.

4 Ostsee-Zeitung – Rostocker Zeitung – vom 23. Oktober 2002.

5 So: das Schweizer Haus, das Hotel Stralendorf, Hotel & Pension Hübner, das Hotel Berringer und das Restaurant

Jungmann.


6 Brief des C. Stübinger an das Großherzogliche Amt zu Doberan vom 14. Januar 1910 (Abschrift) –

Mecklenburgisches Landeshauptarchiv, Ministerium des Innern (1849-1945), Sig. 7050.

7 Zur Lichtfrage in Mecklenburg und Vorpommern siehe: I. Sens, Geschichte der Energieversorgung in Mecklenburg

und Vorpommern von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis zum Jahr 1990 (hrsg. v. der Hanseatischen

Energieversorgung AG), Rostock 1997 (für Elektrizität) und u. a. A. Krause/F. Lorenz/I. Sens, Chronik der Stadtwerke

Güstrow GmbH. Von der ersten Gasanstalt Mecklenburgs zum modernen Mehrspartenunternehmen (hrsg. v. der

Stadtwerke Güstrow GmbH), Güstrow 2002 (für Gasversorgung in Mecklenburg) sowie I. Sens, Energie für Barth. Von

der Gasanstalt zur Stadtwerke Barth GmbH. Chronik der städtischen Werke in Barth (hrsg. v. der Stadtwerke Barth

GmbH) (für Gasversorgung in Vorpommern).

8 Zur Geschichte der Warnemünder E-Werkes siehe: I. Sens, Rostock als Kraftwerksstandort. Chronik des

Steinkohlekraftwerks Rostock (hrsg. v. der Kraftwerks- und Netzgesellschaft mbH), Rostock 2000.

9 So wurde der Warnemünder Leuchtturm (eröffnet 1898) erst 1919 (!) mit elektrischen Licht versehen.

10 Rostocker Zeitung, Nr. 381 vom 17. August 1895.

11 Rostocker Zeitung, Nr. 533 vom 14. November 1900.

12 Norbert Enenkel, Stradbahn Warnemünde-Markgrafenheide, in: Redieck & Schade (Hrsg.), VERSCHWUNDEN-

VERGESSEN-BEWAHRT? Denkmale und Erbe der Rostocker Technikgeschichte, Rostock 1995.

13 Insgesamt gab es überhaupt nur vier Straßenbahnen in Mecklenburg und Vorpommern: Rostock (Stadt und

Strandbahn), Schwerin und Stralsund.

14 Vgl. Ostsee-Zeitung vom 14. Februar 2003.

15 Vgl. Christoph Parade, Bäder-Architektur und Tourismus, in: “Internationale Tagung”, a. a. O., S. 61 ff.

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