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1 Handykonsum und kommunikative Kompetenz - Attendorn

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1<br />

<strong>Handykonsum</strong> <strong>und</strong> <strong>kommunikative</strong> <strong>Kompetenz</strong><br />

Vortrag von Harald Fischmann<br />

im Rahmen des Seminars „Mobilfunk <strong>und</strong> Gesellschaft“ am 11.07.03 in Fürth<br />

Besonderheiten der Handy-Kommunikation<br />

Zwei Bereiche müssen getrennt betrachtet werden, denn das Medium Handy ermöglicht die Kommunikationsformen<br />

Telefonat <strong>und</strong> SMS.<br />

- Zum einen also die mündliche Kommunikation, die meistens zeitgleich mit einem Partner am anderen<br />

Handy abläuft. Man hat also in der Regel (Ausnahme: Mailbox) ein direktes Gegenüber, auf das man<br />

spontan reagieren muss. Kommunikation findet auch abseits der phonetischen Zeichen (Laute) statt:<br />

Stimme, Stimmführung, Geschwindigkeit, Pausen usw..<br />

- Zum anderen die SMS-Kommunikation, wo asynchron kommuniziert wird, d.h. zeitversetzt, <strong>und</strong> das<br />

mit Hilfe von Schriftzeichen (Ausnahme: Piktogramme oder Logos). Inhaltliches Problem: Die<br />

Textlänge pro Nachricht ist auf in der Regel 160 Zeichen reduziert. Für den Anfänger gestaltet sich<br />

das Verschicken von Botschaften zunächst schwierig, weil die kleinen Handytasten in der Regel<br />

mehrmals gedrückt werden müssen, um den betreffenden Buchstaben zu erhalten (Beispiel „z“ =<br />

4mal „9“) (Besonderheit: Worterkennungsprogramm der T9-software). Die Folge liegt klar auf der<br />

Hand : Abkürzungswahn. Ob oder auch wann eine Nachricht angekommen ist, kann der Sender nicht<br />

überprüfen. Aus der Empfängerperspektive ist die SMS-Kommunikation deswegen auch von Unverbindlichkeit<br />

geprägt, was natürlich auch wieder Einfluss auf Inhalte hat. Es existiert keine Verpflichtung<br />

zur Antwort, da man eine verweigerte Antwort auf technisches Versagen oder ein Funkloch<br />

schieben kann. Andererseits besteht die Möglichkeit der intensiven Reflexion, bevor eine Antwort<br />

versandt wird.<br />

Der Verlust <strong>kommunikative</strong>r <strong>Kompetenz</strong>en<br />

Meine Ausführungen basieren auf folgenden Kommunikationsuntersuchungen, die allesamt im Internet<br />

abrufbar sind :<br />

- Nicola Döring: „Kurzm. wird gesendet“ – Abkürzungen <strong>und</strong> Akronyme in der SMS-Kommunikation, Muttersprache.<br />

Vierteljahresschrift für deutsche Sprache, Heft 2/2002<br />

- Joachim R. Höflich: Das Handy als „persönliches Medium“. Zur Aneignung des Short Message Service<br />

(SMS) durch Jugendliche, kommunikation@gesellschaft, Jg. 2, 2001, Beitrag I<br />

- Joachim R. Höflich u. a. : Forschungsprojekt Jugendliche <strong>und</strong> SMS. Gebrauchsweisen <strong>und</strong> Motive. Zusammenfassung<br />

der ersten Ergebnisse, Universität Erfurt, August 2000<br />

- Jannis Androutsopoulos/Gurly Schmidt: SMS-Kommunikation: Ethnographische Gattungsanalyse am<br />

Beispiel einer Kleingruppe, Sept. 2001<br />

Der Sprachgebrauch in der SMS-Texten ist mit zwei Fragen verb<strong>und</strong>en:<br />

- dem Einfluss der technisch-medialen Beschränkungen der SMS-Kommunikation (reduzierte Zeichenmenge,<br />

umständliche Eingabe, relativ hohe Kosten)<br />

- <strong>und</strong> der Orientierung an informeller Umgangssprache.<br />

Schaut man sich die zahlreichen Reduktionsphänomene (Ellipsen, Abkürzungen, Telegrammstil, Akronyme,<br />

Geheimcodes) an, steht wohl fest, dass den technisch-medialen Beschränkungen eine entscheidende<br />

Bedeutung zukommt. (Beispiel: T9-software -> bewusste Getrenntschreibung wegen Spracherkennung).<br />

Die Gefahr besteht nun, dass sich solche Phänomene bei häufigem Konsum einschleifen <strong>und</strong> nicht mehr<br />

allein in SMS-Texten, sondern in allen anderen schriftsprachlichen Texten Verwendung finden. Auffälligkeiten<br />

in dieser Hinsicht finden sich in den starken Abkürzungstendenzen bei Jugendlichen.<br />

Ein weiteres Problem besteht aus der Sicht der Kommunikationspsychologie in der Tatsache, dass SMS-<br />

Mitteilungen eher als „halb<strong>kommunikative</strong>s Miteinander“ zu bezeichnen sind. Professor Götz-Erik Trott,<br />

Facharzt für Kinder- <strong>und</strong> Jugendpsychologie, äußert sich wie folgt: „Man teilt etwas mit, erscheint aber<br />

nicht als Person. Die für die Entwicklung eines Menschen wichtige direkte Kommunikation geht verloren.“<br />

Es fehlt also der direkte persönliche Bezug zum Mitmenschen, der als Persönlichkeit wahrgenommen


2<br />

werden kann. Dies ist besonders für Jugendliche in ihrer Entwicklung wichtig, die eher Kontaktschwierigkeiten<br />

bzw. Hemmungen haben.<br />

Nicht weiter vertiefen will ich die Beobachtung, dass die Phänomene Intimität <strong>und</strong> Privatheit im Bereich<br />

zwischenmenschlicher Kommunikation an den Rand gedrängt werden, wenn privateste Aspekte des<br />

menschlichen Lebens mittels Handy im öffentlichen Raum diskutiert werden. Wenn man sich die Talk-<br />

Shows im Fernsehen betrachtet, scheint dies jedoch eine allgemeine Zeittendenz zu sein.<br />

Die Sucht nach permanenter Informationsakkumulation<br />

Zu den zentralen <strong>Kompetenz</strong>en der Kommunikation gehört es autonom zu bestimmen, ob, wann <strong>und</strong> wie<br />

lange ich kommunizieren will, bzw. das Bewusstsein, was ich mit der Kommunikation erreichen will. Genau<br />

diese <strong>Kompetenz</strong> geht verloren, wenn die Benutzung des Handys zur Sucht wird. Zunächst gilt es<br />

allerdings zu erläutern, was unter Sucht zu verstehen ist. Hier der Versuch einer allgemeingültigen Definition:<br />

VERSUCH EINER ALLGEMEINGÜLTIGEN DEFINITION: Sucht =<br />

Œ Triebhaftes, durch Vernunftgründe nicht einzudämmendes Begehren, sich Lust zu verschaffen<br />

bzw. Unlust zu vertreiben<br />

ΠBestreben, das Lusterlebnis zu wiederholen, sobald die Wirkung nachzulassen beginnt<br />

Œ Neigung, diesem Lustgewinn den obersten Rang einzuräumen <strong>und</strong> (allen) anderen Lebenszielen<br />

unterzuordnen<br />

Umstritten ist bei Suchtexperten, ob alle drei Kriterien oder nur eines erfüllt sein muss, um von einer<br />

Sucht sprechen zu können. Angeblich seien r<strong>und</strong> 350.000 Deutsche betroffen 1 . Einzelpersonen verschickten<br />

tlw. über 1000 SMS pro Tag, eine unglaubliche Zahl. Auf jeden Fall verbürgt sind Zahlen über<br />

100.<br />

Die Symptome der Handy-Sucht werden folgendermaßen skizziert:<br />

o Starkes Verlangen/Zwang zum Handy-Gebrauch<br />

o Verlust der Kontrolle über die damit verbrachte Zeit<br />

o Entzugserscheinungen nach Verzicht (Nervosität/Unruhe)<br />

o Sozialer Rückzug bzw. Probleme in Partnerschaft, Schule <strong>und</strong> Arbeit<br />

o Fortsetzung des schädlichen Verhaltens trotz Bewusstsein für negative Folgen 2<br />

o eingeschränkte bzw. verkümmerte Kommunikationsfähigkeiten 3<br />

Der Hintergr<strong>und</strong> dieser Suchtform schaut wie folgt aus:<br />

o Simpler Versuch Langeweile zu bekämpfen<br />

o Abgrenzung vom Elternhaus<br />

o Versuch der Kompensation eines negativen Selbstkonzepts<br />

o Versuch Selbstwertgefühl zu erhöhen<br />

o Flucht vor Alltagsproblemen<br />

Verschärft wird die Situation der Süchtigen durch die mit der Anzahl der verschickten SMS <strong>und</strong> geführten<br />

Telefonate einhergehende Schuldenproblematik. Das Handy kann nämlich als Schuldenfalle bezeichnet<br />

werden:<br />

ΠKinder zwischen sechs <strong>und</strong> 17 Jahren besitzen in der BRD durchschnittlich 993<br />

4<br />

Vermögen von r<strong>und</strong> 10 Milliarden<br />

XQG GDPLW HLQ<br />

ΠR<strong>und</strong> 850.000 Jugendliche zwischen 15 <strong>und</strong> 20 Jahren in der BRD sind mit 3,58 Milliarden<br />

schuldet, davon 250.000 überschuldet.<br />

YHr-<br />

5<br />

Œ 64,5 % der Siebt- bis Zehntklässer würden lieber einen Kredit aufnehmen, als auf Anschaffungen<br />

zu verzichten. 6<br />

1 Schätzung basierend auf Erkenntnissen am Zentrum für Verhaltenstherapie in Hannover<br />

2 Oliver Seemann, Münchener Ambulanz für Internetabhängige<br />

3 Aussagen des Psychologen Andreas Herter<br />

4 Münchener Institut für Jugendforschung<br />

5 Schätzung des Versicherungskonzerns R+V, Umfrage des Bielefelder Soziologen Elmar Lange


3<br />

Œ Über 40 Millionen SMS (Short Message Service) werden pro Tag in der BRD 7 gesendet, der<br />

Großteil von Jugendlichen.<br />

Œ 1,5 Millionen Nutzer benutzen ein Handy, ohne es sich leisten zu können, 325 Millionen EOHLEHQ<br />

unbezahlt (= 3,5% des Umsatzes der Mobilfunkbranche). 8<br />

ΠJugendlichen fehlt oftmals das Kostenbewusstsein <strong>und</strong> durch die bargeldlose Abwicklung merken<br />

sie gar nicht, dass sie sich verschulden.<br />

Œ Die späteren Rechnungen werden gar nicht mehr mit den Gesprächen oder Kurzmitteilungen in<br />

Verbindung gebracht.<br />

Œ Zu wenig Mobilfunkgesellschaften setzen auf eine systematische Bonitätsprüfung.<br />

Günther Purlein ( Leiter der Schuldnerberatung Würzburg):<br />

„Bei Jugendlichen bis 18 Jahren sind Handy-Schulden bis zu 250 EHL MXQJHQ (UZDFKVHQHQ<br />

bis 25 Jahren sogar bis zu 2.500 GXUFKDXV QRUPDO ³ 9<br />

Franz Krebs (Schuldnerberater bei der Stadt Aschaffenburg):<br />

„Bei Jugendlichen unter 18 Jahren kommen die Eltern vorbei, weil sie für die Kosten gerade<br />

stehen müssen, ab der Volljährigkeit kommen die jungen Leute selbst (...).“ 10<br />

Kommunikationsstress als Ursache des infobiologischen Unzulänglichkeitssyndroms<br />

Ein wichtige Ursache des Ausartens der Handybenutzung zur Sucht liegt in der übermäßigen Beteiligung<br />

der Konsumenten am Austausch von Inhalten in unserem Informationszeitalter. Dies gilt insbesondere für<br />

die K<strong>und</strong>en der zahlreichen Info-Dienste, die Mitteilungen auch als SMS schicken. So kann man mittlerweile<br />

über Börsenkurse, Fußballergebnisse, aber auch den Reisewetterbericht übers Handy informiert<br />

werden.<br />

Im Zuge des Informationswahns diskutieren Psychologen <strong>und</strong> Mediziner bereits neue Krankheitsbilder.<br />

Die Diagnose von ADHS ist bei schwierigen Kindern inzwischen regelrecht zur Mode geworden. Angeblich<br />

haben bereits 20 Prozent aller deutschen Gr<strong>und</strong>schulkinder bereits irgendwann in ihrem Leben bereits<br />

Ritalin oder ein ähnliches Produkt geschluckt.<br />

Bei Jugendlichen <strong>und</strong> Erwachsenen spricht man dagegen immer öfter von<br />

ADD = Attention Deficit Disorder<br />

„kulturell bedingte Aufmerksamkeitsstörung“<br />

bzw. „infobiologisches Unzulänglichkeitssyndrom“<br />

Die Problematik erhöht sich oft im Zusammenspiel von Internet- <strong>und</strong> Handybenutzung 11<br />

Œ Nutzer wird von Informationen überrollt<br />

ΠPermanente Erreichbarkeit<br />

Œ Erhalt von Nachrichten macht oftmals schnelle Antwort nötig<br />

Œ Fehlende Zeit sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen<br />

ΠSucht nach neuen Informationen <strong>und</strong> Nachrichten<br />

ΠGleichzeitig Sucht nach Informationsweitergabe<br />

Œ Informationen können nicht mehr richtig eingeordnet werden<br />

ΠSteigerung des Stressfaktors<br />

Œ Erhöhung des Blutdrucks<br />

ΠZunehmende Verwirrtheit<br />

6 Studie der Universität Oldenburg<br />

7 Main-Post vom 24. Februar 2001<br />

8 Mummert + Partner Unternehmensberatung für 2001<br />

9 Main-Post vom 24. Februar 2001<br />

10 Main-Echo vom 22. April 2002<br />

11 Ergebnisse des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie <strong>und</strong> Ges<strong>und</strong>heitspsychologie der Humboldt-Universität<br />

Berlin (www.internetsucht.de)


Erklärung für Problematik:<br />

4<br />

ΠIm Gegensatz zum Computer hat das menschliche Gehirn Schwierigkeiten, mehrere Aufgaben<br />

gleichzeitig zu erledigen<br />

(man sagt diese v.a. Männern nach) -> Multitasking-Effekte<br />

Œ Wird es ständig durch neue Reize abgelenkt, leidet auf Dauer die Analysefähigkeit <strong>und</strong> die<br />

Wahrnehmung der Realität.<br />

ΠMenschen leiden, weil sie die eingehenden Informationen nicht schnell genug aufnehmen <strong>und</strong><br />

verarbeiten können.<br />

Es gibt Erklärungsmuster, die die Häufigkeit des ADHS bei Kindern <strong>und</strong> Jugendlichen der Generation@<br />

auf das sog. Multitasking zurückführen, also auf die Fähigkeit auf viele verschiedene Aufmerksamkeit<br />

fordernde Reize gleichzeitig zu reagieren (Beispiel: Geschicklichkeit bei Computerspielen). Die Auswirkungen<br />

auf die Hirnstrukturen werden gerade erforscht. Innerhalb des 20.Jhdts ist die Anzahl der<br />

Schlafst<strong>und</strong>en in den westlichen Industrienation von 9 auf 7,5 zurückgegangen. Reize werden v.a. im<br />

Schlaf verarbeitet. Dies könnte nach Expertenmeinung zumindest Mitverursacher der oben skizzierten<br />

Symptomatik sein.<br />

Fazit<br />

Neben den zweifellos bestehenden Möglichkeiten, seine <strong>kommunikative</strong>n <strong>Kompetenz</strong>en durch den Gebrauch<br />

der Mobilfunktechnologie zu erweitern, birgt diese doch auch die Gefahr sprachliche <strong>Kompetenz</strong>en<br />

zu verlieren.<br />

1. Dies ist der Fall, wenn sich sprachliche Reduktionsphänomene v.a. in den Alltagsgebrauch von<br />

Schriftsprache einschleifen.<br />

2. Kommunikation ohne direktes Gegenüber kann sich nach Psychologenmeinung zudem negativ<br />

auf die Persönlichkeitsbildung auswirken.<br />

3. Massiv werden die Auswirkungen auf die Persönlichkeit <strong>und</strong> das Wohlbefinden des Handybenutzers,<br />

wenn der Gebrauch Ausmaße einer Sucht annimmt <strong>und</strong> das Individuum Kommunikation mit<br />

dem Handy als Zwang erlebt.<br />

4. Negative ges<strong>und</strong>heitliche Auswirkungen durch den durch die zahlreichen Kommunikationsakte<br />

hervorgerufenen Stress bilden dann den Übergang zu den massiven ges<strong>und</strong>heitlichen Gefahren,<br />

denen man durch die Mobilfunktechnologie ohnehin schon ausgesetzt ist.

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