BOGART 17 (BeOurGuestARTist)

reinhard46

Das Gießener Mitmachmagazin für Creative
– Aktuelles und Zeitloses aus Kunst-Kultur-Comic

BE OUR GUEST, , ARTIST!

BOGART

Aktuelles elles und

Zeitloses aus Kunst, Kultur & Comic

FRANK MAESSIG:

"Ohne Herz

ist es keine Kunst"

ANDREAS REH

Moderne Fototechnik -

alte Studioverfahren

DAS GIESSENER

MITMACHMAGAZIN

FÜR CREATIVE

Nr. 17 - 2013 | Sept./Okt./Nov.

6. Jahrgang | € 3,90

© Andreas Reh (Physical Nightmare / 2008)

COMIC:

Fahrradmod Tobi Dahmen

auf 250. www-Etappe


Wadim Reis (2013) - Öl auf Leinwand, 70 x 90 cm

Auch als Postkarte oder

Giclée-Druck auf Leinwand

über BOGART erhältich.


INHALT EDITORIAL

KUNST – KULTUR

INSIDE BOGART: Rückblick · Einblick · Ausblick 4

FRANK MAESSIG: "Eikruell meets Likörelle"

6

SINGER/WOSILAT/WICKLEIN: "Madrina della Luce II" 8

ANDREAS REH: "Tabus zu brechen ist nicht mein Stil." 12

SAHIN CELIKTEN: Expressive Colortypien

14

3 STEPS: Trabi 601 S – Poster

16

SERIE: "115 Jahre Kino" (Folge 16/Schluss) 18

ANNA ISDATH: Die Brille davor

20

THE BATTLE OF THE DJs (3): Sasch beschallt worldwide 21

ARTBOOKs ON DEMAND: Backlist der BOGART-Edition 22

TASCHEN: Die Geschichte der Männermagazine 23

SCHIRN/STÄDEL: Street-Art Brazil vs. Piero Manzini 24

HERBST 2013: Gizmorians-3-Mon.-Kalendarium 25

– COMIC

FRANKFURTER BUCHMESSE: Faszination Comic 26

SUPERCHATTER (2): Law & Order in der Plockstraße 27

TOBI DAHMEN: Mit dem FAHRRADMOD durchs WWW 28

SERIE: Von Altamira nach Entenhausen (100 J. Comic) 29

HMK: Zeitungscomic als Spiegel von Zeitgeistern 30

Li'l Sushi goes Yokohama...: "Wocking Swordsman..." 32

BOGART

BeOurGuestARTist

Das Mitmachmagazin für Creative

Das Mitmachmagazin für Creative

mal ernsthaft

mal rätselhaft

mal augenzwinkernd

Redaktion, Gestaltung und Realisation:

Reinhard Müller-Rode

c/o MediaART-Werbung

Lonystraße 19, 35390 Gießen

Tel.: 06 41.9 84 54 51, email: r.mr@gmx.de

Mitarbeit:

Hans-Michael Kirstein,

Sascha A. Wanke, GIZMORIAN

www.gi-mix.de/bogart

Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Reinhard Müller-Rode

© 2012 für alle Beiträge liegt beim Verlag bzw. den Autoren; alle

Rechte vorbehalten. Die auf § 49 UrhG gestützte Übernahme

von Artikeln in gewerbliche Pressespiegel bedarf der vorherigen

schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Die nächste Ausgabe erscheint

am 1. Dezember 2013

Von Heinrich Will gemalt und gezeichnet – beinahe zermahlen und recycelt...

"Is' das Kunst, oder kann das weg?"

Unter diesem Programm-Titel bereicherte Mike Krüger (61)

zuletzt 2010 einmal mehr das örtliche Kulturgeschehen auf der

Bühne gegenüber der Kunsthalle. Dabei stellte der frisch aus

Quickborn in Hamburg-Tötensen angekommene Comedian

einige trennungs-schmerzige Umzugsgüter dem Publikum

entspechend zur Disposition. Sein Slogan ist seitdem in der

einschlägigen Szene selbst zur Kurzformel bei der Einschätzung

so manchen Machwerks geworden und ziert inwzischen

Poster, Frühstücksbrettchen oder Sticker.

Pfl ichtbewußtsein verführten vor zwei Jahren eine Puztfrau im Dortmunder

Museum Ostwall dazu, die Kippenberger-Installation „Wenn’s anfängt durch

die Decke zu tropfen“ zu zerstören. Sie hatte das kalkbeseelte Auffangbecken

des menschenhohen Holzplattenturms auf Hochglanz poliert: 800.000 Euro

wisch und weg. Die Originalität des fl eckigen Kunstwerks war unstrittig dahin.

Das Leitmotiv der documenta 2012 lautete »Collapse and Recovery«

(»Zusammenbruch und Wiederaufbau«). Die italienische Künstlerin Lara

Favaretto hat in Kassel einen riesigen Schrotthügel errichten lassen, auf

den die Besucher vorbei an halbverfallenen Lagerhallen, allerlei Gerümpel,

Verrostetes und Verrottetes eingestimmt wurden, um im kollabierenden

Gleisvorfeld der Altmetall-Installation ansichtig zu werden.

"Verschleudert mir mein Werk nicht!", sagte der vornehmlich in Gießen

wirkende Kunstmaler Heinrich Will (* 27. 8.1895, † 19.2.1943 im Gestapo-

Gefängnis Frankfurt-Preungesheim). Einen Großteil seines Nachlasses

"fi schten" JLU-Studenten, die Mitte der 80er in sein Treiser Geburtshaus

einzogen, aus dem Sperrmüllcontainer der Vormieter (nachgestellt im

Bild oben). Vom Oberhessischen Museum akribisch katalogisiert, fanden die

Landschaftsgemälde, Auftrags-Porträts und Aktstudien des Nazi-Opfers dann

angemessenen Einzug in das Buch über das Lebenswerk des Städelschul'-

Stipendiaten und Meisterschülers an der Wiener Akademie (s.a. BOGART

2), erfreuen weiterhin seine Sammler und werden sorgfältigst für mögliche

Ausstellungen verwaltet (s.a. gi-mix.de/heinrichwill).

Zu der noch bis zum Sonntag, 29. September im Staatsarchiv Hamburg

laufenden Ausstellung "Entdeckt und Bewahrt!" lädt Gießen- und

Bogart-Freundin Gora Jain (s.a. Ausgabe 9) als Vorsitzende des Forum für

Künstlernachlässe ein, das aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums einen

Querschnitt seiner Sammlung präsentiert. Das Symposium "Kulturgut in

Gefahr! Zukunftsfähige Konzepte für Künstlernachlässe." tagt am Samstag, 14.

September 2013 um 10 Uhr an gleicher Stätte.

“Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …” beginnen die letzten Verse in

Goethes Faust II, über die es im Beuys'schen Sinne nachzudenken gilt, dessen

Zersetzung seiner „Fettecke“ vom Künstler gewollt war.

Reinhard Müller-Rode

Bogart 3


4 Bogart

INSIDE

TRÄNE

Rinnend und glitzernd

Mit Licht veredelt

wird sie wahrhaftig

auf deiner Wange

Salzig und feucht

Spuren hinterlassend

scheint sie voller Scheu

auf deiner Wange

Fallend und tropfend

Dahingehend und zerstäubt

bleibt sie Vergangenheit

auf deiner Wange

Sascha A. Wanke

Mehr vom Autor zu lesen und zu hören

gibt es im 60seitigen Gedichtband

"Augenblicke" mit Zeichnungen

von Otti Wanke u.a. bei Amazon/5.95)

und auf Audio-CD für 5.95 direkt bei

autor-wanke@gmx.de.

Screenshots aus Videoproduktionen von Dirk Bartsch

(u.a. eingestellt bei YOUTUBE)

"Yesssssss! Eeeeendlich

mal wieder 'ne Platzierung!

3. Platz Fotowettbewerb

Thema "Feiertag", aktuelle

Ausgabe vom "Fotomagazin"

- Einbeinstativ von Giottos

gewonnen! Geht doch! ^^

Hoppla! Im Juli schon 3. Platz

im Fotomagazin gemacht

und diesen Monat schon

wieder Diesmal mit meinem

Lieblingsthema "Portrait".

...warte mal, heißt das, ich hab

jetzt zwei Giottos- Einbeinstative

gewonnen?", postete Rossi

hocherfreut auf FACEBOOK.

Das likte auch seine Community

vielstimmig!!! Foto: RMR

Omnipräsenz zeigt dieser

Tage der Gießener

Singer/Songwriter

ALEXANDER LIEBE im Hörfunk

und bei Liveautritten weit über die

Lokalgrenzen hinaus. Im konträren

Sinne seines rauchenden, fressenden,

saufenden "Gewohnheitstier" (...das

wohnt in Dir. Der Grund, warum Du

nichts auf die Reihe kriegst...) nimmt

der JLU-Lehramtsabsolvent (Politik,

Sport, Musik) solch tugendhaftes

"Laster" auch gern dauerhaft billigend

in Kauf...

Zum Erreichen des 3. Platzes mit

diesem Erfolgstitel bei ROCK-RADIO.

DE im Wahl-Lokal – einer monatlichen

Wertungssendung mit ausschließlich

deutschsprachigen Titeln – voteten

auch die BOGARTisten im Juni eifrig

mit. Danach gastierte er bei den

Berliner Machern dieser Plattform

auf deren ART.GERECHT ACOUSTIC

STAGE mit einem breiten Ausschnitt

seines Liedguts, nachdem der

gebürtige Thüringer zuvor nahezu 20

Auf einem Bein kann man nicht stehen...

Gießens "Paparossi" Christoferos Mechanidis in seinem Element: Bei "Fluss

mit Flair 2013" und mit prämierten FM-Lesershots zu FEIERTAG (l.) bzw.

SCHATTENSPIEL.

Das Mitmachmagazin


Minuten von Initiator Andreas Höhle zur "Person und Sache"

mit Herz und Schnauze interviewt wurde. Auf fl appsige

Wortwitzigkeiten über seine zweite Heimat ließ sich der Texter,

Komponist und Interpret von "Schönes Gießen" (...du siehst so

gut aus, so viele Sachen geh'n auf keine Kuhhaut.) nicht ein.

In dieser "reim-dich-oder-ich-fress-dich" intonierten Beschreibung

städtischer Attraktivitäten bleibt zumindest der Claim "...schöne

studier'nde Frau'n" unwidersprochen, während "das Haus

wo LIEBE draufsteht" als (s)ein ambivalentes Markenzeichen

inzwischen eher schamvoll als charmant aus dem urbanen Raum

verschwand (s.a. BOGART 3, 10).

Derzeit arbeitet Alexander Liebe im Studio zusammen mit

dem Produzenten Big G an seiner CD-Veröffentlichung. Ein

bedeutender Auftritt steht am 21. September um 20 Uhr in

Frankfurt an (Song Slam, Zoom Club, Brönnerstr. 5-9).

Im Vorjahr gründeten Alexander Liebe und Patricia Stasch

das Projekt HAUSGEMACHTES (s.a. BOGART 16), welches

hausgemachte Musik, Kunst, Poesie und Produkte fördern,

vorstellen und wertschätzen soll. Die Konzertreihe "Zeitlos um 7"

wurde bisher zweimal im Café Zeitlos in Giessen vorgestellt. Das

abwechslungsreiche Programm machte beide Veranstaltungen

zu einem großen Erfolg, der sich in der der neuen Reihe "Lazy

Sunday Afternoon-Open Stage" im Café Giramondi in Giessen

gleichwohl einstellte.

Mehr Infos, Termine und Verweise: alexanderliebe.com

für Creative

RUECKBLICK EINBLICK AUSBLICK

dem Seltersweg:

Passant: Ich habe Sie gestern im

KLIMBIM gesehen! – Schauspieler:

Und, wie war ich?

Auf

*Für Unkundige: Gießener Szenekneipe

7 Mimen auf

einen Streich:

Heiligabend fi ndet 2013 in Frankenbach schon am 7. Dezember

statt. Denn genau an diesem Vorweihnachstag spielt die

berühmte und auch verfi lmte Dickens-Erzählung von

dem legendären Geizhals Ebenezer Scrooge, die der Hamburger

Schauspieler Thorsten Schneider in einer szenischen Lesung seinen

Zu-Hörern/-Schauern im Bürgerhaus in einer modernen Interpretation

bescheren wird.

Hatte gebürtige Gießener im Vorjahr an gleicher Stätte das Publikum

mit "Der Hund von Baskerville" facettenreich in Atem gehalten, schlüpft

er auch diesmal gleich in die Rolle mehrerer Charaktere. So wird er

auch die als Geister erscheinenden

Wegbegleiter des habsüchtigen

Warenhausbesitzers, die ihn durch

seine Vergangenheit, Gegenwart

und Zukunft führen, wieder mit

vollem Körper- und Stimmeinsatz zu

teilnahmsvollen Leben erwecken.

Im Gegensatz zum Dagobert-

Duck'schen Urahnen spendet

Thorsten Schneider in Verbundenheit

zu seiner Heimatgemeinde den Erlös

diesmal der Diakoniestation Biebertal.

Foto: Birte Burgänger

Theatrales Fassaden-Ensemble

von Wadim Reis neu inszeniert

»AS YOU LIKE IT« lautet der Titel des

Ölgemäldes, das der Gießener Jungmaler

Wadim Reis als Hommage an das örtliche

Stadttheater geschaff en hat. Erstaunlich, dass

selbst "geschulte" Einheimische an seinem

Kunstpavillon bei "Fluss mit Flair" auf den

ersten Blick nicht erkannten, wo sie "diese

Visagen" schon mal gesehen hatten, die nur

ca. 30 Meter weiter ihr Mienenspiel mit ihnen

treiben.

Die inzwischen als Postkarten und

Leinwand-Reproduktion (30 cm x 40 cm)

stark nachgefragte Neuinszenierung der

allegorischen Darstellungen von Witz, Bosheit,

Hohn, Zorn, Lust, Satyr und Verachtung sind im

90 x 120 cm formatigen Original neu "gemischt",

und setzen in ihrer Farblegung z.B. der zornigen

Mimik noch eff ektvoll das spezifi sche ROT

drauf. Über die Versinnbildlichung höchsten

schauspielerischen Ausdrucksvermögens

thronen auf dem 1906 erbauten "Denkmal

Bürgerlichen Gemeinsinns“ Thalia, die Muse

des Lustspiels (l.) und Melpomene, Muse des

Trauerspiels.

Ein Blick hinter die Fassade des

"Dreispartenhaus" lohnt nicht minder, und

lässt das vielfältige Repertoire von Oper,

Musical und Operette, Schauspiel sowie

modernem Tanztheater hautnah miterleben.

Bogart 5

Foto: RMR


eikruell meets Likoerelle

Treff punkt Plockstraße: Beim Dauer-

Gastspiel von Udo Lindenberg in der

Gießener "Galerie am Dom" - hier vertreten

von Mitinhaber Michael M. Marks (r.) -

begegnete Frank Maessig seinem Musikerund

Malerkollegen auf Augenhöhe.

Foto: Reinhard Müller-Rode

Der signifi kante "Hut" ist beider

Markenzeichen: Frank trägt das

natürliche Haupthaar engelsgleich

in Altrocker-Manier, Udo drapiert den

von einer weiblichen Messerattacke

gescheitelten Schädel mit signifi kanter

Kopfbekleidung. Musikalisch stehen

sie bei ihren Auftritten an vorderster

Front der "immergrünen" OLDIES

bzw. des unvergänglichen Panik-

Orchesters. Während "unser" Local

Heroe (*1955) sein kunstmalerisches

Talent von Kindesbeinen an pfl egt und

sich auf vorwiegend schwarz-rot-goldene

Acrylporträts einlässt, berauschen die

u.a. mit Eierlikör gepinselten Lindianer

der "Nachtigall aus Billderbeck" (*1946)

erstmals seit 1996 die Öffentlichkeit –

aktuell im Berliner Maritim proArte.

Entspringen Lindenbergs "Schnapsideen"

größtenteils aus seinem Liedgut (u.a.

"Andrea Doria", "Sonderzug nach

Pankow", "Sie spielt Cello"), setzt

Frank Maessig seine Arbeiten keiner

vordergründigen Deutung aus, "Aber

deutlich sollten sie sein, denn Deutlichkeit

hat mit Wahrheit zu tun, nicht mit schnellem

Beifall".

So sieht der Gießener "Szene-Allrounder"

Hans-Michael Kirstein (Illustrator, Autor,

Laudator) das Wesen und Wirken des

musisch doppelt Begabten:

Das Mitmachmagazin


"I've got to get a Maessig to you..."

»Die hier abgebildeten mittelformatigen

Acrylgemälde stehen repräsentativ für das

Maessig'sche Oeuvre: abstrakte, deformierte

und verfremdete Gestalten und Gesichter bilden

die narrative Klammer in seinem Bildkosmos.

Naturalistisch-realistische Abbildungen sind

nicht das Ziel des Malers, sondern eine

hochexpressive "Veräusserlichung" emotionaler

und psychischer Befi ndlichkeiten. Zwar sind

die Portraits jeweils individualisiert, das

Einzelwesen erkennbar – der Künstler

überkontrastiert jedoch seine Physiognomien

mittels Farbwerten und gebrochener Konturen.

Die schwarz-rot-goldenen Farbgesten erzeugen

gleichsam "eingefrorene" Portraitmomente,

die Charaktere erscheinen verstört, fragend.

Eine komplexe innere Befi ndlichkeit tritt

nach dem malerischen "Zerstören" glatter

Oberfl ächenhaut hervor. Die aus forciert

aufgetragenen Farbgesten formulierten

Hintergründe unterstützen Maessigs

ikonographisches Wollen.

Die menschliche Gestalt, das gestalterisch

"verschlüsselte" Portrait und seine

Kommunikation mit dem Außen sind das

Anliegen des operativen Malers Frank Maessig.

Zusammen mit seiner anderen Seite, der des

Rockmusikers, erscheint er als

ein Universalkünstler, der treibende Beats

ebenso artikuliert wiefarb- und formstarke

Malszenarien.«

für Creative

"Ohne Herz ist es keine Kunst!"

(Leitmotiv von Frank Maessig on stage und im Atelier)

"Face To Face" ist eine facettenreiche Porträtlinie, die aktuell neun Motive umfasst und

weiter entwickelt werden wird. Die Formate sind zwischen 60 x 60 und 90 x70 cm auf

Leinwand/Acryl angelegt. Die Verkaufspreise - wie auch die der übrigen Werke - bewegen

sich im mittleren dreistelligen Bereich. - Maessigs Siebdrucke in limitierter Aufl age von 20

Exemplaren auf 70 x 50 cm (siehe links) sind inzwischen begehrte Sammlerobjekte und

zum Preis von 290,- erhältlich. Kontakt: FM, 35540 Linden, Heeggraben 1 (06403.776809)

"Meine Bilder zu betiteln überlasse ich gern der Interpretation des Betrachters!" / Acryl auf Leinwand (90 cm x 120 cm) 2012

Bogart 7


Markus Singer / Johannes Wosilat (Bilder) / Anna Maria Wicklein

„Facella -

Die Flamme“

8 Bogart

2. Kapitel

Das leichte Klicken ihrer Schuhe auf dem Pfl aster des Marktplatzes

deckte sich mit dem Geräusch des Auslösers der Kamera. Vida und

Amaranta bewegten sich im Freien grundsätzlich im Zentrum

einer hochaufl ösenden Linse. Es war ein trüber Morgen. Das

nasse Wetter betäubte Sinne und Gemüt. Noch war das kleine

Städchen Locarno nicht erwacht. Hier und dort gingen ein paar

wenige Gestalten sorgsam ihren Kleinigkeiten nach.

Sie maßen jedoch immer wieder mit unauff älligen Blicken die

Entfernung zu Vida und ihrer Tochter.

Vida konnte die Menschen verstehen: Wo sie war, war das

DIS, der NDB oder die Interna. Hinter verspiegelten Scheiben

oder aus dem Inneren abgedunkelter Räume lauerten die

Augen des Geheimdienstes. Gestalten, die sie spürte, die aber

verschwunden waren, wenn man den Blick nach ihnen richtete,

lauerten, lauerten Tag ein Tag aus, lauerten auf irgendetwas

von dem sie selbst nicht wussten, was es war. Innerlich machte

es Vida rasend. Nur innerlich, denn Hass wollte Vida von

ihrer Tochter fernhalten. In ihrer Vorstellung drang dieser als

unsichtbarer, mikroskopisch feiner Dunst aus allen Poren des

Erzeugers und konnte anstecken wie eine Krankheit. In ihrer

Umgebung war jeder infi ziert. Amaranta lief zum Schulhaus und

verschwand darin. Vida sah ihr nach.

Minutenlang blieb sie mitten im Eingang, vor dem großen

Eisentor zum Hof der Schule, stehen: Im Auge ihrer stillen

Begleiter. Sie verachtete diese Leute bis aufs Blut, für ihre

Tatenlosigkeit. Heute aber würden sie etwas zu tun bekommen...

Der ganze Raum, alle sichtbare Umgebung, war überzogen

von einem Gewächs aus dicken, unnachgiebigen Ranken. Sie

schlängelten sich durch verfallenen Flure und halb zerbröckelte,

steinerne Wendeltreppen hinauf. Viele Wände waren

durchschlagen. Reste von Asche und Verkohltem erzählten

von den Feuern der Wegelagerer und Obdachlosen. Der Wind

zog den Geruch von Urin und Exkrementen durch das Gerippe

des schwindsüchtigen Gebildes. Außerhalb lagen majestätisch

der See und seine Hänge. Sie waren das einzig Schöne dieses

Ortes, durch das Netz aus Ranken dennoch nur schemenhaft zu

erkennen.

Man brachte Vida herein und setzte sie an einen Tisch. Jemand

wartete außerhalb des Raums im Flur, ein Weiterer stand in der

Ecke hinter Vida, der Dritte in ihrem Rücken. Keine Gesichter nur

Stimmen. Eine Hand im Nacken verbot ihr den Kopf zu drehen.

Zunächst wehrten sich Vidas Muskeln, dann entspannte sie

und die Hand löste ihren Griff . Um ihre Neugier machten die

Unsichtbaren kein Geheimnis. In der Manier, die ihrem Schlag

üblich war, kamen die Fragen trocken und scharf.

Vida antwortete in gleicher Weise. Die Geheimdienstler witterten

wie die Bluthunde, suchten nach den feinsten Anzeichen einer

Schwäche. Wenn nicht Vidas Stimme log, so vielleicht ihr Körper?

Nein. Weder noch. Dann war alles gesagt. Unter den Sohlen des

direkt hinter ihr Stehenden knackte das Wurzelwerk. Die gleichen

Geräusche kamen von der Ecke her. Die Schritte verließen den

Raum. Der Mann im Flur blieb auf Posten. Vida saß vor dem Tisch

und verdrängte unheilvolle Gedanken.

Erst jetzt bemerkte sie, dass der Tisch nicht in die Umgebung

passte. Unberührt von Ranken stand er da. Vorsichtig neigte sie

den Kopf: Auch der Stuhl war nicht von hier. Beide hatte man

kurz vor ihrem Eintreff en aufgestellt. Plötzlich war da Angst.

Bisher hatte die Außergewöhnlichkeit der Situation die Angst

unterdrückt. Die Mutter war getragen worden vom herrlichsten

und seltensten Gefühl dieser Welt: Selbstwertgefühl. Endlich

tat sie etwas! Wut, Hass und Angst führten endlich zu etwas!

Hatten sie hierher geführt. Aber Tisch und Stuhl nahmen mit

einem Mal das Außergewöhnliche fort. Übrig blieb die geringe

Wahrscheinlichkeit zu überleben.

Die Gewöhnlichkeit ihrer Situation drehte Vida den Magen um.

Vielleicht war es besser... Unter Sohlen knackten Steinchen und

Teil 2

Madrina Della Luce

Wurzeln. Nur einer der Männer betrat den Raum. Vor sie stellte

er einen Flakon, gefüllt mit einer Flüssigkeit, die man für Parfüm

hätte halten können. Der Plan wurde vor ihr ausgelegt, dann das

Übliche: Die Arbeitgeberbedingungen ohne das Kleingedruckte.

Danach ließ man Vida alleine. Auch der Mann im Flur verließ

seinen Posten. Da stand sie nun, vor sich auf dem Tisch der Flakon.

Ein Schlüssel zu zwei Türen. Eine nur führte in die Zukunft...

Vida war lange gefahren, vielleicht Stunden. Niemand hatte

je mit ihr gebetet. Vor der alten Kirche fühlte sie sich fehl

am Platz. Diese lag inmitten eines Bergdorfes. Die schwere

Eingangstür war einen Spalt weit geöff net. Mit Vida herein drang

heißer Wind. Letzte Worte hallten durch die Stille des kühlen

Mittelschiff s. Ein paar alte Frauen, die bis gerade im Gespräch

vertieft gewesen waren, sahen sie an. Zwar wunderte man sich,

aber war jemandem danach mit “Signore” zu sprechen, zeigte

man Respekt. Ohne das gütige Willkommen in den Augen der

Alten, hätte Vida die Kirche auf der Stelle verlassen. Allein die

Tatsache, dass diese sie vorbehaltlos einluden, sie, die Fremde,

die Unpassende, vermochte sie zu halten. Vor dem Altar mit den

brennenden Kerzen wirkte Vida verloren aber eine der Frauen

machte sie mit den Gepfl ogenheiten vertraut.

Bodenlose Wurzeln, sie verkümmern;

so, haltlos junge Seelen, sich zertrümmern.

Fester Boden, wahre Lehren,

und wir sollen euer Alter ehren.

Vida hielt eine Kerze. Die Flamme zuckte und wandt sich, wollte

vom Docht loskommen, als habe sie begriff en, dass an seinem

Ende, sie erlöschen würde. Vida bat um Vergebung für das Leben,

dass sie genommen hatte. Es geschah während der Zeit ihrer

Schwangerschaft. Eine junge Frau, ein Mädchen noch, schoss

auf Vida. Der Angreiferin wurden die Glieder gebrochen. Hass

und Flüche für Vida und ihr Ungeborenes schlugen ihr über die

Lippen. Zweifelsohne hatte ein Seelchen von solch geringem

Das Mitmachmagazin


Alter einen nachvollziehbaren Grund für die Tat gehabt: Dass Vida

nicht Neros Nachfolger, sondern seine Tochter in sich trug, wusste

das Mädchen nicht. Aber die Flüche, die sie auf das Ungeborene

sprach, kosteten ihr das Leben. Vida sah sich selbst die Waff e

nehmen und auf das Mädchen feuern. Ohne, dass sie es gewollt

hatte, zierte Vidas Gesicht danach ein schiefes Lächeln. Jetzt, hier

in der Kirche, bat sie um Vergebung, bat darum einem anderen

Mädchen, Amaranta, ihrer Tochter, ein gutes Leben schenken zu

dürfen.

Später am Tag standen sie und Amaranta vor dem Haupteingang

der Villa Accardo. Die Wachen überprüften sorgsam alles

Mitgeführte, auch den Parfümfl akon. Sie stellten ihre Fragen und

man ließ passieren. Nuance um Nuance wurde das Licht aus dem

Haus gesogen. Der nächtliche Himmelskörper war bereits in das

dunkelblaue Firmament gezeichnet. Die Mutter saß am Bett ihrer

Tochter, bis die Müdigkeit die kleinen Augen schloss.

Dann hob sie Amaranta samt Decke aus dem Bett, trug sie zwei

Zimmer weiter und legte den schlafenden Körper auf ein Sofa

nieder. Für einen Moment dachte Vida, sie habe die Tochter

in deren Sarg gelegt. Vidas Fingernägel bohrten sich in ihren

Handrücken. In der Küche bereitete sie ein Tablett mit Sekt

und Gläsern. In eines der Gläser goss sie etwas vom Inhalt des

Flakons.

Unten wurde die Haustüre aufgestoßen: Nero trat ein. Vida

empfi ng ihn in Amarantas Kinderzimmer, auf deren Bett sie

sich anbieten musste. Damals hatte Nero Vidas Mutter Caprice

verführt, dann hatte er Vida genommen und dies hier war nur

ein Kompromiss auf Zeit. Er ließ sich von Vida auskleiden und

betrachten, atmete langsam und tief.

Ihr Gesicht blieb regungslos. Zu regungslos, dachte sie. Plötzlich

Angst! Hatte sie sich verraten? Alles, was sie tun konnte, war in

dem seinen zu lesen und auch das konnte ein Fehler sein. Sie griff

zum Tablett mit den Sektgläsern. Sein abschätziger Blick traf sie.

Er griff ungeduldig zum Glas, setzte an und trank.

Auf einmal herrschte Leere. Sie befand sich in einem Zustand

reinen Wahrnehmens. Etwas Sekt lief an seinem Mundwinkel

herab. Der Rest fl oss über die Lippen hinab in die Kehle. Die

Bewegungen am Hals bedeuteten, dass er schluckte. Da setzte

er ab und spuckte, was im Mund war, aus. Ungehalten fuhr er

sie an.

Der Sekt schmeckte nicht. In Neros Augen stieg der Zorn, aber

nichts davon zählte: Er hatte das falsche Glas gegriff en. Sie

glaubte die Kontrolle zu verlieren. Dann griff Nero das Glas mit

dem Gift. Aus der Leere in ihr wurde Feuer. Er hielt es vor Vidas

Gesicht: Er hatte Schlechtes gekostet, er würde sie zwingen, es

ihm gleichzutun. Verweigerte sie, beleidigte sie ihn. Nero würde

sie durchschauen und sein Jähzorn würde ihr das Leben kosten.

Trank sie, war sie tot. Sie nahm das Glas an und führte es zum

Mund.

Zwei Zimmer weiter schlief ihre Tochter, die sie heute Nacht zum

letzten Mal ins Bett gebracht hatte. Vor ihrem inneren Auge

erschien Vida das Mädchen, das sie getötet hatte. Die Kugel war

unterhalb des Rippenbogens eingeschlagen. Sterbend saß das

junge Geschöpf gegen eine Stoßstange gelehnt und Blut sickerte

ihr literweise aus dem Rücken. Die Männer standen herum und

verfolgten das Geschehen bereits mit Gleichgültigkeit. Die Flüche

aus dem Mund des Mädchens schwanden zu einem Flüstern.

Einer der Männer hielt den Kopf näher heran. Ihr Gehirn setzte

langsam aus und sie faselte. Er sagte etwas, die Anderen lachten.

In dieser Nacht verwirkte Vida das Recht, ihre Tochter zu retten.

Sie kippte das Glas.

Das Mädchen rief sie in ihre Erinnerung zurück. Außer Hass lag

noch etwas Anderes in den sterbenden Augen. Damals erkannte

Vida nichts, aber bald würde sie begreifen. Das Flüstern des

Mädchens versiegte. Ein paar Mal noch bewegten sich die

Kurzroman in 4 Folgen: Madrina Della Luce Taufpatin des Lichts (1I)

Lippen, dann wich ihr das Licht aus den Augen und ihr Kopf

klappte nach hinten. Im erstarrten Ausdruck des toten Gesichts

sah Vida es: Dieses Andere war Mitleid gewesen.

Etwas fegte das innere Feuer zum Teufel und Vida, zurück im

Kinderzimmer, legte selbst den Kopf nach hinten. Der Sekt

rieselte aus dem Glas auf die Haut, rann zwischen ihren Brüsten

hindurch, und bahnte sich den Weg zu ihren Beinen. Nero packte

ihren Körper und saugte allen Sekt auf. Da hielt er inne, stemmte

die Stirn in ihren Bauch. Vida blickte herab auf seinen Schädel,

spürte seinen Atem. Ganz zart umspielte dieser ihre Haut. Sein

Griff schmolz zu einer festen Berührung. Seine Hände fl ossen an

ihren straff en, weichen Flanken hinab. Vida legte den Kopf in den

für Creative Bogart 9


Madrina Della Luce Taufpatin des Lichts (1I)

Nacken und gab sich dem Genuss hin.

Neros Lippen glitten tiefer...und...tiefer. Seine Zähne bissen

immer wieder zärtlich in ihre Haut. Sein Kinn kam auf dem Bett

zum Erliegen, ihre Schenkel hielten sein Gesicht. Sein Atmen war

heiß aber sanft.

Vida packte Nero bei den Haaren und reckte seinen Kopf nach

hinten. Seine Züge waren entspannt, seine matt gewordenen

Augen aber hervorgequollen und zum Bersten weit aufgerissen.

In ihnen wuchs das Schwarze. Sie schob ihn ohne Mühe zurück.

Geschmeidig glitt er auf den Boden und ermattete.

Sie stand auf und ging zum Morgenstern an der Wand. Der Mann

konnte sein Gesicht rücklings im großen Spiegel neben der Türe

sehen. Seine Welt stand Kopf. Etwas formte seine Lippen zum

Anfl ug eines schiefen Lächelns. Was er im Spiegel sah, erinnerte

ihn an Callisto Reale, an Zorn, an Tollwut. Ihre beiden Gesichter

zierte vor dem Tod dies schiefe Lächeln. Aber das Lächeln selbst

gehörte einem Anderen. Das begriff Nero jetzt. Das Lächeln

gehörte dem, der auf den Neros und Reales dieser Welt spielt, sie

ausnutzt, zu einem einzigen Zweck: Belustigung.

Es war ein Lächeln des Abschieds und eines der Begrüßung. Denn

der Lächelnde liebte das Spiel zu sehr, als es hier zu beenden.

Markus Singer

Dipl. Mediendesigner

Seine Welt ist Wort, ist Bild - ist Story.

Den Bachelor of Arts erwarb er 2009 an der Lazi Akademie in

Esslingen am Neckar mit dem Schwerpunkt „Schreiben für den

Film“. Im Anschluss folgte 2010 das weiterführende Studium an

der Interspherial Drehbuchschule in Stuttgart.

Als freiberufl icher Texter und Autor fi ndet er Story in der

Dramatik wie der Lyrik. „Story ist, was uns zu den Menschen

macht, die wir sind. Story ist Kraft.“ Selbsterklärtes Ziel des

jungen Autors ist es ganz nah an diese Kraft zu kommen, dort zu

sein – dort zu arbeiten.

10 Bogart

Stets in Andern er das Schlechte wittert, sein

Schlechtes schon vor Lachen zittert;

blickt nicht unter seinen Schopf,

denn der Teufel sitzt im blinden Kopf.

Jetzt liegt er fl ehend,

erst Todes Spiegel macht ihn sehend.

Vida trat zu Nero. Neben ihm pendelte der eiserne Kopf des

Morgensterns. Ihre Knöchel traten weiß hervor. Im Geiste

schwang sie die Waff e. Der Morgenstern brach die Schädeldecke

ein und sank tief, indem er einen Krater schlug, wo das Gesicht

gewesen war. Die Gewalt des Schlags zog die Haut über die

Bruchstellen der Schädelplatte und zeigte Knochen. Neros

schwarze Augen platzten auf, das glasige Innere vermengte

sich mit Blut. Seine Zähne schnitten ihm die Lippen in Fetzen,

zersplitterten im Mundraum und bohrten sich ins Rachenfl eisch.

Diesmal schlich das schiefe Lächeln unbemerkt auf das Gesicht

der jungen Mutter, aber dann dachte sie an ihre Tochter. Der

Mann sah zu ihr auf. Ganz sacht schwang sie den Morgenstern.

Er tippte kaum merklich an den Schädel und des Mannes Seele

fuhr ihm aus und hinab.

Forsetzung folgt in BOGART 18 (1.12.13)

Johannes Wosilat

Dipl. Fotodesigner

„Don‘t think... feel!“

Seit 2008 positioniert Johannes Wosilat Serien wie Einzelwerke

in den Segmenten Werbung, Fashion und People. Leidenschaft

und Innovation verbinden Licht, Mode und Mensch durch

einwandfreies Handwerk, Einfühlungsvermögen und Liebe zum

Detail.

Den Bachelor als Fotodesigner erwarb er 2010 und bestand mit

der „Auszeichnung für hohen Standard“. Kreation nimmt ihren

Anfang in Emotion. Diese Wahrheit schaff t das Credo, welches

seinen Arbeiten voransteht: „Don‘t think... feel!“

Impressum

©2011

Herausgeber:

Johannes Wosilat, Markus Singer, Anna Maria Wicklein

Autor:

Markus Singer (markus.singer@live.de)

Fotografi e + Bildbearbeitung:

Johannes Wosilat (www.wosilat.de)

Gestaltung:

Anna Maria Wicklein (www.herzblut-studio.de)

Models:

Vida Ylenia Scorrano (Mutter): Elena Beser

Amaranta Vida Caprice (Kind): Sophie Alexandra Beser

Copyright:

Alle Rechte vorbehalten.

Das Buch oder Teile dieses Textes dürfen ohne die schriftliche Genehmigung

der Herausgeber nicht vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder in

irgendeiner Form übertragen werden.

Anna Maria Wicklein

Dipl. Designerin

(Fotografi e + Bildbearbeitung /Gestaltung des Buches)

Nach einer Ausbildung als Mediengestalterin und darauf

folgendem Studium erwarb Anna Wicklein den Bachelor in

Kommunikations- und Grafi kdesign 2011 an der Lazi Akademie

in Esslingen mit einer „Auszeichnung für Bestleistungen und

Hohen Standard“. Sie arbeitet als Grafi k Designerin in einer

Agentur für Markeninszenierung und Markenkommunikation

und ist nebenher freiberufl ich tätig. – Für sie ist Werbung nicht

einfach nur Gestalten, sondern das bewusste Beeinfl ussen der

unbewussten Gefühle und Gedanken der Menschen.

Das Mitmachmagazin


für Creative Bogart 11


ANDREAS REH: „TABUS ZU BRECHEN IST NICHT MEIN STIL“

"Man kann atemberaubende Akte genauso gut mit dem Handy

oder einer Einwegkamera fotografi eren. "Model, Location,

Licht, die eigene Sichtweise, all das ist wichtiger als das

Aufnahmemedium", macht Andreas Reh einer so hantierenden

Community Mut, dessen hohe

Qualitätsansprüche auch seine jüngst

aus den USA importierte großformatige

Korona Pictorial View 8x10" Holzkamera,

(Bj 1926) dokumentiert.

"Sie ist leicht, kompakt, mobil und wie

geschaffen für die Outdoorfotografie.

Meine geliebte Century Studio 4a ist

aufgrund ihres enormen Gewichtes

dem Studioeinsatz vorbehalten und konkurriert nun mit der

London Stereoscopic Co. LTD Kamera aus dem Jahre 1889

(kl. Bild oben) für die Kollodium-Nassplattenfotografie".

"Perfektion und Spontanität, planen und „laufen lassen“,

moderne Technik und der Zauber alter Verfahren – zwischen

diesen Polen bewegt sich Andreas Rehs Kunst. Wenn Sie wissen

wollen, was eine Cyanotypie ist, fragen Sie ihn einfach. Auch

12 Bogart

Freedom /2009

mit Kollodium-Nassplattentechnik* und Infrarot-Fotografie

kennt er sich aus. Und wenn er nicht gerade alternative

Wege zu spannenden Bildern beschreitet, fotografiert er

hin und wieder auch auf ganz gewöhnliche Weise, und

zwar am liebsten Akt", leitet das Fachmagazin PICTURES im

Sonderheft Akt-Fotografie 01/2013 ein vierseitiges Portfolio

über den 48jährigen freiberuflichen Gießener Lichtbildner

ein. Das vornehme GENTLEMAN-Magazin (Winter 11/12)

widmete ihm gar eine 16-seitige Bilderstrecke.

„Ich selbst setze mir bei der künstlerischen Tätigkeit keine

Grenzen, um mich in meiner Kreativität nicht einzuschränken.

Aber es gibt sehr wichtige Regeln bei allem was ich tue: Seele

und Wille aller Beteiligten sollten keinem Zwang unterliegen.

Tabus zu brechen ist nicht mein Stil.“ – Und das spiegeln die

hier gezeigten Illuminationen grandios wider.

mail@andreasreh.de – www.andreasreh.de

*Einblick in die Dunkelkammerarbeit von Andreas Reh mit dem Kollodium-

Nassplattenverfahren gewährt sein Video auf der Website.

Mitmachmagazin


Sculptural Nude /2011

Froschkönig (2007 / Gail´scher Park, Biebertal) Vanish Girl (Kollodium auf Glas, 18 cm x 24 cm / 2012)

Between The Borders (Infrarot / 2006)

Hide (Cyanotypie auf Stoff, 40 cm x 50cm / 2011)

für Creative Bogart 13


14 Bogart

www.sahincelikten.com

"Erst wenn ich

das Bild vor

Augen habe,

wenn es in meinem

Kopf verankert

ist, beginn ich zu malen."

In seinen Arbeiten kombiniert Sahin

Celikten eine fauvig-fl ächige Farbdramaturgie

mit einer stilisierten

realistischen Behandlung der Bildgegenstände.

Der erste fl üchtige Blick

suggeriert eine fast fotorealistische

Auffassung der malerischen Niederschrift.

Dann aber offenbart die nahe

Betrachtung der Bilder ein überraschendes

Fazit: das ursprüngliche

Foto, das Bildinhalt und Komposition

festlegt, wird mit raffi niertem Farbeinsatz

"manipuliert". Mit intendierter

Doppelbödigkeit unterläuft der Maler

Celikten die scheinbare Objektivität

der Fotografi e und fügt mit pastos

wuchtigem Farbauftrag der Abbildung

ein verstörende (Mal-)Dimension

hinzu.

Die Basis seiner Motive bilden Familie

und Freunde als auch - wie hier erkennbar

- typische Gießener Winkel.

Die großformatigen Artwork sind auf

Metallplatten aufgezogenen und entfalten

so erst ihre wahre künstlerische

Ausdruckskraft.

Hans-Michael Kirstein

Vernissage: 7.9. (11-16 h) – 5.10.13

Frankfurt

galerie am dom (Fahrgasse 22)

(do: 14-18; fr: 13-18, sa: 11-15 Uhr


In der Kunstszene ist Sahin Celikten bestens aufgenommen

(mr) Was mögen die ordnungspolitischen Kräfte hierorts wohl heute denken,

wenn ein damals 12jähriger Gießener Pestalozzischüler nach zehnjährigem

Aufenthalt "in diesem unserem Lande"

mit seiner Mutter in die fremde Heimat

(Diyarbakir/Türkei) abgeschoben wird

und ein weiteres Jahrzehnt später als Erasmus-Stipendiat

einen zwischenzeitlich gefördeten

Auslandsstudienplatz ausgerechnet

an der Justus-Liebig-Universität wählte

(2010/11)? Heimweh? Back to the roots,

die sich kindlich gerade entfaltetet hatten

und einfach "umgetopft" wurden?

Als Wanderer zwischen den Welten will

der heute 25jährige Kurde sicher nicht gelten.

Als bildnerisches Talent hat der examinierte

Kunstpädagoge (Bachelor 2012 an

der Marmara Universität Istanbul; Masters

2013 an der JLU) zumindest eine wohlbefi

ndliche "Wahlheimat" in seinem creativen

Schaffen gefunden und der damit einher

gehenden Wissensvermittlung gefunden.

Seine Gemeinschaftsausstellungen "hüben

und drüben" sowie aktuell ein Lehrauftrag

"Porträtzeichnen" an der Volkshochschule

Gießen werden mit größtem Respekt

aufgenommen. Offene Arme empfi ngen

Sahin Celikten gleichwohl in der "Galerie

am Dom", die ihm in ihrem Frankfurter

Haus seine erste Einzelausstellung widmete.

für Creative

EXPRESSIVE COLORTYPIEN

Bogart 15


3Steps Trabi 601 S

Präsentation am Tag der Deutschen Einheit

3. Oktober 2012, Rathaus der Stadt Gießen

© 3Steps.de | Poster-Layout by Bogart


© Reinhard Müller-Rode

18 Bogart

CINEMA

115 Jahre Kino

Ein Streifzug durch die

Filmgeschichte (16/Ende)

So schloß Teil 15:

fokussiert von

Hans-Michael Kirstein

Stand der "Neue Deutsche Film" und die mal

hintersinnig-subtile, mal düster-kraftvolle Beschreibung

menschlichen Mit- und Gegeneinanders

skandischer Leinwandproduktionen

zuletzt auf dem Programm, waren "Ost und

West" nicht minder cineastisch schaffensfroh.

Der mißtrauische Zeitgeist der Frühsiebziger

(Vietnam, Nixon-Watergate-Affäre) stimulierte

auch ambitionierte Genretechniker

zu Höchstleistungen: William Friedkin schuf

mit French Connection 1971 den Archetypus

des düster-sozialkritischen "Cop"-Films.

John Frankenheimer drehte 1974 die nicht

minder schmuckstückhafte Fortsetzung.

Gene Hackmann (1930) gab in einer Lebensrolle

einen monomanischen, psychisch

defekten Polizisten im Kampf gegen sozial

avancierte Dealer.

Diese Art fi lmischen Zeitspiegels sorgte

dann im Fernsehen für eine Fülle atmosphärisch

ähnlich gelagerten Serienmaterials:

James Garner (1929) spielte den oft gebeutelten,

dennoch schalkhaften Private Eye

Jim Rockford (1974-81) im Dschungel kalifornischer

Großstädte. Der harte Zyniker mit

dem philanthropischen Gemüt Theo Kojak

agierte mit seinem Team im multi-ethnischen

Schmelztiegel von Manhattan (1973-79).

Der scheinbar rauhe Cop wurde zur Paraderolle

für den studierten Psychologen

Aristoteteles "Telly" Savalas (1924-94).

Ein Spezifi kum war der Schauspieler und

Regisseur John Cassavetes (1929-89). Er

Laz Arus vs. John Cleese:

THE BOGEY WALK

(mr) Unter diesem unserem Magazin entlehnten

Nickname – gleichzeitig als "Nachschlag über Par" beim

Einlochen bekannt – hat der Gießener Kunstgolfer

Laz Arus in Monty Pythons "Ministry Of Silly Walks"

seinen akrobatischen Spring&Swing-Gang registriert.

Platzreife konnte L.A. damit auf den heimischen Parcours

noch nicht erreichen und trainiert eifrig in abgeschirmten

Vorhöfen an seinem zweifelsfreien Handicap, um

zumindest auf Minigolf-Anlagen einmal öffentlich zum

artistischen Rund-um-Schlag ansetzen zu können...

selbst wenn er wieder mal im "Bunker" landet!

drehte eigenfi nanzierte Filme in eher "europäisch"

unüberzeichneter Manier (= Neorealismus,

"NouveIle Vague"). Seine Sujets

waren aus dem Umfeld sich defi nierende

Charaktererentwicklungen (z.B. A Woman

Under Infl uence, 1974).

"Mein Name ist Bond,

James Bond"

In Großbritannien fand sich in den letzten

Jahrzehnten eine gewichtige Garde stilstrenger

Filmemacher: Tony Richardson

(1928) und Karel Reisz (1926) setzten sich,

beeinfl ußt vom zeitgenössischen Theater

(Osborne, Pinter) mit aktuellen Themen wie

Arbeitswelt und Generationskonfl ikten auseinander.

Das Wirken Joseph Loseys (1909-84)

ging in die gleiche Richtung (The Servant,

1963, oder The Go-Between, 1971). Dem

kommerzielleren Bereich entsprangen die

kaltschnäuzig-militanten, dennoch Ironie

durchwirkten Filme um den machohaften

Topagenten 007 James Bond (ab 1962),

und die Firma Hammer revitalisierte das

darbende Horrorgenre mit wohlkalkulierten

Schocks und Stars wie Christopher Lee und

Peter Cushing.

Richard Lester (1932) ist dagegen der furioseste

fi lmische Adept des komödiantischzeitgeistigen

Beatfi lms. Narrativ spitz und

pointenselig, technisch unkonventionell

("Jump cuts", Wechsel der Filmgeschwindigkeiten)

wird Lester mit Werken wie A Hard

Day's Night (1964) und Help (1965) zum

inszenatorischen Vorläufer der Werbespotund

Videoclip-Ästhetik. Aber auch eher subtile

Milieustudien der "swinging sixties" wie

bei "The Knack" (1965) oder Petulia (1967)

sind seine Sache. Frappierende Eigenwilligkeit

kennzeichnen die assoziationsstarken

Werke von Terry Gilliam (1940). Der ehemalige

Cartoonist und und Mitglied der

Nonsense-Truppe "Monty Python" entwarf

gerade in der SF-Satire Brazil (1984) ein

süffi santes Bild- und Montagefeuerwerk – es

schien, als hätten die bösen Zwillingsbrüder

von Huxley, Kafka und Orwell am Drehbuch

mitgeschrieben.

Die achtziger und neunziger Jahre bedeuten

für den amerikanischen Film weniger

die Potenzierung echter erzählerischer Kreativität.

Im Vordergrund stehen vielmehr das

Aufpolieren und Recyclen alter Konfl iktmuster

und Topoi. Diese werden mehr oder minder

geschickt und souverän gewendet und

mit neuzeitlicher High Technology (computergenerierte

Effekte) aufgemotzt. Natürlich

führte dies zu einem Boom von SF- und hybriden

Actionfi lmen. Beispiele: die Alien-,

Die Hard-, Indiana Jones-, Predator-, Robocop

und Star Trek-Reihen.

Derartiges fi lmisches Tun hatte dann das

Erscheinen neuer Leinwandstars zur Folge,

wie etwa des ehemaligen Bodybuilders

Arnold Schwarzenegger (1947). Dieser

krachlederne, sich mimisch vor allem durch

sein nach vorne geschobenes Nußknackerkinn

defi nierende Filmbollermann wurde

dennoch durch Filme wie Terminator1

(1984), Total Recall (1990) oder den Ironie

suggerierenden The Last Action Hero

(1993) zum Idol der Fitness-Studio- und Fungeneration

(zusammen mit dem nationalen

Wiederaufrüster "Rocky/Rambo" Sylvester

Stallone [1946]).

Diese Entwicklungen lassen sich unter anderem

an zwei Regie- und Produzentenpersönlichkeiten

festmachen: George Lucas

(1945) und Steven Spielberg (1947). Beide

huldigen in ihren Werken amerikanischen

Filmserials der 30er und den entsprechenden

klassischen Comicinkunabeln. Lucas

besitzt dann mit seiner Firma "Industrial

Light and Magic" das "Laboratorium" für

computertechnologisch erzeugte Filmtricks

schlechthin. Seine Hauptfi lme sind die "Star

Wars"-Trilogie (1977/1983).

Das Mitmachmagazin


Spielberg schuf mit dem kafkaesken Thriller

Duell (1971) eine verstörende Einheit und

mit Sugarland Express (1974) ein Amerikanismen

kritisierendes "Road movie";

mit der humorgefederten Abeneuertrilogie

Indiana Jones (1980/1988) lieferte er jedoch

durchsichtig kalkulierte, zitathafte

"Achterbahnfahrten". Mit dem spekulativen

Dinosourierschwank Jurassic Park (1992)

verband er dosierten Grusel mit vager Zivilisationskritik

und in der gutgemeinten Apotheose

des ambivalenten, letztendlich philosemitischen

deutschen Kaufmanns Oskar

Schindler (Schindler's List, 1994), versuchte

sich Spielberg als Autor und Filmästhet.

Das Ergebnis: Ein brachiales stilistisches

Patchwork, ausgefi ltert aus einhundertjahren

Kinematogrophie, aus unzähligen theoretischen

wie praktizierten Varianten fi lmsprachlichen

Einlassens ...

Ein fi lmischer Baukosten-Desperado

wird zum kommerziell erfolgreichsten

Regisseur: Steven Spielberg

Final gesehen bleibt Spielberg ein kalter

und unorigineller Monteur von vielerlei

Versatzstücken mit bereits durchgetesteten

Gebrauchswerten. Aber vielleicht ist dies

sein spezifi scher Beitrag zur Filmgeschichte,

die auch noch Exponenten vom Schlage

eines Oliver Stone (1948) verkraften muß.

Dieser meint, in formalästhetisch aufgeplusterten

Epen besonders nahe dran an

analytischer Wirklichkeitsdurchdringung

zu sein. Weder der mit ausladender Geste

inszenierte JFK (1991 - eine reißerische

Spekulation über den Kennedymord, auf

dem Report eines Staatsanwalts basierend)

noch die vorgebliche Mediensatire Natural

Born Killers (1994 - über ein Killerpärchen)

vermögen zu überzeugen; ungleich konsequenter

und stringenter erfaßt die belgische

Mediensatire C'est arrivez prè de

chez nous - Mann beißt Hund (1992 von

für Creative

30. Geburtstag: »Monty Python – Der Sinn des Lebens«

In sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen… die Jungs von Monty Python brauchen nur

neunzig Minuten, um sie komplett auseinanderzunehmen. Die Chaostruppe Monty Python

präsentiert ihr wohl schrillstes Abenteuer! In diesem Kultfilm der 80er Jahre wenden sich

die sechs verrückten Pythons, wie immer überaus witzig und respektlos, den zentralen

Themen des menschlichen Daseins zu: dem Wunder der Geburt, dem Krieg und dem Leben

nach dem Tod. Dem abgründigen Humor der sechs Briten ist nichts heilig. Der Kult-Klassiker

des skurrilen britischen Humors erstmals auf Blu-ray mit dem neuen, einstündigen

Bonusfeature „Die Bedeutung von Monty Python: ein Treffen zum 30. Geburtstag“!

Belvaux/Bonzel/Poelvoorde) die Mentalität

der Sensationsmache! Genußvoll und

stilistisch unbeherrscht beutet Stone - nach

einem Drehbuch von Quentin Tarantino -

aus, was er zu kritisieren vorgibt.

Allerdings zeigt das zeitgenössische Hollywood

mit der hochintelligenten Todesstrafendiskussion

Dead Man Walking (1995)

des geistvollen Tim Robbins (1958), oder

mit der melancholischen Outsiderstory über

einen verkommenen Autor und eine Hure,

Leaving Las Vegas (1995 von Mike Figgis realisiert),

Momente der aufrichtig hingebenden

Charakterbeschreibung und der subtilen

Ausleuchtung von Lebensumständen.

Auch hat sich Ende 1900 ein spezifi sch

"schwarzes" Kino herauskristallisiert. Die

Filme reichen von Spike Lees vorzüglicher

Komödie She's Gotta Have It (1986

- eine emanzipierte Farbige dominiert ihre

diversen Lover) bis hin zu Menace II Society

der Brüder Hughes (1993), beschrieben

wird hier das brutal-desillusionierte

Leben in einem Problem-Stadtteil von

Los Angeles.

© 2013 Universal Studios

BLUE RAY

Damit endet nun - vorerst - dieser kursorische

Streifzug durch den vielgestaltigen Kosmos

belichteten Zelluloids vor der Jahrhundertwende.

Die sehr komplexe Erörterung gerade

wirtschaftlicher oder machtpolitischer

Details, die ein unabdingbarer Teil der fi lmischen

Welt sind, konnten hier naturgemäß

nur anspielend behandelt werden. Auch

großräumige Spekulationen über die weiteren

Entwicklungen des Mediums in struktureller

(Kino - TV - Video) oder technischer

Hinsicht mögen an anderer Stelle ausdifferenzierender

erfolgen. Und hinsichtlich der

Inhalte und ihrer formalasthetischen Wiedergobe

zu spekulieren, wohin die

Reise gehen könnte - da sollte man

sich eher einer pragmatischen Äußerung

des lebensgeeichten Rick Blaine

in Michael Curtiz mittlerweile selig

gesprochener Kriegsvignettensommlung

"Casablanca" (1942)

anschließen: "I stick my head out for nobody".

– Dies ließe immerhin zu, daß der

letzte Film – sollte er je gedreht werden, ein

Western sein könnte ...

Bogart 19


Foto: Reinhard Müller-Rode

Als echter EYECATCHER erwies sich

der Auftritt von Anna Isdaht beim

diesjährigen Gießener Kunstspectaculum

"Fluss mit Flair". Die 1969 in Haifa

geborene Wahlkölnerin

weilte hier auf Promotiontour

für ihren in der

EDITION OGONJOK aufgelegten

lyrischen Textband

"Die Brille für den

ersten Blick" (s.o.), der als

"LandART-Poetry" bereits

an markanten Licher

Schau- und Sehplätzen

auszugsweise rezeptiert

werden konnte. Ein Be-

Foto: Erich Klein

22 Bogart

Anna isdath: Die Brille davor

IS' JA

IRRE...

such der BOGART-Redaktion lag für die

umsichtige Brillenfrau somit quasi auf

dem "Walk for Art".

BOGART: Schau' mir in die Augen, Anna!

ANNA: Um auf dich heraubzublicken,

nehme ich eher die Lupe, Bogey. Aber

Spaß beiseite, das Buch wurde ja geschrieben

um aufzuzeigen, was es heißt, zu sehen.

Sehen ist die Schnittstelle von Poesie

und Philosphie.

BOGART: Ist das nun Kunst, Literatur oder

Perfomance?

ANNA: Es ist Philosphie. Verstehen verkleidet

in eine ganz eigene Art von Bild – und

ein solches, das einen mitnehmen kann.

Isdath, Anna

Die Brille für den ersten Blick

Philosophische Zaubersprüche

zum Eintritt in die Gegenwart

Synergia

ISBN: 978-3-939272-69-4

21 x 15 cm; kartoniert

128 S. - 11,00 Eur

(edition-Ogonjok.de)

Die Brille für den ersten Blick beinhaltet als Buch eine

bewusste Auswahl aus Gedichten der Brillenschule. – Die

im Jahr 2013 als Installation veröff entlichten Exponate, die

in Natur und Kultur zu fi nden waren, überraschten viele

unvorbereitete Leser und sorgten so bei vielen für Impulse,

sich weiter für Poesie und Philosophie zu interessieren.

Jedes Exemplar der "Brille", mit einem Gedicht, einem Bild,

einer Aussage liefert einen Hinweis für den philosophisch

Suchenden / Brillenschüler. Der Vorteil des Buchs: es sind

bedeutende Perlen versammelt, und direktes Erleben von

Poesie aus der Gegenwart heraus ist greifbar.

Die Brille für den ersten Blick setzt die Projekte der Land Art

Poetry fort, die von der poetischen OFFENSIVE OGONJOK

seit Jahren mit Ideenreichtum präsentiert wird. Lyrische

Expressionen drängen herbei.

AUGE

Also nimm dein einziges Auge und schau,

alles ist doch so einfach.

Es ist gesagt und ich ziehe weiter.

Nichts und niemand wird blind bleiben.

Keine Sorge nötig, nichts kann scheitern.

Heute höre ich, ganz Ohr,

spüre mit allen Sinnesfasern

den Gesang der Sonnensöhne.

Wir brauchen keine Brille

für das, was sich singen lässt.

Der erste Blick ist der entscheidende, und

es gilt zu vershen, welche Brillen zur Verfügung

stehen, und welches die eigenen

sind.

BOGART: Descartes?

ANNA: Eher Lao-tse und Eckhard. Und Du

und ich.

BOGART: Die meisten Leute stehen doch

vor einem Rätsel, wenn sie diese Installation

sehen.

ANNA: Ein Gramm Neugier und Forscherdrang

muss schon mitgebracht werden.

Dann kann man Neues lernen und profi -

tieren. Wie gesagt, der erste Blick ist die

Eintrittskarte in die Wirklichkeit und jeder

kleine Augenblick ist wertvoll.

Das Mitmachmagazin


„Sonntagnachmittage können öde

sein...“ heisst es in einem frühen Songtext

von Hannes Wader. Wäre zu seiner Zeit

schon das jetzt zehnjährigen Geburtstag

feiernde SECOND LIFE erschaffen worden,

bliebe ihm lediglich noch die Qual der Wahl für seinen

Erlebnsidrang. Auf Mausdruck hätte er sich in einen Cosmos

beamen können, der auf dieser Welt sogar seinem „Tankerkönig“

verschlossen bliebe.

Ob man in sein „authentisches“ Outfit oder in ein „zweites

Ich“ schlüpft, ehe eine unendliche Entdeckerreise beginnt,

ist unmittelbar nach dem d kostenlosen Account bei der „Ein-

kleidun kleidung“ fest zu legen. Für den persönlichen

„StellvertreterIn“ „Stellv

- sprich Avatar“ - hält der

Kam Kammerbulle des Betreibers LINDEN LAB

ein einige frank und freie Uniformen bereit,

die

sich unmittelbar oder beim späteren

Sh Shopping gegen eine Handvoll Linden $ (1


= 345 L$) ebenso wie alles Äußere auch

aaufpimpen

lassen.

So gestylt eröffnet sich ein dreidi-

men mensionales Szenario, das teilweise die

gew gewohnte Umgebung spiegelt, darüber

hina hinaus aber zu Ausflügen in absolut spa-

cige

Locations (sprich: SIMS) verführt. Die

Urs Urstätte dieses architektonischen über-

wir wirklichen Wunderwerks mit Straßen,

Häu Häusern, Geschäften, Discotheken, Casinos,

Par Parks, Landschaften, etc. wurde von den LL-

Pro Programmierern urkonzipiert, was creative

Nutzer Nut laufend weiter veredeln, in dem sie

aus Gittern und Polygonen produzierte

Kle Kleidung, Schuhe, Schmuck - oder Fahrzeuge,

ge ge, Flugzeuge, Paläste oder sogar Tiere auf

den de Markt bringen.

Belinda goes Party!

Keine Bange! Niemand wird bei seiner

Geburtsstunde im „Second Life“ allein gelassen. Erste Hilfe gibt

es auf Help-Island, wo die ersten Schritte und die nötige Etikette

eingeübt werden und wie am höflichsten erster „Aufdringlichkeit“

der hier täglich bis zu 100.000 figurierenden Mitbewohnern,

die allerdings niemals zur selben Zeit am selben

Platz in diesem "sechsten Kontinent" auftauchen - begegnet

werden kann: „I‘m exploring!“.

Eigentlich ist Second Life nichts anderes als ein „hautnaher“

atmosphärischer Kontaktraum für seine rund 30 Millionen

Mitglieder. WER wo auch immer WEN trifft, können ER/

SIE mit IHR/IHM chatten oder sogar sprechen. Z.B. mit den

Du planst eine Party und suchst einen DJ?

Du hast spezielle Musikwünsche, brauchst

gute Moderation und/oder möchtest eine

Motto-Party machen? DJ Sasch macht es möglich,

in neuer Form: Ich bin Online-DiscJockey!

Du brauchst keine Musikanlage zu mieten, den DJ

auf der Party nicht durchzufüttern oder ihm Getränke

bringen denn er is pfl egeleicht. Er legt für

dich auf…von zu Hause aus. Alles was du brauchst

ist ein Computer an dem du deine Boxen anschließt. Drehe

laut auf und deine gewünschte Musik läuft auf deiner Party

…Moderationen und Songs sind auf dich abgestimmt. Verbunden

mit dem DJ bist du während der Party über einen

Chat… und das WELTWEIT !!

DJ Sasch hat eine über 20jährige DJ-Erfahrung und legt die

verschiedensten Musikstile auf: Club, Dance, Pop, Rock/

Hard Rock, 60er-80er Jahre, Schlager, Lovesongs…

Kontakt: www.djsasch.com

The Battle of the dj s (3)

Modeschöpfern, die Bekleidung für die Avatare entwerfen

und in Boutiquen offerieren, mit den Malern, die ihre Bilder

in Gallerien feil bieten. BOGART 12 berichtete über den britischen

Künstler Spanki Moulliez, der ausschließlich in SECOND

LIFE seine Arbeiten präsentiert. Internationale Unternehmen

wie ADIDAS haben oder hatten hier ihre Depandance. Parteien,

Vereine (wie die Deutsche AIDS-Hilfe) findet man dort

ebenso wie manchen C-D-E-Promi: Reiner Calmund baute ein

Fussball-Stadion, Michael Wendler nervt auch dort unfreiwillige

Zuhörer, der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas

Sarkozy ging bei SL auf Wahlkampfreisen und Toyota brachte

sein neues US-Modell zuerst hier auf die Straße....

Die weltweite Disco-Szene

wird aus Gießen beschallt

Besonders beeindruckend ist die dortige Club-

Szene. In SECOND LIFE tummeln sich tausende

Djs, einer davon ist Sasch Petrov alias DJ Sasch

aus Gießen. Seit 2007 entwickelt er seine

Online-Karriere und gehört inzwischen zu den dort

angesagten DJs.

Im „ersten“ Leben hat DJ Sasch die CD an den

Nagel gehängt, nachdem er 25 Jahre lang hierorts

in vielen Szenelokalen bestens „aufgelegt“ agierte.

Virtuell ist er nun weltweit ON AIR und das Angebot,

eine kanadische Holzfäller-Party oder die französische

Club-Eröffnung zu bespielen, klappt eben

nur in SECOND LIFE.

In den vergangenen fünf Jahren ist er in über

100 Clubs, teilweise wöchentlich zu festen Zeiten,

unterwegs. In diesem Jahr mixte er seine Musik auf

Wunsch der SL-Betreiber bei deren offizieller Jubiläumsfeier.

Parties mit DJ Sasch sind auch ausserhalb

von SECOND LIFE in Internetradios beliebt. So

ist seine Fangruppe auf inzwischen rund 1100 Mitglieder mit

steigender Tendenz angewachsen und bei FACEBOOK hat die

„Freundesliste“ die Zahl 2000 bereits überstiegen.

Eine Party in einem Club von Second Life ist nicht mit der in

einem landläufig bekannten Club vergleichbar. Es ist fast ein

Muss, das Mikrophon zu benutzen. Der DJ sollte ein wahrer Unterhaltungskünstler

sein, der nicht nur einfach Musik abdudelt.

Ein bisschen Comedy mit internationaler Attitüde gehört ebens

dazu wie englisch Sprachigkeit.

Die von ihm gegründete Clubcommunity "DJ World" umfasst

inzwischen 240 internationale DJs und 160 Clubbesitzer.

„12 DJs in 12 Stunden“ war z.B. ein Party-Motto mit u.a. DJ

Sasch, dessen deutsches Verständnis von House-Music so ganz

anders klingt, als die seiner Kollegen aus Brasilien. Auch die DJs

aus den USA unterscheiden sich sehr von den Australiern, die

alle beim selben Event den Plattenteller drehten. International

sein ist das Stichwort.

Um im realen Alltagsdasein ein solchen Ereignis besuchen

zu können, muss man schon in große Städte fahren und viel

Geld ausgeben. In SECOND LIFE ist es kostenlos.

"Social Network wird in Second Life nicht nur groß, sondern

extrem groß geschrieben. Es ist der Grund, warum man sich

einloggt. Und wer da auf Events klickt, erhält alle drei Minuten

ein neues Angebot. Weltweit, aus Tokio, Spanien, Berlin, etc.

Oder aus dem Club Elektrosmog zum Beispiel: mit ausgeklügelter,

subtiler Lightshow und namhaften DJs, die dort aufl egen

- echt, aber virtuell natürlich.", so ein offi zieller SL-Vertreter.

Konzerte, die real irgendwo auf der Welt stattfi nden, können

virtuell besucht werden. Musiker, die irgendwo am Ende

der Welt leben, spielen live, wo jeder mit zwei Mausklicks hinkommt,

um dann noch in Echtzeit mit dem Publikum kommunizieren

– respektive ihren zweiten Gesichtern."

Echt animierend auch für Hannes Wader, der textändernd

nun anstimmte: "Ich bin unterwegs nach Second-Life..." und das

"Langeweile"-Epos aus seinem Programm streicht...

DJ SASCH REMIXES

www.djsasch.com und youtube.com

MICHAEL CALFAN feat. DJ SASCH – ONE MORE TRY

I added to Michael Calfan’s song “Resurrection” lyrics

and voice and called it “One More Try”. I hope you like it.

This video is not available in Germany and Italy

DJ SASCH feat. MARTIN LUTHER KING – I HAVE A DREAM

I took the speech of the last century to create a song.

Beyoncé / Run The World

I love this song and I sooo wanted to make a remix of it! I did. And

it is a very bitchy one.

Depeche Mode / Enjoy To Let Me Down Again

A Depeche Mode trance remix by DJ Sasch. “Never Let Me Down

Again” and “Enjoy The Silence” in one song.

Lady Gaga & Bomb The Bass / Beat Dis Judas

I mixed “Judas” by Lady Gaga with “Beat Dis” by Bomb The Bass.

Maybe this Video isn’t available in some countries. Just try it.

für Creative Bogart 21


Alle Titel

versandkostenfrei

über BOGART

(r.mr@gmx.de)

CARMEN KOGE

- Styling mit Haut und Haaren

HC, 28 cm x 21 cm, 24 S., € 24 90

ARTBOOKS A ON Demand

MARTIAL M ARTS

Hina vs. Camera

HC, 28 cm x 21 cm,

24 S., € 2490 H

H

2

Kecke, K kesse und "kettige"

Visuals V von Reinhard Müller-Rode

mit m Adaptionen an einschlägige

Kampfsportarten.

K

"...and " look at it with more

of o a pure mind"!

(Erkenntnis (

des DOJANG)

Dem Gesicht aus fotografi scher Sicht heraus „den letzten Schliff“ zu geben und mit einem professionellen

Hairstyling abzurunden vereinen das Talent der Autorin. Wenn dann noch eine Prise Kunstverstand hinzu kommt,

wird der Look zum Artwork àla Lichtenstein. Gießener und befreundete Fotografen (Buseck, Fahrenbruch, Hornfeldt,

Lange, Nake, Rossi, Wosilat) versetzten die so creierten traumhaften Wesen und wahren Dreamgirls mit Licht und

Schatten wirkungsvoll in das beabsichtigte Stimmungsbild. – Ein "All-Included" Lehrbuch pa exelance!

Thomas Zehnter

Akte wie gemalt 1

HC mit Schutzumschlag,

29 cm x 22 cm, 24 Abb.,

20 Seiten, limitierte

20er-Aufl age, € 6390 Der nackte weibliche Körper –

gesehen mit dem iPad/iPhone

und gemalt an der elektronischen

Staffelei im Stile "Alter

Meister" und "Junger Wilder".

Bezugsquelle: www.10ter.de

Anita Knossalla /

Joachim Knossalla

anjoFoto–Doppelband

Flipcover, HC 29 cm x 21 cm,

48 Seiten, € 19,90

Anregendes, Aufregendes, Alltägliches

analoger und digitalenr Fotografie,

in heimischer Kulisse und Gießener

Locations creativ und kunstvoll

arrangiert und inszeniert.

Hans-Michael Kirstein

Schamlos ...oder die

illustrierte Leibhaftigkeit

HC, 29 cm x 21 cm, 48 S., € 3590 "Shall I keep on peeping between my shy

fi ngers...", leitet der Comic-Grande

HERMANN das Buch seines Freundes

ein, der seine erotischen Kunststücke

dem freien Spiel der (sexuellen)

Kräfte überlassen hat...

22 BOGART GART Das Mitmachmagazin


UNTER DEM TRESEN

Die Geschichte der Männermagazine

von 1900 bis in die sexy Sixties

Dian Hanson zeichnet die faszinierende

Entwicklung dieses Genres in drei Bänden

nach. Band 1 behandelt die Zeit vom Auftauchen

der ersten Magazine um 1900 in

Frankreich, Deutschland und den USA bis

zum Zweiten Weltkrieg. – Band 2 dokumentiert

das Aufblühen nach dem Zweiten

Weltkrieg. – Band 3 startet mit dem explosiven

Wachstum des US-Marktes nach

einer Änderung der Unzuchtgesetze in den

späten Fünfzigern. Es ist eine Ära, in der die

französische Magazinproduktion nachlässt,

England seine perverse Seite zeigt und

Deutschland wieder einmal politischen Aktivismus

mit Nacktheit mischt.

Tarnten sich um 1900 die Männermagazine

als Filmzeitschrift, Humorgazette, Detektivheft,

Kunstmagazin, Nudistenblatt oder „pikanter”

Roman, war es primär die erstmals

im Dezember 1953 erscheinende freche

kleine Zeitschrift namens Playboy, die die

Stimmung und sonst noch so Eines beim

Betrachten der unzulänglich bekleideten

weiblichen Körper anhob.

Im radikalen Wandel, den die deutschen

"Schmuddelblätter" in den sechziger Jahren

erlebten, spiegelte sich die Entwicklung

innerhalb der westdeutschen Gesellschaft

wider. In der DDR waren selbst die ausgesprochen

züchtigen Hefte verboten. Gondel

war eines der besten Magazine der Nachriegszeit,

sein Ableger Smart war ein ähnlich

braves Heft mit Filmkritiken, vermischten

Nachrichten und hier und da einem

verschämten Pin-up. Revolutioniert wurde

diese Szene 1962, als Beate Uhse ihren ersten

Sexshop eröffnete, während Mauerbau,

Anti-AKW-Demos, Vietnam-Krieg und Studentenunruhen

für unzweideutige soziokulturelle

"Höhepunkte" sorgten.

Zwischen Playboy, Beate Uhse

und Baader-Meinhof

Unterlagen die durchweg harmlosen Hochglanzmagazine

Er, Eden, Bolero, Darling,

Sno, Flair, Diskret und Privat noch dem Einfl

uss von Playboy, hob sich das eigene Ideen

publizierende Lifestyle-Magazin Twen

mit "deutscher" Weltläufi gkeit davon ab.

Das progressive Layout, erstklassige

Autoren, Musik- und Modeseiten sowie

hippen Aktaufnahmen sprachen

Dian D Hanson's

History H of Pin-up

Magazines M Vol. 1-3

Hardcover, H 3 Bände im Schuber,

16,7 1 x 21,7 cm, 816 Seiten, € 29,99

DDeutsch,

Englisch, Französisch

zunächst Männer und Frauen, bis die später

ausschließlich nackten Covergirls die

weibliche Zielgruppe verschreckte.

Gegen den "System-Muff" dieser Zeit setzte

im Zuge der 68er-Bewegung der Hamburger

Klaus Rainer Röhl sein Konkret, das

linke Ideologie mit blanken Busen mischte.

Ehefrau Ulrike Meinhof schrieb eine regelmäßige

Kolumne und die Kombination von

Humor, Hippie-Gedankengut und Nacktheit

begleiteten auch den Weg zur sexuellen

Befreiung via "Teufels Lustgärtchen"

Kommune 1 ("Wer zweimal mit der selben

pennt, gehört schon zum Establishment!").

1975 folgte Deutschland dem schwedischen

Beispiel, warf sein Pornografi e-

Verbot über Bord und schuf die absoluten

Freiheiten für die spezifi schen Verleger.

Herausgeberin Dian Hanson wurde 1951 in

Seattle geboren. Zu ihren zahlreichen Büchern

für TASCHEN gehören Vanessa del

Rio: Fifty Years of Slightly Slutty Behavior,

Tom of Finland XXL und The Big Butt Book.

für Creative Bogart 23


Römerberg

Im Rahmen des Ehrengastauftritts von Brasilien bei der Frankfurter Buchmesse 2013 präsentiert die

Schirn Kunsthalle Frankfurt erstmals in Deutschland die Vielfalt der brasilianischen Graffi tikunst. In

Brasiliens Metropolen fi ndet sich eine der weltweit lebendigsten und künstlerisch interessantesten

Szenen in diesem Bereich. Diese bunte, dynamische und einzigarte Bewegung unterscheidet sich sowohl

inhaltlich als auch ästhetisch wesentlich von der amerikanischen und europäischen Street-Art-Szene. Nicht

nur das spezifi sche politisch-soziale Klima in einem von tiefgreifenden Umbrüchen gekennzeichneten Land,

sondern auch eine ungeheure Vielfalt von Techniken und Stilen lassen die brasilianische Street-Art aus der

globalisierten Graffi tikultur hervortreten. Elf Künstler und Künstlergruppen aus São Paulo und anderen

Metropolen Brasiliens sind eingeladen, ihre Bilder ausgehend vom Gebäude der Schirn im gesamten Frankfurter

Stadtraum zu realisieren. Gezeigt werden fi gurative und abstrakte, heitere und gesellschaftskritische Bilder

– von überdimensionalen Wandgemälden bis zu unscheinbaren ephemeren Zeichen. Bespielt werden unter

anderem Frankfurter Bankentürme, Brückenpfeiler am Mainufer, die Bodenfl äche der Frankfurter Hauptwache,

die Matthäuskirche und das ehemalige Polizeipräsidium der Stadt. Ein zusätzliches Highlight ist ein bemalter

U-Bahn-Zug – diese als „Wholetrain“ bekannte Form des Graffi tis ist eine Königsdisziplin der Szene.

G

STREET-ART BRAZIL

5. SEPTEMBER - 27. OKTOBER 2013

Di, Fr–So 10–19; Mi, Do–22 Uhr

Tinho (a.k.a. Walter Nomura) São Paulo, 2012 © Tinho (a.k.a. Walter Nomura)

LAM – THE PERFORMANCE OF STYLE – noch bis

zum 22. September 2013 in der SCHIRN präsent – begleitet

den Besucher mit zeitgeistigen Zitaten und Wand-KLARtexten

der Protagonisten durch die einzelen Ausstellungskapitel der rund

extraordinären 100 SHOWstücke: „Man sollte entweder ein Kunstwerk

sein oder eines tragen.“ (Oscar Wilde) oder „Sei stets elegant gekleidet,

gepfl egt, gelassen, freundlich, höfl ich und vollkommen Herr der Lage.“

(Gilbert&George) und „Wenn wir alle nur Teile eines einzigen Körpers sind,

dann nur deswegen, weil er weder weiblich noch männlich ist, oder besser

24 Bogart

gesagt, weil er beides ist, ein androgyner oder bisexueller Körper zugleich.“

(Norman O. Brown). Und was Undergroundfi lmer Jack Smith lettert (s.

rechts), charakterisiert das stete Interesse an Glamour, Style und Fashion,

durch das Andy Warhol zu einer zentralen Figur des Glam wurde. Sein

Konzept der narzisstischen Zurschaustellung und Performance als ewiger

modus operandi, exemplifi ziert durch den Spiegeleff ekt der mit Alufolie

und silberner Farbe verkleideten Wände seines Ateliers, der „Factory“,

bildeten ein konzeptionelles Fundament des Glam. Die dekadente Kühle

von The Velvet Underground, der „Hausband“ der Factory, lieferte den

ALLEN JONES

Green Table Sculpture, 1972

In Übereinstimmung mit der Popästhetik verfolgte

Allen Jones das Ziel, eine Skulptur „ohne Merkmale

der bildenden Künste, ohne kunstgeladene

Kleidung“ zu schaff en. In seinem Werk Green Table

aus dem Jahr 1972 verwendete er die weibliche

Figur für ein Möbelstück; die Puppe wurde nach

Jones’ Vorgaben von einem Mannequinhersteller

angefertigt. In dem von Feministinnen damals

wie heute kritisierten Werk klingen deutlich

fetischistische und sado-masochistische

Untertöne an. Jones selbst verstand es als

eine Herausforderung an den

Begriff der bildenden Kunst. Die

„trashigen“ Materialien – Leder

und PVC – verleihen ihm eine

Künstlichkeit, die stark an Glam erinnert.

Der bereits im Alter von

29 Jahren verstorbene

Piero Manzoni (1933

- 1963) gilt, trotz seines kurzen

Lebens, als folgenreichster

Künstler der italienischen

Nachkriegskunst. Am 13. Juli

2013 wäre Manzoni 80 Jahre

alt geworden. Aus diesem

Anlass – und zugleich exakt

fünf Jahrzehnte nach seinem

Tod – ehrt das Frankfurter

Städel Museum diesen zentralen

Künstler der europäischen

Nachkriegsavantgarde mit einer

Ausstellung.

Über 100 Arbeiten aus allen

Schaff ensperioden des Künstlers

ermöglichen einen komplexen

„Glitzer ist das

Make-Up der Malerei.“

(Robert Malaval)

Schaumainkai 63,

Frankfurt

Di, Fr, Sa So 10–18

Mi, Do 10–21 Uhr

PIERO MANZONI

ALS KÖRPER KUNST WURDEN / - 22.9.13

Manzoni unterschreibt auf einem Model während

eines Kurzfi lmdrehs für Filmgiornale SEDI. Milano,

1961. © Courtesy Fondazione Piero Manzoni, Milan

Einblick in ein bis heute virulentes Werk zwischen Informel und dem Aufkommen

eines neuen Kunstbegriff s, zwischen klassischer Moderne und Neoavantgarde,

zwischen Kunst und Alltag.

"Piero Manzoni ist nicht weniger als einer der Wegbereiter unserer Gegenwartskunst,

der Body Art, Performance, Konzeptkunst und Land Art gleichermaßen beeinfl usst

hat", erläutert Dr. Martin Engler, Leiter der Sammlung Gegenwartskunst im Städel

und Kurator der Schau.

Bezugspunkt für Roxy Music ebenso wie für David Bowie: Bowies ständige

Neuerfi ndung fi ktiver Persönlichkeiten durch die 1970er Jahre hindurch

kann als eine Weiterführung Warholscher Ansätze angesehen werden.

Fotos: Reinhard h d Müller-Rode ll d

Das Mitmachmagazin


für Creative

MIT GIZMORIAN DURCH DIE JAHRESZEITEN

© GIZMORIAN: SEXY LIBRA (Waage: 24. September - 23. Oktober) Digital / 2013 www.gizmorian.com

MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO DI MI DO FR SA SO MO

SEPT. 2013 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30

OKT. 2013 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31

NOV. 2013 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30

Bogart 25


28 Bogart

Comic-Zentrum

Halle 3.0

„Faszination Comic“,

der erfolgreiche Themenschwerpunkt der

Frankfurter Buchmesse, geht 2013 in sein

14. Jahr. Längst hat sich das Comic-Zentrum

mit seinen vielfältigen Aktivitäten als einer

der meistbeachteten und -besuchten Orte der

Buchmesse etabliert. Ausstellungen, Diskussionen,

Vorträge, Events, Signierstunden oder die

Comic-Bibliothek locken jedes Jahr junges wie

älteres Publikum, Fachbesucher, Fans und Medien

in Scharen an.

Von Asterix bis Manga fi ndet sich in Halle

3.0 alles was das Herz des Comicfans

begehrt. Kinder wie Erwachsene können

traditionelle und neue Comics (wieder-)entdecken.

Hier haben Künstlergespräche, Aktionen,

Workshops, Präsentationen, Preisverleihungen

und Fachbesucherveranstaltungen

haben hier ihre Plattform. Stars der Szene

erfüllen ihren Fans Signierwünsche. Crossmediale

Inhalte, gedruckte Werke, Tipps für

Buchhändler und Bibliothekare, Künstlerevents,

Gespräche mit

illustren Gästen, eine

Cartoon-Ausstellung,

und vieles mehr stehen

hier im Mittelpunkt.

Seit 2006 verleihen

die Frankfurter Buchmesse und der Carlsen

Verlag den Förderpreis „Deutsche Cartoonpreis

für neue Talente“. 2013 wird erstmals

das Buch zum

Wettbewerb,

der unter dem

Motto "Zu

spät!" steht,

bei der Preisverleihung

auf

der Frankfurter

Buchmesse

präsentiert. Mit

dem Preis und

der damit verbundenen

Buchpublikation wollen die Frankfurter

Buchmesse und der Carlsen Verlag den

Cartoon als Kunstform einem großen Publikum

präsentieren und gleichzeitig weiterhin einen

Cartoonisten / eine Cartoonistin besonders

fördern.

Der Sondermann wird in der bisherigen

Form nicht weiter verliehen. 2012 war die

letzte Vergabe als Comic-Publikumspreis, der

für das kommenden Jahr modifi ziert und neu

als Deutscher Comicpreis ausgeschrieben und

dann erstmals auf der Frankfurter Buchmesse

überreicht werden wird.

Die Deutsche Cosplaymeisterschaft (DCM)

wird von Animexx e. V., Deutschlands größter

Manga- und Anime-Community, und der

Frankfurter Buchmesse organisiert. Cosplayer

kleiden sich in selbst gestaltete, fantasievolle

Outfi ts nach ihren Vorbildern aus Comics,

Jugendliche fi nden im Comic-Zentrum der Frankfurter Buchmesse eine Plattform für

ihre Fantasie und ihre gezeichneten Freunde.

© Frankfurter Buchmesse; Fotograf: Peter Hirth

Manga, Filmen und Games. Sie führen während

der Meisterschaft kurze Bühnenauftritte

in ihren

Kostümen

vor. Nach

fünf Vorentscheidungen

fi ndet das

Finale am

13. Oktober

2013

wieder

traditionell

auf

der FrankfurterBuchmesse

statt.

Außer Konkurrenz für die BOGARTisten schon

jetzt die Nr. 1: Cosplayerin Lea feat. FAYE, die

kleptomanische und spielsüchtige Kopfgeldjägerin

aus der japanischen Anime-Serie

Cowboy Bebop (s.a. BOGART 15).

Foto: BOGART

Noch bis voraussichtlich

Frühjahr nächsten Jahres

stellt das Berliner Kabarett

DISTEL die satirischpolitischen

Arbeiten des

Gießeners Egon Kramer

im Foyer des Hauses aus.

Mehr seiner "Plakativen

Munition gegen Dumm-

Dumm-Geschosse" sind

auch hier zu sehen:

www.egonkramer.de

Das Mitmachmagazin


für Creative

Fraternity 01 (von 03)

Juan Díaz Canales, José Luis Munuera

gebunden, 56 S., € 15,00

FFraternity

ist eine zweibändige Comic-

pperle

des spanischen Zeichners José

Luis Lui Munuera, dem Zeichner von "Spirou

und d Fantasio" F t i " und "Merlin". Der außergewöhnliche

Plot entspringt der Phantasie des "BLACKSAD"-Szenaristen Juan

Díaz Canale. Zusammen erschufen die beiden eine faszinierende

Fabel über die menschliche Natur, voller atmosphärischer Zeichnungen

in erdigen Umbra-Farbtönen. Amerika, Indiana 1863 …

ein fantastisches Comicerlebnis nimmt seinen Lauf! In der kleinen

Gemeinde „New Fraternity“ wird eine sozialistische Utopie gelebt.

Aber versprengte Soldaten des Sezessionskrieges bedrohen den

inneren Frieden der kleinen Gemeinde. Plötzlich entdeckt man

Emilio, ein seltsames Findelkind, das ein großes, gefährliches Geheimnis

hat: ein mysteriöses Monster wacht über ihn!

In der Ostanlage

soll's ja drunter

und drüber gehen...

SUPERCHATTER ( 2 )

❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢

❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢ ❢❢ ❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢❢ ❢ ❢ ❢

SUPPENMAN

Stimmt, 40 Jahre lang

ging's einfach

drunter...

SPL SPLAASH SH

MAN MAN

LAGA LAGA

2014 2014

Szenario: Wadim Reis

Text: R. Müller-Rode

MAYOR

...und jetzt geht's

eben künftig

drüber!!!

WOMAN

schon,

sollte man die Unterführung

am Bahnübergang

Frankfurter Straße

transplantieren!!!

Wenn

BOGART-

BUBBLE BUBBLEBOGART-

Der schlichte Trialog unserer Lokalpatrioten

beschreibt ebenso lakonisch

hintersinnig wie drakonisch

platt die städtisch beschlossene "Verfüllung"

der verkehrsfreundlichen Fuß- und

Fahrradwegführung unter der Ostanlage

hindurch. Barrierefreieres Pendeln – insbesondere

während der Landesgartenschau

2014 –mit ampelgesteuerten Querungen

dient als blümerantes Argument

für die von 3/4 der Bevölkerung gar nicht

komisch gefundene Tunnelblick-Maßnahme,

die auch bei den Beschäftigten des

angrenzenden Justizzentrums für eher

verkniffene Mienen sorgt.

Wahrlich eine verquere Situation, die auch

unsere Gerechtigkeitsfanatiker Suppenman,

Splashman und Mayor Woman

in eine prekäre Lage bringt...

*Die Gerechtigkeitsliga (Justice League) begründete

sich 1960 in "The Brave and the Bold"

(Band 28) von DC Comics. Das vielköpfi ge

Superheldenteam erlebte in den späten

1990ern eine Wiederbelebung mit u.a. auch

Superman, Batman sowie Wonder Woman

und bilden auch heute noch spektakulären

Lese- und Kinostoff vom stets "faszinierenden"

Kampf der edlen Bewahrer gegen die machtgierigen

Störer des Weltfriedens – im Großen

wie im Kleinen...

Frankfurter Straße

Bogart 29


Tobi Dahmen (s.a. BO-

GART 12) wurde 1971

in FrankfurtM. geboren,

und hat den Grossteil

seiner Jugend in Wesel am

Niederrhein durchgebracht.

In Düsseldorf studierte er

Visuelle Kommunikation,

und machte dort sein Diplom

mit einem illustrierten

Buch über Jack Kerouac

und die Jazz-Welt. Tobi lebt

und arbeitet nunmehr im

niederländischen Utrecht

als Illustrator und Comiczeichner,

zusammen mit

Frau und drei Kindern.

Bis das Buch fertig sein wird

(geplant ist 2014), hat er die

Seiten in Absprache mit seinem

Verlag Zwerchfell im Internet

vorzuveröffentlichen.

Mit einem Update jeweils

Montags und Donnerstags.

Dies ist ein wirklicher Webcomic,

für den er 2011 auf

der Frankfurter Buchmesse

mit dem 2. Platz beim

SONDERMANN-Wettbewerb

in dieser Kategorie belohnt

wurde. Betrüblich, dass in

diesem Jahr der beliebte

Wettbewerb kurzfristig gecancelt

wurde (s.S. 26) und

erst 2014 als Deutscher Comicpreis

neu aufgelegt werden

wird.

28 Bogart

TOBI DAHMEN: WEBCOMIC

Seite 245

www.fahrradmod.de

Falls jemand noch nicht dieses grossartige

Werk von einem Sampler sein

eigen nennen sollte. es gibt ihn noch

und zwar hier:

acerecords.co.uk/for-dancers-only-2

Felice Taylor – I Can Feel Your Love

Willkommen zu ‘Fahrradmod’, meinem autobiographischen Comic über meine Jugend in einer

Kleinstadt und die örtliche Sixties Jugendsubkultur der Mods. Warum bleibt man über zwanzig

Jahre an einer Bewegung haften, die eigentlich mal für Jugendliche gedacht war, aber (für mich)

dennoch nichts von seiner Faszination verloren hat. Eine Geschichte über die Achtziger und Neunziger

Jahre, über das Leben in der Kleinstadt, um Freundschaft und den eigenen Platz. Um Heimat. Die Geschichte

einer Hassliebe.

Seit 2007 arbeite ich nun an diesem ständig wachsenden Projekt, was wohl in seiner kompletten Form an

die 400 Seiten umfassen wird. Jetzt gibt es das Ganze als Webcomic, mit einem Update jeweils Montags

und Donnerstags. Dies ist ein wirklicher Webcomic. Es gibt selbstverständlich auch eine eigene Seite unter

www.fahrradmod.de, wo es noch viel mehr Informationen zum Projekt gibt. – Tobi Dahmen

Das Mitmachmagazin


»l feels turrible, orfi cer. This´ll

ruin me repitation«, sagte

einst der disproportionierte

und knarzige »Spinatmatrose«

Popeye in einer fatalen

Situation. Nun, er war der Hauptdarsteller einer

klassischen Comic-Serie und dies bedeutet

heutzutage alles andere, als angeschlagen im

sozialen Schatten zu stehen. Die Comics, ein bisher

an Druck und Papier gebundenes, kulturelles

Phänomen, das Geschichten in Bildern und Bildsequenzen

erzählt, sind ein moderner und vielgestaltiger

Ausdruckskanal mit großer Vergangenheit,

schillernder Gegenwart und möglicher

Zukunft. Das Anliegen dieser Schrift ist es, die

ungeheure formale und thematische Vielfalt des

Bildgeschichtenkosmos aus kunsthistorischem

und soziokulturellem Focus heraus, konzentriert

aufzuzeigen. Hans-Michael Kirstein

Von Altamira bis Entenhausen -

COMICS: Erscheinungsbilder einer

populären Kunstform

Eine griffi ge Headline und die kulturhistorische

Realitat müssen sich nicht ausschließen.

Im Gegenteil: Comics, also Bildgeschichten,

die auch alles andere als komisch sein können,

sind eigengesetzliche und zeitgemäße Ausdrucksformen

einer uralten kunsthistorischen

Linie. Die Höhlenzeichnungen (Tierdarstellungen)

von Altamira (Nordspanien), Lascaux

(Frankreich) und in der 1994 entdeckten

Chauvethöhle (Frankreich), alle zwischen

19.000 und 15.000 Jahre alt, sind als Ahnen

der modernen Comics zu sehen, die in Alben-,

Heft- und Zeitungsstreifenform einen Teil sogenannter

Populärkultur ausmachen.

Werden die Steinzeitdarstellungen der nomadisierenden

Jäger heute als Bildgeschichten

gedeutet, die für die Mythenproduktion des

jeweiligen Clans und für die Sozialisation der

Jugend von Belang waren, so sind die seit ca.

1896 erscheinenden »echten« Comics ebenfalls

als vielgestaltige Mythenträger anzusehen.

Sie annoncieren und defi nieren – bewußt

und unbewußt – im Rahmen unserer immer

mehr sich ausdiff erenzierenden Industriekultur,

Ängste, Sehnsüchte, Wünsche und sind

somit hochsignifi kante Spiegel menschlicher

Befi ndlichkeiten.

Zwischen dem prähistorischen Altamira und

dem amerikanischen Entenhausen (Ducksburg),

dem Stammsitz der populären Figuren

aus der Disneyfauna, fi ndet man nun eine

gehörige Reihe wichtiger bildgeschichtlicher

»Links«, die den roten Faden von der Steinzeit

zur Moderne bilden. Das grammatische Rückgrat

und Wesen der Bildgeschichte ist also das

Erzählen einer Story mittels einer Bildfolge, einer

Sequenz (die z.B. Subjekte/Objekte raumzeitlich

bewegt, »kinematographisch« rhythmisiert).

für Creative

Dies fi nden wir tendenziell in den Höhlenzeichnungen,

aber dann auch – entsprechend

der zivilisatorischen Evolution – in alten orientalischen

Kulturen. Ägyptische Jagdreliefs

(»Altes Reich«, 2500 v.Chr.) oder assyrische

Varianten (um 700 v.Chr.) visualisieren Alltagsleben,

Höfi sches und religiöse Projektionen;

ägyptische Totenbücher (Grabbeigaben)

leben von der Synergie Bild und Hieroglyphenschrift.

In der Antike gibt es griechische

Erzählen einer Story

mittels einer Bildfolge

Vasenmalereien, die in Sequenzialmanier Götter-

und Heldentaten darstellen (um 450 v.

Chr.), im alten Rom referiert die um 113 v. Chr.

errichtete Trajanssäule via ihres spiralartig umlaufenden

Reliefbandes über die Verdienste

ihres namensgebenden Erbauers.

Der »Teppich von Bayeux« liefert um das 12.

Jahrhundert ein hochkultiviertes Beispiel für

bewegtes, synchronoptisches Erzählen: der

friesartige, ca. 70 m lange Bildteppich (farbige

Wollstickerei) schildert, entsprechend propagandistisch

aufbereitet, den Eroberungsfeldzug

Wilhelms von der Normandie gegen die

Engländer (Schlacht bei Hastings 1066). Dieser

Teppich refl ektiert wiederum die menschliche

Kultursehnsucht, Darstellungsgefüge zu

dynamisieren, reale Raum- und Zeitabfolgen

in der nachvollziehenden artistischen Aufbereitung

zu »simulieren«. D. h.; Geschehnisse

sollen über den »einfrierenden« Charakter

des Einzelbildes hinaus dynamisch zergliedert

werden.

Im ausgehenden Mittelalter und der Frühneuzeit

sorgen religiöse Buchmalerei, Kirchenfresken

und dann auch Flugblattserien

(Holzschnitt; Gutenbergzeitalter) für die Multiplikation

vielgestaltigter Information und

Kolportage. Im 18. und 19. Jahrhundert sind

es die sogenannten Bilderbögen, in Deutschland

aus Neuruppin und in Frankreich aus

Epinal, die mit Heroischem als auch Skurrilem

dem Unterhaltungsbedürfnis breiter Bevölkerungsschichten

entgegenkommen.

Im England des 18. Jahrhunderts ist es der

brillante Graphiker und Maler William Hogarth

(1697-1764), der mit grimmigen satirischen

Bilderserien alle Gesellschaftsschichten und

ihre sozialen Attitüden geißelt. Hogarth läßt

innerhalb eines Einzelbildes (s.u.) diverse

Von Altamira bis Entenhausen

100 Jahre comic (I)

Handlungsstränge verdichtet ablaufen, ein

Verfahren, das für die englische Satire und

Karikatur jener Periode sehr signifi kant ist.

James Gillray (1757-1815) ist ein weiterer Meister

dieser künstlichen Linie, in der mitunter

Dialogblasen ihren Einsatz fi nden.

In Mitteleuropa liefert der schweizerische

Sprachlehrer Rodolphe Töpff er (1799-1846)

fast slapstickhafte, visuell turbulente Kommentierungen

zu Alltäglichkeiten (seine

"Dr. Faust"-Parodie "Docteur Festus" begeisterte

seinerzeit den greisen Goethe). In

Frankreich zeigt Christophe Colombe, ein

späterer Sorbonneprofessor (1856-1945) mit

seiner "Familie Fenouillard" (1889) den Weg in

eine zukünftige Richtung der Bildgeschichte

auf; der Familienstrip entsteht. Colombe zeigt

sequentiell und mit entlarvendem Humor die

Reiseabenteuer einer bürgerlichen Familie –

der kommentierende Text steht dabei unterhalb

der gerahmten Zeichnung.

Weiters gehört der legendäre Zeichner Gustave

Dore (1832-86) mit seinen parodistischen Bildgeschichten

wie "La Sainte Russie" (1854), die

sich bereits durch einen fast "fi lmisch" zu nennenden

Perspektivenwechsel auszeichnen,

zu den bedeutenden Ahnen des modernen

Comic.

In Deutschland lanciert schließlich Wilhelm

Busch seine aus karikaturalem Strich und ge-

Wilhelm Busch

ist der Geburtshelfer

des zeitgenössischen

Comics

reimtem Text bestehenden Bildgeschichten

wie "Max und Moritz" (1865) oder "Die fromme

Helene" (1872). Der geniale Busch (1832-1908)

aktiviert in destruktiv-sadistisch durchsetzten

Streifen eine hohe physisch-psychologische

Turbulenz und gibt somit seinem Werk eine zutiefst

persönlich betroff ene existentialistische

Note. Busch ist der eigentliche Geburtshelfer

des zeitgenössischen Comic, der Text ist aber

noch unterhalb der lllustration angesiedelt.

Klima- und Milieuformen der Jahrhundertwende

leiten schließlich die Genese des »echten«

Comic-Strips ein: Bedingt durch die konkurrenzgezeichnete

Pressesituation des vor der

sozialen und kulturellen "Domestizierung" stehenden

Nordamerika.

Wie es schließlich dem Verleger Pulitzer 1896 in

seiner "New York World"

mit der ersten Folge der Serie

"The Yellow Kid" gelang,

zum erstenmal ein professionellesFarbdruckverfahren

für den Comic-Strip zu

realisieren, leitet Teil zwei

unserer Fortsetzungsgeschichte

ein. – Das 8seitige,

illustrierte Skript gibt

es für € 4,60 bei BOGART.

Bogart 29


caricatura museum frankfurt bei Nacht (c) Britta Frenz

COMIC & CARTOON

- Museum für Komische Kunst

Weckmarkt 17

Öff nungszeiten:

Di bis So 10–18, Mi 10–21 Uhr

www.caricatura‐museum.de

Die Zeichner der Neuen Frankfurter Schule

In der Dauerausstellung werden die Werke der Zeichner der Neuen Frankfurter

Schule gezeigt. F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans

Traxler und F. K. Waechter ist jeweils ein Kabinett gewidmet. Um möglichst

viele Bilder der Öffentlichkeit zeigen zu können, sowie aus konservatorischen

Gründen werden die Zeichnungen regelmäßig ausgetauscht. Die Arbeiten

von F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und Hans Traxler sind

aus den Beständen des Museums.

Die Neue Frankfurter Schule ist im Umkreis der Satirezeitschriften Pardon

und Titanic entstanden. Zu ihr gehören neben den Zeichnern auch die Autoren

Bernd Eilert, Eckhard Henscheid und Peter Knorr.

Hans Traxler hat in seiner neuesten Zeichnung die Mitglieder der Neuen

Frankfurter Schule versammelt. F. K. Waechter, Bernd Eilert, F. W. Bernstein,

Hans Traxler selbst, Pit Knorr und Eckhard Henscheid stehen im Atelier um

den sitzenden Chlodwig Poth und Robert Gernhardt an der Staffelei.

Als Vorlage diente das Gemälde Un atelier aux Batignolles des französischen

Künstlers Henri Fantin-Latour. Dieser versammelte ebenso acht Meister in

einem Atelier.

Die aktuelle Hängung ist noch bis zum 2. Februar 2014 zu sehen.

bis 3.11.2013: RATTELSCHNECK wird 100!

14.11.2013 (Eröffnung: 18 Uhr) - 2.3.2014

SOWA · HURZLMEIER · KAHL "Komische Malerei"

30 Bogart

Seit ca. 120 Jahren gehören die Comics, also Bilderstories mit Sprechblasen,

zum festen Repertoire der Tages- und Sonntagspresse in Nordamerika

und Europa. Mit mal komisch-bizarren, mal ernsten Charakteren und

Plots entprechen sie dem Leserbedürfnis nach Eskapismus und Unterhaltung -

im vor-elektronischen Medienzeitalter waren die mal s/w, mal farbigen Comics

(gemeint ist hier eine Periode vor 1960) speziell in den USA von immenser

Alltagsdurchdringung und Popularität. Wenn berühmte Zeichner wie Capp oder

Caniff mit signifi kanten Plotwendungen aufwarteten, bekamen sie zigtausende

Briefe ... über die letzten vier Dekaden haben natürlich TV, Video, DVD und nun

das Internet dem Comic Rivalen, aber auch neue Trägermedien, fernab des

Printbereichs, beschert.

So fi nden LeserInnen in beiden

Gießener Tageszeitungen

angelsächsische sowie deutsche

Bildgeschichten vor. Die

GIESSENER ALLGEMEINE

„Fortsetzung folgt!

So episch wie ewig -

veröffentlicht seit Jahren am Samstag renommierte „Sunday Funnies“ wie die genial

hintersinnigen Peanuts von Charles M. Schulz (1922-2000) sowie die liebenswürdige

Mittelschichtsparodie Hägar von Chris Brown und seinem Studio. Aber:

der Nordmännerset zeigt nach 40 Jahren durchaus Ermüdungserscheinungen...

„Fast and furious“ dagegen die Alltagsaventuren des späten Teenagers Zits. Jerry

Scott und Zeichner Jim Borgman, ein politischer Cartoonist im “anderen Leben“, liefern

eine in refl ektierten Gags, Strich und Layoutvarianten geniale Referenz aktueller

Stripkultur! Ein weiteres Meisterwerk des Texters Jerry Scott bringt der GIESSENER

ANZEIGER täglich mit dem von Rick Kirkman punktgenau illustrierten Gagstrip Baby

Blues (seit 1990). Intelligent und unsentimental zeigt das Autorenteam die stetige

Wandlung eines Liebespaares hin zu gestreßten „Nesthütern“...

Tageszeitungen unterhalten

mit Klassikern und Hausgemachtem

Seit Jahren laufen im GA ebenfalls die sich biestig-frech gerierenden Strips des Deutschen

Thomas Körner alias © TOM. Allerdings zeigen sich der drög mechanische

Strich und das schlampige Lettering nicht immer auf der Höhe der Gags. Seit geraumer

Zeit agiert im gleichen Medium außerdem das lokale Talent Andreas Eickenroth. Mit

„Gelle Gießen“ arbeitet man sich wöchentlich sehr mildhumorig u.a. an Lokalmythen

ab – mit plakativer Farbe und stereotypem Schülerzeitungsstrich bringt der

Zeichner den Inhalt in die angemessene Form. Die Geschichte der Zeitungsstrips,

hier konzentriert angerissen, referiert jedoch seit den Anfängen um ca. 1900 eine

höchstentwickelte Erzähl- und Visualisierungskultur, sodaß sich manche zeitgenössische

Comicmacher bei kritischem Vergleich in Suizidnähe befi nden müßten.

Tatsächlich hatte die Entwicklung und Ausdifferenzierung der Comickultur in den

ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts auch mit dem Ringen der US-Pressezaren

Hearst und Pulitzer um Marktanteile ihrer Zeitungen zu tun. Speziell die Einwandererbevölkerung

in den Städten gierte, da oft des Englischen nicht richtig mächtig,

nach primär visueller Unterhaltung ...

Über The Yellow Kid von R. F. Outcault (1863-1928), die anarchistischen (W. Buschinspirierten)

Katzenjammer Kids des Rudolph Dirks (1877-1968) bis zum Chaplin-

Tramp-Vorläufer Happy Hooligan von F. B. Opper (1857-1957) reicht die bunte

Palette der frühen Strips, die kubo-cartoonesken Abenteuer der Kinder Kids des

Malgenies Lyonel Feiniger (1871-1956) mit eingeschlossen.

Windsor McCay (1864-1934) kultiviert den Little Nemo atemberaubend im Jugendstilidiom;

George Herriman (1880-1944) inszeniert Krazy Kat als bizarr-surrealistisches

33-Jahre-Epos und Roy Crane (1901-1977) nähert sich in Wash Tubbs mit kreativen

Volten dem „ernsten“ Abenteuer. Überhaupt: In den 1930ern obsiegte in den

Zeitungsstrips actionbetontes Drama, aufgrund des Drucks durch Kino und Radio.

Tarzan, Dick Tracy, Prince Valiant (Eisenherz), Brick Bradford, Flash Gordon und um

Das Mitmachmagazin


Beliebt bei Jung und Alt: Angelsächsische und deutsche Bildgeschichten sind regelmäßiger Bestandteil auch der Gießener Tageszeitungen.

1940 Will Eisners (1917-2005) geniale Krimiparodie „The Spirit“: dies alles sind Presseserien,

die am Sonntag als vollfarbige „Ganzseiter“ erschienen und ihren Weg

auch in andere Medien fanden ... Als primus inter pares sei vor allem Milton Caniffs

(1907-88) kultumrankter Abenteuerstrip Terry and the pirates hervorgehoben;

dieser Strip, der werktags und sonntags erschien, bot zwischen 1934 und 1947 in

Illustration und Narration ein Höchstmaß an kultivierter Unterhaltung und wurde

somit speziell in seiner visuellen Niederschrift zum Vorbild für viele amerikanische

und europäische Comiczeichner.

Speziell in den Kriegsjahren lockerte sich die US-Zensur. Dadurch konnte sogar

ein in jedweder Hinsicht eigenwilliger Strip wie June (Tarpé) Mills entwickelte

Zeitungscomics als Spiegel

von Zeitgeistern

MISS FURY aus dem Stand heraus als „Sunday Page“ erscheinen. Zwischen 1941-

52 fertigte Mills als einer wenigen weiblichen Cartoonistinnen (zuvor arbeitete sie

als Model und Modezeichnerin) eine „realistische“ Serie voller bizarrer Charaktere,

Action der Marke „hardboiled“ und kaum verhüllter sexueller Mehrdeutigkeiten.

Zeichnerisch von Alex Raymonds

Secret Agent X9 und

Milton Caniffs elegantem,

impressiven Pinselgestus inspiriert,

entwirft Mills in jenen

Kriegsjahren einen melo-drama

tischen Reigen voller ambivalent-perverser

Typen, durch

Begehrlichkeit und Zeitumstände

miteinander verwoben.

Miss Fury ist die reiche Gesellschaftslady

Marla Drake - ein

geschenkter schwarzer Leopardendress

konditioniert sie, des

Nachts als gewaltbereite Vigilantin

dem Bösen (in welcher

Gestalt auch immer) entgegen

zu treten. Neben schillernden

Gangstern trifft Miss Fury natürlich

auf Exponenten der 5. Kolonne:

Nazis wie der einarmige

General Bruno Beitz oder die fa-

schistische Sexbombe Erica von

Kampf werden mittels allem,

was Blei spritzt oder lasziver

„Catfi ghts“ niedergerungen. Die

Schauplätze reichen von Manhattan bis nach Brazilien (hier sticht eine rassige Guerillakämpferin

in‘s Auge). “Nichts ist wie es scheint“ wäre wohl als überbauliches Moment

der Autorin Tarpé Mills zu unterstellen; der gesamtgesellschaftlichen Unsicherheit

in jenen WK II-Jahren begegnet die experimentierfreundliche Comicgestalterin

mit einem Mix aus Superheldentopoi und gewichtiger „Film noir“-Ikonographie.

Selten wurde jedoch in einem führenden Zeitungsstrip (der in seinen besten Zeiten

in etwa 100 amerikanischen Sonntagsblättern erschien) ein derart konstantes künstlerisches

SPIEL mit Sexualität (und deren Ausformungen!) betrieben. Da Mills ihre

eigene Vita gern mystifi zierte, wurde von Comicforschern schon über ihre kreative

Präferenz von quasilesbischen Catfi ghts und Transvestismus spekuliert.

Miss Fury: HC • FC/BW • 240 Seiten • 25 x 32 cm • www.shop.idwpublishing.com • $ 49.99

oder Comic-Dealer, Dirk Hörnle, Walltorstraße 30, 35390 Gießen - 0641.39396

für Creative

Eine aktuelle Betrachtung

von Hans-Michael Kirstein

Cover Artist: Tarpé Mills

Collection Editor: Trina Robbins

Collection Designer: Lorraine Turner

Miss Fury bleibt im „Golden Age“ ein Unikat, auch wenn Meister Caniff zwischen

1943-46 die „very sophisticated“ gestaltete Humorserie Male Call für US-Militärzeitungen

schuf – die erotisch-ironische Serie über eine spritzige Truppenbetreuerin

namens Miss Lace gehorcht eher einem „konventionelleri“ männlichen Blick als

Tarpé Mills' originelle Kreation. Die 50er und 60er Jahre brachten in den USA und Europa

trotz TV-Konkurrenz und Formatrestriktionen vielerlei Spitzencomics im Presssemilieu

hervor; so die anspruchsvollen Western Lance und Rick O‘Shay (Humor)

sowie Leonard Starrs hochrealistischen Theatercomic Mary Perkins (1957-79). In

England brillierten Andy Capp – hierzulande als Willy Wacker wohlbekannt – sowie

ab 1963 die toughe Detektivin Modesty Blaise oder Marshall Dillon im treffsicheren

Western Gun Law. Der SF-Boom der 70er sorgte kurzfristig für ein kleines Hoch des

realistischen Strips: Star Wars, gezeichnet von R. Manning und A. Williamson, gehörte

visuell zu den wenigen Highlights einer durch „Rivalen“ wie TV und Video abgedrängten

realistischen Stripform.

Um den klassischen Comic Strip

muss einem nicht bange werden

Heutzutage auf den angelsächsischen (und kontinentalen) Zeitungsseiten so gut wie

ausgestorben, vermochte es der realistisch-naturalistische Comic in den letzten beiden

Dekaden nicht, der physisch echten Suggestion durch TV, DVD, Computerspielen

und Internet zu trotzen. Der Konsument möchte es „realer“ haben ...

Die Comicbooks und

Alben, unter anderen

Prämissen agierend,

haben dagegen glänzend

überlebt und

den „gefrässigen“

Stoffnutzern wie

Kino und Computermilieu

genügend

„Blaupausen“ für das

mediale Crossover

geliefert. Wuchtige

Medienkonglomerate

sind so entstanden

(z.B. schluckte

Disney Marvel Comics)

und verbreiten

nun populärkulturelle

Ikonen mit multimedialer

Penetranz

und Verzahnung

weltweit. Doch der Pressestrip hat bisher überlebt: das Groteske und Humorige feiert,

mal boshaft, mal mild oder süffi sant, fröhliche Urständ‘. Und auch die lyrisch-poetische

Geste behauptet ihren Platz zwischen Pappnasen und familiären Drollerien. So

zeigen der intellektuell-poetische Duktus der Calvin and Hobbes von Watterson oder

Mutts von Patrick McDonnell ganz signifi kant, das mit wenigen Panels phantasievolle

Traumräume projeziert werden können. Und Frank Cho demonstriert in seiner frech

bis selbstreferentiellen Tierparksatire Liberty Meadows treffl ich, wie ein „lecker“ zu

tittulierendes Artwork sich mit boshafter Aussage zu kombinieren weiß. Und über die

Scotts und Borgmans wurde schon am Start dieser Betrachtung berichtet...

Verblichen ist er also nicht, jener Zeitungscomic mal in Schwarz-Weiß, mal in akzentuierendem

Kolorit. Er ist vital, in Form und Ästhetik hochdifferenziert – die Form und

die Medienplattform Zeitung erlauben nahezu alles: affi rmative Familienidylle und

anarchisches Torpedieren von Alltag und Konvention. Um den klassischen Comic

Strip muss einem nicht bange werden, solange ein „Calvin“ in seinem Strip meditiert:

“I go to school but I never learn what I want to know!“

© IDW Publishing

Bogart 31


aus "Li‘l Sushi goes Yokohama......because Alice is out of town!"– Manga-Obscura mit illugraphischen Japanerien von

Reinhard Müller-Rode (Pics/Digs) und Hans-Michael Kirstein (Inks/Story); 24 S., Hardcover, 20x30 cm; € 29 90 /Edition BOGART

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine