Stadtmagazin Neue Szene Augsburg 2013-06

NeueSzeneAugsburg

Das Stadtmagazin für Augsburg und Umgebung. Aktuelle Info immer auch unter www.neue-szene.de

40

Zoom

Die 100

Sekunden Die 100

Sekunden Story

Story

Augsburg, 18.05.2013, 23:28 Uhr, in einem

Kino in der Innenstadt, kurz vor Filmstart.

Das schöne Mädchen vor mir schnäuzt sich die

Nase. Die Kartenabreißerstimme vorne will das

Schnäuzmädchen und ihren Begleiter nicht in den

Film lassen. Die Schlange staut sich, das Popcorn

wartet. Der Kartenabreißer ist renitent, man ahnt,

wieso. Schönes naseschnäuzendes Mädchen in

nicht dezenter Duftwolke mit Typen, will ins Kino,

FSK 18. Sie ist zu hübsch für die Unglücklichkeit

seiner Kartenabreißerstimme, deswegen die kleine

Rache, der Zweifel an ihrem Alter.


Will das Schnäuzmädchen kokett wissen. Im

Grunde ein Kompliment, irgendwie aber auch nicht.

Bekannte Zwickmühle. Dabei schaut der rothaarige

Kartenabreißer in den Ausschnitt vom Schnäuzmädchen,

stumm daneben steht ihr Freund. Hinten

in der Schlange wartet ein dürrer Endvierziger und

sagt traurig zu seiner Begleiterin:







Der widerspenstige Kartenabreißer bleibt standhaft,

will den Ausweis vom Nasenschnäuzmädchen

sehen. Der Freund beobachtet die Szene fasziniert

wie ein Kind, das im Fernsehen einen Horrorfilm

sieht. Natürlich hat sie keinen Ausweis dabei. Der

rothaarige Kartenabreißer lächelt hämisch wie die

allermeisten Rothaarigen, kein Wunder, dass man

sie früher verfolgt hat.


Will der traurige Endvierziger wissen und ruft es in

die Runde, wie ein Kommando auf dem Fußballplatz.

Die Regel: Hundert Sekunden Zeit für eine Geschichte. Diese hundert

Sekunden aus dem wirklichen Leben müssen reichen. Auf der Facebookseite

ıDie 100 Sekunden Story„ könnt ihr vorschlagen, wo die

nächste Geschichte stattfinden soll. Diesmal: im Kino.

Jammert der Kartenabreißer

publikumswirksam in die Runde.


Wiederholt das Nasenschnäuzmädchen

ungläubig.

Während wir wegen eines verschnäuzten Mädchens

unbestimmten Alters mit großen Brüsten

oder wegen eines rothaarigen Kartenabreißers

dumm rumstehen, verpassen wir die ganze

Werbung in Kinosaal 3, und das Popcorn sowieso.

Salzig, süß, oder süß-salzig? Angeblich mögen

Ausländer es lieber salzig, Deutsche lieber süß.

Ist das ein rassistisches Vorurteil? Kann natürlich

auch andersrum sein, oder durcheinander, oder

überhaupt nicht feststellbar.



Schlägt der traurige, aber gewitzte Endvierziger

versöhnlich vor. Alle schauen jetzt auf und halten

inne. Der Vorschlag hat ja auch Hand und Fuß,

soll der Rothaarige sich doch mit dem Nasenschnäuzmädchen

herumschlagen, gerne auch mit

dem stummen Freund. Das Schnäuzmädchen aber

riecht den Braten. Wissend, dass die Ungeduld der

drängenden Schlange (Schlange ist etwas übertrieben,

es sind: Schnäuzmädchen, stummer Freund,

Erzähler der Geschichte, trauriger Fußballmann,

Begleiterin des traurigen Fußballmannes) ein

Vorteil für sie ist.



Will das Schnäuzmädchen ultimativ wissen und

klingt dabei schon etwas irritiert und an der Grenze

zur Hysterie. Wahrscheinlich ist ihr der Film gar

nicht mehr wichtig. Sollen die sich ruhig niedermetzeln

und vögeln, also im Film. Es geht ihr jetzt

sicher nur noch darum, ob sie echt wie eine unter

achtzehn aussieht, oder ob sie nicht doch, wie man

gleich erkennen müsste, wie eine über achtzehn

aussieht. Das Ganze könnte zu einer Art griechi-

schen Tragödie oder Göttersage werden, ähnlich

wie bei Sisyphus.

Das Nasenschnäuzmädchen wird auf Ewigkeit

vor dem ungnädigen rothaarigen Kartenabreißer

stehen. Er wird immer wieder lustvoll nach ihrem

Ausweis fragen. Sie wird immer wieder die verzweifelte,

die wehklagende, die kreischende Frage

stellen:



Und immer wird der rothaarige Sadist ungnädig

zurückfragen:


Und so würde es immer weitergehen, das Schnäuzmädchen

würde langsam altern, und mit ihr der

Kartenabreißer. Beide würden sie allmählich ergrauen,

aber standhaft bleiben. Das rote Haar des

Kartenabreißers würde immer mehr an Leuchtkraft

verlieren, er würde Falten bekommen, einen Buckel,

die Stimme würde nach der Art alter Männer

krächzig werden. Dem Nasenschnäuzmädchen

würde es nicht besser gehen. Ihre Brüste würden

welken, ihr Haar ergrauen, ihr Gesicht faltig, ihre

Stimme brüchig werden. Und das alles wegen so

was. Aber irgendwann hätten die sadistischen

Obergötter ein Einsehen und würden den dummenstummen

Freund des Nasenschnäuzmädchens mit

ihren obergöttlichen Fingern anstupsen und ihm

würde ein Lichtlein aufgehen und er würde sagen:


Und in dem Moment würde das Antlitz des Freundes

so hell strahlen, dass alle geblendet wären und

er würde in seine Tasche greifen, den Nasenschnäuzmädchenausweis

hervorholen, ihn dem

greisen Kartenabreißer in die arthritischen Hände

legen, dieser würde schauen, sehen, erkennen,

lächeln und sanft sagen:

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine