Habakuk 3/2012 - Franziskanergymnasium Bozen

franziskanergymnasium.it

Habakuk 3/2012 - Franziskanergymnasium Bozen

HABAKUK

Das gibt Ärger!

Oberschulzeitung am Franziskanergymnasium

Die 5-Tage-Woche - ihre sozialen und juridischen Folgen

Es wird ja häufig kritisiert, dass wichtige Entscheidungen

von den Politikern über die Köpfe der Bevölkerung

hinweg getroffen werden. Beschlüsse werden

uns mitgeteilt und wir sollen sehen, wie wir damit

zurecht kommen, so heißt es oft. Welche schwerwiegenden

Folgen diese für die Leute, deren Privat- und

Zusammenleben haben, sei den Gesetzgebenden

egal.

Dieses Thema ist in letzter Zeit in Südtirol natürlich

im Bezug auf die 5-Tage-Woche aktuell. Proteste

und Polemiken von allen Seiten: Mehrere Gemeinden

und einzelne Schulen, allen voran

solche in Meran, haben Rekurs eingereicht.

So weit, so gut. Ob sie im Recht sind

oder nicht, soll hier nicht erörtert werden,

allerdings stellen sich zwei andere

interessante Fragen: Welche konkreten

sozialen Folgen hätten die möglichen

Beschlüsse der Richter?

Eingereicht wurden 2 Rekurse: einer

von den Gewerkschaften und einer von

den deutschsprachigen Schulen Merans. Das Problem

des Beschlusses besteht in deren Augen darin,

dass mit selbigem die Autonomie der Schulen angegriffen

wird.

Die Schulen selbst, Lehrkörper und Direktoren sind

nicht berechtigt, einen Rekurs gegen die Reform

einzureichen, weil sie dem Land untergeordnet sind

und so sind es großteils Eltern, die den Rekurs in

Meran eingereicht haben.

Angeklagt sind deshalb (so paradox es klingt) primär

die Schulen selbst und dann natürlich auch die

Seite 1

Autonome Provinz Bozen.

Der Rekurs der Meraner ist bereits angenommen

worden und hat eine einstweilige Verfügung erwirkt.

Dies bedeutet nicht, dass die 6-Tage-Woche endgültig

beibehalten wird, sondern nur, dass die betroffenen

Schulen bis zum Prozess noch selbst wählen

dürfen, welches System sie bevorzugen. Am 23. Oktober

2012 findet dann der schon mehrmals vertagte

Prozess statt, beim dem das Verfassungsgericht endgültig

entscheiden soll, ob die 5-Tage-Woche eingeführt

werden darf. Das könnte unter Umständen

auch bewirken,

dass der

Schulkalender

ab dem 2. Semester

wieder

geändert wird,

was natürlichorganisatorisch

das

größtmöglicheChaos

und noch

mehr unzufriedene

Bürger und verwirrte Schüler, Lehrer und

Eltern zur Folge hätte.

Dies alles nehmen die Eltern, die diesen Rekurs unterzeichnet

haben, in Kauf, aus Angst vor den Auswirkungen,

welche eine 5-Tage-Woche mit sich bringen

könnte. Wie oben bereits erwähnt, hätte eine

solche Veränderung zweifelsohne Auswirkungen auf

das soziale Leben der Schüler. Und diese sind vielfältig

in Quantität und Qualität. Durch das gemeinsame

Mittagessen etwa, das durch den Nachmittags-


unterricht erforderlich sein wird (für das allerdings

noch landauf, landab die Mensen größtenteils fehlen)

haben die Schüler zwar einerseits mehr Kontakt zu ihren

Mitschülern, andererseits werden jedoch Freundschaften

im außerschulischen Bereich vernachlässigt,

weil dafür schlichtweg zu wenig Zeit bleibt.

Besonders die Musikschulen und Musikkapellen des

Landes haben nach dem Beschluss der Landesregierung

aufgeschrieen: Wenn nachmittags Schule ist,

wann sollen die Schüler dann üben oder zu Proben

oder Unterricht kommen? Es sieht also ganz danach

aus, als müsste der Musikunterricht auf Samstagvormittag

verlegt werden. Dasselbe gilt für Sportvereine.

Es gäbe kaum mehr genug Nachwuchs für die Mannschaften,

so einige Trainer des SSV Bozen. So entstanden

eine ganze Reihe von Unterschriftenaktionen und

anderen Gegenbewegungen, als deren Speerspitze

wohl die MS Tramin gelten kann, bei der 100% der

Eltern die 5-Tage-Woche ablehnen. Also erklärte der

Direktor dieser Schule, man werde die 6-Tage-Woche

beibehalten, auch gegen den Beschluss der Landesregierung.

Ein kindischer Protest? Kritiker meinen, bei Initiativen

wie dieser und bei Gegnern der 5-Tage-Woche im

Allgemeinen handle es sich nur um zu viel Konser-

Grün-Rot-Weiß-Rot?

fehlt

Wir befinden uns im Jahre 2012 n. Chr. Ganz Norditalien

ist von den Italienern besetzt... Ganz Norditalien?

Nein! Eine von unbeugsamen Südtirolern

bewohnte Provinz hört nicht auf, dem Eindringling

Widerstand zu leisten.

Zumindest seit einiger Zeit hat sich der Widerstand

auf verbale Auseinandersetzungen beschränkt. Aber

dies war einmal anders, wie in den 60er Jahren, als

die Südtirol-Aktivisten mit Bomben Strommasten

sprengten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Damals vielleicht ein legitimer Schritt – aber was

bringt einige denn heute noch dazu, sich gegen Italien

zu wehren? Wieso wollen einige Südtiroler die

Selbstbestimmung oder sogar zurück zu Österreich?

„Südtirol ist nicht Italien!“ Wer hat ein solches

Plakat, oder einen Aufkleber mit dieser Aufschrift,

Seite 2

vativismus und zu wenig Mut, Neues und im Großteil

des restlichen Europa Bewährtes zu übernehmen.

Dafür spricht ein wenig die Frage, warum der Protest

gegen den Beschluss, die 5-Tage-Woche landesweit

einzuführen, erst in den letzten paar Wochen so laut

wurde. Dieser wurde nämlich schon am 23. Januar

dieses Jahres verabschiedet, und da hörte man zwar

vereinzelt Gegenargumente, aber keinesfalls so hartnäckige

Proteste, wie sie in letzter Zeit aufkamen.

Aus psychologischer Sicht könnte man die Tatsache,

dass die Proteste erst nach Beschluss der 5-Tage-Woche

laut wurden, mit dem Phänomen, dass Menschen

Veränderungen langsam erst akzeptieren und zunächst

überhaupt verdrängen, erklären. Sobald dann

klar wird, dass sich tatsächlich etwas unwiderruflich

geändert hat, wehren sich die Leute automatisch dagegen,

weil es in ihnen ein Gefühl der Hilflosigkeit

auslöst. „Wir sollen jetzt plötzlich nur mehr fünf Tage

in die Schule- ...Wer sagt das? ...Das kennen wir nicht!

...Das gefällt uns nicht!“ Vollendete Tatsachen, die wir

nicht ändern können, regen uns nun mal auf, das ist

durchaus menschlich.

Und wenn es keine größeren Probleme gibt, ist die

5-Tage-Woche, die ja „hinter unserem Rücken“ beschlossen

wurde, ein guter Grund um sich zu ärgern…

Verena v. Walther & Hannah Lezuo

nicht schon einmal gesehen? Jeder, oder zumindest

die meisten in unserem Land. Einige sehen diese

Aufkleber mit Freude und verbreiten sie, so wie die

Mitglieder der Südtiroler Freiheit. Andere, vor allem

die Italiener, werden von diesen Aufschriften gestört

und fühlen sich angegriffen. Aber wieso? Denn immerhin

sind es nur Aufkleber, die zwar eine Aussage

haben, jedoch nichts ändern werden. Natürlich

fühlt man sich als Italiener gestört, wenn „italienische

Staatsbürger“ diese Parole verbreiten. Aber

eigentlich schadet es nicht, wenn man diese sieht.

Man muss sich ja nicht gleich angegriffen fühlen –

so könnte man denken. Trotzdem sollte man diese

Parolen für sich behalten - so wie auch die anderen

Gedanken zu diesem Thema. Jeder soll denken, was

er will, ob er zurück zum Heimatland will oder gar


die Selbstbestimmung – aber sagen muss er es nicht.

Pläne für die Zukunft unseres Landes gibt es viele –

dass dabei Bomben keine Rolle mehr spielen, ist logisch

und natürlich begrüßenswert. Zum einen wäre

da die Idee der Vollautonomie der Südtiroler Volkspartei,

kurz SVP, ganz nach ihrem Motto „Das ganze

Land in einer Hand“. Man würde also bei Italien bleiben,

hätte aber zum Beispiel die volle Finanzhoheit

oder könnte eine eigene Landespolizei ins Leben rufen.

Über andere Bereiche, wie die Außenpolitik oder

die Währung, würde weiterhin Italien entscheiden,

was jedoch nicht weiter stören würde, da Südtirol in

diesem Fall kein neuer Staat wäre.

Andere Parteien wie die Freiheitlichen beispielsweise

haben da ganz andere Pläne, welche sie umsetzen wollen.

Sie wollen einen „Freistaat Südtirol“, den man mit

Montenegro an Größe und Völkerzahl vergleichen

könnte. Dafür haben die Freiheitlichen in Zusammenarbeit

mit O. Univ.-Prof. Dr. Peter Pernthaler bereits

eine Verfassung schreiben lassen. Nach dieser Idee

wäre Südtirol ein souveräner Staat und unser Herr

Landeshauptmann ein Staatspräsident. Die Damen

und Herren von der „Süd-Tiroler Freiheit“ haben da

noch eine dritte Idee, die gar nicht so weit von jener

der Freiheitlichen entfernt ist: die Selbstbestimmung.

Viele Ideen, vielfältige Lösungen - aber doch irgendwie

keine Lösungen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, was denn das

Volk überhaupt will.

Nehmen wir einen Bauer xy vom Hof z her. Ihm ist

es wahrscheinlich doch egal, ob er Italiener ist oder

Österreicher. Für ihn und seine fünf Kühe ändert sich

nichts. Er wird die Milch immer noch der Mila, der

Brimi oder sonstwem liefern und immer noch dasselbe

Geld dafür bekommen. Der einzige Unterschied

ist würde in seinem Pass ersichtlich sein. Aber ändern

wird sich für ihn nichts. Es zählt nur, als was er sich

fühlt. Auch wenn er sich im Moment als Österreicher

fühlt, stört das keinen und er wird jeden Tag dasselbe

machen. Jeder sollte sich zu einem Land bekennen,

aber für sich, und damit nicht an die Öffentlichkeit

gehen.

Was wäre denn, wenn wir Südtiroler zurück zu Österreich

kommen oder eine souveränen Staat ins Leben

rufen würden? Was wäre dann mit den Italienern, die

dann eine Minderheit wären? Müssten sie dann auch

Strommasten sprengen, um eine Autonomie zu bekommen,

würden wir sie vertreiben, gar unterdrücken

oder doch vielleicht gut behandeln? Würden wir

Seite 3

uns dann auch angegriffen fühlen, wenn sie Plakate

veröffentlichten mit der Aufschrift „L´Alto Adige

non è l´Austria“? Es würden wahrscheinlich dieselben

Probleme auftreten, wie sie im Moment im Raum

stehen – nur verkehrt herum. Die Italiener würden

dann, so wie manche Südtiroler jetzt, zurück wollen

in ihr Heimatland. Wir würden dann sagen, dass sie

ja gehen bzw. auswandern könnten. Aber wir könnten

das im Moment auch. Wer zurück will, könnte ja ganz

einfach seine sieben Sachen packen und auswandern.

Grundsätzlich, glaube ich, tendieren immer mehr

Leute in Südtirol eher in Richtung „Los von Rom“.

Aber warum? Ganz einfach. Wer würde im Moment

gerne im italienischen Staat leben? Es geht den Leuten

gar nicht darum, ob Wegschilder zweisprachig sein

müssen oder nicht, sondern um die Kasse, die jetzt

nicht mehr stimmt, da Südtirol einen größeren Teil

der Steuern abgeben muss. Und zudem will man nicht

bei Italien bleiben aufgrund der Politiker, die diesen

Staat leiten, beziehungsweise geleitet haben. Aber

wenn Mario Monti Italien rettet und es auf Augenhöhe

mit anderen Staaten bringt, würden wir dann wieder

anders denken und mit der Situation zufrieden

sein? Wahrscheinlich schon.

Trotzdem können wir im Moment glücklich darüber

sein, dass es so ist, wie es ist.

Denn zurzeit gibt es Wichtigeres, worüber man sich

den Kopf zerbrechen sollte, zum Beispiel die Wirtschaftskrise

oder das Einwanderungsproblem. Denn

unserem kleinen heiligen Land Südtirol geht es doch

gut. Wir können vieles immer noch selber entscheiden.

Wir sind ein Vorbild einer modernen Autonomie

und sollten stolz drauf sein und zugleich auch glücklich

darüber, weil es viele Minderheiten gibt, welchen

es nicht so gut geht.

Sicher ist, dass der Kampf zwischen Häuptling Durnwalder

und seinen Bergbewohnern und dem großen

Cäsar Monti (bzw. seinen Nachfolgern)noch länger

weiter gehen wird. Im Gegensatz zu den Galliern haben

wir aber keinen Zaubertrank – also müssen wir

zwangsläufig statt unserer Hände das Hirn einsetzen,

um das Beste aus unserer Situation zu machen..


„Wohl ist die Welt so klein und eng…“

Fehlt

Warum kommen Franziskanerschüler aus Bozen

nach Bosnien? Wie kommen sie überhaupt auf

die Idee ein solches zugegebenermaßen recht ungewöhnliches

Ziel zu wählen? Alles fing vor zwei

Jahren an, als unser Schuldirektor und P. Willibald

anlässlich eines europäischen Treffens der von

Franziskanern geleiteten Schulen auf P. Ivan aus

Visoko stießen. Der sehr aktive und offene bosnische

Geistliche lud unsere Schulleitung gleich ein,

das Gymnasium in Visoko, einer Kleinstadt nahe

Sarajevo, zu besuchen. Die Organisation sollte unser

abenteuerlustiger Professor Niederseer übernehmen,

da er ja schon wertvolle Erfahrung mit

dem Thailandprojekt gesammelt hatte.

Wie das Schulleben der Schüler in Bosnien ist?

Gleich wie das unsere, oder fast. Die härtesten Fächer

sind auch bei ihnen Griechisch und Latein.

Auch die Deutschlehrerin Frau Prof. Rina ist nicht

gerade das, was sich chillig nennt, und dementsprechend

ist auch die Beliebtheit des Faches unter

den Schülern. Doch - das muss man ihr lassen- die

Schüler sprechen, gemessen an der Schwierigkeit

unserer Muttersprache, wirklich überraschend gut

Deutsch. Der Englischunterricht wird übrigens

von einer Amerikanerin gehalten. In den übrigen

Fächern wird Kroatisch gesprochen.

Zu den Unterrichtsmethoden ist nicht viel zu sagen:

Identisch den unseren, mit vielen Prüfungen.

Die Schüler, die sich beschweren, dass bei uns so

manches zu streng bewertet wird, seien getröstet:

Bei ihnen kommen 40% nicht zur Matura!

Der große Unterschied ist das Heim, in dem ca. 80

der 130 Schüler untergebracht sind, da sie aus ganz

Bosnien in dieses einzige klassische Gymnasium

kommen. Am Wochenende ist es im Heim fast unheimlich,

denn viele fahren zu ihren Familien nach

Hause. Teils, weil sie die „Freiheit“ in der Familie

vermissen, teils, weil sie so der sechsstündigen (!)

Studierzeit am Sonntag (!) entkommen. „Lernen,

das machen wir schon genug: mehrmals die Woche

zwei Stunden Silentium!“, erzählte mir ein Schüler.

Das Heimleben ist recht abwechslungsreich und

für das Lernen sicher von Vorteil, aber ob Schule

und Schlafzimmer im gleichen Gebäude wirklich

immer so gut sind, ist zumindest fraglich. Die Anlage

hat auch Informatikraum, Sportplätze, Mensa

und weitere Aufenthaltsräume - alles 2007 erbaut

oder renoviert. Nebenan das Klosterseminar mir

40 (!) angehenden Franziskanern, einem Kabinett,

einer ethnografischen Sammlung und einem kleinen,

winzigen, aber deshalb nicht unbedeutenden

Museum mit archäologischen Fundstücken und

natürlich der Klosterbibliothek. Aber genug mit

den Gebäuden, interessanter sind doch wohl die

Schüler.

Wir Jugendliche sind überall gleich: Fröhlich,

Seite 4


mehr oder weniger partyliebend, technisch begabt

und facebookphil, studierallergisch, neugierig

(hauptsächlich, was verbotene Dinge anbelangt)

etc. So waren auch unsere bosnischen

Kollegen. Das einzige wirklich Auffällige war,

dass der größte Teil von ihnen gar nicht in Bosnien

geboren ist: Deutschland, Schweden, Italien

und andere sind deren Geburtsländer - eben wegen

des Krieges.

An einem Abend, nachdem wir vor den ganzen

Die Mensa der Schule

Heimschülern Südtirol und unsere Schule vorgestellt

hatten, mussten wir alle Stühle und Bänke in

Ordnung bringen. Ein Dutzend Leute haben ca.

80 Stühle in zwei Minuten durch Herumschieben

in Ordnung gebracht. „Franziskanerschüler!“, hat

mir einer zugelächelt.

Übrigens: Eine Schülerzeitung haben sie auch!

Fest im Würgegriff des Winters

Seite 5


Versuch eines Reisetagebuchs

von Martina Gianola

„Bosnienreise 24.03.-04.04.2012“ lautet die Überschrift.

Zugegeben - nicht besonders einfallsreich. Ich

hab halt noch nie ein Tagebuch geschrieben; keine

Ahnung, was man sonst schreiben sollte.

Teilnehmer: Stephanie Nardone, Linda Schwarz, Gunda

Fragner, Sophia Giovanett, Felix Mair, Valentin

Harich, Matteo Carmignola, Francesco Gianola, Alexander

Corradini, Marco Foresti, Prof. Niederseer,

Max Kollmann und ich.

24.03.

Start: 12.10 Uhr im Schulhof. Die zwei Neunsitzer

sind schon startbereit. Schnell Schwester und Freundinnen

umarmen, und dann: Los geht’s!

Abends Ankunft in Jugendherberge in Zagreb. Wir

Mädchen in einem größeren Zimmer als die Jungs,

obwohl in Unterzahl (der Vorteil, eine Frau zu sein).

Es hat giftgrüne Wände!

Abendessen um 22 Uhr, Cevapi (typisches Gericht für

den Balkan).

25.03.

Weiterfahrt nach Srebrenica. Boxenstop beim Vernichtungslager

Jasenovac. Übrig ist von diesem nur

noch eine große, steinerne Blume als Denkmal. Alexander

hält einen Vortrag. Da einige die Heimat schon

vermissen, wird „Wohl ist die Welt so groß und weit“,

mit Matteos Begleitung auf der Gitarre, gesungen.

„Wohl ist die Welt so groß und weit“

Seite 6

Nach einer langen Autofahrt durch Kroatien und Bosnien

(meine ersten Stempel im Reisepass!) Ankunft

um 20 vor 8 in Srebrenica. Es erwarten uns unsere

Gastmütter bzw. -omas. Gunda, Sophia und ich sind

für die nächsten zwei Nächte bei Zora untergebracht.

Oder besser gesagt in Zoras zweiter, unbenützer Wohnung.

Nur für uns allein. Glücklich und zufrieden

lassen wir uns nieder. Nicht einmal das Fehlen eines

Waschbeckens im Bad kann uns die Vorfreude auf den

nächsten Tag und die bevorstehende Reise verderben.

26.03.

Um 6.00 Uhr morgens: origineller Wecker. Gebetsaufruf

des Lautsprechers der naheliegenden Moschee.

Andere Länder, andere Sitten, da kann man nichts

machen.

Mit Weiterschlafen wird leider nichts, denn in der

Wohnung ist es eiskalt! Anscheinend gibt es hier keine

Heizungen. Ich denke ernsthaft darüber nach, die

nächste Nacht im Badezimmer zu verbringen, da dies

der einzig halbwegs warme Raum ist. Ein Eisen, das,

wenn man es einschaltet, glüht, beheizt ihn.

Um acht Uhr gibt es Frühstück bei Zora und damit

auch die ersten Kommunikationsprobleme, da sie weder

Deutsch (manche Leute sprechen es hier) noch

Englisch spricht. Naja, einmal mit Händen und Füßen

kommuniziert zu haben gehört auch zur lebensnotwendigen

Lebenserfahrung. Unsere Sprachkenntnis

ist nicht viel besser, reicht gerade für ein „hvala“

(danke), das nach einem Frühstück, bestehend

aus Strudel mit in Honig getauchten Nüssen,

Eier, Quark, Marmelade und Brot wirklich angebracht

bzw. nötig ist.

Um neun Uhr Treffen bei den Kleinbussen, Fahrt

zum „Srebrenica-Potočari memorial and cemetery

for the victims of the 1995 genocide“, wo,

wie der Name schon sagt, die Opfer des brutalen

Völkermords von den Serben an den Moslems

begraben sind. De facto ist es eine Wiese

voller weißer Grabsteine, alle mit der gleichen

Inschrift. Hinterher ein recht beeindruckender

Film in einer (eiskalten) Batteriefabrik.

13 Uhr: leckerer Döner bei Deutsch sprechenden

Serben, Wanderung zu so genannten „Heilquellen“

– meiner Meinung nach nur ein eisen-und schwe-


felhaltiges, stinkendes Bächlein - und langes Gespräch

mit den Mitgliedern „Adopt-Srebrenicas“. In diesem

klären sie uns über

die Lage zwischen

Muslimen und Serben

in Srebrenica

auf.

Hinterher Abendessen,

meinen ersten

türkischen Kaffee

getrunken, und

ab ins eiskalte Bett!

27.03.

Trotz nicht nur

eines, sondern

gleich 3 läutender

Wecker um sieben

wird bis halb acht Mein erster bosnischer Kaffee

weitergeschlafen. Dann

Frühstück, Abschied von Zora (bei dem sie uns Netzsocken

– wie zieht man so was an? - schenkt) und

Treffen mit dem Imam, dem Leiter der örtlichen Muslimengemeinschaft.

Wirklich interessante Sachen über den muslimischen

Glauben erfahren, alle sind -wir Mädchen wahrscheinlich

mehr vom Imam selbst als von dem Erfahrenen

- begeistert.

Am Nachmittag Weiterfahrt nach Visoko (Dörfchen,

20 km von Sarajevo entfernt). Der erste Eindruck des

Gymnasiums/Schülerheims (nachdem wir zuerst in

dem alten, verlassenen Hinterhof des Klosters gelandet

sind): Diese heruntergekommene Fassade prophezeiht

nichts Gutes. Pater Iwan und Bruder Stipo

und führen uns in unsere Zimmer. Wie so oft hat der

erste Eindruck auch hier getäuscht: Das Gymnasium

und Schülerheim (alles in einem Gebäude) sind super

eingerichtet und

die Patres - zumindest

bis jetzt - recht

freundlich.

Nach dem Abendessen

in der Mensa

Erkundungsrunde

durch die Schule

und noch etwas

distanzierte Konversation

mit den

Schülern, die – zu

meinem Erstaunen

- sehr gut Deutsch

Seite 7

sprechen.

Nach einigem Herumirren durch die Gänge lerne ich

Matea kennen.

Mit ihr ratsche

ich dann auch

bis halb 11. Dann

heißt es ab in

die Zimmer. Das

Licht wird um

11 ausgeschaltet,

Bruder Stipo ist

da angeblich sehr

streng. Dass es bei

uns mit einer halben

Stunde Verspätung

erlischt,

scheint er –Gott

ben.

sei Dank - nicht

bemerkt zu ha-

28.03-30.03.

Die folgenden Tage verlaufen alle im selben Rhythmus:

Um 6.50 Uhr Läuten des ersten Weckers, dann immer

im Drei-Minuten-Takt der zweite und der dritte (zuerst

meiner, darauf Gundas, und Sophias Wecker zum

Schluss). Jeden Morgen wird bis sieben Uhr weitergedöst.

Es ist zu kalt, um aus dem Bett zu steigen.Wieso,

wieso, wieso werden die Heizkörper in diesem Land

nicht benutzt? In Windeseile wird angezogen und –

fast immer - pünktlich um halb acht in der Mensa gestanden,

das Morgengebet aufgesagt und gefrühstückt.

Anschließend wird Unterricht besucht – Deutsch,

Griechisch, Latein oder Englisch. Dazu ist nicht viel zu

sagen: Prüfungen, Tests, strenge und weniger strenge

Professoren...alles, was es bei uns gibt, haben sie auch.

Nach dem Mittagessen (N.B.: durchschnittliche

Dauer eines Mittagessens:

20

Min – Gebet am

Anfang + Ende

und Abräumen

inklusive!) wird

mit den Schülern

im Hof fuß- und

volleyballspielend

oder einfach

nur ratschend

verdaut. Nachmittags,während

des Silen-


tiums, also der Studierzeit unserer Leidensgenossen,

Besuch sämtlicher Klöster, eines pyramidenförmigen

Berges (normaler Berg – sieht laut der Bewohner von

Visoko aus wie eine Pyramide. Ich nenne ihn „gescheiterter

Versuch der Visokoer, Touristen in die Stadt

zu locken“) und einer Metresa- Schule (muslimische

Schule/Wohnheim). Diese ist unbedingt erwähnenswert:

Enormes Gebäude, mein erster Moscheebesuch

und – wie kann man ihn

vergessen? - der exzellente,

mit Honig, Nüssen

und Sahne gefüllte

gekochten Apfel.

Am Donnerstagabend

Abschied von den

Schülern. Nicht wir

fahren, sondern sie:

Ab morgen nach der

Schule heißt es für

sie Wochenend und

Heimfahrt. Tschüss, bis

Sonntagabend!

...auch Bruder Stipo

findet Gefallen an dem

Spiel...

31.03

Start um acht Uhr, endlich gehts in das lang erwartete

Sarajevo. Einmal dort angekommen, bremst uns

nichts mehr: Gespräch mit dem österreichischen Botschafter,

österreichisches Viertel, türkisches Viertel

(Sarajevo stand lange unter der Herrschaft der Ottomanen),

orthodoxe Kirche, Cevapcici mit Joghurt

als Mittagessen, Franz-Ferdinand-Attenat-Museum,

Bosnaquellen (Bosna ist der Fluss, der in der Nähe

Sarajevos entspringt) bis hin abends zu einem Theater

von Theologiestudenten. Von diesem verstehen

wir allerdings nicht viel. Eindeutiger Beweis meiner

Theorie, dass all das fleißige Fremdvokabelstudieren,

z.B. jener, welche wir uns während der Hinreise mit

Matteos „Miniwörterbuch Bosnisch-Deutsch“ anzueignen

versucht haben, nichts nützt (Griechisch und

Latein ausgenommen, natürlich).

1.04.

Schlechtes Wetter: Es schneit (kein Aprilscherz)!

Frühstück mit den Seminaristen und Neun-Uhr-

Messe auf Bosnisch. Es hat aufgehört zu schneien und

wir fahren, mit einigen übers Wochenende im Heim

gebliebenen Heimschülern, wieder nach Sarajevo.

Seite 8

Dort verbringen wir, zwischen Cevapci, Verkostung

der typischen Süßigkeiten in einer Konditerei (Felix

is(s)t im Paradies) und einem Bummler im türkischen

Viertel der Stadt, einen tollen Nachmittag.

Abends endgültiger Abschied der Heimschüler in

Form einer, um Prof. Niederseer zu zitieren, „ganz

tollen Party-Party“. Und was für einer Party: bosnische

Lieder, international bekannte, bis hin zum „Fliagerliad“.

Alles wird

mit beiderseitigen

Begeisterung getanzt.

Sogar eine Rock’n’roll

Einlage von Sophia

und Felix findet statt!

2.04.-04.04.

Weiterfahrt nach

Mostar, berühmte

Brücke angeschaut,

Kärtchen geschrieben

und abgeschickt.

Wunderschönes, fast

schon idyllisches

kleines Städtchen.

Abends Ankunft in

Mejugorie. „Ich organisiere euch dort eine Übernachtung

in einem Schloss!“, hat Pater Iwan uns beim

Abschied noch versichert. Gesagt, getan! Unsere Unterkunft

ist ein 2007 erbautes, absolut traumhaftes

Schloss. Besitzerin ist - wie kann man so eine Frau beschreiben?

- eine exzentrische, religiös-fanatische, fast

schon sektenhaft wirkende Kanadierin. Was man ihr

lassen muss: Unfreundlich ist sie nicht und ein Zimmer

mit Himmelbett hatte ich auch noch nie. Die

informations(über)reiche Reise macht sich spürbar

und Mejugorie kann mich gar nicht entzücken: Der Regen,

der beim Aufstieg auf den Erscheinungsberg ununterbrochen

auf uns niederprasselt, die touristischen

Souvenierläden, in denen sogar Aschenbecher mit der

Mutter Gottes verkauft werden – was soll denn das?

Doch es kann einem ja nicht alles gefallen, oder? Mich

machen schon das Himmelbett, der Anblick des Meeres

bei der Heimfahrt in Kroatien und die Erinnerung

an diese ganz besondere, sehr interessante, ereignisreiche

und kalte Reise überglücklich. Und ich würde

sagen, das reicht.


Rocken bis der Sandmann kommt

von Valentin Harich

Alles ist dunkel, die Ohren dröhnen. Das Stadio

Friuli bebt. Soeben haben sich Metallica mit

„For Whom The Bell Tolls“ von der Bühne verabschiedet,

jetzt flimmern Bilder von den Aufnahmen

ihres legendären „Black Albums“ über eine

gigantische Leinwand an der Stadionkurve. Eine

Schrift ist zu lesen, sonst ist alles schwarz: August

12, 1991. Metallica presents: Metallica.

12 Stunden zuvor sind Moritz Plattner und ich

noch zusammen mit einem Bus voller Metalfans.

Auf den ersten Blick übt der durchschnittliche

Schwermetaller einen eher abschreckenden

Eindruck aus. Seine Lieblingsfarbe ist schwarz,

er hört gerne laute Musik und trinkt Bier – viel

Bier. In seiner Mediathek finden wir Bands mit

ansprechenden Namen wie „Anthrax“, „Megadeath“,

„Slayer“ oder eben „Metallica“. Doch der

Eindruck trügt. Hinter langen Haaren, Lederjacken

und Partonengürteln verbergen sich Ärzte,

Psychologen, ja sogar Lehrer findet man unter all

den skurrilen Gestalten. Ich hatte ja vorhin kurz

die langen Haare erwähnt. Die braucht ein Metaller

fast noch mehr als Bier und Powerchords,

und das führt mich wieder zurück nach Udine.

Die lange Mähne eines Thrash Metallers sind für

die genretypische „Tanzform“ unerlässlich. Wird

man von der rhythmisch dreschenden (engl.: to

thrash) Musik mitgerissen, bewegt man seinen

Kopf kreisförmig zur Musik: Man nennt dies

„headbangen“.

Unterdessen spielt die Band rund um Sänger

James Hetfield und Schlagzeuger Lars Ulrich

zusätzlich zu ihren größten Hits wie „Master Of

Puppets“ und „One“ zum zwanzigjährigen Jubiläum

seines Erscheinens das komplette Album

„Metallica“, das wegen seines schwarzen Covers

auch „Black Album“ genannt wird, darunter auch

Titel wie die berühmte Metalballade „Nothing

Else Matters“, „Wherever I May Roam“, „The

Unforgiven“ und, als letztes Lied des „Schwarzen

Albums“, „Enter Sandman“. Dieses Lied - für

mich persönlich ist es ihr bester Titel - handelt

von einem Kind, das Angst vorm Einschlafen

hat.

Nach zweieinhalb Stunden furiosen Spiels verabschieden

sich die vier Musiker aus Udine und

entlassen die Fans schon um halb zwölf aus dem

Stadion von Udinese Calcio. Ich bin taub und

am Ende, außerdem hoffe ich, zuhause noch ein

paar Stunden Schlaf zu ergattern. Jedoch bleibt

mir dieser Luxus nicht vergönnt . Erst um 6:45

erreichen wir Bozen. Es ist Montag, erste Stunde:

Turnen. Da kann es ja noch dauern, bis der Sandmann

auch zu mir kommt.

Seite 9


Nachruf

von Teseo La Marca

Er bracht´ uns nah den Schiller und den Goethe

und all die andern deutschen Dichtergrößen,

vor allem aber deren frommes Wesen –

ein Hauch von Religion, der immer wehte.

Das Lehnen und das falsch betonte Lesen

ward hart verdammt, ob auch der Schüler flehte:

Da tobte Willibald in Zornesröte,

sein Kampf galt stets der Macht des Bösen.

Jedoch muss heut sein spärlich Haar ergrauen

nicht länger zwischen Anstaltswänden;

er zieht in Graz jetzt auf die Glaubensküken.

Und Schüler, die er schalt ob Nägelkauens,

sie missen jetzt alle mit kahlen Händen

des alten Meisters einstige Kritiken.

Chronologie

von Teseo La Marca

Sie läuft und schafft dies gänzlich ohne Beine,

geht sie verloren, hat man keine.

Will hinter Taten schwinden,

ist schwer zu finden

und dann

und wann

sagt man zu ihr:

„So zeig dich endlich mir,

komm her und ticke auch für mich!“

Und wenn sie dann nicht will, nimmt man sie sich.

Seite 10


The Hunger Games

von Hannah Lezuo & Verena Walther

Nordamerika in der Zukunft. Durch eine Naturkatastrophe

wurde es zerstört und aus seiner

Asche hat sich Panem erhoben. Ein Land, das

vom Kapitol regiert wird. Ihm unterstehen zwölf

Distrikte, dort leben die Menschen in Armut.

Um seine Vormachtstellung zu unterstreichen,

veranstaltet das Kapitol jedes Jahr die sogenannten

Hungerspiele. Aus jedem Distrikt werden

ein Junge und ein Mädchen ausgelost, und diese

insgesamt 24 “Tribute” müssen sich bis zum Tod

bekämpfen. Wer am Ende übrig bleibt, ist Sieger

und lebt nicht mehr weiter in Armut.

Als Katniss’ kleine Schwester Primrose ausgelost

wird, meldet Katniss sich freiwillig an ihrer Stelle,

um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Zusammen mit Peeta, dem anderen Tribut aus

ihrem Distrikt, wird sie ins Kapitol gebracht und

nach einer kurzen Vorbereitungszeit beginnen

die Hungerspiele. Als Katniss schon überlegt, wie

sie Peeta umbringen soll, rettet er ihr Leben.

Mit dem Hype, der um diesen Film enstanden

ist, fühlen sich viele in ihrer eigenen Meinung

bestätigt. Da ich aber die Bücher von Suzanne

Collins gelesen habe, welche als Vorlage für den

Film dienten, hatte ich eine bestimmte Vorstellung

von den Charakteren. Leider entsprechen

die Schauspieler dieser nicht ganz. Natürlich

konnte ich mir nicht erwarten, dass die Realität

der Phantasie das Wasser reichen kann, aber ich

benötigte eine gewisse Zeit, um mich an die Darsteller

zu gewöhnen.

Ich fand den Film nicht schlecht oder gar eine

Zeitverschwendung, aber ein wenig enttäuscht

war dennoch. In ihm gehen bestimmte Dinge

verloren, die den Zauber der Bücher ausmachen.

Die Autorin hat die Bücher in der ersten Person,

aus der Sicht Katniss’, verfasst. So wird man umso

stärker in das Geschehnis hineingezogen. Diese

Möglichkeit der Sichtweise bleibt den Filmemachern

verwehrt. Deshalb bleibt die Geschichte

einem nicht so sehr in Erinnerung, als wenn man

das Buch lesen würde.

Diejenigen, die die Bücher nicht gelesen haben,

wissen nichts von dem, was die Verfilmung nicht

zeigen kann und werden es folglich auch nicht

vermissen. Für sie kann der Film also durchaus

als gelungen angesehen werden.

Seite 11


Fett, kursiv und unterstrichen

Eine kleine Satire.

Bedeutung beimessen. Eine komische Wortverbindung.

Ein abstrakter Begriff wie „Bedeutung“ wird

mit einem technischen und äußerst konkreten Begriff

wie „messen“ verbunden – und dennoch verstehen

wir den Sinn hinter diesen Wörtern. Und genau so ein

Hintersinn scheint in unserer Zeit immer häufiger zu

fehlen, aber trotzdem – oder vielleicht sogar deshalb

– wird allem viel Bedeutung beigemessen. Es wird in

inhaltsarmen Texten, Stücken, Reden, Filmen etc. fett

geschrieben, kursiv betont und bedeutungsvoll unterstrichen.

Eine kleine Satire.

Es ist Sonntag. Ein vernieselter, trüber Sonntag, dessen

Sonne am 12. Februar schon um vier Uhr nachmittags

nicht mehr zu sehen war. Eigentlich ein perfekter Tag

für einen Theaterbesuch, dachte ich mir; und so ging

ich in die Nachmittagsvorstellung des „Kirschgartens“

von Anton Tschechow. Inszeniert wurde das Stück,

das u.a. die politischen, wirtschaftlichen und damit

auch sozialen Umwälzungen in Russland am Beginn

des 20. Jh. thematisiert, von Paolo Magelli. Das Gesehene

war Gott sei Dank kein abstraktes Autorentheater,

wie es zurzeit fast überall grassiert. Aber dennoch

konnte diese sonst sehr originalgetreue Darstellung

etwas nicht außen vor lassen, was heute angeblich

„gutes“ Theater ausmacht: Nacktszenen.

Ja, Nacktszenen. Sie werden immer häufiger eingebaut,

um die Gesellschaft zu schockieren und um sie

aus ihrem Konsumrausch wachzurütteln!

Dabei stellt sich die Frage, woher dieser Irrglaube

kommt. Meines Erachtens sind diese „extremen“ Darstellungsweisen

nämlich heute eben schon zur Normalität

geworden. Dabei ist vor allem zu erwähnen,

dass sie nicht die notwendige Folge des Epischen

Theaters nach Brecht und auch nicht eine gesteigerte

Form des Absurden Theaters wie bei Samuel Beckett

sind. Sie sind vielmehr eine reine Adaption der übertriebenen

Sexualität und Provokation in der Popkultur.

Denn die Zeiten, in denen Nacktszenen oder Provokationen

wie die Besudelung einer Leinwand, auf

der Christus abgebildet ist, dem Publikum wirklich

die vielgeschändeten Augen öffnen, sind längst vorbei.

Durch die medienbedingte Verrohung betrachtet

unsere Gesellschaft genau das als normal, was Großmüttern

früherer Generationen noch einen ordentli-

Seite 12

chen Herzinfarkt bereitet hätte.

Die Kunst ordnet sich also – wie es scheint – gerade

in ihrem angeblichen Non-Konformismus der öffentlichen

Meinung und den öffentlichen Gelüsten unter,

anstatt diese zu hinterfragen und dem Publikum bewusst

zu machen.

Aber schließlich sind selbst Kritiker wie ich nur Sklaven

der Hypokrisie. Wie jeder gute Theatergänger

stand ich nämlich während der Pause gut eine Viertelstunde

bei Bekannten, die ich dort zufällig getroffen

habe. Ich palaverte bei einem leckeren Fruchtsäftchen

darüber, wie gut die Räumlichkeit in der Inszenierung

ausgenutzt werde, über den Hustenreiz einer Frau,

die zwei Sitze neben mir ein wahres Fellknäuel auszuspeien

schien und, schließlich, auch über die erste

Nacktszene des Dramas. Und ich bin meinen dortigen

Gesprächspartnern unendlich dankbar, dass sie diese

Szene, noch vor mir, als unnötig bezeichneten. Ich atmete

daraufhin erleichtert auf und genoss den Fruchtsaft,

den sie mir spendiert hatten, gleich ein bisschen

mehr. Ich spürte die Fruchtstückchen der Orange und

ging zufrieden in den zweiten Teil der Vorstellung,

die sich leider niveautechnisch nicht wirklich steigern

konnte. Als die Lichter aber schließlich angingen und

ich das Gebäude verlassen hatte, blickte ich in die am

Anfang erwähnte, verfrühte Dunkelheit. „Hoffentlich“,

dachte ich, „regnet‘ s nicht.“


Was wurde eigentlich aus

von Bastian Riccardi

Was wurde aus Elden Spencer?

Wer kennt diesen Namen? Wahrscheinlich nicht viele.

Aber ein Bild von ihm haben schon fast alle einmal in

ihrem Leben gesehen. Eines der bekanntesten Cover-

Bilder weltweit. Besser gesagt handelt es sich um das

Nirvana-Cover des Albums „Nevermind“, wo er als

vier monate altes Baby abgebildet ist - unter Wasser

und er schwimmt einer ein Dollar Note hinterher,

die an einem Angelhaken hängt. Seine Eltern bekamen

dafür 200 Dollar und Courtney Love und Kurt

Spencer als Baby und als Zehnjähriger

Seite 13

Cobain versprachen, mit ihm Abendessen zu gehen,

wenn er alt genug sei. Dazu kam es aber aufgrund des

Selbstmordes von Cobain nicht.

Geboren wurde Elden am 7. Februar 1991. Und 2001,

also mit 10 Jahren, ließ er sich noch einmal abbilden,

für das zehnjährige Cover- Jubiläum. 2003 ließ er sich

auch für das Cevin-Key-Album „The Dragon Experience“

fotografieren. Danach machte er nichts Aufregendes

mehr. Er besuchte ein College und ist mittlerweile

nur mehr echten Nirvana Fans bekannt.

Spencer auf dem Dragon

Experience Album


Was wurde aus Materazzi und Zidane?

Diese zwei Namen wird wahrscheinlich jeder kennen,

vor allem nach der Fußball-WM 2006 in Deutschland.

Damals, am 9. Juli 2006, beendete Zidane mit einem

Kopfstoß Frankreichs WM-Träume – und verpasste

seiner Karriere gleichzeitigen einen dauerhaften

Knacks. Getroffen hatte er den italienischen Innenverteidiger

Marco Materazzi. Dieser hatte ihn

zuvor provoziert und bekam dann per Kopf die

Quittung. Kurz darauf kursierte im Internet bereits

ein Lied über diese Tätlichkeit. Zudem hatte dieser

Ausraster Zidanes für beide noch Folgen, denn beide

mussten eine Strafe zahlen und Materazzi wurde

für zwei Qualifikationsspiele für die EM 2008

Seite 14

gesperrt. Mittlerweile ist auch bekannt, was Materazzi

Zidane sagte, um ihn so ausrasten zu lassen.

2007 gab er darüber ein Buch heraus,

jedoch ohne großen Erfolg.

Der heute 39-jährige Verteidiger ist momentan

vereinslos und man hört nicht mehr viel von ihm.

Zidane hingegen gilt in Frankreich immer noch

als Ikone. Er betätigt sich mittlerweile bei diversen

Hilfsorganisationen, dazu kommen Werbespots

für namhafte Firmen und ein Engagement

als Co-Kommentator bei Canal plus.


Was wurde aus Margaret Thatcher?

Wer kennt diese Frau noch? Jeder, der sich mit

Politik beschäftigt, sollte aber einmal von ihr gehört

haben: Margaret Hilda Thatcher, Baroness

Thatcher of Kesteven heißt sie mit vollem Namen.

Sie war eine britische Politikerin und von 1975-

1990 Premierministerin des Vereinigten Königreichs

von Großbritannien. Sie hatte damit nicht

nur die längste Amtszeit seit 150 Jahren, sondern

war auch noch die erste Frau in diesem Amt.

1995 erhielt sie den höchsten Orden Englands,

den Hosenbandorden. Zudem ist sie Ehren- und

einziges weibliches Vollmitglied des renommierten

Carlton Clubs. Seit Februar 2007 befindet sich

im Foyer des britischen Parlaments, dem Palace of

Westminster, eine vom Bildhauer Antony Dufort

geschaffene überlebensgroße Bronzestatue von ihr.

Was wurde aus Guantanamo?

Guantanamo ist wohl das bekannteste Gefängnis

der Welt. Die Bilder von den Gefangenen

mit den orangefarbenen Overalls sind weltbekannt.

Doch mittlerweile ist das Gefängnis

in Vergessenheit geraten - oder doch nicht?

Guantanamo ist ein Stützpunkt der US Navy, der

sich im Süden der Insel Kuba befindet. 2002 wurde

dieser Stützpunkt um ein Internierungslager,

sprich Gefängnis, erweitert. Kurz nach der Eröffnung

wurden Menschenrechtsorganisationen

laut, die eine sofortige Schließung forderten, da

Verhörmethoden, Rechtslagen der Gefangenen

und die Haftbedingungen gegen die Menschenrechte

verstoßen. Auch europäische Politiker

fordern eine Schließung, sind aber nicht dazu

bereit, Häftlinge aufzunehmen.

Seite 15

Sie hatte große Kritiker, jedoch auch große Fans.

Dies zeigte sich in zwei Umfragen, welche 2002

und 2003 durchgeführt wurden. Demnach ist

sie auf Platz 16 der 100 berühmtesten Briten aller

Zeiten und auf Platz 3 der 100 unpopulärsten.

Mitte 2008 wurde bekannt, dass sie inzwischen unter

fortgeschrittener Demenz leidet. Ihre Tochter Carol

Thatcher thematisierte Thatchers Erkrankung 2008

in einem Buch. 2011 erschien eine Filmbiografie mit

dem Namen „The Iron Lady“ („Die eiserne Lady“).

Gespielt wird Thatcher darin von Maryl Streep.

Den Namen „Iron Lady“ bekam sie übrigens

1976 von einem Moskauer Radiosender, nachdem

sie in einer Ansprache die „bolschewistische

Sowjetunion“ scharf attackiert hatte.


Es gibt drei Camps: Camp X-Ray, welches bereits

geschlossen wurde, Camp Delta und

Camp Iguana, welche noch in Betrieb sind.

2009, als Obama ein Dekret zur Schließung unterschrieb,

befanden sich noch 245 Gefangene in Guantanamo.

Mittlerweile sitzen dort noch 171 Häftlinge und

die endgültige Schließung erweist sich als schwerer als

gedacht. Obama hat es trotz seines Versprechens noch

nicht geschafft, Guantanamo zu schließen. Doch auch

wenn dieses Thema momentan in den Medien nicht mehr

so präsent ist, wird es wahrscheinlich rechtzeitig zu den

Wahlen wieder aufkommen, um Wähler zu gewinnen.

Seite 16


Bosnienreflexionen

Im Augenblick würde ich mich einem Chimäre, halb

Schwamm, halb Kuh, vergleichen: Während unserer

Bosnienreise habe ich so viel aufgesaugt, wie ich nur

konnte, und nun gilt es, all diese Erlebnisse, Informationen

und Gedanken wiederzukauen.

Wiederkäuer sind nicht die dümmsten Lebewesen;

aber gerade Leuchten im Tierreich sind sie auch nicht.

Also, die Gedanken einer Kuh sind nicht zu ernst zu

nehmen.

Wenn ich an den 24. April zurückdenke, an den Vortrag

Doktor Schneebachers über Weltwirtschaftskrise,

Banken und Euro, scheint mir eine Ewigkeit

vergangen zu sein. Am selben Samstagabend waren

wir schon in Zagreb und siehe da, genau das, wovon

wir am Vormittag gehört hatten: Überall österreichische

Konzerne: Kika, Spar…Globalisierung! “Muh,

das werden schon noch die Überbleibsel der K.u.K-

Zeit sein!“, schoss es mir durch den Kopf. In Sarajevo

konnte man auch noch zwischen Gebäuden aus der

Donaumonarchie im Jugendstil und gleich darauf

zwischen niederen Häusern, Bazaren und Minaretten

herumspazieren. Ein Konglomerat nicht nur verschiedener

Stile, sondern auch verschiedener Religionen.

Wir haben Menschen verschiedener Religionen und

Konfessionen getroffen: Muslime, Juden, Katholiken,

Serbisch- Orthodoxe: All diese Menschen leben im

selben Staat…das richtige Wort wäre jetzt „zusammen“.

Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob man das

wirklich Zusammenleben nennen kann. Ja, die Menschen

leben schon in den gleichen Städten, kaufen oft

in den gleichen Geschäften ein, aber zusammen leben

ist das (noch) nicht. Man merkt es nicht gleich, aber

die Wunden des Krieges sind noch spürbar. Serbisches

Bier in serbischen Lokalen, bosnisches in bosnischen

Bars. Aber niemand hat mit uns offen über

den Hass gesprochen, denn wir kamen hauptsächlich

mit Menschen in Kontakt, die eine gemeinsame

Zukunft sehen. Diese Begegnungen mit Menschen

sind das Tiefste und Schönste, was ich wiederzukauen

habe. Lessings Ringparabel ist mir eingefallen, als

wir bei einem muslimischen Imam, einer Art Pfarrer,

zu Besuch waren. Er hat uns alle Fragen über Frauenrechte

im Islam, Terror, Zusammenleben und noch

vieles mehr kompetent und überzeugend beantwortet.

Hauptsächlich sind mir jedoch zwei Sachen klar

Seite 17

geworden: Bosnien ist ein Land, in dem Orient und

Okzident sich getroffen haben und treffen. Der Islam

hier ist europäisch das heißt, man merkt oft keinen

Unterschied zwischen muslimischen Familien und

christlichen; kein Burka oder ähnliches!

Ins Bewusstsein eingedrungen ist mir auch die Situation

hierzulande. Um unsere Welt zu überblicken,

muss man weit weg, auf den Mond, gehen. Von dort

erscheint sie schimmernd schön, aber klein, sehr klein

und unbedeutend im Vergleich zum Rest des Alls.

Hauptsächlich aber nicht zu perfekt und fortgeschritten,

wie wir sie zu sein glauben. „Leben wir hier in

Südtirol, der Schnittstelle zwischen Norden und Süden,

bereichert? Leben wir wirklich miteinander und

nicht nebeneinander? Ist es überhaupt möglich?“ Das

sind Fragen, auf die mir Antworten fehlen.

Das Zäheste, was ich wiederzukauen habe, ist jedoch

der Krieg: Für mich ist er Geschichte. Ich war gerade

dabei, sprechen zu lernen, als er aufhörte. Für mich

waren die Gräber und die Massaker der Armee der

„Republika Srpska“ gleich schrecklich, aber auch

gleich weit entfernt wie die Gräueltaten Hitlers und

seiner Schergen. Ich habe nur noch einige Einschusslöcher

in den Häusern gesehen; nichts im Vergleich

-glaube ich - zum Leid, das die Menschen ertragen

mussten. Doch was mir zu schaffen machte und zu

schaffen macht, sind die Verantwortlichen für die

Massaker. Und verantwortlich sind sie alle: Serben,

Bosniaken und Kroaten. Wie kann ein Mensch, ein

Mann, jetzt im Alter meines Vaters, hunderte Leute

erschießen, foltern, schlagen, vergewaltigen und nun

normal weiterleben, eine Familie haben, Kinder haben?

Wie kann er mit sich selbst zurechtkommen?

Vielleicht hat der Dorfpolizist hunderte Leute erschossen?

Vielleicht der Bäcker? Vielleicht der Nachbar?

Nicht alles war jedoch so trübe. Ich bin lachend hingefahren

und komme auch so zurück. Die Wiesen

und Weiden - eine Kuh schaut auf solche Dinge - waren

noch nicht grün, die Landschaft noch grau und

ermüdet vom harten Winter, doch der Frühling war

schon spürbar; wir waren nur zu früh dort!

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine